Abhängig

  1. Chronik 19, 1 – 15

1 Und danach starb Nahasch, der König der Ammoniter, und sein Sohn wurde König an seiner statt. 2 Da dachte David: Ich will Hanun, dem Sohn des Nahasch, Freundschaft erweisen, denn sein Vater hat mir Freundschaft erwiesen, und sandte Boten hin, ihn zu trösten über seinen Vater.

Der König stirbt, sein Sohn wird sein Nachfolger. So ist der Lauf der Dinge. David will diesen Wechsel nützen, um alte Freundschaftsbande zu erneuern. Er hat sich ja mit seinen Siegen rundum sicher nicht nur Freunde gemacht. Worin die Freundschaft des Nahasch zu David ihren Grund hatte, lässt sich nicht erhellen. Genug: David will durch seine Leute kondolieren.

Und als die Gesandten Davids ins Land der Ammoniter kamen zu Hanun, ihn zu trösten, 3 sprachen die Obersten der Ammoniter zu Hanun: Meinst du, dass David deinen Vater vor deinen Augen ehren wolle, wenn er Tröster zu dir gesandt hat? Sind seine Gesandten nicht vielmehr zu dir gekommen, um das Land zu erforschen, zu erkunden und auszuspähen? 4 Da nahm Hanun die Gesandten Davids und schor sie und schnitt ihre Kleider halb ab bis an die Lenden und ließ sie gehen.

Die Gesandten Davids kommen zwar an, aber die Gesandtschaft kommt nicht an. Sie wird von Hanuns Beratern missdeutet oder missverstanden. Kundschafter statt Tröster. Es wäre nicht das erste Mal, und gewiss nicht das letzte Mal, dass solche Kondolenzbesuche ausgenützt werden. So sagt ihr Misstrauen. Dass man die Gesandten aber so bloßstellt – sie schor wie Schafe, sie entblößte – das geht zu weit. Das ist nicht diplomatischer Stil, sondern eine Brüskierung. Eine Provokation.

 5 Und sie gingen weg und man berichtete David über die Männer. Er aber sandte ihnen entgegen, denn die Männer waren sehr geschändet. Und der König ließ ihnen sagen: Bleibt in Jericho, bis euer Bart gewachsen ist; dann kommt zurück.

David, als er über den Vorfall informiert wird, erzeigt sich seinen Leuten gegenüber feinfühlig. Sie sollen sich verbergen können, in Jericho, bis sie wieder vorzeigbar sind, hoffähig. Er weiß ja wohl: Was ihnen geschehen ist, gilt ihm. Wer seine Leute so schändet, der schändet ihren König. Er wird das alles nicht auf sich beruhen lassen können, wenn er seine Achtung nicht verlieren will.

 6 Als aber die Ammoniter sahen, dass sie bei David in Verruf gekommen waren, sandten Hanun und die Ammoniter tausend Zentner Silber, um Männer mit Streitwagen und Reiter anzuwerben in Mesopotamien, im Aramäerland von Maacha und in Zoba. 7 Und sie warben zweiunddreißigtausend Männer mit Streitwagen an und den König von Maacha mit seinem Volk. Die kamen und lagerten sich vor Medeba. Und die Ammoniter sammelten sich auch aus ihren Städten und kamen zum Kampf.

Wie ist das zu deuten? Geht den Ammonitern, ihrem frisch gebackenen König Hanun jetzt erst auf, was sie da veranstaltet haben? Sie werden aktiv, weil sie ahnen, dass dieser „Frevel an der Gesandtschaft Davids“ (K. Galling, aaO.; S. 58) wie eine Kriegserklärung wirken muss. So sammeln sie Verbündete und nehmen dafür richtig Geld in die Hand. Tausend Zentner Silber. Es gelingt, viele anzuwerben  in Mesopotamien, im Aramäerland und in Zoba. Zweiunddreißigtausend Männer mit Streitwagen. Eine richtig große Söldnertruppe. Dazu noch die eigenen Leute aus dem Stamm der Ammoniter.

 8 Als das David hörte, sandte er Joab hin mit dem ganzen Heer der Helden.

Dieser Streitmacht schickt David seinen Heerführer Joab entgegen. Mir ist nicht klar, ob die Wendung  das ganzen Heer der Helden der Hinweis auf so etwas wie ein festes Heer des David ist. Jedenfalls ist es nicht mehr die Sammlung ganz Israels, die bei Notlagen erst  zusammen gerufen werden muss.  Sie ziehen den Ammonitern wohl über den Jordan entgegen. Medeba ist ein Ort südöstlich der Einmündung des Jordan in das Tote Meer, also im Ostjordanland. „Sammelplatz der Ammoniter ist vermutlich die Hauptstadt Rabba bzw. Rabbat Ammon, heute ammān.“ (K. Galling, aaO.; S.58 )

9 Die Ammoniter aber waren ausgezogen und stellten sich zum Kampf auf vor dem Tor der Stadt. Die Könige aber, die gekommen waren, standen für sich auf freiem Feld. 10 Als nun Joab sah, dass vor und hinter ihm sich der Kampf gegen ihn richtete, erwählte er aus der ganzen jungen Mannschaft in Israel einen Teil und stellte sich gegen die Aramäer. 11 Das übrige Kriegsvolk aber tat er unter die Hand seines Bruders Abischai, dass sie sich gegen die Ammoniter stellten, 12 und sprach: Wenn mir die Aramäer zu stark werden, so komm mir zu Hilfe; wenn aber die Ammoniter dir zu stark werden, will ich dir helfen.

            Joab erkennt, dass er zwischen zwei Heerhaufen steht – hier die Söldnertruppe der Aramäer&Co, dort die Ammoniter. So teilt er auch sein Heer. Er selbst mit einem Teil der ganzen jungen Mannschaft in Israel stellt sich gegenüber den Aramäern auf. Seinem Bruder Abischai überträgt er mit dessen Leuten die Ammoniter. Und verabredet wird: Einer kommt dem anderen zur Hilfe, wenn es sich heraus stellen sollte, dass der Feind zu stark ist.

 13 Sei getrost und lass uns getrost handeln für unser Volk und für die Städte unseres Gottes. Der HERR tue, was ihm gefällt!

Und dann, das ist die Sicht des Chronisten, kommt das Gottvertrauen ins Spiel. Ich denke, es ist der Satz, der sich den Lesern einprägen soll, zu ihrem Satz werden soll, weswegen auch die ganze Episode erzählt wird. Joab weiß sich und sein Heer abhängig von Gott. Aber es ist eine getroste Abhängigkeit, keine verzagte. „Ob Sieg oder Niederlage – das Leben der israelitischen Kämpfer lag in Gottes Hand.“ (F. Laubach, aaO.; S.206)

            Mir liegt die Ergänzung nahe: Das Leben der Aramäer und Ammoniter doch auch. Auch wenn es von ihnen nicht so gesagt wird. Es ist schwer vorstellbar, dass es bei ihnen keine Anrufung eines Gottes gegeben haben sollte. „Gott mit uns“ stand ja 14/18 auch nicht nur auf deutschen Koppelschlössern. Und Gottesdienste zu Kriegsanfang mit Fürbitten für Siege der eigenen Seite wurden nicht nur in Deutschland, im Kaiserreich, gefeiert.

Der HERR tue, was ihm gefällt! Das ist nicht Schicksalsergebenheit, die sich ins Unabänderliche fügt. Nicht: „Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es kommt.“ (J. Jonasson, Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, München 2013, S. 40)  Es ist ein Wissen und Vertrauen, das tiefer geht, das in allem Geschehen Gott am Werk glaubt und sich in die Hände Gottes birgt. Auch damit, dass es nicht gut gehen könnte.

Wenn ich auch gleich nichts fühle / von deiner Macht,
du führst mich doch zum Ziele / auch durch die Nacht:
so nimm denn meine Hände / und führe mich
bis an mein selig Ende / und ewiglich!         J.von Hausmann 1862, EG 376

Und dann kann Joab tatkräftig handeln.

 14 Und Joab rückte vor mit dem Volk, das bei ihm war, gegen die Aramäer zu kämpfen, und sie flohen vor ihm. 15 Als aber die Ammoniter sahen, dass die Aramäer flohen, flohen sie auch vor seinem Bruder Abischai und zogen in die Stadt. Joab aber kam nach Jerusalem.

Das Ergebnis ist rasch erzählt: Joab rückt vor. Die Aramäer fliehen. Abischai rückt führt und die Ammoniter fliehen gleichfalls. Sie sehen, wie die Aramäer, die Söldner fliehen und tun es ihnen gleich. Sie suchen Deckung in ihrer Stadt, gemeint ist wohl die Hauptstadt Rabba.

 

Mein Gott, in der Angst suche ich Dich, vor der Übermacht flüchte ich zu Dir. Du bist doch mein Helfer, mein Halt, meine Zuversicht. In Deinen Händen berge ich mein Leben. Amen