Kein gott des Gemetzels

  1. Chronik 18, 1 – 17

1 Danach schlug David die Philister und demütigte sie und nahm Gat und seine Ortschaften aus der Philister Hand. 2 Auch schlug er die Moabiter, sodass die Moabiter David untertan wurden und Abgaben brachten. 3 Er schlug auch Hadad-Eser, den König von Zoba, bis Hamat hin, als er auszog, seine Macht aufzurichten am Euphratstrom. 4 Und David gewann ihm ab tausend Wagen, siebentausend Reiter und zwanzigtausend Mann zu Fuß. Und David ließ alle Wagenpferde lähmen und behielt hundert übrig.

Ich lese das an Tagen, an denen eine neuen Waffenruhe um Gaza begonnen hat, nachdem die vorigen immer wieder rasch ans Ende gekommen sind. Kämpfe über Kämpfe. Blutvergießen. Hass auf beiden Seiten.

David hat das Innere seiner Herrschaft geordnet. Das Haus ist bestellt. Der Kult geregelt. Die Zukunft von Gott verheißen. Auf all das bezieht sich danach. Andere übersetzen: Und es geschah danach. (Schlachter, Elberfelder) Diese Übersetzung verschleiert ein bisschen: Es ist David, der aktiv wird. Ganz anders: „Danach unterwarf und demütigte David die Philister.“(Neues Leben)

So viel ist deutlich: Jetzt hat David freie Hand, auch gegen die Philister. „Erst unter David gelangte Israel zu militärischer Macht, mit der es sich die Überlegenheit über die Nachbarvölker sichern konnte.“ (F. Laubach, aaO.; S. 195) Philister, Moabiter, Hadad-Eser – die Reihe der Besiegten wird länger. Die Waffen der Besiegten werden zerstört, ihre Pferde gelähmt. So sind die Feinde aller Angriffsmöglichkeiten beraubt. Die Grenzen Israels werden weit hinausgeschoben: bis an den Euphrat. Groß-Israel kommt in den Blick.

 5 Und die Aramäer von Damaskus kamen, um Hadad-Eser, dem König von Zoba, zu helfen. Aber David schlug von den Aramäern zweiundzwanzigtausend Mann 6 und setzte Statthalter ein im Aramäerreich von Damaskus, und so wurden die Aramäer David untertan und gaben ihm Tribut; denn der HERR half David, wo er auch hinzog.

Besonders erwähnt werden die Aramäer von Damaskus. Sie bezahlen ihre Hilfe für Hadad-Eser schwer. Zweiundzwanzigtausend Mann fallen. „Nach allem, was wir von antiker Kriegsführung wissen, müssen wir davon ausgehen, dass der Bericht historisch ernst zu nehmen ist. Die Zahlenangaben geben ungefähre Größen, abgerundete Werte an, spiegeln aber zuverlässig die Wirklichkeit wieder.“(F. Laubach, aaO.; S. 197) In Damaskus werden jüdische Statthalter eingesetzt und Damaskus wird Tributpflichtig.

Für den Chronisten gibt es keinen Zweifel über die Ursache der Siege Davids: Der HERR half David, wo er auch hinzog. Ein Satz, der einem meiner Kommentare keinen Kommentar wert ist. Der andere sieht „den Blick auf den Hintergrund des Geschehens“ (F. Laubach, aaO.; S.197) geöffnet.

Mich macht beides betroffen. Was für ein Bild von Gott wird in so einem Satz sichtbar? Er ist einseitig Partei. Er unterstützt den frommen König David, auch in seinem Expansionsdrang. Ich bin froh, dass es auch die anderen Stimmen in den biblischen Schriften gibt, die diese Einseitigkeit des Gottesbildes massiv befragen. Die es nicht erlauben, Gott zum einseitigen Partei-Gänger Israels zu machen. „Denn der Herr, der Allmächtige, spricht ihnen seinen Segen zu: »Gesegnet sei Ägypten, mein Volk, und Assyrien, das Land, das ich geschaffen habe und Israel, mein besonderes Eigentum!«“ (Jesaja 19,25)

            Da bleibt immer auch die Frage zu beantworten: Verhält sich Israel, verhalten sich die Könige Israels so, wie es der Gerechtigkeit Gottes entspricht?

 7 Und David nahm die goldenen Schilde, die Hadad-Esers Gefolge gehabt hatte, und brachte sie nach Jerusalem. 8 Auch nahm David aus den Städten Hadad-Esers, Tibhat und Kun, sehr viel Kupfer. Davon machte Salomo das kupferne Meer und die Säulen und kupfernen Gefäße.

            Eine reiche Beute fällt den Truppen Davids in die Hände. Sie wird nach Jerusalem gebracht. Später werden Gegenstände und Geräte für den Tempel aus dieser Beute angefertigt.  Meine Frage: Was bedeutet das für die unterlegenen Völker, wenn ihr Gold und Kupfer im Tempel Israels „verbaut“ wird?

 9 Als aber Toï, der König von Hamat, hörte, dass David die ganze Streitmacht Hadad-Esers, des Königs von Zoba, geschlagen hatte, 10 sandte er seinen Sohn Hadoram zum König David und ließ ihn grüßen und ihm Segen wünschen, dass er mit Hadad-Eser gekämpft und ihn geschlagen hatte, denn Toï führte Krieg mit Hadad-Eser; und Hadoram brachte mit allerlei goldene, silberne und kupferne Gefäße. 11 Auch diese heiligte der König David dem HERRN wie auch das Silber und Gold, das er den Heiden genommen hatte, den Edomitern, Moabitern, Ammonitern, Philistern und Amalekitern.

Erfolgreiche Könige finden immer Bündnis-Partner. So auch David in Toï, dem König von Hamat. Um sich David gewogen zu machen, bringt sein Sohn Hadoram  allerlei goldene, silberne und kupferne Gefäße nach Jerusalem. Eine Art Tribut-Zahlung., auch wenn es offizielle Geschenke sein mögen. Auch diese Gefäße werden geheiligt, zu Tempel-Gerät. Man kann das ganz positiv sehen. So will es wohl auch der Chronist gesehen haben: „Davids Dankbarkeit Gott gegenüber kam nicht nur im Gebet zum Ausdruck, sondern nahm greifbare Gestalt an, umschloss auch materielle Güter. Ohne dass Gott irgendetwas davon gefordert hatte, war es ein Zeichen freiwilliger und dankbarer Hingabe: David wollte Gott das Beste geben.“ (F. Laubach, aaO.; S. 198)

Dieser Gedanke reizt mich nicht zum Widerspruch, wohl aber zum Überlegen: Was ist „das Beste“, das wir Gott geben können? Gold, Silber, Weihrauch, Myrrhe? Oder ist es ein  zerbrochenen Herz und ein zerschlagenes Gemüt? (Psalm 34,19) Was ist das Beste, das ich Gott geben kann?

 12 Und Abischai, der Sohn der Zeruja, schlug die Edomiter im Salztal, achtzehntausend Mann, 13 und David setzte Statthalter in Edom ein, sodass alle Edomiter David untertan waren; denn der HERR half David, wo er auch hinzog.

Noch eine Erfolgsmeldung. Diesmal werden die Edomiter besiegt. Den Siegen im Norden folgen die Siege im Süden. Zweiundzwanzigtausend toten Aramäern folgen  achtzehntausend Edomiter. Was sind angesichts solcher Zahlen schon 2154 tote Bewohner des Gaza-Streifens? Und wieder ist es ein Sieg, den David Gott verdankt: Der HERR half David, wo er auch hinzog. Es wäre kein Wunder, wenn sich angesichts solcher Zahlen der Gedanke breit machte: Gott sei ein Gott des Gemetzels.

14 So regierte David über ganz Israel und schaffte Recht und Gerechtigkeit seinem ganzen Volk. 15 Joab, der Sohn der Zeruja, war über das Heer gesetzt, Joschafat, der Sohn Ahiluds, war Kanzler. 16 Zadok, der Sohn Ahitubs, und Abimelech, der Sohn Abjatars, waren Priester. Schawscha war Schreiber. 17 Benaja, der Sohn Jojadas, war über die Kreter und Pleter gesetzt. Und die Söhne Davids waren die Ersten an der Seite des Königs.

In meinen Ohren hört es sich fast absurd an: David schaffte Recht und Gerechtigkeit seinem ganzen Volk. Aber ich darf nicht vergessen: Das sind Erinnerungstexte, die ein niedergeschlagenes Volk aufrichten sollen. Die es mit Hoffnung erfüllen sollen. Die ihm das Zutrauen stärken sollen, dass der HERR hilft, dass er denen hilft, die sich an ihn halten, seine Gebot achten, ihn feiern, die seinen Willen suchen. Es sind keine Worte an ein Volk in Großmachts-Position, nicht an die überlegene Kraft im Nahen Osten. Das Israel, das diese Worte im 4. Jahrhundert liest, ist näher bei den Palästinensern von Gaza als das Israel heute.

 

Mein Gott, ich sehe Dich nicht als den Gott, der Kriege will, der zu Siegen hilft, der die Mächtigen noch mächtiger macht, als den Gott des Gemetzels. Ich sehe Dich als den Erbarmer, als den Beistand der Geschlagenen, als den Heiland der Elenden. Und Deine Siege kosten nicht anderen das Leben, sondern Du selbst gibst Dich hin. Daran glaube ich. Darum glaube ich und vertraue ich Dir. Amen