Nie genug

  1. Chronik 17, 15 – 27

15 Und als Nathan nach all diesen Worten und diesem Gesicht mit David geredet hatte, 16 kam der König David, ließ sich vor dem HERRN nieder und sprach:    

         Nathan hat gehört. Und alles, was er gehört hat, weitergesagt. An David. Weil er ja der eigentliche Adressat der Worte und dieses Gesichtes ist.  Statt Gesicht verwenden andere Bibelübersetzungen: Offenbarung, Vision. Auf englisch: Revelation. Nathan hat nicht nur irgendetwas gehört. Er hat eine Offenbarung empfangen. David aber, der nun die Worte des Nathan gehört hat, geht damit zu Gott, zum HERRN. Das heißt doch wohl: Er geht in das Zelt mit der Lade. Und betet.

Wer bin ich, HERR, Gott, und was ist mein Haus, dass du mich bis hierher gebracht hast? 17 Aber das war dir noch zu wenig, Gott, und du hast über das Haus deines Knechtes auch von ferner Zukunft geredet.

Wer bin ich – diese ersten Worte zeigen etwas vom Staunen, das den überwältigt, der sich vor Gott wiederfindet

„Von allen Seiten umgibst du mich                                                                                     und hältst deine Hand über mir.                                                                                        Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,                                                       ich kann sie nicht begreifen.“ Psalm 139, 5 – 6

Und gleichfalls David zugeschrieben:

“Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,                                                              den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:                                                                 was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,                                                                    und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?         Psalm 8, 4 – 5

Es ist eine Art Fassungslosigkeit, die sich nicht genug wundern kann über den Wohltaten Gottes. Womit habe ich das verdient – fragt David und antwortet sich gewissermaßen selbst: Überhaupt nicht. Ich habe es nicht verdient. Es ist ganz Gottes ungeschuldete Gabe.

Du hast mich schauen lassen, wie ein Mensch ein Gesicht empfängt, und hast mich hoch erhöht, HERR, Gott.

            David hat gar nicht selbst geschaut. Aber er nimmt das Wort des Propheten und schaut durch dieses Wort. „Nach Menschenweise“ hat er gesehen – tôrat hā ādām. Wie schön! Aus dem Mund des Propheten empfängt David das Wort Gottes. Ein winzig kleiner Ausdruck für  das Gotteswort im Menschenwort.

18 Was kann David noch mehr zu dir sagen, da du deinen Knecht so herrlich machst? Du kennst deinen Knecht. 19 HERR, um deines Knechtes willen hast du nach deinem Herzen all diese großen Dinge getan, dass du kundtätest alle Herrlichkeit.

Und dann kommen Sätze, die man leicht in den falschen Hals bekommen kann: um deines Knechtes willen. Aber damit wird nicht auf irgendeine Qualität bei David angespielt, sondern wieder nur unterstrichen: Es ist Gottes Wahl, die auf ihn gefallen ist.

Wieder einmal trifft es Luthers Wort ganz genau: „Die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft ihn sich erst.“ (M. Luther, Heidelberger Disputation – 28. These, 1518 zit. nach Luther Deutsch, Bd. 1, S. 393) Und so strahlt die Herrlichkeit Gottes an ihm auf, an David, einem Menschen, dem Knecht Gottes. 

Es wird ein bisschen mit Wendungen gespielt. Hatte Nathan noch gesagt: Alles, was in deinem Herzen ist, das tu. (17,1) so sagt David jetzt: Nach deinem Herzen hast du all diese großen Dinge getan. So nahe beieinander und doch so weit voneinander entfernt ist, was dem Herzen des Menschen und dem Herzen Gottes entspringt.

20 HERR, keiner ist dir gleich, und es ist kein Gott außer dir, nach allem, was wir mit unsern Ohren gehört haben.

Unvergleichlich ist dieser Gott. Einzigartig. Einzig. Nach allem, was wir mit unsern Ohren gehört haben. meint nicht: Nach dem Hörensagen. Es ist der Lernertrag Israels. Man muss wohl sagen: im Exil. Das, was sie gelernt haben, verstanden über ihren Gott und HERRN in den Begegnungen mit den fremden Völkern und ihren Göttern.

 21 Und wo ist ein Volk auf Erden wie dein Volk Israel, um dessentwillen Gott hingegangen ist, sich ein Volk zu erlösen, sich selbst einen Namen zu machen durch große und schreckliche Dinge und Völker auszutreiben vor deinem Volk her, das du aus Ägypten erlöst hast? 22 Du hast dir dein Volk Israel zum Volk gemacht für ewig und du, HERR, bist ihr Gott geworden.

            Wieder muss man wohl über die erzählte Zeit, das Gesicht Nathans und das Gebet Davids hinaus lesen. Diese Worte sind Erinnerung für die Leser der Chronik. Israel verdankt sich einzig und allein der Erwählung Gottes. Es hat seine Existenz dadurch, dass Gott es aus Ägypten geführt hat. Dass er es zu seinem Volk gemacht hat. Dass er ihr Gott geworden ist.

Wie leicht konnte das alles über dem Exil in Babylon, über der Mühsal des Wiederaufbaus, über der politischen Bedeutungslosigkeit im 4. Jahrhundert in Vergessenheit geraten. Gegen diese Vergesslichkeit erhebt der Chronist seine Stimme.

23 Nun, HERR, das Wort, das du über deinen Knecht und über sein Haus geredet hast, werde wahr in Ewigkeit, und tu, wie du geredet hast! 24 Und dein Name werde wahr und groß ewiglich, dass man sage: Der HERR Zebaoth, der Gott Israels, ist Gott in Israel; und das Haus deines Knechtes David sei beständig vor dir.

            Lass es wahr werden. Mache du, Gott, aus den Verheißungen Wirklichkeit. In dieser Welt. Was Gott sagt, soll kommen. Sein Wort soll „nicht leer bleiben, sondern tun, was es sagt.“ (Jesaja 55,11) Wo das geschieht, da wird der Weg gebahnt zur Anerkennung, zur Anbetung Gottes.

 25 Denn du, mein Gott, hast das Ohr deines Knechtes geöffnet und gesagt, dass du ihm ein Haus bauen willst. Darum hat dein Knecht den Mut gefunden, dass er vor dir betet. 26 Nun, HERR, du bist Gott und hast deinem Knecht dies Gute zugesagt. 27 So fange nun an zu segnen das Haus deines Knechtes, dass es ewiglich vor dir sei; denn was du, HERR, segnest, das ist gesegnet ewiglich.

            Es ist so wie es der Psalm als Wort Davids sagt: Mein Herz hält dir vor dein Wort (Psalm 27,8) Das geschieht hier: David erinnert Gott an sein Wort, nimmt ihn beim Wort:  So fange nun an zu segnen das Haus deines Knechtes. Was in der erzählten Geschichte am Anfang steht, soll doch gleichwohl die Leser und Leserinnen in ihrer Zeit ermutigen, das Gleiche zu tun: Gott bei seinem Wort zu nehmen.

            Denn was du, HERR, segnest, das ist gesegnet ewiglich. Das klingt in unseren Ohren  wie eine vage Möglichkeit. Es ist aber viel mehr. „Der Text statuiert perfektisch. So spricht ein alle Anfechtungen hinter sich lassender Glaube, und in solchem Glauben ruht auch die messianische Erwartung des Chronisten.“ (K. Galling, aaO.; S. 55)  Vor dem Gott, „vor dem tausend Jahre sind wie der  Tag, der gestern vergangen ist“ (Psalm 90,4), ist diese Zukunft schon im Anbruch.

 

Mit Deinem Lob, mein Gott, komme ich nie zu Ende. Immer fehlen mir Worte, fehlen mir Lieder, fehlen mir Gesten, die Dich preisen, Deine Güte besingen. Manchmal tröste ich mich: „Im Himmel soll es besser werden, wenn ich bei Deinen Engeln bin“

Manchmal aber auch bin ich traurig über mich selbst, dass mir die Worte fehlen, dass mein Lob so arm ist, gemessen an Deiner großen Güte. Und dann flüchte ich mich ins Schweigen, weil ich Dich so wortlos loben kann, über meine armen Worte und Gesten hinaus. Und stimme so ein in den Lobgesang Deiner Engel und der ganzen Schöpfung, Tag um Tag, Nacht um Nacht. Amen