Messianische Verheißung

  1. Chronik 17, 1 – 14

1 Es begab sich, als David in seinem Hause wohnte, sprach er zu dem Propheten Nathan:

Es gibt Wendungen, die die biblischen Erzähler lieben. Es begab sich ist so eine Wendung. Sie redet davon, dass die Zeit reif geworden ist. Für etwas Neues. David hat seine ersten Schritte als König getan. Die Philister besiegt, Jerusalem erobert, die Lade zum Zion geholt, den Gottesdienst geordnet.

Jetzt hat er Zeit zum Nachdenken. Und da – in der Stille – reifen neue Gedanken in ihm. Diese Gedanken teil er dem Propheten Nathan mit. Man kann fragen, welche Art Prophet Nathan ist, ob einer, der das „Propheten-Handwerk“ erlernt hat – dafür gibt es in Israel regelrechte Propheten-Schulen (2. Könige 2,7)  – oder ob er einer ist, der wie Amos „von seiner Herde weggenommen ist“(Amos 7,15), ein Charismatiker als Prophet.

 Siehe, ich wohne in einem Zedernhause, und die Lade des Bundes des HERRN ist unter Zeltdecken.

Das ist der Gedanke, der David beschäftigt, ihm zu schaffen macht. Ist das angemessen – meine Pracht und dem gegenüber ein schlichtes Zelt für die Lade Gottes? Müsste es nicht eher anders herum sein? „Die Bundeslade sollte im Tempel einen würdigen Platz finden.“ (F. Laubach, aaO.; S.186) Aber,Vorsicht: David trägt Nahtan keinen Plan vor, sondern nur eine Beobachtung.

2 Nathan sprach zu David: Alles, was in deinem Herzen ist, das tu; denn Gott ist mit dir.

Nathan aber gibt den unausgesprochenen Plänen des Königs grünes Licht. Was in deinem Herzen ist, das tu. Theologisch aussagekräftig ist vor allem die Begründung: denn Gott ist mit dir. Weil Gott mit David ist, kann er den Plänen und Gedanken seines Herzens trauen.

„Gott segnet den Weg, den du dir erwählst.“ Der Segen Gottes ist nichts anderes als sein Mit-Sein, seine Nähe, sein Beistand auf dem Weg. So gelesen ist der Satz des Nathan ein angst-freier Satz. David wird mit seinem Tun nicht den Weg Gottes verfehlen.  

 3 Aber in derselben Nacht kam das Wort Gottes zu Nathan: 4 Geh hin und sage meinem Knecht David: So spricht der HERR: Nicht du sollst mir ein Haus bauen zur Wohnung. 5 Denn ich habe in keinem Hause gewohnt von dem Tage an, als ich Israel herausführte, bis auf diesen Tag, sondern ich bin umhergezogen von Zelt zu Zelt und von Wohnung zu Wohnung. 6 Habe ich jemals, solange ich mit ganz Israel umherzog, zu einem der Richter in Israel, denen ich gebot zu weiden mein Volk, ein Wort gesagt und gesprochen: Warum baut ihr mir nicht ein Zedernhaus?

            Dem grünen Licht des Propheten folgt das nächtliche Halt Gottes. Diesmal an den Propheten gerichtet. Er ist der Empfänger des Wortes Gottes. Nicht der König. Es ist ein sehr deutliches Halt.

Nicht du. Es ist eben nicht so, wie es Nathan gesagt hatte. Der Weg, den sein Herz sich erdacht hat, ist deshalb noch lange nicht Gottes Weg. Nathan „und auch David musste es lernen, nicht alles, was aus seinem Herzen kam, mit Gottes willen gleich zu setzen.“(F. Laubach, aaO.; S. 187)

Obwohl es doch reichen würde, einfach Nein zu sagen, „erklärt“ Gott. Wenn ein festes Haus sein Ziel wäre, so hätte er das doch längst schon angesagt, eingefordert. Was ist das für ein Missverständnis, dass Nathan und David nicht verstanden haben: Gott ist der, der von Zelt zu Zelt und von Wohnung zu Wohnung mitgeht, mit umherzieht. Der feste Wohnsitz, auf den Gott aus ist, ist kein festes Haus, sondern – so ergänze ich – das Herz seines Volkes. Keinem der Richter, von Josua bis Simson hat er geboten: Warum baut ihr mir nicht ein Zedernhaus?

 7 So sprich nun zu meinem Knecht David: So spricht der HERR Zebaoth: Ich habe dich von der Weide hinter den Schafen weggenommen, dass du ein Fürst über mein Volk Israel sein solltest, 8 und ich bin mit dir gewesen, wo du hingegangen bist, und habe deine Feinde ausgerottet vor dir und dir einen Namen gemacht, wie die Großen auf Erden Namen haben.

In einem zweiten Schritt wird David daran erinnert, wer er war und wer er ist: einer, von der Weide hinter den Schafen weggenommen worden ist, einer, den Gott zum Fürsten gemacht hat, einer, der seine Siege Gott verdankt und dem Gott seinen Namen gemacht, wie die Großen auf Erden Namen haben. Diese Erinnerung zielt darauf ab, David zu zeigen, dass er dabei ist, die Dinge zu verwechseln: nicht er macht Gott groß, sondern Gott macht ihn groß.  Nicht Gott ist auf sein Tun angewiesen, sondern er auf das Handeln Gottes.

Längst ist David der direkte Adressat der Worte geworden. Es sind ja Worte, die nicht Nathan sich ausgedacht hat, sondern die er empfängt: So spricht der HERR Zebaoth. Propheten haben zu sagen, was sie gehört haben. Und nur das. So ist diese Erzählung auch eine leise Kritik an Nathan, der voreilig David grünes Licht gegeben hatte.

 9 Und ich will meinem Volk Israel eine Stätte geben und will es pflanzen, dass es dort wohnen soll, und es soll sich nicht mehr ängstigen, und die Gewalttätigen sollen es nicht mehr bedrängen wie vormals 10 und zu den Zeiten, als ich Richter über mein Volk Israel verordnete.

            Noch einen Schritt weiter geht das Wort. Es geht ja gar nicht um David, sondern um das Volk. Was Gott bisher getan hat, ist doch geschehen um des Volkes willen. Nicht die Davids-Dynastie, sondern das Volk Israel ist der Adressat des Handeln Gottes.  Ihm gibt Gott eine Stätte. Dieses Volk will er aus der Enge und der Angst führen.

Und ich will alle deine Feinde demütigen und verkündige dir, dass der HERR dir ein Haus bauen will.

Das ist die Beistandszusage an den König. Und auch an seine Nachkommenschaft. Der Leser hat es ja noch im Ohr: Das Haus Sauls ist verworfen worden. Zerstört. Ausgelöscht. Umso schwerer wiegt es: Ich verkündige dir,  dass der HERR dir ein Haus bauen will.

11 Wenn aber deine Tage um sind, dass du zu deinen Vätern hingehst, so will ich dir einen Nachkommen, einen deiner Söhne, erwecken; dem will ich sein Königtum bestätigen. 12 Der soll mir ein Haus bauen, und ich will seinen Thron bestätigen ewiglich. 13 Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein. Und ich will meine Gnade nicht von ihm wenden, wie ich sie von dem gewandt habe, der vor dir war, 14 sondern ich will ihn einsetzen in mein Haus und in mein Königtum ewiglich, dass sein Thron beständig sei ewiglich.

Der Blick der Leser wird geweitet – weit über David hinaus. Auf seine Nachkommen Auf das Königtum ewiglich. Und dieser König wird nicht mehr in seinem Haus eingesetzt sein, sondern in meinem Haus.  Der Gipfelsatz aber heißt: Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein.

            Das ist eine messianische Verheißung. Ein Wort, das in Israel Hoffnung ausgelöst hat, lebendig gehalten über schwerste Zeiten hinweg. Ein Wort, dass zur Zeit der Niederschrift der Chronik neue Hoffnung wecken soll. Ein Wort der unverbrüchlichen Treue und Gnade.

Noch einmal wird auf Saul hingewiesen als auf den, von dem Gott seine Gnade gewendet hat.  So soll es mit dem David-Sohn nicht sein. Ihm gilt die unabwendbare Gnade.

Diese Worte werden niedergeschrieben, als es in Israel keinen König mehr gibt. Sie werden gelesen, als die Dynastie der Davids-Söhne Israel in die Katastrophe von 586 geführt hatte. Als die Stadt und der Tempel und das Land verloren waren. Das Haus Davids ist zur politischen Bedeutungslosigkeit verurteilt. Und doch hält der Chronist an dieser Verheißung fest, hält sie fest für seine Leserinnen und Leser. Weil er spürt: sie ist noch nicht abgegolten mit dem Haus Davids bis in das Jahr 586.

Ist es ein Wunder, dass ich als Christ in diesen Worten Jesus wiederfinde? Ihn, der durch die Gnade Gottes gehalten worden ist vom ersten bis zum letzten Tag. Ihn, dem Gott nie seine Gnade entzogen hat, auch nicht, als er in die Hände der Menschen gefallen ist. Ihn, der von sich sagt:  „Der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.“(Johannes 8,29) und noch zugespitzter, unausweichlicher: „Ich und der Vater sind eins.“ (Johannes 10, 30)      

            Diese Verheißung so auf Jesus hin zu lesen bedeutet nicht: Sie dem Volk der Juden wegnehmen. Wohl aber: Sie zu lesen in einem anderen Licht. Inspiriert durch die Person des Jesus von Nazareth, des Sohnes Davids.(Markus 10,47)

 

Manchmal, mein Gott, erreichen uns Worte, die den Horizont weit aufreißen, die das helle Licht Deiner Zukunft aufleuchten lassen in der Gegenwart. Manchmal erreichen uns Worte, deren Weite wir nicht fassen können, die uns aber heraus locken, uns über das Jetzt hinaus führen, uns mit Hoffnung erfüllen, uns das Herz stärken. Ich danke Dir für die Verheißungen Deines Messias, für ihre Erfüllung in Jesus und ihren Überschuss, der mich auf Deine Ewigkeit warten lässt. Amen