Nie vergessen!

  1. Chronik 16, 1 – 22

1 Und als sie die Lade Gottes hineinbrachten, setzte man sie in das Zelt, das David für sie aufgerichtet hatte, und opferte Brandopfer und Dankopfer vor Gott. 2 Und als David die Brandopfer und Dankopfer beendet hatte, segnete er das Volk im Namen des HERRN 3 und teilte aus an jedermann in Israel, an Männer und Frauen, ein Brot, ein Stück Fleisch und einen Rosinenkuchen.

            Das Fest wird durch Michals Reaktion nicht gestört. Es geht weiter. Die Lade kommt an ihren Ort, in das Zelt, das David für sie aufgerichtet hatte. Es schließen sich Opfer-Zeremonien an. Der Text liest sich so, als hätte David selbst diese Opfer durchgeführt, gewissermaßen als „Ober-Priester“. Er war ja auch schon in der Prozession eingereiht in die Schar der Leviten (15,27).

Dieser priesterliche Dienst setzt sich fort im Segen. David segnete das Volk im Namen des HERRN. Und, so lese ich weiter: Im Namen dieses Herrn teilt er dann auch aus an jedermann in Israel, an Männer und Frauen, ein Brot, ein Stück Fleisch und einen Rosinenkuchen. Ein früher Vorläufer des Brotausteilers am See Genezareth.

In dieser Aktion Davids sind Elemente aufbewahrt, die zur Macht des Königs gehören: Er hat priesterliche Macht und er hat die Macht, Segen auszuteilen. Im Namen des HERRN. Dazu kommt, dass der König dafür zu sorgen hat, dass sein Volk Brot hat, was es zum Leben braucht. Es ist die spirituelle Königsmacht, aus der David hier handelt. Ein Fest beginnt. Ein Volksfest, in dem keiner zu kurz kommt.      

Wahrscheinlich muss das sein, damit der Glaube Kraft gewinnt, alltagstauglich ist. Zusammen essen, trinken, lachen, erzählen, weinen. Einfach beieinander sein. Ohne dieses unsortierte, auch ungeordnete und nicht reglementierte Miteinander wirkt es wie eine seltsame Beschwörung, wenn von der „Gemeinschaft“ die Rede ist, die im Kult, heute: im Gottesdienst erlebt werden soll.  Solche Feste sind nicht jedermanns Sache, aber sie gehören zum Glauben dazu wie das Singen, wie die hoch-liturgische Feier.

 4 Und er bestellte einige Leviten zu Dienern vor der Lade des HERRN, dass sie priesen, dankten und lobten den HERRN, den Gott Israels, 5 nämlich Asaf als Vorsteher, Secharja als Zweiten, Jaasiël, Schemiramot, Jehiël, Mattitja, Eliab, Benaja, Obed-Edom und Jëiël mit Psaltern und Harfen, Asaf aber mit hellen Zimbeln, 6 die Priester Benaja und Jahasiël aber, allezeit mit Trompeten zu blasen vor der Lade des Bundes Gottes.

Es bleibt offen: Ist das nur eine Anordnung für diesen Festtag oder ist es schon eine Anordnung für alle Tage?  Das Wort allezeit deutet über den einen Tag hinaus. So soll es immer gehalten werden.

7 Zu der Zeit ließ David zum ersten Mal dem HERRN danken durch Asaf und seine Brüder: 8 Danket dem HERRN, ruft seinen Namen an, tut kund unter den Völkern sein Tun!  9 Singet und spielet ihm, redet von allen seinen Wundern! 10 Rühmet seinen heiligen Namen; es freue sich das Herz derer, die den HERRN suchen!            11 Fraget nach dem HERRN und nach seiner Macht, suchet sein Angesicht allezeit! 12 Gedenket seiner Wunder, die er getan hat, seiner Zeichen und der Urteile seines Mundes, 13 ihr, das Geschlecht Israels, seines Knechts, ihr Söhne Jakobs, seine Auserwählten! 14 Er ist der HERR, unser Gott, er richtet in aller Welt.           15 Gedenket ewig seines Bundes, des Wortes, das er verheißen hat für tausend Geschlechter,16 den er gemacht hat mit Abraham, und seines Eides, den er Isaak geschworen hat,  17 den er Jakob gesetzt hat zur Satzung und Israel zum ewigen Bund 18 und sprach: Dir will ich das Land Kanaan geben,das Los eures Erbteils.     19 Als sie noch gering an Zahl waren, wenige und Fremdlinge im Lande, 20 da zogen sie von einem Volk zum andernund von einem Königreich zum andern.    21 Er ließ niemand ihnen Schaden tun und wies Könige zurecht um ihretwillen: 22 Tastet meine Gesalbten nicht an,und tut meinen Propheten kein Leid!

Ein Psalm Davids. Es könnte auch ein Psalm Asafs sein. Es finden sich in Hülle und Fülle Anklänge an andere Psalmen.

Wenn ich gliedere, so höre ich als ersten Teil eine Aufforderung zum Lob Gottes an Israel. Sein Name soll gerühmt werden und angerufen. Er wird gerühmt, indem er angerufen wird. Und dieses Anrufen soll nicht von der Pflicht diktiert sein – es gibt keine Psalm-Pflicht für Israel wie es die Sonntags-Pflicht für fromme Katholiken gegeben haben mag. Sondern die Freude will sich Bahn brechen, Herzen erfüllen. Besonders schön: das Freuen des Herzens und das Fragen nach Gott werden in einem Atemzug genannt. Die Freude an Gott kommt oft genug ohne Antworten aus. Sie erwächst im Fragen und Suchen.

Gleich zweimal heißt es Gedenket. Der Glaube braucht die Erinnerung. Das Festhalten der früheren Erfahrungen im Gedächtnis.

Lobe den Herrn, meine Seele                                                                                                  und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.          Psalm 103, 2  

Die Erinnerung an das, was Gott getan hat, im Leben des Volkes und im eigenen Leben, verleiht dem Gottvertrauen Stabilität. Nicht Gott, ich habe es nötig, dass ich nicht vergesse. Die Zeiten., in denen der eigene Glauben jung war, frisch, unbekümmert, manchmal auch maßlos. Die Zeiten, in denen er schmerzhaft geerdet worden ist. Die Zeiten, in denen er  sich im eigenen Leben tragfähig erwiesen hat. Ohne diese Erinnerungen wäre der Glaube, mein Glaube zumindest, wie ein hektisches Haschen nach Halt. In diesen Erinnerungen wird er gewiß: Ich bin gehalten.

Im zweiten Teil folgt dann so etwas wie ein beschreibendes Lob. Der Blick der Sänger richtet sich auf das, was Gott getan hat. Auf den Bund, den er mit den Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschlossen hat, auf die Verheißung der Gabe des Landes, auf die Bewahrung, als sie Fremdlinge und wenig an Zahl waren. Und vor allem darauf, dass Gott sein Volk unter seinen Schutz nimmt.

Ich lese: „Was Gott den Patriarchen versprochen hat, hat er für Israel als ewigen Bund bestätigt: Dir will ich das Land Kanaan geben als das euch zugewiesene Erbteil… Gottes Offenbarung hat Volk und Land für immer miteinander verbunden.“(F. Laubach, aaO.; S.179) Gilt diese Verheißung, so frage ich, nicht ohne die aktuellen Kämpfe im Sinn zu haben, auch für den Staat Israel? Für einen Staat, der aus dem biblischen Verheißungswort Machtansprüche, Gebietsansprüche ableitet und in den Siedlungen oft genug mit brutaler Militärmacht durchsetzt?

Bei den Verheißungen an die Patriarchen handelt es sich um Worte an schier rechtlose Fremde und nicht an Macht-habende Staaten.  Das darf ich nicht überlesen. Der Ursprungsort dieser Worte – Verheißungen an Arme, Fremde, darf nicht übersprungen werden. Und die Worte werden verfälscht und missbraucht, wenn sie zur Rechtfertigung von Gewalt und Besatzung genützt werden.

 

Herr Gott, in den Jubel über Dich werde auch ich gerufen, in das Staunen über Deine Treue, in die Freude an Deiner Gegenwart.

Es ist gut, sich so einmal selbst zu vergessen in der Hingabe an Dich, die eigenen Grenzen zu überschreiten, sich nicht gefangen zu geben ins Jetzt.

In Dir sind wir geborgen. Aus Dir kommt unser Weg. Bei Dir ist unser Heute. Du bist unsere Zukunft. Amen