Gott ist gefährlich

  1. Chronik 13, 1–14

1 Und David hielt einen Rat mit den Hauptleuten über tausend und über hundert und mit allen Anführern 2 und sprach zu der ganzen Gemeinde Israel: Gefällt es euch und ist’s dem HERRN, unserm Gott, angenehm, so lasst uns hinschicken zu unsern Brüdern in allen Landen Israels, dazu auch zu den Priestern und Leviten in ihren Wohnstätten, dass sie sich bei uns versammeln. 3 Und lasst uns die Lade unseres Gottes wieder zu uns holen; denn zu Sauls Zeiten fragten wir nicht nach ihr.

Der erste Satz wirft Fragen auf. Ist das ein einziger Vorgang – der Rat mit den Hauptleuten und die Botschaft an die ganze Gemeinde Israel? Oder folgt die Botschaft aus dem Rat? Im zweiten Fall wäre David nicht der einsame Entscheider, sondern ein König, der sich Rat sucht und auf Rat hört. Eine dritte Möglichkeit: Die Hauptleuten über tausend und über hundert und alle Anführer „repräsentieren die ganze Versammlung Israels.“ (F. Laubach, aaO.; S. 158)

               Jedenfalls: David wirbt um Zustimmung zu seinem Vorhaben, die Lade Gottes wieder zu uns zu holen. Sie war im Krieg an die Philister gefallen (1. Samuel 4, 1 – 11) und seit dem Ende in Kirjat-Jearim „zwischengelagert“, „auf einem Hügel beim Haus des Abinadab“. (1. Samuel 7,1) Und es hört sich ein bisschen noch wie Kritik an dem unglücklichen Saul an, wenn David sagt: Zu Sauls Zeiten fragten wir nicht nach ihr.

            Ein Versäumnis, das zugleich ein Versprechen Gottes übersieht. „Und du sollst den Gnadenthron oben auf die Lade tun und in die Lade das Gesetz legen, das ich dir geben werde. Dort will ich dir begegnen, und vom Gnadenthron aus, der auf der Lade mit dem Gesetz ist, zwischen den beiden Cherubim will ich mit dir alles reden, was ich dir gebieten will für die Israeliten.“ (2. Mose 25,21-22) Kein Wunder, dass Israel orientierungslos war in der Zeit Sauls.

            Für sein Vorhaben will David alle gewinnen. Das Volk in allen Landen Israels, dazu die verschiedenen Gruppen. Auch die Priester und Leviten. Dahinter steht Wissen um die Symbolkraft. Steht doch die Lade für die Gegenwart Gottes. Und zugleich geht es darum, dass es nicht nur ein Stamm ist, der sich hier auf den Weg macht, sondern wirklich ganz Israel. Das leitet die Darstellung des Chronisten, „dass er als ersten Gedanken und erstes Werk Davids nach der Eroberung Jerusalems die Einholung der Lade gesehen haben will.“ (K. Galling, aaO.; S. 46)

 4 Da sprach die ganze Gemeinde, man solle das tun; denn es gefiel allem Volk gut. 5 So versammelte David ganz Israel, vom Schihor Ägyptens an bis dorthin, wo es nach Hamat geht, um die Lade Gottes von Kirjat-Jearim zu holen. 6 Und David zog hin mit ganz Israel nach Baala, das ist Kirjat-Jearim, das in Juda liegt, um von da heraufzubringen die Lade Gottes, des HERRN, der über den Cherubim thront, wo sein Name angerufen wird.

David findet Zustimmung. Eine Aktion so recht nach dem Herzen des Volkes. Was folgt ist eine feierliche Prozession, keine militärische Aktion. Aus dem äußersten Süden wie aus dem hohen Norden kommen sie zusammen. Sie ziehen nach Kirjat-Jearim in Juda. Herauf wollen sie die Lade bringen. Doch wohl nach Jerusalem.

Damit die Bedeutung des Unternehmens unterstrichen wird, benennt der Chronist noch einmal, was es mit der Lade auf sich hat: Es ist die Lade Gottes, des HERRN, der über den Cherubim thront, wo sein Name angerufen wird. Wenn sie wieder da ist, im Land, gibt es wieder einen Ort, um den Gott Israels anzurufen. Die Zeit der ortlosen Anbetung ist vorbei.

Das alles schreibt der Chronist ja in einer Zeit, in der es in Israel noch in aller Gedächtnis ist, dass der Tempel in 586 v. Chr. Zerstört worden ist und es fast 100 Jahre keinen Tempel gab, keinen Ort für die Anbetung und das Opfer.

7 Und sie ließen die Lade Gottes auf einem neuen Wagen aus dem Hause Abinadabs fahren. Usa aber und sein Bruder lenkten den Wagen.

Ein neuer Wagen für die uralte Lade. Das Neue ist gerade gut genug. Noch nicht benützt. Noch nicht in Gebrauch genommen für Menschen und ihre Zwecke. Nur für Gott. Zwei Brüder lenken den Wagen.

 8 David aber und ganz Israel tanzten mit aller Macht vor Gott her, mit Liedern, mit Harfen, mit Psaltern, mit Pauken, mit Zimbeln und mit Trompeten.

Und vor dem Wagen David und das Volk. Tanzend. Mit aller Macht vor Gott her. Inbrünstig. Hingerissen. Singend, jubelnd. Eine Atmosphäre wie um die Love-Parade – aber nicht kommerziell ausgerichtet, sondern zur Ehre Gottes. „Die Freude über das geistliche Erleben fand ihren elementaren Ausdruck im Tanz, einem Zeichen der Hingabe an Gott mit dem ganzen Leben, verbunden mit einer im Glauben gegründeten Lebensfreude.“ (F. Laubach, aaO.; S. 160) Ekstatisch. Etwas, was heutiger Kirchlichkeit ziemlich fremd ist.

 9 Als sie aber zur Tenne Kidons kamen, streckte Usa seine Hand aus, um die Lade zu halten; denn die Rinder glitten aus. 10 Da entbrannte der Grimm des HERRN über Usa und er schlug ihn, weil er seine Hand nach der Lade ausgestreckt hatte, sodass er dort starb vor Gott.

Der Weg ist nicht so glatt und die Überführung geht nicht glatt. Es kommt zu einem Beinahe-Unfall. Die Zugtiere kommen aus dem Tritt, die Lade droht abzustürzen. Usa, der eine der Wagenlenker, greift, darf man sagen: beherzt, zu. Um die Lade vor dem Absturz zu bewahren. Vor Beschädigung und Zerstörung. Eine durch und durch verständliche Reaktion. Gut gemacht, möchte man sagen.

Aber Gott ist anders. Der Grimm des HERRN entbrannte über Usa. Er stirbt. Warum? Fragt nicht nur der Leser heute. „Wenn nun Aaron und seine Söhne beim Aufbruch des Heeres dies alles ausgerichtet und das Heilige und all sein Gerät bedeckt haben, dann sollen die Söhne Kehat kommen, um es zu tragen. Sie sollen aber das Heilige selbst nicht anrühren, dass sie nicht sterben.“ (4. Mose 4,15) Es gibt ein Berührungsverbot für das Heilige. Es ist gefährlich, ja, tödlich.

Dahinter steht ein Wissen, das uns heute abhanden gekommen ist. Gott ist gefährlich. Nicht harmlos. Kein Papiertiger. Kein blutleerer Gott. Kein alter Mann mit Bart, der hilflos durch die Weltgeschichte tappt. Er ist gefährlich. Und unberechenbar. Frühere Zeiten haben das gewusst. Und Gott deshalb nicht leicht genommen. Seine Nähe auch nicht.

Für das theologische Nachdenken ist dieser „Unglücksfall“ bei der Prozession eine große Herausforderung. Die Deutung des Chronisten lässt keinen Platz für den „Gott Zufall“. As hat Israel im Exil gelernt: Es gibt kein Geschehen jenseits Gottes. „So spricht der HERR, der König Israels, und sein Erlöser, der HERR Zebaoth: Ich bin der Erste und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott.“ (Jesaja 44,6) Und schon Amos hat die Konsequenz geahnt und ausgesprochen: „Bläst man etwa die Posaune in einer Stadt und das Volk entsetzt sich nicht? Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der HERR nicht tut?“ (Amos 3,6)

Das wollen wir, will ich nicht so gerne wahr haben. Weil es den Weg zu den hellen, eindeutigen Gottesbildern verstellt, versperrt, unmöglich macht. Gott ist unheimlicher, unbegreiflicher als es mir lieb ist, als es die dogmatischen Lehrsätze hergeben. Und diesem Gott gegenüber werden unsere liturgischen Wendungen vom „guten Gott“ und „lieben Gott“ als Geplapper entlarvt und bloßgestellt.

 11 Da ergrimmte David, dass der HERR den Usa so wegriss, und man nannte die Stätte »Perez-Usa« bis auf diesen Tag.

Es ist nur zu gut zu verstehen, dass David ergrimmt. Über das Ereignis. Erstaunlich ist die Bandbreite der Übersetzungen für den Seelenzustand Davids. „Empört“, „erschrocken“, „sehr betrübt“, „sehr erregt“, „ihm wurde heiß vor Schrecken“. Man kann es spüren, wie die Übersetzer nicht nur mit den Worten, sondern auch mit dem Tatbestand ringen. Es ist ja die Frage: Gilt der Grimm des David nur dem Ereignis oder gilt er auch Gott? Kann man das trennen?

Es ist aber doch so: Gott hält es aus, dass wir ergrimmen, empört sind, erregt, schockiert von dem, was geschieht, was  er uns zumutet. Er hält es auch aus, wenn wir ihn anklagen, anschreien, seine Wege nicht verstehen. Es ist ein Zeichen für eine lebendige Nähe zu Gott, dass einer, eine seine Emotionen nicht nur mit sich selbst ausmacht, sondern sie Gott „zumutet“.

12 Und an jenem Tage fürchtete sich David vor Gott und sprach: Wie darf ich da noch die sie Lade Gottes zu mir bringen? 13 Darum ließ er die Lade Gottes nicht zu sich bringen in die Stadt Davids, sondern ließ sie hinbringen ins Haus Obed-Edoms, des Gatiters. 14 So blieb die Lade Gottes bei Obed-Edom in seinem Hause drei Monate. Und der HERR segnete das Haus Obed-Edoms und alles, was er hatte.

Das ganze Geschehen lässt David erst einmal Abstand nehmen von seinem Plan. Der Weg  der Lade Gottes in die Stadt Davids wird unterbrochen. Weil es David zu gefährlich erscheint, sie so in seiner Nähe zu haben. Weil er eine Ahnung hat, dass er der Heiligkeit der Lade Gottes nicht entspricht? David  fürchtete sich vor Gott. Das hat er „verstanden“, dass er Gott so wenig in den Griff bekommen wird wie diese Lade.

So wird die Lade wieder zwischengelagert. Diesmal bei Obed-Edom. Einem Gatiter, Einem Mann aus Gat. Der Ort wird nicht genauer benannt. Aber was geschieht, wird gesagt. Der HERR segnete das Haus Obed-Edoms und alles, was er hatte.

            Es gibt also nicht nur das gefährliche Nahe-Sein Gottes, sondern auch den Segen seiner Nähe. Ganz dicht nebeneinander. So rätselhaft ist Gott.

 

Herr, Bist Du bei uns auch in Vergessenheit geraten? Deine Engel sind nette Nippesfiguren, Dein Kreuz schmückt Halsketten, Gerichtssäle und Schulklassen. Als Eisernes Kreuz ist es zum Orden verkommen.

Aber Du,  bist Du noch unsere Zuflucht, unsere Stärke? Bist Du uns noch Gottesfurcht wert? Mein Gott, manchmal bedrängt mich die Harmlosigkeit, mit der wir – ich und andere – von Dir reden, mit Dir umgehen.

Lehre mich neu die Ehrfurcht vor Dir, das Erschrecken vor Deiner Heiligkeit, damit ich meinen Zuflucht suche bei Dir. Amen