Ich und der Vater – eins

Johannes 10, 22 – 30

22 Es war damals das Fest der Tempelweihe in Jerusalem und es war Winter. 23 Und Jesus ging umher im Tempel in der Halle Salomos.

Jetzt erst, nach der Rede und der Aufregung um sie, wird sie „verortet“.  Im Winter beim Fest der Tempelweihe, im Tempel in Jerusalem. Das Fest der Tempelweihe – heute besser bekannt unter dem Namen Chanukka, Lichterfest – ist ein Erinnerungsfest. Erinnerung an die Wiedereinweihung des Tempels durch Judas Makkabäus im Jahr 165 v. Chr. Zuvor war der Tempel entweiht worden durch Antiochus Epiphanes: Der war einer, der gut in die Reihe der Diebe und Räuber (10,1) passt.

Jesus hält sich wie selbstverständlich im Tempel auf. Ist der Tempel doch „seines Vaters Haus“ (Lukas 2,49), unbeschadet aller Kritik, die er auch am Tempelbetrieb gehabt haben mag. Er geht im Tempel umher. Das ist nicht der neugierige Spaziergang eines Touristen. Das gleiche Wort wird verwendet um zu beschreiben, wie Jesus „auf dem Meer  umhergeht“(6,18). Wie er „in Galiläa umhergeht“(7,1). Es schwingt in diesem Umhergehen immer ein  Suchen mit, die Bereitschaft zu sehen, zu finden, auch Menschen zu finden.

24 Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du uns im Ungewissen? Bist du der Christus, so sage es frei heraus.

Es kommt zum Treffen mit den Juden. Sie umringen, umstellen ihn, so dass er nicht ausweichen kann. Sie stellen ihn auch inhaltlich. Sie wollen jetzt eine klare Selbst-Aussage.  Bist du der Christus, so sage es frei heraus. Kein Drumherumreden mehr. Ein Bekenntnis. Ein Selbstbekenntnis. Als ob sie nicht mehr wüssten, was sie früher als Reaktion auf Ich-bin-Worte Jesu wieder und wieder gesagt haben: „Du gibst Zeugnis von dir selbst; dein Zeugnis ist nicht wahr.“ (8,13) Aber nun wollen sie, dass er freimütig Auskunft gibt. Unverhüllt.

Man darf schon fragen: Geht es ihnen wirklich um die Beruhigung der eigenen Seele? Um das Auflösen lähmender Ungewissheiten? Oder wollen sie nicht doch einfach nur  Anklagepunkte sammeln?

Wieder einmal bildet das, was von Jesus und seiner Zeit erzählt wird, wohl auch ab, wie Gespräche zur Zeit der Gemeinde des Johannes laufen.Auch da gibt es die Aufforderung an die Christen: Sage es frei heraus, was mit Christus ist, was du von Jesus glaubst. Παρρησίᾳ. Freimütig. Mutig. Tapfer. Keine Charakter-Eigenschaft, sondern eine Freiheit, die Gott gibt. Sie wird von den Juden gefordert. Sie wird zugleich auch in der Gemeinde gefördert als Ermutigung zum Einstehen für den Glauben, für Christus.  

 25 Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich tue in meines Vaters Namen, die zeugen von mir.

            Jesus ist nicht vergesslich. Er erinnert sich und erinnert sie daran: Ich habe es euch gesagt und ihr glaubt nicht. Direkt hat er sich mit seinem „Ich bin es“ der Samaritanerin (4,26) und dem Blindgeborenen (9,37) offenbart. Vor den Juden sind es seine Werke, die ja in Wahrheit Werke in des Vater Namen sind, die zeigen, wer er ist. „Es ist zweierlei: sich als den Messias `wissen’ (wenn auch in tiefgreifender Umwandlung der gängigen Erwartung) – und öffentlich `davon reden’.“ (G. Voigt, aaO.; S.166) Darum antwortet Jesus auch hier nicht einfach: Wie wahr. Endlich wollt ihr es auch wissen. Auch deshalb, weil er zuvor erfahren hat: Ihr glaubt nicht. Den Worten nicht und den Werken nicht.

Mir scheint, dass diese Indirektheit Jesu hier genau widerspiegelt, was auch in den synoptischen Evangelien sichtbar wird. Jesus verweigert sich strikt der Zeichenforderung, der Suche nach öffentlicher Demonstration und öffentlichem Selbst-Bekenntnis. Weil es den Vater verdunkeln würde, weil es statt Glauben nur Staunen hervorbringen würde. Vielleicht noch Bewunderung. Mehr aber auch nicht. Es gibt bei Jesus keine Offenbarung da, wo sie gefordert wird, als objektiver Beweis. Neutral zu besichtigen und zu bewerten. Sondern nur da, wo ihre Zeit ist, wo sie ihre Stunde hat.

 26 Aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen. 27 Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; 28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.

Die Bildwelt der Hirten-Rede wird noch einmal aufgenommen.  Ihr glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört. Nicht zu mir. Die zu Jesus gehören, die hören seine Stimme, was er sagt und durch die Worte Jesu und in ihnen hören sie den Ruf zum Leben und folgen. Aus ihrem Hören wird ein Folgen. Hier steht das griechische Wort ἀκολουθοῦσίν, sie folgen mir, das in den synoptischen Evangelien immer wieder für die Nachfolge verwendet wird.

So wird Nachfolge mit diesem Wort sogleich von Johannes gedeutet: Nicht nur als der Weg hinter dem Menschen Jesus her, sondern als der Weg, auf dem das ewige Leben zur Lebenswirklichkeit wird, schon jetzt und hier. Weil er, Jesus, es ihnen gibt. Und niemand kann es mehr nehmen.

Sie werden nimmermehr umkommen ist kein Versprechen des unbeschädigten Lebens hier in dieser Welt-Zeit. Das ist das Missverständnis, wenn Leute fragen. „Wie kann Gott…“  Das Leben, in dem es kein Umkommen mehr gibt, greift über die Welt hinaus. In eine andere Wirklichkeit und kommt aus einer anderen Wirklichkeit. Die Gemeinde, die das Johannes-Evangelium liest, weiß, wie Leben beschädigt wird, weiß auch, dass manche schon umgekommen sind.

Die ersten Toten im Zirkus waren schon unter Nero im Jahr 64 n. Chr. zu beklagen. Die ersten Märtyrer. „Mit den Verurteilten trieb man noch Kurzweil, indem einige in Tierfelle gesteckt, von Hunden zerrissen, einige gekreuzigt, andere brennbar gemacht und, wenn es Abend wurde, wie Nachtleuchten angesteckt wurden.“ (Tacitus Annalen, 15,44) Also nicht: Bewahrung vor dem Umkommen. Aber die Gemeinde hört in den Worten Jesu das Versprechen der Bewahrung durch den Tod hindurch. Des Lebens über allen Tod hinaus.

Es liegt nahe, diese tröstenden Zusagen zusammen zu hören mit den anderen Worten der gleichen Gewissheit, diesmal formuliert aus der Perspektive des Glaubenden: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“(Römer 8,38-39) Solche Gewissheit lebt davon, dass sie die Stimme des Hirten gehört hat und ihr folgt. Sie ist Antwort auf seine Zusagen.

 29 Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. 30 Ich und der Vater sind eins.

Es folgt das Gipfelwort des Evangeliums: Ich und der Vater sind eins. Alles, was Jesus sagt und tut, was er lebt und wirkt, hat seinen Grund in diesem Wort. Nur von daher ist die „Anmaßung“ zu verstehen, mit der er sagen kann: Ich bin das Licht der Welt. Ich bin das Brot des Lebens. Ich bin der gute Hirte. Das sind nicht die Worte eines übersteigerten messianischen Selbstverständnisses, so belehrt uns Johannes. Es geht ihm nie darum, ob Jesus sich als der Messias fühlt. Das Selbstbewusstsein Jesu ist kein Thema des Johannes-Evangelium.

Sondern es geht darum, dass er eins ist mit dem Vater. Ὁμοούσιος. Wesenseins. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (1,1) Was Johannes im Prolog sagt, das wiederholt er hier im Mund Jesu, in „der letzten großen Offenbarungs-Rede vor dem Volk“ (R. Bultmann, aaO.; S. 274), vor der Öffentlichkeit der Welt, vor den Juden, im Tempel.

Es gibt eine merk-würdige Kontinuität des Ortes. Diese letzten öffentlichen Worte sagt Jesus in der Halle Salomos. Die gleiche Halle wird zum ersten öffentlichen Versammlungsort der ersten Jerusalemer Gemeinde werden.

 

Herr Jesus, das ist mein Glaube, dass ich Dich sehe und in Dir Gott, den Unsichtbaren, Unbegreiflichen, Grund allen Seins, Ziel allen Werdens.

Das ist mein Glaube, dass ich in Dir sehe, wie der Vater ist, gnädig und barmherzig, geduldig und von großer Güte, ein Erbarmer bis in die tiefsten Tiefen. Väterlich und mütterlich zugleich auf der Suche nach mir, meinesgleichen, damit wir leben.

Mehr brauche ich nicht zu wissen, zu sehen. Das zu glauben genügt mir. Ich bete Dich an. Amen