Der gute Hirte

Johannes 10, 11 – 21

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

            Noch einmal wird das Bild vom Hirten und der Herde aufgegriffen. Und weitergeführt zu einem neuen, zweiten Ich-bin-Wort in dieser Rede. Ich bin der gute Hirte. Diesmal wird das Wort nicht mit einer nachfolgenden Verheißung verbunden: Wer…. der….  Sondern es folgt vielmehr eine Aussage über das Schicksal des guten Hirten. Eine Bestimmung dessen, was diesen Hirten zum guten Hirten macht: dass er sein Leben hingibt für die Schafe.           

Das ist zugleich ein Schritt über das Bild des 23. Psalms hinaus. Da zeigt sich der gute Hirte darin, das er das Leben fördert, dass er schützt, dass er Geborgenheit gibt. Dass er mit durch das dunkle Tal geht und ans Ziel bringt. Hier, im Wort Jesu wird der Blick anders gelenkt: In der Hingabe des Hirten, im Einsatz seines eigenen Lebens zeigt er, dass er der gute Hirte ist.

12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, 13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.

Diesem Hirten und seiner Hingabe werden andere gegenüber gestellt. Der Mietling. Lohnarbeiter, Pächter – so lässt sich das Wort μισθωτός  übersetzen, flieht, wenn Gefahr droht. Er bringt sich selbst in Sicherheit und überlässt die Schafe in der Gefahr sich selbst. Ihrem Schicksal. Denn er arbeitet ja nur für Geld. Die Schafe sind ihm nur Mittel zum Zweck. Sie kümmern ihn nicht.

Er hat „keine echte Beziehung zu den Schafen” (S. Schulz, aaO.;, S. 150) Jenseits des Bildes: Er steht nicht ein für die, die ihm anvertraut sind. Er läuft weg, wenn es gefährlich wird.

Sind diese Worte nur der Menschenkenntnis Jesu geschuldet? „Wieviele Hirten in der Welt sind, wenn’s heiß wurde, davon gelaufen; ihr Regiment war nicht Dienst, sondern Herrschaft. Sie haben Gewalt geübt, aber sie wollten nicht Gewalt leiden. (Sie unterhielten vorsorglich ein anonymes Bankkonto in der Schweiz.)“ (G. Voigt, aaO.; S. 170)

Aber auch das mag im Hintergrund mitspielen: Gemeindeleiter aus der Zeit der ersten Christenheit, die nicht standgehalten haben. Die sich in Sicherheit gebracht haben, als das Martyrium drohte. Die die Gemeinde sich selbst und den Angriffen von außen überlassen haben. Die urchristlichen Märtyrer-Akten sind nicht nur Urkunden großer Tapferkeit. Sie erzählen auch manchmal von „Feigheit“. Auch Gemeindeleiter sind nicht wie von selbst zu Helden geboren. Wer das verlangen würde, wäre wohl unbarmherzig. Und wer auf die, die in der Gefahr gescheitert sind, urteilend herabschaut, der sehe zu, dass er selbst tapfer bleibt, wenn er gefordert ist.

Aber so viel ist festzuhalten: Dieser Mietling ist das Kontrastbild zum guten Hirten. Der läuft nicht weg. Der bringt sich nicht in Sicherheit. Der lässt die Seinen nicht im Stich.

 14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, 15 wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

Noch einmal, wiederholt, um es tief im Gedächtnis zu verankern: Ich bin der gute Hirte. Im Folgenden wird der Blick auf die Beziehung gerichtet. Es geht um das wechselseitige Kennen. Hier steht nicht mehr das eher neutrale οἴδα (10,4), sondern hier steht das viel stärker gefüllte γινώσκω. Das erste Wort kann auch einfach nur „wissen“ bedeuten. Am berühmtesten ist wohl die Verwendung in dem Satz des Sokrates „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ – οἴδα  μηδέν οἴδα.

            Γινώσκω ist anders gefüllt. „Kein rationales, theoretisches Erkennen ist gemeint, sondern ein Innewerden… in dem der eine sich dem anderen erschließt.“ (J. Schneider, aaO.,; S.203) Es ist Erkennen, ein Kennen aus der wechselseitigen „Verbundenheit der Liebe“. (G. Voigt, aaO.; S.171) Ein Kennen auch, das die Beziehung zwischen dem Vater und Jesus abbildet. „Ich und der Vater sind eins.“(10,30) wird Jesus wenig später sagen. Es ist die Liebe, die Jesus mit den Seinen verbindet. Durch die er sie kennt. Und diese Liebe treibt ihn zur Hingabe für die Seinen.

Die Meinen steht da. Sie sind sein Eigentum. Das ist der Vorbehalt., unter dem die stehen, die ihm im Glauben verbunden sind. Sie sind sein. Gehören ihm. Unser deutsches Wort Kirche leitet sich aus diesem Eigentumsvorbehalt ab: κυριακή, dem Herrn gehörig. Muss ich jetzt „aber“ sagen? Aber er gibt sich nicht nur für die Seinen hin, um sein Eigentum zu schützen, aus Eigeninteresse, sondern von der Liebe getrieben. Das ist viel mehr als Eigentums-Schutz.

 16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird “eine” Herde und “ein” Hirte werden.

            Ein Wort folgt, das sich wohl am besten aus der späteren Situation erklärt. Da sind nicht nur die Schafe aus dem „ersten Stall“, aus Israel. Es gibt noch die anderen Schafe, verstreut in die ganze Welt. Aus anderen Ställen. Und auch sie werden kommen, wenn sie seine Stimme hören. Sie hören seine Stimme im Wort, das von ihm erzählt, von seiner Liebe, seiner Barmherzigkeit, seiner Hingabe. „Wer euch hört, der hört mich.“ (Lukas 10,16) Es ist die Verpflichtung der Gemeinde, bis heute, dass die Stimme des guten Hirten hörbar wird im Erzählen von ihm, im Predigen, Singen, Beten, im Tun des Gerechten.

Das ist die Globalisierung der ersten Stunde. Aus den vielen Schafen soll eine Herde werden, unter einem Hirten. Das ist keine organisatorische Auskunft, auch keine Aufgabe an das Organisationstalent der Christenheit. Es ist eine Aussage über die geistliche Einheit der Christen – aus den vielen Völkern, den vielen Konfessionen, den vielen Kirchen. Es geht nicht darum,  die folkloristische Vielfalt der Kirchen zu vereinheitlichen, sondern hinter ihr das Eins-Sein mit dem Hirten und untereinander zu entdecken.

 17 Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, dass ich’s wieder nehme. 18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.

Ein letztes, aber unendlich wichtiges Wort: Die Hingabe des Lebens ist der freie Akt des Hirten, der freie Akt Jesu. Nicht erzwungen durch den Gehorsam. Nicht erzwungen durch irgendeine Übermacht. Er selbst gibt sein Leben, er selbst lässt es. Es ist seine freie Antwort auf das  Gebot des Vaters. Es ist gut, dass hier nicht „Gesetz“ steht, νόμος, sondern ἐντολὴ, Gebot. Diesem Gebot, dieser Weisung antwortet Jesus in seiner Vollmacht. Hier steht  ἐξουσία. Das gleiche Wort, das  Jesus gebraucht am Ende seines Weges: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ (Matthäus 28,18)

Das korrigiert ein bisschen das Bild vom willenlosen Opfer Jesus am Kreuz. Es setzt auch der Rede vom ohnmächtigen Jesus einen Kontrapunkt. Das ist nicht alles, was zum Fall „Jesus am Kreuz“ zu sagen ist. Johannes besteht darauf: Es ist sein Weg, den er im freien Hören auf das Gebot des Vaters geht.

 19 Da entstand abermals Zwietracht unter den Juden wegen dieser Worte. 20 Viele unter ihnen sprachen: Er hat einen bösen Geist und ist von Sinnen; was hört ihr ihm zu? 21 Andere sprachen: Das sind nicht Worte eines Besessenen; kann denn ein böser Geist die Augen der Blinden auftun?

Dass diese Worte Jesu Irritationen hervor rufen, muss nicht verwundern. Dass sie in manchen heftigen Widerspruch wecken, auch nicht. Ob es gleich ein böser Geist  sein muss und die Erklärung: er ist von Sinnen, mag dahin stehen. Aber das sind Urteile, die sich in jüdischer Literatur in der Zeit des Johannes finden. Er kann gewissermaßen aus fremden Publikationen zitieren.

Es kann für mich offen bleiben, ob diese Verse 19 – 21 am richtigen Platz stehen. Sie wirken in manchem wie eine erweiternde WiederholungUnd es entstand Zwietracht unter ihnen.“(9,16). Sie könnten wegen der Erwähnung der Blindenheilung auch gut der Abschluss der ganzen Auseinandersetzung sein, die in Kapitel 9 erzählt wird. Aber nun stehen sie hier. Und zeigen so auf: Die beiden Ich-bin-Worte Jesu haben nicht nur Glauben gefunden, sondern auch heftigen Widerspruch ausgelöst.

Das tun sie bis heute. Dafür reicht es, das Folgende zu bedenken: „Es gibt nur einen Hirten. Das ist die johanneisch verstandene Intoleranz der Offenbarung.“ (S. Schulz, aaO.; S.149) Das ist kein Argument für kirchliche, auch nicht für christliche Absolutheitsansprüche. Wohl aber der Hinweis: Im Johannes-Evangelium ist kein Platz für andere Heilande, Hirten, Türen. Es gibt nur diesen einen Weg zum Heil.

 

Mein Herr Jesus, nur ein Kinderlied: „Weil ich Jesu Schäflein bin, freu ich mich so für mich hin über meinen guten Hirten“. Süßlich, abgeschmackt.

Aber viel weiter bin ich bis heute nicht gekommen. Ich lerne Vertrauen wie ein Kind, kindlich, weil ich es nötig habe, ein kindlich-grundloses Vertrauen zu leben in dieser Welt, die mir so viele Fragen stellt, so oft Angst macht, die ich so wenig begreife.

Ich brauche Dich, meinen guten Hirten. Amen