Die Tür zum Leben

Johannes 10, 1 – 10

Es folgt eine Rede, die irgendwie – zunächst – im luftleeren Raum steht. Kein Ereignis vorher, an das die Worte anknüpfen würden, das die Bilder aus dieser Rede nahe legen würden. Es ist, als würde Jesus hier auf einer Bühne stehen, die völlig leer ist. Und in diese Leere hinein sagen und zeigen, worauf es ankommt und wer er ist. Eine Rede, eine Offenbarung. Der Heiland deckt sein Sein und unser Sein auf.

1 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Räuber.

Eine Alltagserfahrung, damals wie heute. Aber eine, die wichtig ist, bedeutsam. Das signalisiert schon das doppelte Wahrlich, wahrlich. „Aufgepasst!“ würden wir heute sagen. „Achtung, goldener Satz!“ sagte ein Lehrer, dem ich viel verdanke. Wer die Tür meidet und irgendwo sonst einsteigt, dem ist nicht zu trauen. Im konkreten Fall, bezogen auf den Schafstall: Er ist jedenfalls nicht der Hirte. Ein Dieb und ein Räuber sagt Jesus. Einer, der sich an fremdem Eigentum vergreift. Was ist daran so bedeutsam? Ist das nicht völlig klar?

Das Bild erklärt sich zunächst einmal aus den Verhältnissen. Es geht nicht um eine leicht zugängliche Schafhürde in der freien Landschaft, sondern um einen im Dorf gelegenen, „mit einer abschließbaren Tür versehenen ummauerten Hof“. (J. Schneider, aaO,; S.199) Zusätzlich gibt es in der Nacht noch einen Türhüter.

Was offen ist, schwerer zu erklären: Wer ist gemeint mit Dieb und Räuber?  Es gibt einen wichtigen Bezugs-Text:Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?“ (Hesekiel 34,2) Da sind Hirten im Blick, die ihre Aufgabe verfehlen. Weil sie nur an sich selbst denken, nur sich selbst kennen. Aber: Diebe und Räuber werden sie nicht genannt. Die Frage muss also erst einmal offen bleiben.

 2 Der aber zur Tür hineingeht, der ist der Hirte der Schafe. 3 Dem macht der Türhüter auf, und die Schafe hören seine Stimme; und er ruft seine Schafe mit Namen und führt sie hinaus.

Es gibt aber auch den, der durch die Tür kommt. Das ist der Hirte. Dem öffnet auch der Türhüter, der die Herde nachts bewacht. Seine Stimme ist den Schafen vertraut. Er ruft sie – sogar mit Namen. Und führt sie.

Offensichtlich geht es um so etwas wie ein Vertrauensverhältnis zwischen Hirte und Schafen. „Das passt schon.“ – „Alles o.k. zwischen uns“ Die Schafe hören die Stimme, der Hirte ruft die Schafe. Weil er ihre Namen weiß. Sie sind ihm vertraut. Anvertraut. Sonst könnte er sie nicht mit Namen rufen.

„Hier wird das Bild von Hirte und Herde weit überboten. Der normale Schafhirte mag dem einen oder anderen Tier einen Namen beigelegt haben, aber er hat es nicht mit Individualität zu tun.“ (G. Voigt, aaO.; S.167) Darauf aber zielt das Wort Jesu. Es geht um jedes einzelne Schaf.

Erster Hinweis: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er “eins” von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude.“ (Lukas 15, 4-5) Das kennzeichnet diesen Hirten: Er geht dem einzelnen Schaf nach. Zweiter Hinweis: „Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ (Lukas 10,20) Vielleicht haben die Schafe nur deshalb Namen, damit sie gerufen werden können?

4 Und wenn er alle seine Schafe hinausgelassen hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm nach; denn sie kennen seine Stimme. 5 Einem Fremden aber folgen sie nicht nach, sondern fliehen vor ihm; denn sie kennen die Stimme der Fremden nicht.

Es ist ein idyllisches Bild: Die Schafherde folgt dem Schäfer nach. Er führt sie ins Freie. Nicht: Er treibt sie vor sich her. Sie folgen ihm, weil sie ihn kennen. Seine Stimme kennen. Das ist keine Frage der Intelligenz der Schafe. Aber sie sind nicht dumm, nicht so, wie es die Beschimpfung „Du dummes Schaf“ suggeriert. Sie folgen nur dem, dem sie vertraut sind. Dem Fremden, Unvertrauten, folgen sie nicht, den fliehen sie. Da ist ja kein Verhältnis durch Fürsorge aufgebaut worden, auf das man trauen könnte. Als Schaf.

6 Dies Gleichnis sagte Jesus zu ihnen; sie verstanden aber nicht, was er ihnen damit sagte.

Seine Zuhörer hören die Worte Jesu. Aber sie verstehen nicht. Ein Gleichnis. Aber was sollen sie damit anfangen? Gleichnisse enthüllen nicht nur. Sie können auch verhüllen. Sie können ratlos zurück lassen. „Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, den andern aber in Gleichnissen, damit sie es nicht sehen, auch wenn sie es sehen, und nicht verstehen, auch wenn sie es hören.“(Lukas 8,9) Wer nicht weiß, was mit dem Gleichnis gesagt werden soll, der kann es nicht verstehen, selbst wenn er es hört.

Vielleicht müssten die Zuhörer Jesu es wagen zu fragen: Wer ist der Hirte? Wer sind die Diebe und Räuber? Wer sind die Schafe? Wer nicht zu fragen wagt, weil er glaubt, sich bloß zu stellen, bleibt oft genug in seinem Nicht-Verstehen stecken. Fragen dagegen heißt: sich öffnen. Kann ich es mir leisten zu fragen?

 7 Da sprach Jesus wieder: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. 8 Alle, die vor mir gekommen sind, die sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben ihnen nicht gehorcht.

            Wieder Wahrlich, wahrlich. Und dieses zweite Wahrlich, wahrlich erklärt das erste in 10,1. Denn was jetzt kommt, darauf gilt es wirklich zu achten. Ich bin die Tür zu den Schafen.  Was für ein Anspruch! Zugang zu den Schafen, der Herde gibt es nur durch mich.

Es liegt nahe, schon von Hesekiel her, die Schafe als Bild für das Volk Gottes zu verstehen. Dann heißt dieser Satz Jesu: Nur durch mich gibt es einen Zugang zum Volk Gottes. Nur in meinem Namen. Nur durch mein Rufen. Wer das Volk Gottes leiten will, der muss von mir autorisiert sein.

Es ist ein großes Tasten in der Frage, wie der Satz zu verstehen ist: Alle, die vor mir gekommen sind, die sind Diebe und Räuber. Er kann sich ja nicht auf Abraham, Isaak, Jakob, auf Mose und die Propheten beziehen. Die waren zwar vor Jesus. Aber in seinen Augen nicht die, die ihm seinen Anspruch streitig gemacht haben.

Sind es dann die Gestalten der Weltgeschichte, die die Herrschaft über Israel an sich gerissen haben? Da stünden viele zur Auswahl – über Nebukadnezar, Alexander den Großen, Antiochus Epiphanes, Pompeius bis hin zu Titus, der Jerusalem hat zerstören lassen. Ein lange Liste an Gewalttätern mit Herrscher-Rang. Oder sind es die falschen Messiase, die es auch in diesen aufgeregten Zeiten zu Hauf gegeben hat? Es kann sein, dass der Kommentar recht hat: „Hier wird allgemein polemisiert gegen sämtliche Heilsbringer der antiken Welt. Sie sind alle nur Diebe, die verderben.“ (S. Schulz, aaO.; S.149 )

Vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig, die Räuber und Diebe namhaft und dingfest zu machen. Sondern wichtig ist vor allem dies eine: Die Schafe haben ihnen nicht gehorcht. Es gibt so etwas wie einen Schafs-Instinkt, sich zu verweigern. Jenseits der Bildsprache nennt man das Heiliger Geist und die „Gabe, Geister zu unterscheiden.“ (1. Korinther 12,10) Ob etwas von Gott ist oder nicht, göttlich oder nur menschlich.

 9 Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.

Wie um es einzuprägen, wiederholt Jesus: Ich bin die Tür. Und schließt daran das Verheißungwort an. Wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden. Die Richtung des Satzes hat sich geändert. In 10,7 ist Jesus die Tür zu den Schafen. Einer, der den Zugang zur Gemeinde öffnet. Hier dagegen: Die Tür zur Weide, zum Leben. Wer durch diese Tür geht, kommt zum Leben. Damit rückt der Satz in unmittelbare Nähe zu den anderen Ich-bin-Worten. Sie alle sind ein Ruf zu Jesus.

 10 Ein Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und umzubringen. Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen.

Es schließt der negative Satz über die Diebe an. Stehlen, schlachten, umbringen. Sie rauben Gott sein Eigentum und sie rauben den Schafen das Leben. Sie sind genau so, wie die falschen Hirten: „Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.“ (Hesekiel 24, 3-4) 

Ganz anders dagegen Jesus. Sein Kommen bringt Leben. Dient dem Leben. Nicht nur dem Überleben. Leben und volle Genüge. Leben in Fülle. Wie von selbst stellt es sich ein, die uralten Worte mit zu hören:

“Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.                                                       Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.            Er erquicket meine Seele.                                                                                                            Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. ”     Psalm 23, 1 – 3

Auch diese Worte höre ich mit: „Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk.“(2. Korinther 9,8) Die Wort-Nähe ist der Luther-Übersetzung geschuldet. Im Griechischen stehen verschieden Wendungen für „volle Genüge“. Aber die sachliche Nähe ergibt sich vielleicht auch daraus, dass Johannes womöglich doch mehr von Paulus und seinen Briefen wusste, als wir es meistens annehmen.

 

Mein Jesus, ich erinnere mich daran, wie ich vor verschlossenen Türen stand, draußen vor der Tür. Es hat weh getan, weil ich dabei sein wollte und ausgeschlossen war, nicht nur einmal.

Ich danke Dir, dass Du die Tür bist, die niemand zuschließen darf, die mir keiner verbieten darf zu durchschreiten, die mir dem Heimweg offen hält ins Vaterhaus. Amen