Eine neue Sicht

Johannes 9, 34 – 41

35 Es kam vor Jesus, dass sie ihn ausgestoßen hatten. Und als er ihn fand, fragte er: Glaubst du an den Menschensohn?

            Jesus hört, dass der Geheilte „erledigt“ ist. Ausgestoßen. Nicht mehr Glied am Volk Gottes. Draußen, auf der Straße, wo die Armen und Krüppel und Blinden und Lahmen ( Lukas 14,22) sind. Dort sucht er ihn und findet ihn. Es ist das gleiche Finden, εὑρίσκειν, wie am Anfang des Evangeliums, als Jesus den Philippus findet (1,45).„Jetzt konzentriert sich die Geschichte auf die nunmehr – übrigens für jeden von uns – entscheidende Frage: Wie steht es zwischen Jesus und dem Geheilten?“ (G. Voigt, aaO.; S.161)

            Jesus stellt ihm die Frage: Glaubst du an den Menschensohn? Eigentlich müsste man schreiben: Du glaubst an den Menschensohn? So betont wird das Du vorangestellt. Damit wird zugleich deutlich: Hier wird nicht Dogmatik abgefragt, sondern gegenwärtiges Vertrauen erfragt. Jetzt, Hier. Und der Titel Menschensohn bezeichnet in dieser Frage keine Größe der Zukunft, sondern eine gegenwärtig begegnende Gestalt. (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 257)

 36 Er antwortete und sprach: Herr, wer ist’s?, dass ich an ihn glaube.

Der Gefragte spürt: Das ist eine direkte und persönliche Frage, auf die er Antwort finden muss. Er weiß nicht, wer das ist, der Menschensohn. Aber er ist bereit zu glauben. Sich anzuvertrauen. Darin zeigt er sich als einer, der offen ist. Nicht festgelegt wie die Juden mit ihrem Wissen, das sie aus ihrer Tradition schöpfen. Sondern offen dafür, dass ihm die Augen geöffnet werden für den, der der Menschensohn ist.

Ich denke, dass damit seine Haltung als exemplarisch für den Schritt zum Glauben gezeichnet wird. Es geht darum, sich von allem Selbst-Wissen zu lösen und sich der Antwort  Jesu anzuvertrauen. Er ist ja – so Johannes – der, der von oben ist und weiß, woher er kommt und wer er ist.

37 Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist’s.

Diesmal nicht: Ich bin es. Sondern Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist’s. Diese Antwort knüpft an seiner Erfahrung an.

Mir drängt sich die Parallele auf zur Begegnung mit der Frau am Jakobsbrunnen: “Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn und er gäbe dir lebendiges Wasser.”(4,10) Auch da nicht: Ich bin es. Sondern die Einladung, hinzuschauen. Wahrzunehmen. Jesus überwältigt nicht mit seinem Offenbarungs-Wort. Er sucht das Vertrauen und lädt dazu ein. Er steht als Mensch, fleischgeworden vor ihm und erfragt seinen Glauben.

38 Er aber sprach: Herr, ich glaube, und betete ihn an.

So kommt es zum Glauben. Mit dem Bekenntnis Herr, ich glaube und mit der Anbetung. Das Bekenntniswort, so höre ich, ist das Eine. Die Anbetung das Andere. Wörtlich steht für und betete ihn an:Und er fiel vor ihm nieder.” προσεκύνησεν Proskynese. Die Anbetung hat eine Wortseite und eine Körperseite. Sie wird zur Körper-Haltung. Wo beides zusammen kommt, da ist Glauben.

Wir vergessen das manchmal, dass es auch eine körperliche Seite der Anbetung gibt. Das sie ihren Ausdruck finden kann im Niederwerfen, im sich Ausliefern, auch in den hoch erhobenen Händen. Der Blindgeborene findet seinen Körperausdruck fast wie von selbst. Mit dem eigenen Körper beten hilft manchmal, intensiver zu beten.

Der Glauben, so lese ich hier, beginnt und zeigt in der Anbetung des irdischen Menschensohnes, nicht des himmlischen Christus. Ich weiß, dass man das nicht auseinander reißen darf. Aber ich habe manchmal die Sorge, dass mir die Bilder mit Goldrand, die Bilder des himmlischen Heilandes, auch meine theologischen „Wissensbilder“, den Weg versperren, den irdischen Heiland wahrzunehmen. Ihm zu begegnen auf dem Weg meines Alltages. Im schreienden Kind. Im Hilfe suchenden Blick. In der Sprachlosigkeit eines Fragenden. Im Hunger nach Leben. In den aggressiven Fragen eines  Atheisten. Im eigenen suchen und Zweifeln. Immer steht er vor mir und fragt mich: Glaubst du an den Menschensohn? Und ich rede vom Himmel und versäume die Erde.

39 Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden.

Das folgende Wort Jesu sprengt die Situation. Es ist keine persönliche Antwort an diesen neuen Glaubenden. Sondern es ist ein Satz, der auf das ganze Geschehen zuvor abhebt.  Was sich da abgespielt hat, als Heilung eines Blinden und als Verblendung derer, die sich selbst sehend wähnen, ist Gericht. Es ist das, was sich mit dem Kommen Jesu vollzieht. Die einen sehen – ihn, Jesus und die anderen – nichts. Die einen erkennen den Menschensohn und die anderen sehen nur einen Menschen. Den einen gehen die Augen auf und die anderen beharren auf ihrer Sicht der Dinge, die sie schon immer hatten.

Gericht steht da. Κρίμα. Ein Wort, das mit unserem Wort “Krise” verwandt ist, als Stamm das gleiche Verb zugrunde liegen hat. Im Kommen Jesu kommt die Welt in ihre Krise. Es kommt zur Entscheidung. Muss zur Entscheidung kommen. Für ihn oder gegen ihn. Ein Drittes gibt es nicht. Keine Neutralität. “Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.” (Matthäus 12,30) überliefert Matthäus und mit ihm Lukas als Wort Jesu. An ihm kommt es zur Scheidung. An dem Menschgewordenen. Der über die Straßen Galiläas geht und im Tempel in Jerusalem lehrt.

40 Das hörten einige der Pharisäer, die bei ihm waren, und fragten ihn: Sind wir denn auch blind? 41 Jesus sprach zu ihnen: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde.

Ein Wort zum Erschrecken. So hören es auch  einige der Pharisäer. Sie sind nicht alle weg von Jesus. Sie sind nicht alle unerreichbar für seine Worte. Es geht ihnen auf: Wenn das stimmt, was er sagt, dann sind wir womöglich blind, die Blinden. Ihre Frage ist eine erschrockene Frage. Keine rechthaberische mehr.

Und Jesus? Er bestätigt ihr Erschrecken. Ja, weil ihr meint, alles zu wissen, den Durchblick zu haben, deshalb seid ihr verblendet. Wenn ihr darauf beharrt, dass ihr keine neue Sicht braucht, dann bleibt ihr gefangen. Dann bleibt ihr auf Abstand von mir. In eurer Sünde. 

Höre ich zu viel, wenn ich sage: Das ist kein Urteil, das für immer gelten muss. Es ist eine Warnung, eine Bitte, eine Einladung: Beharrt nicht auf eurer Sicht der Dinge. Lasst euch die Augen öffnen. Ihr müsst nicht blind bleiben.

Das gilt doch auch uns. Wir meinen oft genug, alles über Jesus zu wissen, über Gott. Wir haben unsere Bilder. Und sehen nichts anderes mehr als unsere Bilder. Legen uns auf sie fest. Und können auf einmal den gegenwärtigen Gott in Christus nicht mehr sehen. Werden blind.

Es ist die Überzeugung solcher Geschichten von der Heilung Blinder –  sie werden ja mehrfach im Neuen Testament erzählt – dass es für das Glauben-Können nicht weniger braucht als Blindenheilungen. Aber auch nicht mehr.

 

Herr Jesus, ich habe den Durchblick.  Ich kenne mich aus. Ich weiß Bescheid. Das kenne ich von mir selbst nur zu gut: Es lässt mich ungeduldig werden, unduldsam auch gegenüber denen, die mir eine andere Sicht nahe legen wollen. Ich brauche keine neue Sicht der Dinge, des Lebens, des Glaubens.

Herr Jesus, hole mich heraus aus der Blindheit, in der ich mich verfange. Stelle mich hinein in Dein Licht. Lehre mich neu zu sehen, neu zu glauben. Heute. Amen