Mehr als Abraham

Johannes  8, 46 – 59

46 Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen? Wenn ich aber die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht? 47 Wer von Gott ist, der hört Gottes Worte; ihr hört darum nicht, weil ihr nicht von Gott seid.

Das hört sich nach einer rhetorischen Frage an. Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen? Keiner – antwortet die Christenheit. „Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.“ (Hebräer 4,15) Dass Jesus einer ist wie wir, Mensch unter Menschen ist die eine Wahrheit. Dass er in seinem Mensch-sein nie vom Vater getrennt ist, nie seinem Willen den Raum und das Recht nimmt, die andere Wahrheit.  Wenn er aber das sagt, findet er keinen Glauben. Seine Zuhörer sehen in ihm nur diesen Galiläer. Und hören seine Worte nicht als das, was sie in Wahrheit sind. Gottes Worte. Sie hören nur den,von dem sie sagen: er ist ja nicht einmal ordentlich als Rabbi ausgebildet.

 48 Da antworteten die Juden und sprachen zu ihm: Sagen wir nicht mit Recht, dass du ein Samariter bist und einen bösen Geist hast?

Darum beschimpfen sie ihn auch. Samariter – das ist hart. Schlimmer als „Saupreuße“ oder „Ossi“ oder „Besser-Wessi“. Das ist „Du Jud’“ im Dritten Reich. Abqualifizierung. Häme und Verachtung. Genau wie der Vorwurf: besessen. Du hast eine bösen Geist. Einen Dämon. Du bist nicht ganz sauber heißt das heute. Sie sind nicht zimperlich. Vielleicht darin ein Echo auf Jesu Angriff: „Ihr habt den Teufel zum Vater.“ (8,44) Man kann auf die Idee kommen: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Jedenfalls ist das kein Dialog, der unseren Standards von Höflichkeit und wechselseitiger Achtung zu entsprechen scheint.

„Rabbinische Texte aus der Zeit nach Jesus beschreiben Jesus als Zauberer, als Verführer, als Ketzer, als Götzendiener, als Samaritaner, als Besessenen. Der Evangelist kennt solche Verunglimpfungen Jesu offenbar aus eigenem Erleben, wohl noch zur Zeit der Abfassung des Evangeliums.“ (G. Voigt, aaO.; S.151)

 49 Jesus antwortete: Ich habe keinen bösen Geist, sondern ich ehre meinen Vater, aber ihr nehmt mir die Ehre. 50 Ich suche nicht meine Ehre; es ist aber einer, der sie sucht, und er richtet. 51 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit.

Fast hilflos kommt einem Jesus in seiner Antwort vor. Er beteuert, was er oft beteuert: Ich suche nicht meine Ehre, die ihr mir nehmen wollt. Jesus „sucht nicht seine Ehre – ein Wort, dass der Evangelist fast bis zum Überdruss seinen Lesern und allen Ungläubigen vorsetzt ( 5,23; 41, 44; 7,18) Allein der Vater will, dass der Sohn geehrt wird.“(S. Schulz, aaO.; S.138) Ob die Juden das hören können: Es geht nicht um mich, darum, dass ich gut da stehe. Es geht um Gott, den Vater und seine Ehre. Das allein ist Jesu Anliegen. Er aber, der Vater, wird für meine Ehre einstehen. Das weiß der Mann aus Nazareth.

Es wird sich ja geradezu gespenstisch bewahrheiten, wie ihm die Ehre genommen wird – ausgepeitscht, gefoltert, zur Schau gestellt, lächerlich gemacht bis hin zu dem entsetzen Ausruf: „Seht, welch ein Mensch!“ Das haben sie aus ihm gemacht.

Es ist ein Thema, das sich durch das ganze Evangelium zieht. Ehre, ehren. Δόξα. Manchmal mit Herrlichkeit, manchmal mit Ehre übersetzt. „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“(1,14) Ich könnte sagen: Das ganze Evangelium ist nichts anderes als die Entfaltung dieses einen Satzes. Er ist ein regelrechter Programm-Satz.

Es geht um die Herrlichkeit, um die Ehre des Vaters, die sich in der Herrlichkeit des Sohnes spiegelt. Es geht um die Herrlichkeit des Sohnes, die die sehen, die an ihn glauben. Eine Ehre, eine Herrlichkeit, die aus der Ewigkeit Gottes ihren Glanz schöpft. Die den Augen, die nur Welt sehen, unsichtbar bleibt. Die aber denen, die glauben, das helle Licht im Dunkel der Welt ist.

Jesus wechselt das Thema. Und die Art seines Redens. Nicht mehr Attacke, nicht mehr Angriff. Statt dessen: Eine Verheißung. In ihrer Bedeutung und Gewichtigkeit unterstrichen durch das doppelte ἀμὴν ἀμὴν, Amen, Amen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit. Es ist wie eine – letzte? – Einladung zum Glauben. Sie verwerfen ihn und er bietet ihnen das Leben an. „Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.“ (Römer 12,14) Auch wenn Paulus Jesus nicht zu dessen Lebzeiten gekannt hat. Verstanden hat er ihn schon.

 52 Da sprachen die Juden zu ihm: Nun erkennen wir, dass du einen bösen Geist hast. Abraham ist gestorben und die Propheten, und du sprichst: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht schmecken in Ewigkeit. 53 Bist du mehr als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Und die Propheten sind gestorben. Was machst du aus dir selbst?

            Die Juden können wohl nicht mehr zuhören. Nicht mehr verstehen. Wieder bleiben sie hängen in ihrem Denken und ihrer Erfahrung. Abraham ist tot, Die Propheten sind tot. Und Jesus will Worte haben und sagen, die den engen Kreis des Todes, seine Macht durchbrechen?  Wie kann das sein, dass einer vor ihnen steht – und sein Wort schließt die Ewigkeit auf? Sie haben es wohl richtig gehört und akustisch verstanden, wenn sie es auch nicht akzeptieren wollen: An Jesus entscheidet sich das Leben.

Da bleibt nur die empört-spöttische Frage: Bist du mehr als unser Vater Abraham?   Was machst du aus dir selbst? In der Frage steckt schon ihr Urteil: Hochstapler. Scharlatan. Religiöser Spinner.  Es ist der Anspruch Jesu, den sie hören und  „sie missverstehen ihn als Anspruch persönlicher Geltung, sie messen ihn an sich selbst, die von unbändigem Geltungsbewusstsein erfüllt sind.“ (R. Bultmann, aaO.; S.246) Sie müssen mit ihrem Verstehen scheitern. Zwangsläufig.

54 Jesus antwortete: Wenn ich mich selber ehre, so ist meine Ehre nichts. Es ist aber mein Vater, der mich ehrt, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott; 55 und ihr kennt ihn nicht; ich aber kenne ihn. Und wenn ich sagen wollte: Ich kenne ihn nicht, so würde ich ein Lügner, wie ihr seid. Aber ich kenne ihn und halte sein Wort. 56 Abraham, euer Vater, wurde froh, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich.

Noch einmal: Ihr habt recht, wenn ich mich selbst ehre. Sie hätten auch recht, wenn er sich Gott gleich stellte, gleich machte und es nicht wäre. Aber so ist es nicht. Der Vater, Gott, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott – der ehrt mich. Und auch das wird wiederholt: Jesus bleibt bei der Wahrheit. Was er sagt ist Wort aus Gottes Wahrheit. Und alles, was Jesus sagt, kommt aus dem, dass er den Vater kennt. Und sein Wort hält. Τηρῶ steht da: Ich halte es – ein Wort,  ausgeliehen aus der Militärsprache. Er hält das Wort so, wie ein Soldat die Stellung hält.

Und noch einmal kommt Jesus auf Abraham zurück: Abraham wurde froh über dem Tag Jesu, den er sehen sollte. Missverständlich genug formuliert. Abraham hat Jesus nicht gekannt, auch keine Christus-Vision gehabt. Das alles wird nicht gesagt. „Aber er hat den Fluchtpunkt der Heilsgeschichte vor Augen gehabt, die Gott mit seiner, des Abraham Berufung  begonnen hat.“ (G. Voigt, aaO.;, S. 152) Das trifft es gut: Jesus ist die ‘Mitte der Zeit’. Auf ihn läuft die Heils-Geschichte zu. Und in ihm wird sie vollendet.

Ἄλφα und Ὦmega, der Anfang und das Ende – größer kann man kaum von Jesus reden. Der Menschgewordene ist die Erfüllung der Geschichte Gottes. „Weil Christus der Punkt Omega ist, ist das Universum bis in das materielle Mark hinein durchtränkt von dem Einfluss seiner übermenschlichen Natur.“ (Teilhard de Chardin: Sciences et Christ, 1965, Seite 88) So hoch denkt ein theologischer Querdenker unserer Zeit von diesem Menschgewordenen.

 57 Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen? 58 Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham wurde, bin ich.

            Ich übertrage für mich: Jetzt reicht es. Und wieder zeigen sie sich als Gefangene ihres Realitäts-Verständnisses. Sie sehen diesen  Mann Jesus vor sich, noch nicht fünfzig Jahre alt und er  soll für Abraham Grund zur Freude gewesen sein? Sie kennen nur Biologie und die Welt vor Augen. Wie soll das gehen? „Ich glaube nur, was ich sehen kann“ sagen Menschen heutzutage und befinden sich in der unmittelbaren Gesellschaft dieser Juden von damals. Aber wer nur sieht, was vor Augen ist, sieht zu wenig.

Die Antwort Jesu lässt nicht auf sich warten. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham wurde, bin ich. So redet der, von dem der Prolog des Evangeliums sagt: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott… Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ (1,1-1.14) Es ist das Bekenntnis der Gemeinde, dass sich hier im Wort Jesu wiederfindet. Der Menschgewordene Jesus ist der Christus, von allem Anfang an. Präexistenz nennt man das. Er ist immer schon. Da. Bei Gott. Auch wenn das unser Denken sprengt.

59 Da hoben sie Steine auf, um auf ihn zu werfen. Aber Jesus verbarg sich und ging zum Tempel hinaus.

Es ist soweit. Die Auseinandersetzung eskaliert. Sie wollen ihn steinigen. Das ist die Strafe, die auf Gotteslästerung steht. Die später an Stephanus vollzogen werden wird – wegen Gotteslästerung. (Apostelgeschichte 7) Es gibt zu dieswr Wut und zu den Geschehen eine frühe Parallele auf dem Weg Jesu – in den Umständen seiner Antrittspredigt Jesu in Nazareth. „Und alle, die in der Synagoge waren, wurden von Zorn erfüllt, als sie das hörten. Und sie standen auf und stießen ihn zur Stadt hinaus und führten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt gebaut war, um ihn hinabzustürzen. Aber er ging mitten durch sie hinweg.“ (Lukas 4, 28-30)

Die Passion wirft ihre Schatten voraus. Und doch ist es auch wieder noch nicht soweit. Jesus entzieht sich der Wut. Er geht und verbirgt sich. Bis seine Stunde gekommen sein wird.

 

Jesus, so hart kannst du reden, so schroff. Und an Deinen Worten können wir scheitern. Du mutest uns zu, die Welt anders zu sehen, mit Deinen Augen, der Wahrheit zu trauen, die Du uns sagst, mehr als der Wirklichkeit, durch die wir uns den Weg suchen, Tag um Tag.

Du mutest uns zu, dass wir auf Dich sehen, den Mann aus Nazareth, einen jüdischen Menschen und doch in Dir den sehen lernen, der von Gott gesandt ist, uns Gott vor Augen stellt, Weil in Dir der ewige Gott sich in unsere Welt gibt.

Hilf mir, dass ich Dir glaube und aus diesem Glauben lebe in Deiner Spur. Amen