Erschreckend!

Johannes  8, 37 – 45

37 Ich weiß wohl, dass ihr Abrahams Kinder seid; aber ihr sucht mich zu töten, denn mein Wort findet bei euch keinen Raum. 38 Ich rede, was ich von meinem Vater gesehen habe; und ihr tut, was ihr von eurem Vater gehört habt.

Jesus setzt seine Rede fort. Seine Zuhörer kommen nur noch als „Stichwortgeber“ zum Zuge.  Ja, sie beanspruchen, Abrahams Kinder zu sein. Aber das ändert nichts an ihren Mordplänen. Weil sie Jesu Worten und damit ihm selbst keinen Raum, heißt keine Gültigkeit geben wollen. Jesus bleibt bei dem Gedanken Vater – vom Vater Abraham kommt er zu seinem Vater – und zu ihrem Vater.

            Und wechselt wieder hin und her: Ich rede – was ich gesehen habe. Ihr tut, was ihr gehört habt. Man müsste es ja anders erwarten: Ich rede, was ich gehört habe. Ihr tut, was ihr gesehen habt. Im Kern aber geht es um den einen Gedanken: Um das Empfangen des eigenen  Weges in Worten und Taten vom Vater.

Fast wie im Sprichwort: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Es ist der Vater, der ausschlaggebend ist für den Weg der Kinder. Des Sohnes. Das sind Lebensgesetze, die sich  im Lauf der Menschheitsgeschichte heraus kristallisiert haben. Und das Evangelium hebt solche Gesetzmäßigkeit nicht automatisch auf. Solche Gesetzmäßigkeit mag schicksalhaft sein. Aber sie ist nicht deterministische Festlegung für immer und ewig. Sie entschuldigt nichts.

 39 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Abraham ist unser Vater. Spricht Jesus zu ihnen: Wenn ihr Abrahams Kinder wärt, so tätet ihr Abrahams Werke.

Es ist – wie so oft – kein Zufall, welche Worte Johannes wählt. In V.37 steht für Abrahams Kinder σπέρμα. Sperma. Samen. Es geht um biologische Abstammung. In V.39 verwendet Johannes für die Wendung „Kinder Abrahams“ das Wort  τέκνα. Aber sie tun nicht, was der Kindschaft entsprechen würde.

Hinter diesem Wortwechsel meldet sich ein Wissen: Es ist nicht der Same, der zu Kindern macht. Es ist das soziale Miteinander, der Lebenskontakt, das Tun, das bei dem Vater gesehen und gelernt worden ist. Vaterschaft ist auch Biologie, aber vor allem ist es Verantwortung und Einführung in das Leben.

Das aber ist das Defizit, das sich bei den Juden zeigt. Sie sehen an Abraham nur den Gesetzestreuen, nur den Mann des Gehorsams gegen das Gesetz. Aber sie sehen nicht den Glaubenden, der sich im Gehen des Weges Gott anvertraut. Darum lernen sie das nicht vom Vater Abraham.       

40 Nun aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der euch die Wahrheit gesagt hat, wie ich sie von Gott gehört habe. Das hat Abraham nicht getan. 41 Ihr tut die Werke eures Vaters.

Jetzt nimmt Jesus Abraham in Schutz. Was ihr plant, hat er nicht getan, hätte er nie getan. „Abraham hasste nicht die Wahrheit, noch hatte er Lust am Mord.“ (S. Schulz, aaO.; S. 136) Ich, Jesus, sage euch die Wahrheit und ihr antwortet mit Mordplänen. Größer kann die Diskrepanz zwischen ihnen und Abraham nicht sein.

Hinter den Worten steht wohl auch die Debatte darum, ob sich die christliche Gemeinde zu Recht darauf beruft, dass sie Abrahams Kinder sind. Nachkommen Abrahams. Die Berufung auf Abraham wird in dieser Debatte oft in ihrer Rechtmäßigkeit wechselseitig in Frage gestellt „Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen könntet: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.“ (Matthäus 3,9) Die Behauptung der christlichen Gemeinde: Die Abstammung macht es nicht.

Es ist der Glauben, das gelebte Vertrauen auf Gott, das zu Abrahams Kindern macht. „Der ist unser aller Vater – wie geschrieben steht (1.Mose 17,5): »Ich habe dich gesetzt zum Vater vieler Völker« – vor Gott, dem er geglaubt hat, der die Toten lebendig macht und ruft das, was nicht ist, dass es sei. Er hat geglaubt auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen war, dass er der Vater vieler Völker werde.“ (Römer 4, 16c.17) Das ist von Abraham zu lernen, das Vertrauen auf den Gott, der aus den Toten ruft. Die Hoffnung festzuhalten, wo nichts mehr zu hoffen ist. Dennoch.

Wenn das so stimmt, drängt alles im Gespräch Jesu auf die Frage hin: Wer steht denn dann hinter den Werken der Juden? Was steht hinter ihnen? Was ist ihr Ursprung?

 Da sprachen sie zu ihm: Wir sind nicht unehelich geboren; wir haben “einen” Vater: Gott.

            Das ist bei Jesu Zuhörern angekommen. Und deshalb beteuern sie: Wir haben “einen” Vater: Gott. Unehelich – das ist ein Makel. Damals und noch lange Zeit danach. Heute ist es – verbal hoffähig: alleinerziehend. Was soll’s. Ich packe das auch alleine. Ich wage es nicht zu entscheiden, ob dieser oft laut proklamierten Wahrheit auch die empfundene Wahrheit und die gelebte Wirklichkeit entspricht. Allerdings gibt es darüber kaum Zweifel. Es ist eine Hypothek für die Zukunft eines Kindes, wenn es unehelich ist, alleinerziehend aufwächst. Es ist abgeschnitten von vielen Möglichkeiten, die andere haben.

 42 Jesus sprach zu ihnen: Wäre Gott euer Vater, so liebtet ihr mich; denn ich bin von Gott ausgegangen und komme von ihm; denn ich bin nicht von selbst gekommen, sondern er hat mich gesandt. 43 Warum versteht ihr denn meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt!

Das ist schon hart, aber noch nicht unerträglich. Es ist auch nicht wirklich neu. Unermüdlich hat es Jesus schon zuvor gesagt: Ich bin gesandt. Ich komme von Gott. Ich sage, was ich von ihm habe. Und auch, dass er die Argumente umdreht, ist nicht neu. An eurem Widerstand gegen mich zeigt sich euer Widerstand gegen Gott. An der fehlenden Liebe zu mir die fehlende Liebe zu Gott.

Das ist ja die Grundthese, die sich, vielfältig variiert, durch das Johannes-Evangelium zieht: In Jesus haben wir es mit Gott zu tun. Und um mit dem Vater in Kontakt zu kommen, in eine heilsame Beziehung, braucht es den Glauben an Jesus, das Hören auf ihn, das Vertrauen  zu ihm.

Und auch das kennen wir schon: Ihr versteht meine Sprache nicht, weil ihr mein Wort nicht hören könnt! Jesus redet aus einer Wirklichkeit und von einer Wirklichkeit, die er kennt und die seinen Zuhörern verschlossen ist. „Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen und bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an.“(3,31b.32) Das ist aber nicht Bosheit, auch nicht Dummheit. Das ist Folge der Unfähigkeit, das eigene Selbstverständnis in Frage gestellt zu erleben. Sich dem „ganz Anderen“ zu öffnen und zu verstehen: die Welt versteht sich nicht aus sich selbst. Sie braucht das Wort von außen. Gott von außen. Der nicht in der Welt aufgeht. Die Welt Jesu ist eine kategorial andere Welt als die seiner Zuhörer. Er kommt aus Gottes Welt.  Sie sind von dieser Welt, dieser Erde.

44 Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun.

Das ist der Super-Gau. Der undenkbar schlimmste Angriff auf die Juden. Jesus in den Mund gelegt. Der furchtbare Folgen und Schuld gezeitigt hat in der Christenheit. Nicht nur in Deutschland. Aber dann bei uns in einem Ausmaß, das bis heute Christenmenschen aus Deutschland beschämen muss.  Theologen zumal. Weil wir es nicht verstanden haben, den Geist des Antisemitismus und Antijudaismus zu sehen und ihm Paroli zu bieten. Ihn aus den Gemeinden zu vertreiben. Mit einem regelrechten Exorzismus. Wenn jemals Exorzismus am Platz war, angesagt, dann diesem Ungeist gegenüber.

Hilft es, daran zu erinnern, dass Jesus zu seinem Jünger sagt: „Geh weg von mir, Satan!“ (Matthäus 16,23)? Dass er in einer aufgeregten Debatte im Tempel zu den Pharisäern und Schriftgelehrten sagt: „Ihr Schlangen, ihr Otternbrut! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?“(Matthäus 23,33) Hilft es daran zu erinnern, dass Jesus dies ankündigt: „Wenn der Hausherr aufgestanden ist und die Tür verschlossen hat und ihr anfangt, draußen zu stehen und an die Tür zu klopfen und zu sagen: Herr, tu uns auf!, dann wird er antworten und zu euch sagen: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her?“ (Lukas 13,25)

Hilft es, wie ich es in Kommentaren wieder und wieder lese: Die Juden sind ja gar nicht als die Juden gemeint. Sie stehen für alle Menschen. Für die Welt, die ihren Ursprung in Gott vergessen hat. Für alle, die sich Gott hochmütig verweigern. Für die Unfähigkeit des natürlichen Menschen, das Wort Gottes zu vernehmen. Das wird hier erklärt: Der natürliche Mensch ist von unten. Hinter ihm steht nicht der Herrgott, sondern der Böse. Hilft das?

Ich meine nein, es hilft nicht. Weil dieses Wort ja den Ursprung Israels ver-nichtet. Im wahrsten Sinn des Wortes: Zunichte macht. Israel, das doch nur durch die Wahl Gottes ist, was es ist, Volk Gottes wird hier diese Herkunft bestritten. „Teufelspack.“ „Satansbraten.“ Was im Zorn gesagt furchtbar ist, wird hier in eine theologische, geistliche Debatte eingeführt. Und umso furchtbarer.

Das Gefährliche an diesem Satz ist, dass er aus der Diskussion heraus gelöst und zu einer Seins-Aussage hochstilisiert wird. Dann ist er nicht mehr nur ein „Ausrutscher“ in einer heftigen Debatte, sondern er wird zu einem endgültigen Urteil. Es ist so, als würde das in der Hitze zu einem anderen gesagten: „Du Schwein“ zur grundsätzlichen Aussage über diesen Menschen, nach dem Motto: `Einmal Schwein, immer Schwein.’

Auch das wird man wohl sagen müssen: dieser Satz ist oft benützt worden, um sehr egoistische Interessen zu legitimieren.  Diesen „Teufelskindern“ durfte man ans Eigentum gehen.

Und auch, was dann übertragen gemeint sein soll, ist doch furchtbar: Der natürliche Mensch, der den Teufel zum Vater hat. Das ist für mich nicht in eins zu bringen mit den Sätzen aus dem Schöpfungsbericht: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie.“ (1.Mose 1, 27-28) Nicht in eins zu bringen mit der Freude Gottes an seiner Schöpfung: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1, 31) Hier gerät der Evangelist Johannes ins Schleudern mit seiner Weltsicht, in der er nur Verlorenheit sehen kann, Blindheit für Gott.

Ein Letztes: Dieses Wort ist auch ein Zeichen für die Härte der Auseinandersetzungen zwischen christlicher Gemeinde und Synagoge in der Entstehungszeit des Johannes-Evangelium. Er wirkt wie eine Antwort auf das Achtzehn-Bitten-Gebet der Synagoge in dieser Zeit: „Den Abtrünnigen sei keine Hoffnung, und die überhebliche Herrschaft rotte schnell aus in unseren Tagen. Und die Nazarener und Minim mögen plötzlich zugrunde gehen. Sie mögen ausgewischt werden aus dem Buch des Lebens und mit den Gerechten nicht hinein geschrieben werden.“ (zit. nach K. Wengst, aaO.; S.54) Wie fremd stehen sich Juden und Christen, die aus dem Volk der Juden stammen, gegenüber. Fremd und unversöhnlich. Was für ein Kontrast zu dem, was in der Gemeinde gilt: „Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“ 1. Johannes 4, 21) Ich spüre, wie schwer es ist, nach außen zu leben, was nach innen gilt.

Also: ein bitter schwerer, belasteter Satz. Und doch sagt ihn der „johanneische Jesus“. Weil die Verfolgung, die er durch die Juden erfährt, der Hass, der ihm entgegen schlägt, der Mord, zu dem er nach Golgatha geschleppt werden wird, „teuflisch“ ist. Geboren auch aus niederen Instinkten wie Hass, Eifersucht, Neid, Anmaßung, Hochmut, Überheblichkeit, Feigheit – und auch Mordlust.

Und hinter diesem Geschehen, an dem Menschen ihren Anteil haben, steht der, der ein Mörder von Anfang an ist.  

Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er Lügen redet, so spricht er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge. 45 Weil ich aber die Wahrheit sage, glaubt ihr mir nicht.

Er spielt sein Spiel, jenseits aller Wahrheit. Sein Spiel, das Leben vernichtet, das Treue verraten lässt, das Redlichkeit lächerlich macht, dass den Eigennutz als Motor des Handelns regelrecht „adelt“. Ein Lügner, ein Täuscher, ein Meister der Falschheit von Anfang an. Und darin ist er sich selbst treu. Und versucht, für sein Spiel einzufangen, zu benützen, wer naiv genug ist, ihm seine Lügen zu glauben.

Es ist seine Verführungskunst, dass Menschen ihm glauben: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Dass sie ihm glauben: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott – und nicht  erkennen, wie er sie so dazu verführt, ihr eigener Gott sein zu wollen. Es ist seine Verführung: Wenn du dich auf Gott verlässt, bist du gottverlassen. Es hört sich alles so vernünftig an – und ist doch Lüge.

Dem gegenüber steht die Wahrheit, die Jesus sagt. Du kannst Dich dem Vater anvertrauen. In mir ist dir seine Liebe zugesagt und zugewendet. „Worte, nur Worte“, flüstert der Teufel und findet offene Ohren.

 

Mein Gott, Woher komme ich, Wohin gehe ich, Wie kann es gehen, dass ich mich nicht gefangen nehmen lasse im Kreis der Welt, dass ich den Blick für den offenen Himmel nicht verliere.

Mein Gott, hilf mir, dass ich mich nicht selbst reduziere auf meine Herkunft, die Jahre meines Lebens, auf meine Lebensleistung und das Ziel am Ende – das Grab.

Hilf mir, dass ich Dir glaube, dass meine Zukunft in Dir liegt, weil Du auf mich zukommst, auf mich und alle Welt. Amen