Wirklich frei

Johannes 8, 30 – 36

30 Als er das sagte, glaubten viele an ihn.

Erstaunlich. Über eine lange Zeit hin berichtet Johannes von Auseinandersetzung, Skepsis, ja Ablehnung Jesu. Und jetzt: Viele glaubten  an ihn. Nicht nur einige wenige. Viele. Und auch das wird man sagen müssen: Johannes formuliert hier nicht skeptisch. Nicht mit der Frage, ob dieser Glauben denn auch wohl „echter Glaube ist“ (R. Bultmann, aaO.; S.332), ob es sich nicht „nur um begeisterte Zustimmung“ (S. Schulz, aaO.; S.134) handelt, ob sie nur beeindruckt sind von seinen Worten.

 31 Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger 32 und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

            Jesus wendet sich nun ausdrücklich an sie, die Juden, die an ihn glaubten. Hier steht ein Wort, das ihren Glauben als eine grundsätzlich getroffene Entscheidung markiert. Keine Augenblicks-Erregung. Das ist wichtig, um die Worte Jesu zu verstehen. Er sagt hier nicht: Wenn euer Glauben echt ist, dann… Er spricht nicht aus Misstrauen heraus.

Aber er benennt eine Wachstums-Bedingung des Glaubens. Wenn man so will: eine Voraussetzung dafür, dass der Glauben Lebenskraft gewinnen kann. „Die Zugehörigkeit zu Jesus versetzt nicht ruckartig in einen Zustand der Perfektion, sondern sie führt zu einem immer neuen Zufassen und Ergreifen.“ (G. Voigt, aaO.; S.146) Und wieder einmal ist das Wort Jesus – in der erzählten Zeit an die Juden gerichtet – für die Zeit der lesenden Gemeinde ein Wort an die Gemeinde: Bleiben am Wort Jesu lässt zu Jüngern werden und lässt Jünger sein.

In meiner Sprache: Es geht vom Christ werden zum Christ sein. Das ist kein automatischer Vorgang. Dazu braucht es Bleiben am Wort Jesu. Μένειν, bleiben ist ein Hauptwort für Johannes, wenn er beschreiben will, was Glauben ist. Glauben ist bleiben, bei Jesus bleiben, sein Wort in sich aufnehmen, es sich gesagt sein lassen und daraus leben. Glauben ist nie nur Augenblicks-Erfahrung, sondern ausgerichtet auf das ganze Leben.

Darum auch hier: Bleiben gehört dazu, sagt Jesus, damit sie wahrhaftig meine Jünger sind. Werden. Damit sie die Wahrheit erkennen. Wenn die Griechen nach Wahrheit, ἀλήθεια,  fragen, so fragen sie nach dem Grund allen Seins hinter den Erscheinungen der Welt. Das ist hier nicht gemeint. „Dem Glaubenden wird nicht eine rationale Erkenntnis verheißen, kraft deren er den Schein, die traditionellen Meinungen und Vorurteile durchbrechen könnte und eine unverstellte, umfassende Sicht in das Seiende gewönne, um je nach Bedarf und Interesse das Einzelne richtig zu erkennen.“ (R. Bultmann,aaO.; S. 332f.)

            Sondern gemeint ist die Wahrheit, die das Leben trägt, weil sie aus Gott ist und zu Gott bringt. Zuverlässig. Belastbar. Gemeint ist sicher: Wer Jesus in Wahrheit ist. Der Gesandte des Vaters. Das Licht der Welt. Der Weg zum Leben. Der gute Hirte. Was er in Wahrheit gibt: Brot des Lebens. Wasser des Lebens.

Und diese Wahrheit macht frei. Weil sie den Weg ins Vaterhaus frei macht. Weil sie herauslöst aus dem Suchen der Ehre durch Menschen. Unabhängig macht vom Urteil Anderer. Weil sie in der Bindung an Jesus zugleich die Welt übersteigen lässt. Nicht vernachlässigen. Nicht gering schätzen. Aber sie lehrt, dass der Horizont des Lebens größer ist als der Weltkreis. Weiter reicht als die paar Jahre Lebenszeit.

Johannes hat es, im Gegensatz zu Paulus, nicht so mit der Freiheit. Nur hier, in diesem Abschnitt, redet er von der Freiheit. Und bindet sie ganz konsequent an die Wahrheit. Wo keine Wahrheit ist, kann keine Freiheit sein. Die Wahrheit Gottes ist die Bedingung aller Freiheit, die tiefer geht.

Bezeichnender Weise spricht Johannes von Freiheit so, dass er von frei sein spricht und vom frei gemacht werden. Freiheit ist keine urmenschliche Eigenschaft. Sie entsteht unter der Wahrheit Gottes. Das könnte ein bisschen gelassen machen angesichts all der modernen Debatten um den freien und unfreien Willen. Es ist deutscher Idealismus und nicht biblischer Realismus, der dichtet: „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd’ er in Ketten geboren.“ (F. Schiller, die Worte des Glaubens 1797)

Johannes sieht die Freiheit als eine Gabe Jesu. Den freien Menschen als einen, der empfangen kann. „Im normalen Leben wird es einem oft nicht bewusst, dass der Mensch überhaupt unendlich viel mehr empfängt als er gibt und dass die Dankbarkeit das Leben erst reich macht. Man überschätzt recht leicht das eigene Wirken und Tun in seiner Wichtigkeit gegenüber dem, was man nur durch andere geworden ist.“ (D. Bonhoeffer, ohne Fundort-Angabe)

 33 Da antworteten sie ihm: Wir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden?

            Sie, die jetzt antworten sind die, die an ihn glauben. Nicht irgendwelche Gegner.  Nicht Feinde. Sie führen an, was sie gelernt haben, was bis dahin ihr Identitäts-Merkmal ist:  Wir sind Abrahams Kinder. Mehr Freiheit geht doch gar nicht. Sie vergessen nicht und überspringen nicht, wie oft Israel, in der Knechtschaft war. Sie wissen auch, dass sie aktuell, politisch gesehen, alles andere als frei sind. Es gibt ein Leiden unter der Abhängigkeit von Rom. Aber – das alles hat sie doch nie unfrei werden lassen. Sie haben sich ihre innere Unabhängigkeit bewahrt. Sich nicht knechten lassen, in eine Untertanen-Mentalität hinein  treiben lassen. Die Römer können ein Lied von diesem Freiheitswillen der Juden singen.

Wir sind Abrahams Kinder. Mehr Gottesnähe geht doch gar nicht. Das ist das Geheimnis der Freiheit der Juden: „Wer vor Gott aufrecht stehen kann, muss sich vor keinem Menschen bücken.“ Was für eine Freiheit also soll das denn sein, von der du, Jesus, redest? Die uns noch fehlt?

Ich denke weiter: Wer sagt: „Ich bin so frei“, wie soll der sich darauf angewiesen fühlen, erst noch frei zu werden? Und was soll Freiheit für den denn sein, der alles darf und alles hat und alles kann? Wir erleben es ja gerade auch in unserem Land: Die Strahlkraft des Wortes „Freiheit“ scheint nachzulassen in einer Gesellschaft, die nur die Überfülle kennt, die vollen Regale in den Geschäften, das pralle Angebot und immer die Aufforderung hört: Zugreifen. „Ja. Du darfst!“

Es ist offensichtlich – von dieser Freiheit redet Jesus nicht. Es wäre ein großes Missverständnis, ihn so zu hören: Frei sein ist alles können, alles dürfen, grenzenlos.

 34 Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. 35 Der Knecht bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig. 36 Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.

Freiheit gibt es nur da, wo die Sünde ihre Macht verloren hat. Es ist das Wesen der  Sünde,  ἁμαρτία, dass sie das Leben knechtet. Gefangen nimmt. Auf die falsche Spur setzt. Das griechische Wort kommt aus der Sprache der Bogenschützen und meint: Zielverfehlung. Da ist einer hartnäckig auf dem Weg – zum falschen Ziel. Er kommt immer weiter.  Schneller. Erfolgreich. Aber das Ziel ist falsch und bleibt falsch.

Wir stolze Menschenkinder sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.               M. Claudius 1779, EG 482

            „Nicht von-Gott-her sein wollen und nicht auf-Gott-hin: das ist Sünde. Die Sünde kann, als stolze Eigenmächtigkeit, imponierende Gestalt haben. Sie kann sich auch in ihrer religiösen Spielart rechthaberisch und hochmütig vor und gegen Gott behaupten wollen. Der Sünder ist kein freier Mensch.“(G. Voigt, aaO.; S.146)

Ich stimme zu und frage sofort weiter: Warum ist das so? Warum ist der Sünder nicht frei? Meine Antwort: Weil er unter dem Gesetz bleibt. Unter dem Gesetz, dass er nur ist, was er aus sich macht. Weil sich das wie eine eiserne Klammer um sein Leben legt: Du bist nur wer, wenn du etwas erreichst. Wenn du das entscheidende Tor schießt, katapultierst du dich in die Ewigkeit. Wenn du das große Geschäft einfädelst. Wenn du die Spitze der Karriere-Leiter erreichst. Wenn nicht, bist du ein Verlierer. Und bleibst ein Verlierer. Es liegt an dir. Nur an Dir. An Dir allein.

Es ist nicht so weit her mit der Freiheit des autonomen Menschen. Sie ist das Gesetz, unter dem er steht. Und wir sehen in unserer Zeit, wie sie scharenweise an diesem Gesetz zerbrechen, ausbrennen, scheitern.

Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei. Die Freiheit, in die der Sohn führt ist: Empfangen. Sich beschenken lassen. Glauben, dass ich geliebt bin – vor allen Leistungen, mit allen meinen Niederlagen, auf all meinen Irrwegen, auch in meinem Scheitern, an mir selbst und an der Welt. Das ist die Freiheit Jesu: Dass er uns mitnimmt auf den Weg in das Vaterhaus. Dorthin, wo der Sohn ewig bleibt – und die Söhne und Töchter auch. Dass er uns die Liebe des Vaters zulebt, zusagt, vorlebt, vorsagt – bis wir glauben.

 

Herr Jesus, wie gefährlich ist das, sich sicher sein im eigenen Glauben. Nicht mehr offen für das neue Wort, die neue Erfahrung, für Dein Wort.

Wie rasch bin ich zufrieden mit dem, was ich verstanden habe, gelernt habe, mir mühsam genug erarbeitet habe.

Gib mir, dass ich mich nicht häuslich einrichte in meinem Wissen, meinem Glauben, sondern bereit bleibe, auf Dich zu hören, ganz neu. Amen