Unser Denken ist zu klein

Johannes 8, 21 – 29

21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Ich gehe hinweg und ihr werdet mich suchen und in eurer Sünde sterben. Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen.

Das Gespräch, oder wahrscheinlich sagt man besser: Die Debatte, setzt sich fort. Ich gehe hinweg – sagt Jesus. Und sagt damit, wenn auch verschlüsselt: Ich gehe ins Sterben. Ans Kreuz. Eine Leidensansage, aber nicht so deutlich, wie sie in den synoptischen Evangelien formuliert sind.  Es ist sein Weg und er geht ihn, nicht passiv, sondern in eigener Souveränität, im Gehorsam gegenüber dem Vater.

Er wiederholt, was er schon beim Laubhüttenfest gesagt hat: “Ihr werdet mich suchen und nicht finden; und wo ich bin, könnt ihr nicht hinkommen.”(7,33) Es gibt eine Zeit, ihn zu suchen. Es gibt auch die Einladung Jesu, offen, für jedermann und jedefrau, ihn zu suchen: “Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.” (Matthäus 7,7) Aber diese Zeit ist nicht jederzeit, beliebig. Sie ist da, wenn er redet, ruft, einlädt. “Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verstockt euer Herz nicht.”(Hebräer 3,15) Aber wenn diese Zeit vorüber ist, wird alles Suchen vergeblich sein.

Auf seinem Weg hinweg werden sie ihn nicht mehr hindern können. “Ihr werdet mich suchen” das klingt wie ein leiser Triumph: Ich werde auch nach dem Karfreitag noch da sein, weiter wirken, ja erst recht wirksam werden; nur: dorthin werdet ihr keine Voruntersuchungs-kommission mehr entsenden und dort werdet ihr mich nicht mehr verhaften können.” (G. Voigt, aaO.;, S. 143)

22 Da sprachen die Juden: Will er sich denn selbst töten, dass er sagt: Wohin ich gehe, da könnt ihr nicht hinkommen?

Prompt wird er von den Juden deutlich missverstanden: Will er sich denn selbst töten? Sich dem Zugriff der Obrigkeit so entziehen, durch eine der schlimmsten Taten, die für einen Juden denkbar sind? Denn nichts ist so schlimm, wie die Gabe des Lebens, die doch Gabe des Schöpfers ist, zu verwerfen.

 23 Und er sprach zu ihnen: Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. 24 Darum habe ich euch gesagt, dass ihr sterben werdet in euren Sünden; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden.

Jesus deckt den Grund ihres Unverständnisses auf:  Ihr seid von unten her, ich bin von oben her. Die Juden können nur in den Kategorien dieser Welt denken. Sie sind deshalb blind für seinen Weg. Sie können ihn nicht verstehen. Sie könnten es nur, wenn sie ihm glaubten: Ich bin es. Wieder steht hier: ἐγώ εἰμι. Ich bin.  Das „es“ der deutschen Übersetzung fehlt im Griechischen. Es ist der absolut gebrauchte Ausdruck, die Selbstbezeichnung Gottes. „Ihr seid meine Zeugen, spricht der HERR, und mein Knecht, den ich erwählt habe, damit ihr wisst und mir glaubt und erkennt, dass ich’s bin. Vor mir ist kein Gott gemacht, so wird auch nach mir keiner sein.“ (Jesaja 43,10) Eine Übersetzung des hebräischen ani hu. Ohne Bildwort. Damit sagt Jesus nicht mehr und nicht weniger als: In mir ist Gott gegenwärtig.

Das erklärt auch diese Formulierung: ihr werdet sterben in euren Sünden. Weil sie in der Distanz zu ihm bleiben, nicht an ihn glauben, deshalb sind sie in Sünden. Nicht, weil sie irgendwelche moralischen Defekte hätten.

 25 Da fragten sie ihn: Wer bist du denn?

            Wenig früher hatten die Juden gefragt: Wo ist dein Vater? Jetzt also: Wer bist du denn? Vielleicht muss man übertragen: Was machst Du aus Dir? Was bildest Du dir ein?

Und Jesus sprach zu ihnen: Zuerst das, was ich euch auch sage. 26 Ich habe viel von euch zu reden und zu richten. Aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.

            Die Antwort  Jesu ist schlicht: Der, der mit euch redet. Und es gilt zu hören, was ich euch sage. Eine andere Auskunft bekommt ihr nicht. Auf das Suchen nach einer Auskunft über Jesus antwortet er nach den Synoptikern: „Aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.“ (Matthäus 12,39) Sein Wort und sein Weg zeigen, wer er ist. Was er sagt, kommt vom Vater und wer ihn hört, auf ihn hört, wird das erkennen. Denn Jesus redet nicht aus dem eigenen, vertritt nicht sein menschlich gewordenes Selbstverständnis:  Was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.   

27 Sie verstanden aber nicht, dass er zu ihnen vom Vater sprach.

Wieder scheitern die Zuhörer in ihrem Verstehen. Weil sie von unten sind. Weil sie denken, wie die Welt denkt. Weil sie gar nicht anders können.

Ich frage mich: Bildet sich hier auch die Situation des Gespräches der Gemeinde mit denen ab, die nicht, noch nicht glauben können? Es gibt diese Situation, in der alles gesagt ist, alles geklärt ist. Aber damit es zum Glauben kommt, braucht es mehr als dass alles gesagt ist. Braucht es erleuchtete Augen, geöffnete Ohren, das berührte Herz. „Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?“ (Lukas 24, 33-34) Der Schritt zum Glauben ist keine Sache der guten Argumente, der sauberen theologischen Gedankenführung, auch nicht des frommen Willens – er ist Geschenk. Der Geist Gottes  öffnet die Augen, die Ohren und das Herz.

28 Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich. 29 Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.

Sie werden ihn ans Kreuz bringen. Ihn erhöhen. Das weiß Jesus. Und dort, dort ist der Ort ihn zu erkennen. Und anzuerkennen. Es liegt ein großer Ernst über diesen Worten: „Die, die jetzt den Glauben verweigern, werden ihn dann nicht als den Offenbarer sehen, sondern als den Richter.“ (R. Bultmann, aaO.; S.266) „Dann“ ist am Ende der Zeiten.

                Mich stört an diesen Worten, dass sie so klingen, als könnten Menschen, die Juden damals und wir heute, doch aus uns selbst heraus frei entscheiden, ob wir glauben oder nicht. Als wäre Nicht-Glauben ein Nicht-Glauben-Wollen. Aus Bosheit. Dummheit. Borniertheit. Oder was auch immer. Ich halte es da lieber mit Johannes, wie ich ihn verstehe. Das der Schritt zum Glauben die unmögliche Möglichkeit ist, der Wechsel, der immer ein Wunder ist, nie von uns gemacht, sondern allemal von Gott geschenkt.

Dort, am Kreuz also, wird es offensichtlich, dass ich es bin – wieder dieses absolut gebrauchte ἐγώ εἰμι, ich bin –  und nichts von mir selber tue.

               Schweigen müssen nun die Feinde vor dem Sieg von Golgatha.
Die begnadigte Gemeinde sagt zu Christi Wegen: Ja!
Ja, wir danken deinen Schmerzen; ja, wir preisen deine Treu;
ja, wir dienen dir von Herzen; ja, du machst einst alles neu.                                                              F. von Bodelschwing 1938, EG 93

Dieses Ja ist geistgewirkt, Gott-geschenkt. Der Gnade gedankt. Bei allen, die es sagen.

Aber – und es ist wie ein Vorgriff : Dort, am Kreuz, bin ich nicht allein. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt. Kein Einspruch des Johannes gegen das, was Markus als letztes Wort Jesu überliefert: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34) Aber eine andere Sicht. Eine, die der Sicht widerspricht, dass er am Kreuz der ist, der zu hoch „gepokert“ hat und am Ende mit leeren Händen und verlassen da steht. Eine Sicht, die schon von Ostern her auf das Geschehen schaut.

 

Herr Jesus, schenke uns offene Augen, geöffnete Ohren, bereitete Herzen für Dich. Hilf uns über die Schwelle, die uns von Dir trennt, dass wir von unten sind und Dich nicht begreifen mit unserem Verstand, unseren Sinnen, unserem Blick auf das Leben und die Welt.

Gib uns Deinen Geist, der uns erleuchtet, und unser Herz zu Dir zieht. Kehre Du bei uns ein. Amen