Sehnsucht nach dem größeren Leben

Johannes 7, 32 – 39

32 Und es kam den Pharisäern zu Ohren, dass im Volk solches Gemurmel über ihn war. Da sandten die Hohenpriester und Pharisäer Knechte aus, die ihn ergreifen sollten.

Was da im Volk so umgeht an Meinungen, Fragen, bleibt nicht verborgen. Es kommt den Pharisäern zu Ohren. Diese Formulierung wirkt fast so, als seien die Pharisäer hier wie eine Institution verstanden. Das trifft ein bisschen die Wirklichkeit nach dem Jahr 70. Da sind sie die organisierte Gruppierung des Judentums. Aber zur Zeit Jesu sind sie nur eine unter vielen Gruppen. Zusammen, in Abstimmung  mit den Hohenpriestern senden die Pharisäer Truppen, um Jesus zu ergreifen. Dem Spuk ein Ende zu machen.

33 Da sprach Jesus zu ihnen: Ich bin noch eine kleine Zeit bei euch, und dann gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat. 34 Ihr werdet mich suchen und nicht finden; und wo ich bin, könnt ihr nicht hinkommen.

Zu ihnen – das könnten die Knechte sein. Logischer aber sind die Hohenpriester und Pharisäer die Adressaten der Worte Jesu. Ihnen kündigt Jesus ihr vergebliches Suchen an, ihren vergeblichen Zugriff. Ihnen kündigt er sein Gehen an zu dem, der ihn gesandt hat. Bis dahin ist es nicht mehr lange. Eine kleine Zeit – eine Wendung, die noch oft im Johannesevangelium auftauchen wird. Auch im Gespräch mit den Jüngern.

Das sind keine leicht dahin gesprochenen Sätze. Jesus sieht die Knechte, die ihn ergreifen sollen. Er weiß, was im Hintergrund und in Hinterzimmern verhandelt wird. “Jesus weiß, wie gefährdet er ist.” (G.Voigt, aaO.; S.129) In den anderen Evangelien zeigen die Leidensansagen Jesu dieses Wissen Jesu.

35 Da sprachen die Juden untereinander: Wo will dieser hingehen, dass wir ihn nicht finden könnten? Will er zu denen gehen, die in der Zerstreuung unter den Griechen wohnen, und die Griechen lehren? 36 Was ist das für ein Wort, dass er sagt: Ihr werdet mich suchen und nicht finden; und wo ich bin, da könnt ihr nicht hinkommen?

Einmal mehr werden Jesu Worte gründlich missverstanden. Sie fragen: Kündigt er seine Auswanderung an? Will er in der Diaspora Gefolgschaft suchen? Will er womöglich den Heiden seine Botschaft sagen? Unter der Hand wird der Weg des Evangeliums hier angedeutet – in die Diaspora und hin zu den Heiden.

Es ist vielleicht spöttisch gemeint, was die Juden da untereinander sagen: Seht, er bereitet seine Flucht vor. Aber was sie für Flucht-Möglichkeit halten, weiß Johannes, ist in der tat der Weg des Evangeliums geworden. Es ist keine jüdische Winkelangelegenheit geblieben, es ist hinaus gegangen in die jüdische Diaspora und zu den Völkern. Bis an die Enden der Erde. Wer hätte das damals in Jerusalem im Tempel gedacht?

37 Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! 38 Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Ein Sprung in der Erzählung. Es ist nicht deutlich, wie der Zeitablauf ist. Sollte etwa der Zugriff der Knechte am letzten Tag des Festes, auf seinem Höhepunkt erfolgen?  Das passt nicht zu der Strategie, die andere Evangelisten von den Hohenpriestern kennen: „Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.“ (Markus 14,2)

            Was geschieht da gewöhnlich, rituell am Laubhüttenfest? „Unter lauten Freudenbekundungen wird die Zeremonie gefeiert, Wasser aus der Gihon-Quelle zum Tempel zu tragen und als Gussopfer auf den Altar zu gießen, und man betet um Gottes Segen, damit der Segen zur rechten Zeit komme.“ (O. Dyma, Wasser Fackeln und Trompeten, Der Wallfahrtsbetrieb in Jerusalem, in : Welt ud Umwelt der Bibel, 3/2014) –  „Das Wort Jesu knüpft wohl an die Wasserspende an, die am letzten Tag des Festes besonders feierlich war.“ (J. Schneider, aaO.; S.169) Das also ist der Festinhalt des letzten Tages: Eine Wasserspende.

            An diesem Höhepunkt des Festes tritt Jesus auf. Mit seiner Botschaft: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! 38 Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Dem Angebot des Heils. Es sind Worte, die neben dem Heilandsruf stehen könnten: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11, 28-30) 

Jesus – Wasser des Lebens. Wer an ihn glaubt, ist angeschlossen an diese nie versiegende Quelle. Und wird anderen selbst zur Quelle! Im gedanklichen Hintergrund vermute ich die Bilder von dem Strom des lebendigen Wassers, der aus der Tempelquelle fließt. „Und er führte mich wieder zu der Tür des Tempels. Und siehe, da floss ein Wasser heraus unter der Schwelle des Tempels.Und an dem Strom werden an seinem Ufer auf beiden Seiten allerlei fruchtbare Bäume wachsen; und ihre Blätter werden nicht verwelken und mit ihren Früchten hat es kein Ende. Sie werden alle Monate neue Früchte bringen; denn ihr Wasser fließt aus dem Heiligtum. Ihre Früchte werden zur Speise dienen und ihre Blätter zur Arznei. (Hesekiel 47, 1 +12) Leben ansteckendes Leben.

Und natürlich spielen Jesu Worte am Jakobsbrunnen mit hinein: „Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ (4,14) 

„Jesu Einladung lässt völlige Freiheit und bedrängt niemand. „Wenn jemand dürstet“, sagt Jesus. Diese Einladung ist von schrankenloser Weite. Jeder kann dieser „Jemand“ sein. Keine besonderen Voraussetzungen, keine Werte und Leistungen irgendwelcher Art werden von ihm verlangt. Jeder darf kommen, wie er ist.“ (W. De Boor, aaO,; S.246) So weit macht Jesu die Tür auf. Und doch wird nur kommen, wer hört. Und wird nur der erfahren, der hört und kommt, dass diese Einladung Leben birgt, Heil.

Im Tempel das Angebot des Heils – Jesus selbst. Es ist kein Zweifel: Er in Person ist das Heil. Nicht nur eine Lehre, die er lehrt. Nicht nur eine Tat, die er tut. Er in Person. Und wer durch den Glauben zu ihm gehört, sich an ihn bindet, der gewinnt das Heil.

Man wird wohl auch sagen müssen: Mit diesem Wort Jesu ist das Ende des Laubhüttenfestes für die Gemeinde Jesu besiegelt. Wenn er das Wasser des Lebens ist und gibt, wenn der, der an ihn glaubt, zur Quelle wird, dann ist damit dem Kult dieses Festes ein Ende gesetzt. Es ist überholt. Durch die Ausgießung des Geistes. Auch wenn die im Johannes-Evangelium erst viel später erzählt wird – und exklusiv auf den Kreis der Jünger beschränkt erscheint. „Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“ (20,22-23)

39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

            Das ist eine der Stellen, wo der Evangelist zu seinem eigenen Kommentator wird. Er erläutert aus der Jetzt-Zeit heraus, was er erzählt. Und deutet. Wasser und Geist gehören zusammen. „Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen.“ (Jesaja 44,3) Weil der Geist noch nicht da ist, Jesus noch nicht verherrlicht ist, kann Jesus noch nicht Klartext reden. Bezieht er sich zurück auf die alttestamentlichen Verheißungen. Die Gemeinde aber, die das liest, die kann wissen: Im Wort vom Wasser verspricht Jesus den Geist. Der uns heute leitet. Erfüllt.

 

Gott, wir sehnen uns nach Leben, das nicht in Gewohnheiten erstarrt, nicht in Bitterkeit erstickt, nicht in Fraglosigkeit verstummt, nicht in Anpassung vertrocknet. Wir sehnen uns nach Leben, das einer frischen Quelle gleicht, an der wir mit anderen den Durst stillen können.

Gott, wir sehnen uns nach Menschen, die mit uns fragen, mit uns klagen, mit uns leiden, mit uns kämpfen, mit uns warten, mit uns lachen, mit uns tanzen.

Gott, wir brauchen Deinen Geist, damit wir die Sehnsucht bewahren und Hoffnung uns leiten kann, damit wir der Erde treu bleiben und uns dem Himmel öffnen. Gott, stille Du den Durst nach Leben, nach Hoffnung, nach Menschen, nach Dir. Gib Du uns die Fülle, die Jesus versprochen hat. Amen