Wissen und nicht wissen

Johannes 7, 25 – 31

25 Da sprachen einige aus Jerusalem: Ist das nicht der, den sie zu töten suchen? 26 Und siehe, er redet frei und offen und sie sagen ihm nichts. Sollten unsere Oberen nun wahrhaftig erkannt haben, dass er der Christus ist?

Das große Rätselraten im Volk über Jesus geht weiter. Diesmal verblüffend. Das Volk weiß von Plänen, doch wohl von den führenden Menschen in Jerusalem, die bis dahin nicht erwähnt worden sind: Ist das nicht der, den sie zu töten suchen? Irgendwie ist es ihnen doch zu Ohren gekommen, wie heftig der Streit um Jesus auch bei den Entscheidungsträgern tobt. Kaum vorstellbar erscheint es diesen Stimmen, dass die Oberen wahrhaftig erkannt haben, dass er der Christus ist. Wenn sie es aber erkannt hätten, würden sie ihn ja wohl auch anerkennen müssen?

27 Doch wir wissen, woher dieser ist; wenn aber der Christus kommen wird, so wird niemand wissen, woher er ist.

Aber dann, wie um alles Spekulieren zu entkräften: Er kann das ja gar nicht sein., Wir wissen ja, woher er kommt – aus Nazareth. Von dem gilt ja immer noch, geradezu sprichwörtlich: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“ (1,46) Der Christus aber würde kommen, ohne dass man weiß, woher. Das ist feststehende Überzeugung im Volk. Gelehrt wohl auch in den Synagogen. „Auch hier geht es Johannes um seine zentrale Aussage: die Welt meint, ihr Wissen über den Gottessohn zu haben, aber sie weiß im Grunde nichts.“(S. Schulz,aaO.; S.118) So wiegen sie sich, Bescheid wissend, in falscher Sicherheit.

 28 Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. 29 Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.

Genau das greift Jesus an: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Es ist ja wahr, sie kennen seine Herkunft aus Nazareth. Sie können sich erkundigen über die ersten Jahrzehnte seines Lebens. Auskünfte einholen. Aber damit wissen sie: Nichts. Man könnte den Satz auch als ironische Frage Jesu lesen, der griechische Wortlaut ermöglicht das: Mich kennt ihr? Wisst, woher ich bin? Ihr habt also den Durchblick? Und wieder ist die Antwort: Ihr wisst: Nichts. Hinter Jesus steht der, der ihn gesandt hat, nicht nur ein Wahrhaftiger, sondern der Wahrhaftige. Aber ihn kennen sie nicht.

Damit wiederholt Jesus, was er schon zuvor gesagt hat, was doch jeden Juden bis aufs Blut reizen muss: Ihr glaubt zu wissen, dass Gott euch erwählt hat, dass ihr das Volk Gottes seid. Aber ihr wisst nichts und ihr kennt Gott nicht. Erneuert seinen so grundlegenden Angriff: „Ihr habt niemals seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen und sein Wort habt ihr nicht in euch wohnen; denn ihr glaubt dem nicht, den er gesandt hat.“ (5,37-38) Mehr Provokation geht nicht. Das muss Jesus doch wissen. Das wissen auch die Leser des Johannes-Evangeliums in ihrer Zeit.

In dem ganzen Abschnitt wird mit den Worten „kennen“ und „wissen“ gespielt.  Die Bescheid zu wissen glauben, ihn zu kennen glauben, weil sie seine Herkunft wissen, die wissen und kennen in Wahrheit nichts.  Er aber weiß, wer der Wahrhaftige ist. ἐγὼ οἶδα αὐτόν – Ich kenne ihn. Warum? Er hat mich gesandt. Jesus macht seine Gottesgewissheit hier nicht argumentierend an seiner Herkunft von oben fest, nicht an der Präexistenz  – das alles bleibt gültig, aber hier im Hintergrund -, sondern an seinem  Gesandt-Sein. An seiner Aufgabe. „Nur als der Gesandte tritt er mit seinem Anspruch vor die Hörer, und nur wer ihn als den Gesandten anerkennt, erkennt, wer er ist und woher er kommt.“ (R. Bultmann,aaO.;  S.225)

Es gibt also kein Erkennen Jesu ohne sein Anerkennen. Das ist die Crux unzähliger Filme und Dokumentationen, die alle unter der Überschrift laufen: Wer Jesus wirklich war.  Sie wissen in Wirklichkeit: Nichts.

 30 Da suchten sie ihn zu ergreifen; aber niemand legte Hand an ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen.

            Die Reaktion lässt nicht auf sich warten. Sie suchten ihn zu ergreifen. Dass es nicht zum Zugriff kommt, im Tempel von Jerusalem, liegt, so lese ich zwischen den Zeilen, an der göttlichen Regie. Die Zeit ist noch nicht reif. „Sein Schicksal ist nicht durch menschliches Wollen, sondern durch göttliches Walten bestimmt.“ (R. Bultmann,aaO.;S.228) Darum greifen die Hände irgendwelcher Häscher, wenn sie denn überhaupt zugreifen wollen, ins Leere.

 31 Aber viele aus dem Volk glaubten an ihn und sprachen: Wenn der Christus kommen wird, wird er etwa mehr Zeichen tun, als dieser getan hat?

            Und doch gibt es auch die anderen Stimmen, Die aus dem Volk, die an ihn glauben. Überzeugt? Auf jeden Fall fasziniert: Mehr Zeichen – und gemeint ist hier ja wohl die Qualität der Zeichen und nicht die Quantität, mit der Johannes ohnehin sparsam umgeht im Vergleich zu den anderen Evangelisten – mehr Zeichen gehen doch auch bei dem Christus nicht. Mein Verdacht: das ist nicht der Glauben, den das Johannes-Evangelium wecken will. Allenfalls ein Anfangs-Schritt.

 

Herr Jesus, schenke es mir, dass ich nicht nur Bescheid weiß über Dich, nicht glaube, schon zu wissen, wer Du bist.

Gib mir offene Augen, Dich zu sehen auf den Wegen meines Lebens, in denen, die auf mich warten, meine Hilfe nötig haben, ein gutes Wort von mir brauchen, meine Zeit beanspruchen.

Begegne mir immer neu, damit ich Dir immer neu nahe komme, nachkomme. Amen