Erkenntnisweg: Den Willen Gottes tun

Johannes 7, 14 – 24

14 Aber mitten im Fest ging Jesus hinauf in den Tempel und lehrte.

Jetzt, mitten im Fest, ist es mit den Heimlichkeiten vorbei. Jesus lehrt – im Tempel.  Da, wo die Gottesgegenwart gefeiert wird, wo sich Menschen Orientierung für ihr Leben versprechen, da lehrt er. 

 15 Und die Juden verwunderten sich und sprachen: Wie kann dieser die Schrift verstehen, wenn er es doch nicht gelernt hat?

An seinem Lehren, doch wohl nach Form und Inhalt, entsteht Irritation bei den Juden. Er steht in keiner Lehrtradition – wie kann er da lehren? Er hat keine Ausbildung – woher soll da Durchblick kommen, Gotteserfahrung, Glaubenstiefe? Fragen, wie sie bis heute gestellt werden, wenn einer sich zu theologischen Sach-Verhalten äußert, ohne Studium, ohne den Ausweis: Der und der sind meine theologischen Lehrer. Da habe ich meine Examina abgelegt. Hinter mir steht die Autorität von XY oder doch wenigsten ein Auftrag der Kirche. Mit solchem Fragen findet sich manch einer verblüfft und verblüffend in der Nähe der fragenden Juden wieder.

Der Einwand hat sein Recht. Theologie ist kein Luxus. Die Schrift als Niederschlag und Zeugnis der Offenbarung Gottes soll sachkundig ausgelegt werden….. Wo man weiß, dass Gott sich in einem ganz bestimmten Geschehen zu erkennen gegeben hat, da muss man das Wer/Wo/Wann/Wie/Was zu erfassen und zu verstehen suchen, und dazu bedarf es solider methodischer und sachlicher Kenntnisse.”  (G. Voigt, aaO.; S.122f.)Wer wollte das ernsthaft bestreiten? Und doch: Jesus ist nicht der Schüler von Rabbi Akiba oder Rabbi Hillel oder sonst einem Rabbi. Er hat die Schrift anders gelernt.

16 Jesus antwortete ihnen und sprach: Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. 17 Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er inne werden, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede. 18 Wer von sich selbst aus redet, der sucht seine eigene Ehre; wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und keine Ungerechtigkeit ist in ihm.

Das ist der Anspruch Jesu: Ich lehre die Lehre des Vaters. Dessen, der mich gesandt hat. Nicht meine eigenen Gedanken. Auch nicht die eines anderen menschlichen Lehrers. Sondern meine Lehre entspringt dem Willen des Vaters. Es ist sein Schlüsselsatz über der Frage, ob er denn die Wahrheit sagt. Meinetwegen ist es auch ein erkenntnis-theoretischer Schlüsselsatz: Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede.

            Im Gehorsam gegen den Willen des Vaters machen wir im Handeln die Erfahrung, dass das Wort Jesu Lehre ist, die Gott entspricht. „Aus kritischer Distanz gesehen, zuschauerisch, entscheidungslos betrachtet, bleibt Jesu Botschaft stumm und bleibt Jesu Anspruch unbegreiflich.“ (G. Voigt, aaO.;, S. 123) Im Tun seines Wortes findet man also heraus, ob es trägt. Anders nicht. Und nur im Leben aus Glauben erfahre ich, ob der Glauben trägt.

Also: Vergeben – und erfahren, dass Vergeben die Lebenswelt verändert. Schuld bekennen – und erfahren, wie Entlastet-werden sich anfühlt. Einem anderen auf die Beine helfen – und erfahren, wie ich selbst dabei stabilisiert werde. Mich Gott anvertrauen, seinem Wort, das mir Jesus sagt – und erfahren, wie ich gewiss werde über die Liebe des Vaters.

Es geht Jesus nicht um sich und dass er gut dasteht, anerkannt als Lehrer Israels, geachtet und gesucht von Schülern. Es geht ihm darum, dass der Vater geehrt wird und dass Menschen in Glauben an ihn das Leben finden. Selbst wenn Jesus vom Glauben an sich redet, geht es ihm nicht um sich, sondern darum, Menschen zum Vertrauen auf den Vater zu bringen. Er ist das Ziel. Das ist Jesu Gerechtigkeit. Darin ist er wahrhaftig.

 19 Hat euch nicht Mose das Gesetz gegeben? Und niemand unter euch tut das Gesetz.

Und legt sogleich den Finger auf die Wunde. Ihr habt Mose. Das Gesetz. Aber wer tut es? Wer erfüllt es, dem Buchstaben nach und dem Geist nach? Keiner. Es ist das ernüchternde Urteil ja auch des Psalmbeters: „Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“ (Psalm 14,1-3). Jesus hat dieses harte Urteil also nicht erfunden. Aber er hält es offensichtlich für berechtigt.

 Warum sucht ihr mich zu töten? 20 Das Volk antwortete: Du bist besessen; wer sucht dich zu töten?

Man fragt sich in der Tat ein wenig verwundert. Woher kommt dieser Vorwurf? Was soll die Frage Jesu hier? Auf diesem Fest? Nicht einmal nach der Tempelreinigung, die Johannes ganz am Anfang seines Evangeliums erzählt, wird eine Todesbeschluss gegen Jesus notiert. Nach der Heilung am Sabbat heißt es nur: “Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.”(5,16) Aber im Hintergrund wird es rumort haben. “Darum trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich.” (5,18) Es gibt eher konspirative Treffen, vermutlich der Oberen, mit Verabredungen, Jesus zu beseitigen. Das geschieht aber nicht vor dem Publikum des Volkes. Deshalb ist die Frage des Volkes schon zu verstehen. Nicht aber ihre Begründung: Du bist besessen. Verrückt. Vielleicht auch: Du leidest unter Verfolgungswahn.

Wieder ist wohl gut, sich klarzumachen, wen dieses Evangelium zum Adressaten hat: Christen, die bedrängt werden. Die sich ausgegrenzt erleben. Die durch ihren Glauben ihre sozialen Bindungen verloren haben. Da braucht es keine Steckbriefe und keine amtlichen Erklärungen, um zu spüren: Ich lebe im Gegenwind. Diese Christen sehen ihr Geschick in der Nähe dessen, was Jesus erlebt, erfahren sich von feindseligen Leuten umgeben. Verfolgt. Bedroht. Ein Trost, merkwürdig in unseren Ohren, unserer Sicherheit: Es geht ihm, wie es ihnen geht, ihnen, wie es ihm ergangen ist.

21 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Ein einziges Werk habe ich getan und es wundert euch alle. 22 Mose hat euch doch die Beschneidung gegeben – nicht dass sie von Mose kommt, sondern von den Vätern -, und ihr beschneidet den Menschen auch am Sabbat. 23 Wenn nun ein Mensch am Sabbat die Beschneidung empfängt, damit nicht das Gesetz des Mose gebrochen werde, was zürnt ihr dann mir, weil ich am Sabbat den ganzen Menschen gesund gemacht habe? 24 Richtet nicht nach dem, was vor Augen ist, sondern richtet gerecht.

Das eine Werk ist die Heilung am Teich Bethesda. Hier argumentiert Jesus wie die Schultheologen, die bei den Rabbinern gelernt haben. Mit dem Schluss-Verfahren a minori ad majus. Wenn schon das Kleinere erlaubt ist, wie viel mehr dann das Größere: Das Kleinere ist in den Augen Jesu die Einhaltung des 8. Tages für die Beschneidung. Diese Pflicht „bricht“ den Sabbat. Umso mehr ist doch Jesus im Recht, der am Sabbat den ganzen Menschen gesund gemacht hat, ihm das Leben zurück gegeben hat.

Der letzte Satz heißt einfach nur: Bleibt fair mit dem, wie ihr urteilt. Macht euch das Recht nicht zurecht.

 

Jesus, im Tun erkennen wir die Wahrheit Deiner Worte. Wenn wir uns von ihnen leiten lassen, uns herausfordern lassen, sie zu Herzen nehmen. Wenn unsere Füße Deine Wege gehen, unsere Hände Deinem Willen zur Verfügung stellen,unser Herz von Deiner Liebe leiten lassen.

Im Tun des Gerechten werden wir entdecken: Dein Wort legt uns den Willen des Vater aus und wir erkennen Dich, wie Du bist, Sohn des Höchsten. Amen