Frei geben – frei lassen

Johannes 6, 60 – 65

60 Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören?

Jesus hat mit den Galiläern gesprochen. Aber seine Jünger haben es auch gehört. Und erschrecken, sind betroffen. Eine harte Rede sagen sie. Eine Provokation für jeden Juden. Auch für die, die zu Jesus gehören,. Mit ihm auf dem Weg sind. Sie erinnern mit ihrer Reaktion daran, dass hier nicht einfach nur ein paar steile Worte gesagt sind. Das Selbstverständnis Israels ist getroffen. Und sie sind getroffen, die doch auch Juden sind. Wie ist das mit dem eigenen Glauben, der sich auf die Väter gründet. In ihnen die Vorbilder für den eigenen Weg sieht.

Unerträglich auch für die, die ihn mögen. Weil sie ahnen: Hier ist die Rede von einem Weg, der in den Schmerz führt. Einem Weg, der Entsagung verlangt. Mein Leben, gegeben für das Leben der Welt. (6,51) Es ist die gleiche Irritation, die Petrus sagen lässt: „Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht.“ ( Matthäus 16,22) 

 61 Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Ärgert euch das?

Jetzt fällt wieder das Wort, das schon vorher gebraucht worden ist. Murren. Jesus merkt es, sieht bei sich selbst, wie seine Jünger murren. In der gleichen Haltung sind, wie Israel auf der Wüstenwanderung. Unzufrieden, nicht einverstanden mit dem Weg seines Gottes. Und er bringt es zur Sprache. Σκανδαλίζει es ärgert euch, es gibt euch Anstoß. Es ist das gleiche Wort, das Jesus den Jüngern des Täufers sagt: „Selig ist, wer sich nicht ärgert an mir.“ (Matthäus 11,6) Es steht mehr auf dem Spiel als eine leichte, augenblickliche Verstimmung. Es geht um die Frage, ob einer, eine, Abstand nimmt von Jesus. Oder eben bleibt. Bei ihm. 

 62 Wie, wenn ihr nun sehen werdet den Menschensohn auffahren dahin, wo er zuvor war? 63 Der Geist ist’s, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben. 64 Aber es gibt einige unter euch, die glauben nicht.

Das ist verkürzte Rede. Vom Auffahren des Menschensohn ist die Rede. Und es müsste doch zuvor noch gesagt werden: Er wird erhöht werden – ans Kreuz. Erst danach kommt ja das Auffahren dahin, wo er zuvor war. In den synoptischen Evangelien stehen an dieser Stelle die Leidensansagen. „Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, wie er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.“ (Matthäus 16,21) Es gibt kein Reden vom Auferstehen, vom Weg in den Himmel ohne das Reden vom Weg in das Leiden.

Verstehen aber, wirklich sehen werden sie es nur durch den Geist. Mit den Augen der Glaubenden. Die Skeptiker sehen nichts. Die, die sich nur dem Kreis der Erde verbunden und verpflichtet wissen, die Fleisch sind, von der Erde (3,31), die bleiben blind. Und auch seine Worte sind mehr als Worte. Sind aber nur zu begreifen da, wo es eine „Wellenlänge“ dafür gibt, ein Verstehen, das der Geist wirkt.

Es ist  das Bild, das das ganze Johannesevangelium bestimmt. Glauben versteht sich nicht von Natur aus. Wir sind von Natur aus blind und unfähig, Gottes Wirklichkeit zu erfassen. Der Gott, von dem wir von uns aus reden, ist ein Bild unser Selbst, ein Spiegelbild der Welt. Der Vater Jesu Christi wird nur so erkannt, dass er sich selbst zu erkennen gibt – durch den Sohn. „Offenbarung“ nennt man das. Und die Reden Jesu sind Reden des Offenbarers  – so R. Bultmann in seinem großen Johannes-Kommentar wieder und wieder.

Der Zugang: Glauben, sich ohne jede Sicherung diesen Worten anvertrauen. Wer Beweise will, und seien es Beweise durch die eigene Erfahrung, bleibt leer. Dem Wort Jesu trauen. Anders geht es nicht. Aber dieses Trauen ist Geschenk. Gabe Gottes. Werk Gottes (6,29), das er an uns tut.

 Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. 65 Und er sprach: Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben.

Wieder einmal ist die Rede davon, dass Jesus weiß. Von Anfang an. Es ist das Wissen dessen, dem alles vom Vater anvertraut, gegeben ist. Der den Weg des Vaters weiß ( 13,1) und kennt und geht. Nicht Psychologie – Herzenskenntnis aus dem Gottvertrauen., aus der Liebe. Und noch einmal: Dass einer Jesus glauben kann, zu ihm kommen, mit ihm leben, bei ihm bleiben (15,4) das geht nur, wenn es ihm, ihr vom Vater gegeben wird. Das freilich dürfen wir glauben: Es ist der Wille des Vaters, dass ihm keiner verloren geht.

66 Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm.

            Es ist nur Johannes, der davon erzählt, dass es einen Zeitpunkt gibt, in der viele aussteigen aus der Bewegung der Menge in Galiläa. Der Zulauf zu Jesus bricht in sich zusammen. Mehr noch: Viele seiner Jünger wenden sich ab. Suchen wieder andere Wege. Gehen ihren eigenen Weg.

Ich denke, dass sich darin auch die Erfahrung der Gemeinde spiegelt, für die Johannes das Evangelium schreibt. Auch da sind viele gegangen. Weil es gefährlich geworden ist. Weil sie ratlos wurden über dem, was sie gehört und erfahren haben. Weil sie nicht zurecht gekommen sind mit dem Glauben an Jesus. Trotz Essen und Trinken.

 67 Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt ihr auch weggehen?

Für mich ist das ein Schlüsselwort des Evangeliums. Es sind wenige, einige nur, die noch da sind. Die Zwölf. Und nun fragt Jesus nicht: Ihr bleibt doch bei mir? Sondern er fragt: Wollt ihr auch weggehen? Räumt mit dieser Frage ein, dass sie weggehen könnten. Gibt sie frei. Klammert nicht. Seinen engsten Jüngerkreis, die er berufen hat, Namen für Namen, die er wollte (Markus 3,13), stellt er hier in die Freiheit – zu gehen oder zu bleiben.

Es kommt unglaublich viel darauf an, wie ich diese Frage höre. Ob ich Angst in ihr höre oder Gelassenheit. Freiheit oder Zwang. “Geh du nicht auch noch weg von hier” heißt ein Lied, das Gerhard Schöne gesungen hat in der Zeit um 1989, in der DDR-Bürger scharenweise über Ungarn und anderswo den Weg in den Westen gesucht haben.

Es war ein Lernweg für den jungen Pfarrer: Ich kann keinen festhalten von meinen Konfirmanden. Ich kann keinen festhalten aus dem Jugendkreis. Je mehr ich versuche zu halten, festzuhalten, umso größer wird die Sehnsucht nach der Freiheit werden. “Glaube, der nicht frei macht, taugt nichts. ( S. Zimmer) Es verträgt sich nicht mit dem Glauben, mit dem Vertrauen, mit der Freiheit, die es braucht, wenn ich anfange zu klammern, zu betteln, den Weg zu blockieren.

Wer Glauben will, der aus der Liebe lebt, muss mit Jesus fragen: Wollt ihr auch weggehen?

68 Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; 69 und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Ich “sehe”, wie Simon Petrus da steht – ein Kerl, ein gestandener Mann, die Hände hebt, um sich sieht und sagt: Wohin denn? “Was bliebe uns, wenn wir nicht mit dir gingen? Wie sähe die Alternative aus, und was hätten wir damit ausgeschlagen?” (G. Voigt, aaO.; S.100) Bleiben, weil die Alternativen zu schwach sind – so könnte man es fast deuten. Und manchmal höre ich das auch: Wenn ich etwas Besseres finde, bin ich weg.

So aber redet Petrus nicht. Sein Bleiben ist nicht begründet im Mangel an guten Alternativen. Sein Bleiben – und er spricht hier für die anderen Jünger mit – ist begründet im Wort Jesu:  Du hast Worte des ewigen Lebens. Ich übersetze in mein Denken: Worte aus der Ewigkeit, die die Sehnsucht nach der Ewigkeit wecken. Worte, die uns  ahnen lassen, dass unser Leben angelegt ist auf die Vollendung im Vaterhaus, die uns glauben lassen, dass wir geliebt sind mit einer niemals ans Ende kommenden Liebe.

Und dann fügt Petrus, wie zur Klarstellung, hinzu: Es sind aber nicht nur die Worte. Du bist es. Du bist der eine, wahre Grund, um zu bleiben. Nicht eine Lehre – Du. Immer nur Du. Und “bedient” sich dabei dessen, was er doch nie gelernt hat: Du bist der Heilige Gottes. Das sagt sonst keiner. Bei Markus und Lukas sind es Dämonen, die so sprechen: “Was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu vernichten. Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes!” (Markus 1,24;  Lukas 4,34) Hier aber wird es zum Bekenntnis des Petrus – jenseits aller Hoheitstitel, die sonst gebraucht werden und  aller dogmatischer Formeln, die die junge Christenheit entwickelt. Vielleicht ist gerade das ein Zeichen für die Ursprünglichkeit dieses Bekenntnisses.

Bei dem Propheten Jesaja begegnet häufig für Gott die Wendung “der Heilige Israels“. (Jesaja 5, 19; 12,6; 30,12 und mehr) Daran erinnert – mich zumindest – dieses “der Heilige Gottes.” Es ist eine Parallelität, die mir kein Zufall zu sein scheint. Ist doch Jesus als der Heilige Gottes gleichzeitig der Heilige Israels, der, in dem sich alles Warten Israels erfüllen wird.

70 Jesus antwortete ihnen: Habe ich nicht euch Zwölf erwählt? Und einer von euch ist ein Teufel. 71 Er redete aber von Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Der verriet ihn hernach und war einer der Zwölf.

Das ist hart: Unter den Erwählten, den Zwölf, ist einer, „der erwählt ist und doch auf der anderen Seite.“ (G. Voigt, aaO.; S.102) In diesem einer von euch ist ein Teufel höre ich nicht eine Seins-Festlegung. Auch Judas ist nicht der Teufel. Aber er spielt eine teuflische Rolle, ein teuflisches Spiel. Und muss doch damit letztlich dem Heilswillen Gottes dienen. Hier, in Galiläa gehört er zu denen, die bleiben. Weil sie erkannt haben: Du hast Worte des ewigen Lebens.

Ja, auch für Judas spricht Petrus mit seinem Bekenntnis. Gerade darum ist noch in dieser so knappen Notiz, die Verunsicherung zu spüren, die das Geschehen des Verrates, der Auslieferung durch einen aus dem Jünger-Kreis in der Gemeinde bewirkt hat. Es ist so, dass man sich nicht darüber beruhigen kann: Einer musste es ja sein. Es ist Schmerz, der bis zu uns heute reicht. Über Judas zu reden und nicht die unmöglichen Möglichkeiten des eigenen Verrates zu sehen, der eigenen Abwendung, des eigenen Nicht-Verstehens dieser Liebe – das geht nicht.

 

Mein Herr und Gott, Du hältst keinen fest, keinen zurück, der weg will. Du klammerst Dich nicht fest an uns. Du gibst den Weg frei.

So bist Du, weil Du willst, dass wir bleiben bei Dir  – weil wir Dich erkannt haben, in Dir die Liebe, die uns liebt bis zum Äußersten, den Sohn, der sich gibt für uns.

Von Dir lerne ich: Es ist gerade die große Liebe, die selbstlos ist, die loslassen kann, loslassen muss. Ich danke Dir für das Geschenk der Freiheit, das mir den Glauben so groß macht und darin – in dieser Freiheit – Dich umso lieber. Amen