Gestärkt – getröstet – ermutigt

Johannes 6, 52 – 59

52 Da stritten die Juden untereinander und sagten: Wie kann der uns sein Fleisch zu essen geben?

Das Missverständnis ist gewissermaßen vorprogrammiert. Wer von unten ist, von der Erde (3,31), der kann nur in diesem Rahmen in und diesen Kategorien denken. Da ist mein Fleisch wie eine Aufforderung zum Kannibalismus. Ein Vorwurf, der die ersten Gemeinden in der Tat getroffen hat, weil sie keine Fremden, Ungetauften, zum Abendmahl zuließen, aber irgendwie die Spendeformel: “Das ist mein Leib” nicht so geheim blieb.

Auffällig ist freilich der Wechsel von ἄρτος, “Brot” zu σάρξ, “Fleisch”. Hätte es nicht gereicht, beim “Brot” zu bleiben, allenfalls noch σῶμα “Leib” zu sagen? In den Einsetzungsworten der Synoptiker steht jedesmal dieses Wort für Leib. Warum also hier so  hart: Fleisch? “Man begreift die “deftige” Sprache, wenn man sich klar macht: Die Gnostiker wollten nicht anerkennen, dass der Erlöser wirklich ins Fleisch gekommen ist(1,14); das Wort Leib ließen sie gelten, aber sie meinten damit einen Himmelsleib, und das heißt, weltlich geredet, einen Scheinleib. Auch Jesu Tod war ihnen nur Schein – wie kann ein Himmelswesen wirklich sterben?”  (G. Voigt, aaO.;, S.95)

Das Evangelium dient nicht nur der Erbauung der Gemeinde nach innen. Es soll auch eine Hilfe für die Auseinandersetzung nach außen sein. Deshalb verwendet der Evangelist viel Sorgfalt darauf, durch die Worte Jesu der Gemeinde Klarheit zu verschaffen. 

53 Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohns esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch. 54 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. 55 Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. 56 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.

Klarheit: Es geht um wirkliches Essen und wirkliches Trinken. „Kauen“ steht da, τρώγων, gleich mehrfach. Damit deutlich wird: Das ist kein sprachlicher Ausrutscher. Es geht um Vorgänge, die unsere Leiblichkeit betreffen und nicht nur um geistige Wirklichkeiten und schöne symbolische Bilder. Es ist bewusst ärgerlich formuliert. Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohns esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch.

Anteil am Leben, an seinem Leben, am ewigen Leben gibt es nur durch Kauen und Trinken. So wie es Anteil an ihm nur für den gibt, der sich von ihm die Füße waschen (13, 8-10) lässt. Wirklich. Es sind keine gedachten Füße, die Petrus gewaschen werden und es ist keine gedachte Handlung. Reales Geschehen.

So ist es auch ein reales Kauen und Trinken. Vollzogen in der Mahlfeier. Da wird nicht nur Kauen gedacht, nicht nur Trinken phantasiert. “Wer im Herrenmahl Jesu Fleisch und Blut genießt, der ist in mysteriöser Weise mit ihm vereinigt, und eben darauf beruht es, dass er das Leben in sich hat.” (R. Bultmann, aaO.; S.176)

            Dieses Mysterium verstehen zu wollen, erklären zu wollen, es auch lehren zu wollen und zu müssen, hat im Lauf der Kirchengeschichte zu aus heutiger Sicht ziemlich akrobatischen Gedankengängen geführt, wie denn das nun ist mit dem Fleisch, das da im Herrenmahl gekaut wird und dem Blut, das getrunken wird.

Mir ist die Deutung nahe und lieb, die ich vor Jahrzehnten gelernt habe: “In, mit und unter dem Wort” ist Christus gegenwärtig und schenkt sich denen, die sich ihm im Glauben öffnen. Das gilt mir auch für den Vollzug des Mahles. In ihm, den Worten der Einsetzung, der Spendenformel “Christus – für Dich” und unter dem Essen und Trinken ist Christus gegenwärtig und schenkt sich. Und wenn einer mich fragt: Wie? Dann sage ich: Im Glauben wird er empfangen. Und Du wirst es wissen, wenn Du glaubst. Etwas anderes weiß ich nicht.

Das alles ist jedenfalls denkbar weit weg von so etwas wie Kannibalismus, auch von nur gedachtem. Aber es ist nahe, darin, dass es zur Vergewisserung hilft. Ich spüre doch, dass ich kaue und schlucke. Die Geschmacksnerven sind in Ordnung. Es sind wirkliche Vorgänge. Und sie versichern mir die wirkliche Gegenwart des Auferstandenen. Denn das muss man wohl auch sagen: Diese Worte am galiläischen Meer zielen über den Augenblick hinaus auf eine Wirklichkeit, die aus der Auferstehung lebt.

Aber Johannes hat tausendfach Recht, wenn er diese Worte dem irdischen Jesus in den Mund legt. Nur wenn der Auferstandene der ist, der ins Fleisch gekommen ist, wird ja auch unsere irdische Existenz berührt. Es geht bei Fleisch und Blut um die Wirklichkeit unserer Welt. Hier ist der Ort der Erlösung. Auch wenn sie erst vollendet wird in dem kommenden Himmel, am Jüngsten Tage, wenn er auferwecken wird, die das ewige Leben haben.

57 Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. 58 Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. 59 Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte.

Wie eine Zusammenfassung liest sich das. Noch einmal: Jesus ist der Gesandte des Vaters. Und so wie Jesus lebt um des Vaters willen, aus seinem Willen, so wird auch jeder leben um Jesu willen, der ihm glaubt, zu ihm gehört, Anteil an ihm hat, leben. Und noch einmal wird kontrastiert: Die Väter in der Wüste sind nach dem Manna-Genuss dennoch gestorben. Die Anteil am Brot des Lebens haben, haben Anteil am Leben über den Tod hinaus.

Zum Schluss wird gewissermaßen der Ort der Auseinandersetzung nachgetragen: Das  alles wird in der  Synagoge in Kapernaum verhandelt, in seiner Stadt. Als er dort lehrte.

 

Herr Jesus, wie oft bin ich satt geworden an Deinem Tisch, bei Brot und Wein, gestärkt für Schritte, die vor mir lagen, getröstet in Ängsten, die mir das Herz eng gemacht haben, ermutigt für einen Weg, den ich noch nicht wusste, auf den Du mich stellen wolltest.

Ich danke Dir für Dein Geschenk, dass Du Dich uns schenkst, verborgen in Brot und Wein, verwandelt im Durchgang durch Mühlstein und Kelter, geheimnisvoll gegenwärtig.

„Christus für Dich“ höre ich, schmecke ich. Und ich kann weitergehen mit meinem kleinen Glauben. Amen