Brot des Lebens

Johannes 6, 22 – 40

22 Am nächsten Tag sah das Volk, das am andern Ufer des Sees stand, dass kein anderes Boot da war als das eine und dass Jesus nicht mit seinen Jüngern in das Boot gestiegen war, sondern seine Jünger waren allein weggefahren. 23 Es kamen aber andere Boote von Tiberias nahe an den Ort, wo sie das Brot gegessen hatten unter der Danksagung des Herrn. 24 Als nun das Volk sah, dass Jesus nicht da war und seine Jünger auch nicht, stiegen sie in die Boote und fuhren nach Kapernaum und suchten Jesus.

Ein bisschen verwirrend ist der erste Satz schon. Wo ist das Volk? Noch dort, wo es das Brotwunder erlebt hat? Aber dann sehen sie doch nicht das eine Boot und schon gar nicht sehen sie, dass Jesus nicht mit seinen Jüngern in das Boot gestiegen war. Das können sie nur wissen, wenn sie gesehen haben, wie die Jünger allein weggefahren sind. Dann ist ihre Frage folgerichtig: Wo ist er denn jetzt?

Da kommt es zupass, dass andere Boote von Tiberias kommen. Mit denen fährt das Volk nun Jesus nach. Nach Kapernaum. Dort suchen  sie Jesus.Warum? Was wollen sie von ihm? Wollen sie ihn immer noch zum König machen? Oder ist das vorbei?

Auffällig: Die Geschichte vom Seewandel spielt überhaupt keine Rolle. Für das Volk nicht. Für die Juden nicht. Für das Gespräch über Jesus nicht. „Jesus – das ist doch der, der über das Wasser läuft“ ist kein Thema, wenn es um den Glauben geht. Dass er Brot verteilt, den Hunger stillt, Menschen den Rücken stärkt und sie auf die Beine stellt – das sind Themen für das Gespräch über den Glauben, mit denen, die noch nicht glauben.  

25 Und als sie ihn fanden am andern Ufer des Sees, fragten sie ihn: Rabbi, wann bist du hergekommen?

Als sie ihn endlich finden, irgendwo bei Kapernaum, da fragen sie: Rabbi, wann bist du hergekommen? Der Eindruck kann täuschen. Aber hinter der Frage könnte die andere stecken, die das Rätsel löst: Wie bist du hier her gekommen? Aber weder auf die direkt gestellt Frage noch auf die dahinter versteckte wird Jesus eine  Antwort geben.

 26 Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid. 27 Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die bleibt zum ewigen Leben. Die wird euch der Menschensohn geben; denn auf dem ist das Siegel Gottes des Vaters.

            Es ist eine harsche Kritik. Nicht nur an denen, die um ihn herumstehen. Sondern an allen, die ihn darauf reduzieren wollen, dass er die Lebensprobleme löst. Satt macht. Brot verteilt. Arbeit gibt. Gerechtigkeit nach Menschenmaß herstellt.  Mir ist es eine wesentliche Warnung: „Es ist leicht, auf solches Trachten in geistlichem Hochmut herab zusehen, solange man selbst Tag für Tag satt – und mehr als satt – wird.“ (G. Voigt,aaO.; S. 89) Aber es ist nicht der zentrale Inhalt seiner Sendung, die Lebensmittel-Frage der Welt zu klären. Obwohl er beten lehrt: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ (Matthäus 6,11) Da sind wir schon selbst mit verantwortlich, dass es genug Brot täglich gibt – für alle.

Seine Worte sind zugleich auch harsche Kritik an denen, die nur auf Wunder aus sind, auf Unerklärliches, Sensationelles. Und dabei übersehen: Vielmehr würde gelten und darum muss es gehen, die Zeichen zu sehen  und sie zu deuten, zu verstehen, worauf die Zeichen zeigen, wen sie zeigen.

Jesus knüpft am Speisungswunder an, an dem was sie gegessen haben, was sie gesättigt hat und doch wieder neu hungern lässt. Und fordert sie auf: „Wirkt“, „müht euch“ – so kann man auch übersetzen – um Speise, die bleibt. Satt macht für immer. Ewiges Leben in sich trägt.

Die Sätze erinnern an das, was Jesus zu der Frau am Fuß des Garizim, am Jakobsbrunnen gesagt hat: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.“ (4,13) Hier geht es um die Speise, die für die Ewigkeit satt macht. Durch die Ewigkeit.  Und so viel sagt Jesus schon: Diese Speise  wird euch der Menschensohn geben. Diese Speise ist die Gabe, um die es ihm geht, mehr noch: die er selbst ist.

 28 Da fragten sie ihn: Was sollen wir tun, dass wir Gottes Werke wirken?

            Das merkt man im Deutschen nicht gleich, wie die Gesprächspartner an den Worten Jesu anknüpfen. Jesus hat gesagt: ἐργάζεσθε, schafft, wirkt, müht euch – und sie fragen jetzt: Was sollen wir tun, ἐργαζώμεθα τὰ ἔργα , dass wir Gottes Werke wirken? Es ist das gleiche Wort, das hier von Jesus und dem Volk mehrfach verwendet wird.

Das Volk hat nur hören können, dass Jesus zum Tun, zum Handeln auffordert. „Wirke Werke“. Darum ging es in den Synagogen. Eine Fülle von Werken des Gesetzes wurde ständig von den Menschen gefordert.“ (W. De Boor, Das Evangelium des Johannes, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1975, S.196) Weil sie es so gewöhnt sind, hören sie nur, was sie schon kennen. Hören Jesus also wie einen Rabbi wie alle anderen. Dabei müssten sie doch anders hören lernen, weil er anderes sagt als sie es gewohnt sind.

Aber es ist wohl auch unsere Gefahr: Dass wir die Worte Jesu immer einfügen in unser gewohntes Lebensbild und sie uns nur bestätigen sollen, was wir ohnehin schon wissen. Wenn wir wahrnehmen, dass er anders redet als wir es gewohnt sind, anders ist, als wir es erwarten, dann wird es zum Erschrecken. Kompliziert. Weil es uns abverlangt, dass wir anders  werden. Neu.

29 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Das ist Gottes Werk, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.

Jesus bleibt bei seiner und ihrer Wortwahl. Das eine Werk, hier steht im Griechischen ein Singular, um das geht, ist Glauben. Vertrauen auf den, den Gott gesandt hat. Also nicht: Die Ärmel hochkrempeln und loslegen. Auch nicht Erfüllung des Gesetzes. Auch nicht: Glaubensartikel aneignen und aufsagen können. „Nicht durch das, was der Mensch wirkt, erfüllt er Gottes Forderung, sondern in dem Gehorsam unter das, was Gott wirkt.“ (R. Bultmann, aaO,; S. 164)

 30 Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du? 31 Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.«

            Jetzt haben sie, die mit Jesus reden, zumindest so viel verstanden: Es geht um ihn, um Vertrauen auf ihn. Und stellen darum die Frage: Wie weist Du dich aus? Wie legitimierst du dich und deine Forderung nach Glauben? An solchen Erinnerungen an den Weg Jesu durch Galiläa, die in der ersten Gemeinde erzählt werden, kann man den Satz des Paulus festmachen: „Die Juden fordern Zeichen.“ (1. Korinther 1,22)

Und sie legen in ihrem Fordern die Messlatte sofort ganz hoch: Unter einem Zeichen, unter „Brot vom Himmel“ werden wir es nicht tun. „Hinter der Forderung steht die jüdische Anschauung, dass der zweite Erlöser ( der Messias) das Wunder des ersten Erlösers ( Mose) wiederholen wird.“ (J. Schneider, aaO.;S. 148)

Es ist, als hätten sie nicht in der Einöde, auf der anderen Seeseite, gegessen. Aber wahrscheinlich wird hier etwas über Wunder, Mirakel, religiöse Sensationen deutlich: Sie erfüllen nur den Augenblick. Aber sie taugen nicht, um dauerhaft den Weg zu weisen und den Lebenshunger zu stillen. Sie sind Event. Nicht mehr. Es wird anderes brauchen, damit der Glauben Dauer gewinnt. Lebenskraft. Zur Lebensgestalt führt.

32 Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. 33 Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.

Jesus korrigiert: Mose hat nur verteilt. Der Geber hinter dem Manna ist der Vater. Er allein gibt das Brot vom Himmel. Und, wenn es um das Leben geht, sind alle auf das Geben des Vaters angewiesen. Dass es Leben gibt, ist seine Gabe. Das ist erst einmal ein schlichter Rückgriff auf den Schöpfungsglauben.       

Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie;                                                              nimmst du weg ihren Odem,                                                                                                       so vergehen sie und werden wieder Staub.                                                                        Du sendest aus deinen Odem,  so werden sie geschaffen,                                                   und du machst neu die Gestalt der Erde.                 Psalm 104, 29-30

            Aber darüber hinaus ist es der Hinweis: Gott gibt ein Brot, das Leben spendet. Hier und jetzt. Mitten in der Welt. Man kann im Übrigen – das Griechische lässt das zu – auch so übersetzen: „Das Brot Gottes ist der, welcher vom Himmel herabkommt.“ (so u. a.: Schlachter 2000, Elberfelder, NGÜ)  Brot für die Welt – nicht was, wer ist das?

34 Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.

            Dieses wunderbare Lebensbrot wollen sie haben. Die Galiläer um Jesus herum gleichen darin erneut der Frau am Jakobsbrunnen. Ihr sagt Jesus: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr durstig sein. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer Quelle werden, die unaufhörlich fließt, bis ins ewige Leben.« – »Herr, bitte gib mir von diesem Wasser!«, sagte die Frau. »Dann werde ich nie mehr Durst haben und muss nicht mehr hierher kommen, um Wasser zu holen.« (4, 14-15) Es scheint eine innere Gesetzmäßigkeit zu geben, nach der wir die geistlichen Dinge immer sofort in das Konzept der natürlichen Lebenserhaltung einfügen, sie darin aufgehen lassen. Also Vorsicht mit allen raschen Urteilen über diese unverständigen Galiläer.

35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Das erste „Ich-bin-Wort Jesu. Sechs weitere werden folgen. Der Bogen spannt sich vom Brot des Lebens bis zum wahren Weinstock (15,1). Und immer, so wie hier: Ἐγώ εἰμι· Ich bin…. Nicht mehr und nicht weniger: Das Lebensmittel schlechthin für den, der nach der Ewigkeit hungert. Für die, die der Durst nach Leben, das bleibt, verdursten lässt. Lebenshunger und Lebensdurst – gestillt in Jesus allein. „Das Nötigste zum Leben, sagt Jesus, bin ich.“ (G. Voigt,aaO.;S. 91) Was für ein Anspruch. Und zu ihm kommen, welche Lebenserfüllung.

Das heißt doch: Aufhören können, anderes zum Lebensmittel schlechthin und zur Lebensmitte zu machen. Nicht mehr glauben müssen, dass ich unersättlich sein muss nach Erfolg, nach Ruhm, nach Anerkennung. Nicht mehr Weltmeister werden müssen um jeden Preis. Nicht mehr meinen Lebenshunger und Lebensdurst stillen müssen an Ersatzstoffen.

36 Aber ich habe euch gesagt: Ihr habt mich gesehen und glaubt doch nicht. 37 Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir; und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.

            Ich lese: „Der Unglaube der Juden wird direkt auf den Willen Gottes zurück geführt.“  (S. Schulz, aaO,; 105) Das sei „johanneische Prädestinationslehre“, die hier entfaltet wird (ebda). Ich glaube das nicht und denke anders.

Der Schlüssel für mich ist: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. So spricht der, der Gottes suchende Liebe in Person ist. Das gleicht der großen Einladung, die Jesus ausspricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Matthäus 11, 28-29) Es sind einladende Worte und nicht ausschließende Worte. Denn da ist ja doch der Vater im Spiel, der ihm, Jesus, alles gibt und dafür sorgen will und wird, dass sie zu ihm kommen. Und die Worte gelten denen, die wie die Galiläer vor Jesus stehen, sehen und doch nicht glauben. Aber das soll nie und nimmer das letzte Wort in dieser Sache sein.

Freilich: Die Möglichkeit des Menschen ist solcher Glaube nicht. Glauben können ist Gnade. Gabe Gottes, die empfangen werden kann, nach der man sich ausstrecken kann, mit leeren Händen. Weil er, Gott, uns zieht (6,43). Es ist Gottes Werk an uns, wenn wir glauben können, dass wir glauben können.

38 Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. 39 Das ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern dass ich’s auferwecke am Jüngsten Tage. 40 Denn das ist der Wille meines Vaters, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage.

            Noch einmal: Hier leuchtet der Heilswille Gottes auf. Hier wird das Ziel der Sendung Jesu in die Welt auf den Punkt gebracht: Nichts und niemand soll er verlieren, verloren geben. Gleich dreimal in fünf Versen: Auferwecken am Jüngsten Tage.( 6,39, 40,44) So wichtig ist das: Leben, das mit Jesus, dem Brot des Lebens verbunden ist, bleibt nicht im Tod.  Hineinstellen in das eigene Auferstehungsleben, teilgeben an der eigenen Herrlichkeit – das ist Jesu Auftrag. Wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, wird das ewige Leben haben – und geht der Begegnung mit ihm entgegen. Weil er, Jesus, ihm entgegen kommt als der, der aus den Toten ruft.

 

Bei Dir, Jesus, werden wir satt, wird unser Hunger nach Leben, unser Durst, unsere Sehnsucht gestillt.

Du gibst Dich und wer Dich empfängt, gewinnt den lebendigen Gott mit Dir, das Leben in Dir, die Fülle, die allem Mangel und aller Leere wehrt.

Ich danke Dir, dass du Dich so schenkst, mir, in mein Leben mit all seinem Mangel hinein. Amen