Unerwartet

Johannes 6, 16 – 21

16 Am Abend aber gingen seine Jünger hinab an den See, 17 stiegen in ein Boot und fuhren über den See nach Kapernaum. Und es war schon finster geworden und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen.

Das alles ist nicht spektakulär. Es verlangt auch nicht nach einer tiefsinnigen Erklärung. Der Tag geht zu Ende. Die Jünger wollen nach Kapernaum. Das sind quer über den See zwischen 7 und 12 km, je nachdem, wo man ihn überquert. Es wird dunkel – das geht in Israel schlagartig. Wie ein Nachtrag klingt dann der Satz: Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen. Sie sind ohne ihn losgefahren. Er ist ja noch auf dem Berg, allein. So etwas passiert schon einmal.

18 Und der See wurde aufgewühlt von einem starken Wind.

Es gibt kräftige Winde am See Genezareth. Und damit auch kräftigen Wellengang. Aber das alles klingt nicht bedrohlich. Zumal die Jünger doch erfahrene Fischer sind. Für sie ist der nächtliche Aufenthalt auf dem See Alltag.

19 Als sie nun etwa eine Stunde gerudert hatten, sahen sie Jesus auf dem See gehen und nahe an das Boot kommen; und sie fürchteten sich.

            Auch das ist noch innerhalb der Normalität. Der Wind hat ihnen Arbeit abgenommen. Sie sind eine Stunde über den See „getrieben“. So muss man das griechische Wort ἐληλακότες genauer übersetzen. Das Ziel, das Land ist nahe.

Jetzt erst ändert sich alles. Plötzlich sehen sie Jesus auf dem See gehen und nahe an das Boot kommen. Unerwartet. Auch nicht durch irgendeine Not herausgefordert. Von der Angst der Jünger, die in den anderen Evangelien um des Sturmes willen um Hilfe rufen, kann hier keine Rede sein.

Jesus ist einfach da. Erschreckend. Er geht umher. Περιπατοῦντα steht da. Das gleiche Wort, mit dem Jesus den Gelähmten am Teich Bethesda aufgefordert hatte: Geh hin.(5,8) Nichts Zielgerichtetes. Und nichts Besonderes. Da geht einer herum. Auf dem See.

Sie fürchteten sich. Ich denke, dieser Satz verbietet es, aus dieser Erzählung einfach eine harmlose Episode zu machen. Die Art, wie Johannes erzählt, verbietet ihrerseits, das Wunder aufzubauschen. Auszuschmücken. Das liegt diesem Evangelisten ganz und gar nicht.  Es geht um eine Erfahrung des Da-Seins Jesu, das unerwartet ist, nicht einkalkuliert. Eben: Erschreckend. Es gibt nicht nur die bergende, tröstende Gegenwart Jesu, wenn er in eine Not kommt. Es gibt auch eine erschreckende Erfahrung seiner Gegenwart, mitten im Alltag.

20 Er aber sprach zu ihnen: Ich bin’s; fürchtet euch nicht! 21 Da wollten sie ihn ins Boot nehmen; und sogleich war das Boot am Land, wohin sie fahren wollten.

            Die Antwort auf diesen Schrecken: Ich bin’s; fürchtet euch nicht! Das ist die Art, wie Gott selbst sich zu erkennen gibt:  Ἐγώ εἰμι· – Ich bin es. Das sind die Worte, die Jesus immer wieder nehmen wird, um zu sagen, wer er ist – das Brot, das Licht, der Weinstock, das Leben. Diese Worte sind, absolut gebraucht, „die alte Begrüßungsformel der epiphanen Gottheit“ (R. Bultmann, aaO.; S.159) Gott gibt sich so zu erkennen.

Jesus gibt sich so zu erkennen. Und wo er sich zu erkennen gibt, da ist kein Raum mehr für die Furcht. Kein Grund mehr. Ist er doch der, der seine Jünger „liebt bis zum Äußersten.“ (13,1) Und da ist eben kein Anlass und kein Raum für das Fürchten. „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“ (1. Johannes 4,18)

Beruhigt wollen die Jünger Jesus an Bord nehmen. Aber das erweist sich als überflüssig. Ehe sie es richtig realisieren, ist das Schiff schon an Land. Dort, wo sie hin wollten.

                 Ich lese, dass Johannes das Wunder steigert, verdoppelt. Zur wunderbaren Begegnung auf dem Wasser komme die wundersam rasche Landung. Mein Eindruck ist anders. Johannes hat in der Tradition, den Quellen, aus denen er auch schöpft, diese Erzählung gefunden. Verknüpft mit der Speisungsgeschichte. Wie bei Matthäus und Markus. Und es ist die Treue zur Tradition, die ihn nun auch beides erzählen lässt. Weil er auch davon überzeugt ist: Hier offenbart Jesus sich, sein Sein. Er sagt: Ich bin es und zeigt damit seine Göttlichkeit. Daran hält Johannes fest.

Aber gleichzeitig spielt er das Wundersame an dem Wunder herunter. Vom Wunder auf dem See bleibt nur noch übrig, dass Jesus nahe kommt, da ist, herumgeht. Johannes erzählt in großer Treue die Wunder, die ihm überliefert sind. Aber er möchte den Glauben nicht an den Wundern festmachen. Sondern Glauben soll an der Person entstehen, an Jesus, der sich zu erkennen gibt: Ich bin es. Fürchtet euch nicht. 

Mich beschäftigt, warum Johannes diese Geschichte erzählt. Er kommt mir in seiner Knappheit und Kargheit merkwürdig distanziert vor. Ist es nur die Treue zu den Quellen, aus denen er schöpft? Bei Matthäus und Markus ist die Erzählung vom Seewandel fest verbunden mit der Brot-Vermehrungsgeschichte. Das könnte reichen, um Johannes zu nötigen, in der gleichen Reihenfolge zu erzählen.

Ein anderer Gedanke macht sich an dem absolut gebrauchten Ἐγώ εἰμι· – Ich bin es. fest. Johannes hat im Evangelium keinen Bericht von der Verklärung Jesu auf dem Berg. Aber erzählt hier von der Offenbarung Jesu auf dem See. Nicht durch eine Himmelsstimme, sondern durch sein eigenen Wort wird Jesus erkennbar als der gegenwärtige Gott. Diese Überlegung hat für mich einen gewissen Charme. Auch deshalb, weil diese Verklärung so überaus nüchtern und zurückhaltend erzählt wird. Als Einbruch in das Diesseits, aber jenseits alles Wunderbaren.   

 

Plötzlich bis Du da, mein Gott und Herr, nah im Dunkel unserer Nacht, im Tun unseres Tages, im Hoffen und Bangen.

Mit allem hatten wir gerechnet, auf alles Mögliche gehofft, nur Dich hatten wir aus den Augen verloren.

Aber jetzt bist Du da und wir erschrecken über Deiner Nähe, die so unerwartet ist und doch unser Glück. Amen