Anvertrautes austeilen

Johannes 6, 1 – 15

Das ist ein der wenigen Geschichten, die alle vier Evangelien erzählen. Jedes auf seine Weise. Jedes mit seinem Schwerpunkt.

Noch einmal: Es gibt die ernstzunehmende Überlegung, die mir einleuchtet, dass das ganze Kapitel 6 besser direkt auf Kapitel 4 folgen würde, vor den Ereignissen in Jerusalem, die in Kapitel 5 erzählt worden sind. Wie es zu der Vertauschung der Reihenfolge gekommen ist, liegt im Dunkel. Bei einem Text von heute würde man vermuten: Computer-Fehler. Einmal an der falschen Stelle „einfügen“ als Befehl und keiner hat es gemerkt.

1 Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt. 2 Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.

            Danach schließt gut an die Heilung des Sohnes des königlichen Beamten an (4,47-54), die als das zweite Zeichen  Jesu in Galiläa (4,54) erzählt wird. Jesus will weg. Sich mit seinen Jüngern zurückziehen. Pause machen, einmal ein wenig Ruhe. Aber das Volk lässt ihnen keine Ruhe. Weil sie sehen, was geschieht. Dass er Kranken gut tut. Auch hier wieder der schlüssige Verweis nach vorne.  Sie sahen die Zeichen. τὰ σημεῖα. Aber sie sehen sie nur als Wunder und verstehen nicht, worauf sie hinweisen. Es ist gut, sich an den kritischen Satz Jesu zu erinnern: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“(4,48) Auch und gerade angesichts dessen, was geschehen wird.

3 Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern. 4 Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden.

Am Ostufer des Sees, auf einen Berg ist Jesus mit seinen Jüngern. Für das folgende Geschehen hat die Zeitangabe kurz vor dem Passa wohl keine Bedeutung. Der Zusatz aber – dem Fest der Juden – deutet auf eine Distanz der Leser des Evangeliums von den Juden. Das Passa ist nicht mehr ihr Fest.

Aber: Mit dem Passa verbindet sich die Erinnerung an den Auszug, verbindet sich das Mahl derer, die zum  Aufbrechen bereit sind. „So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinwegeilen.“ (2. Mose 12,11) Das mag in der folgenden Erzählung und den Worten Jesu danach doch mitschwingen. Es wird um Essen gehen an einem Ort, an dem kein Bleiben ist.

5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? 6 Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. 7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig bekomme.

Jesus sieht, was auf ihn zukommt. Wer auf ihn zukommt. Viel Volk. Eigentlich auf Griechisch: „eine große Menge.“ Das Markus-Evangelium weiß mehr zu sagen als Johannes: „Und Jesus sah die große Menge; und sie jammerten ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing eine lange Predigt an.“(Markus 6,32) Das alles erzählt Johannes nicht. Johannes ist mit seinen erzählenden Worten sparsam, karg. Aber eines ist völlig klar in dieser Kargheit: Es ist Jesus, der hier die Initiative ergreift und behält. Es ist für Jesus klar: Ich bin für diese Menschen da.

Darum stellt Jesus an Philippus die Frage: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? Es gibt ein Problem. Wie es lösen? Der Evangelist aber weiß: Es ist eine Scheinfrage. Es geht, so weiß und sagt Johannes, Jesus darum, Philippus zu prüfen. Aber was? Sein Organisationstalent? Seinen Einfallsreichtum? Oder ob er ablehnt: Wir sind doch nicht zuständig! Wer hierher kommt, ungerufen, muss auch für sich selbst sorgen. Was will Jesus von Philippus erfahren? Ich weiß es nicht wirklich. Und die Kommentare schweigen sich dazu gleichfalls aus.

Philippus bleibt an der mehr technischen, finanziellen Frage hängen: Es braucht eine Menge Geld, um sie zu verpflegen. Wahrscheinlich mehr, als wir haben. Und dann ist es immer noch wenig genug für so viele.

 8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: 9 Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele?

            Andreas, der Jünger von Anfang an, schaltet sich ein. Nicht mit einer Lösung, nur mit einem etwas verzagten Hinweis: Ein Kind hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele? Die Frage stellen, heißt sie beantworten: Nichts. Die „menschliche Ratlosigkeit“ (R. Bultmann,  aaO.; S. 157) ist komplett.

10 Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer.

            Aber. Man kann es leicht überlesen. Das ist der Kontrast zu Philippus und Andreas. Jesus handelt. Er lässt die Leute sich lagern. Etwa fünftausend Männer. Auch hier ist Johannes  wieder sparsam mit seinen Worten: Nichts über die Ordnung der 5000. Nichts, ob auch Frauen und Kinder dabei sind – bis auf das eine mit den Broten und den Fischen.

11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten.

             Im Erzählen des Johannes ist ein Verzicht auf wortreiches Deuten des Geschehens zu beobachten. Nur ein winziger Hinweis kommt: Jesus nimmt die Brote, dankt und gibt sie weiter. Die Jünger als Verteiler fallen hier aus. Und der sprachliche Hinweis auf das Abendmahl ist auch stark reduziert. Nur daran liegt Johannes schon: εὐχαριστήσας – dankend. Das Verteilen Jesus geschieht unter dem Dank für die Gabe. Er empfängt sozusagen aus den Händen des Vaters, was das Kind ihm anvertraut. Was er weitergibt.

Hier geschieht, was Jesus in Jerusalem, im Disput mit den Juden gesagt hat. Die Werke, die mir der Vater gegeben hat, damit ich sie vollende, eben diese Werke tue ich. So betrachtet ist es nicht das Werk Jesu, das hier geschieht. Durch seine Hände speist der Vater im Himmel die Menge.

Jesus teilt aus, was er empfängt. Mit vollen Händen. Gefüllt durch ein Kind. Er ist sich nicht zu schade, von einem Kind zu erbitten, was er gebn kann. Es gibt nicht nur sein Bitten in den Himmel hinein: Vater…. Es gibt auch das sein Bitten an das Kind: Vertraue mir an, was du hast. Und so ist wohl auch sein Danken in beiden Richtungen gerichtet. An den Vater und an das Kind.

Ich überlege, wie oft ich über dem Danken in die eine Richtung die andere vergesse. Aller Dank an Gott und Menschen gehen leer aus. Aber auch umgekehrt: Aller Dank an Menschen und Gott wird darüber vergessen.

            „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“                                                                       M. Claudius 1783, EG 508 

Diese Lied-Zeile kann nicht nur mir zu einem Gleichgewicht im Danken helfen.

12 Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt. 13 Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren.

Es wird ordentlich aufgeräumt. Nichts von der Speise soll umkommen. Das ist eine Achtung vor Lebensmitteln, wie ich sie mir auch heute wünsche in einer Welt voller Hunger. Lebensmittel, auch Essensreste, sind kostbar. Und was da gesammelt wird, zwölf Körbe mit Brocken, reicht. Für die große Menge. Das viele Volk. Darf ich nicht auch lesen: Für das ganze Volk Gottes? Die Zwölf-Zahl hat ja oft, fast immer, symbolische Bedeutung als Hinweis auf ganz Israel, das ganze Gottesvolk, ob es nun das alte oder das neue ist.

14 Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.

            Es ist nur zu verständlich, dass die Menschen aufgewühlt sind über dem Erlebten. Nach Deutungen suchen. Und sie greifen hoch: Der Prophet, der in die Welt kommen soll. Wer so ein Zeichen tut, ist mehr als ein gewöhnlicher Mensch. „Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen.“ (5. Mose 18,15) Das ist ein Wort, das im Volk umgeht, bekannt ist, Hoffnung nährt. Und deshalb jetzt  auf Jesus bezogen wird.

15 Als Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein.

Jesus spürt, was da in den Köpfen vorgeht. Was er an Hoffnungen und Erwartungen ausgelöst hat. Was das an Aktionen hervorbringen wird. Sie werden versuchen, ihn zum König zu machen. Weil er sie satt macht. Lebensmittel gibt. Nicht an ihrer leiblichen Not vorbei geht. „Wer mit dem Existenzminimum leben muss, wird sich von solch einem König , der Steine zu Brot macht (Matthäus 4,3), die Erlösung versprechen.“ (G. Voigt, aaO.; S. 86) Wer so ist, wer so etwas  kann, bei dem sind wir gut aufgehoben.

Er aber entzieht sich, wieder, weicht aus. Er lässt nicht alles mit sich machen. Sich nicht vereinnahmen. Sich nicht zum König machen. Zur großen politischen Schachfigur. Er geht auf den Berg, er selbst allein. Ein neuer Anlauf, um Abstand zu gewinnen, Stille. Zeit zum Beten. Gesagt wird das alles nicht von Johannes. Er lässt einfach eine Leerstelle in seinem Erzählen.

 

Mein Gott und Herr, Du teilst aus, was Du empfängst aus den Händen.Du gibst weiter. was andere Dir anvertrauen. Du willst, dass wir von Dir lernen: Weitergeben, was Du uns gibst. Austeilen, was Du uns anvertraut hast. Worte, Gaben, Liebe und Vertrauen.

Öffne uns das Herz zu empfangen. Die Hände zu geben. Die Augen zu sehen, wer es nötig hat, unser Empfangen und Weitergeben. Amen