Glaubt Mose!

Johannes 5, 41 – 47

41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen; 42 aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.

Der Angriff Jesu geht weiter. Es ist eine Attacke – gegen die Juden. Worte, die gut passen für die Auseinandersetzung mit erbitterten Gegnern. So wie es wohl zur Zeit der Abfassung des Evangeliums war zwischen der Gemeinde, für die Johannes sein Evangelium schreibt und den Juden, der Synagoge. Und es taucht ein Stichwort auf, dass für die johanneischen Schriften insgesamt wichtig ist: die Liebe Gottes.

Damit wird ein Gegensatz erkennbar. Die Wahl ist zwischen der Ehre von Menschen und der Liebe Gottes. Es ist die Wahl, vor der die Gemeinde damals wohl steht. Wer sich die Zuwendung seiner Umwelt sichern will, der muss sich von der Gemeinde, in der die Liebe Gottes gelebt wird, distanzieren. Die Ehre von Menschen, auch von Juden, wird so gewonnen, dass man sich ihnen anschließt, ihren Weg teilt, ihre Überzeugungen übernimmt, ihre identiy marker wie Beschneidung, Sabbat, Gesetzesfrömmigkeit achtet und ins eigene Leben zieht.

“Die Situation der johanneischen Gemeinde als einer vom orthodoxen Judentum bedrängten Minderheit sollte man immer vor Augen haben, wenn man die antijüdischen Aussagen des Johannesevangeliums … beurteilt.” (K.Wengst, Bedrängte Gemeinde und verherrlichter Christus, Der historische Ort des Johannesevangeliums als Schlüssel zu seiner Interpretation, Neukirchen 1981, S. 60) Diese Auseinandersetzung scheint mir in diesen Worten Jesu vor-formuliert.

Ich kenne euch – das begegnet mehrfach im Evangelium. Jesus weiß, wie die Menschen – die Juden stehen hier für alle Menschen – sind. Das meint nicht Seelenkenntnis, wie sie die Psychologie vermittelt, auch nicht ein übernatürliches Bescheid-Wissen über Menschen. Darauf könnte ja die Begebenheit mit Nathanael hindeuten. „Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich. Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!“ (1,47-49) Sondern es geht darum, dass er weiß, wie wir Menschen von Natur aus sind: Gott-verschlossen und ehrbegierig. Gott gegenüber zu und deshalb umso mehr begierig, von Menschen geachtet zu werden.

43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. 44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?

Es ist wie ein Rückgriff auf den Anfang des Evangeliums: „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (1,11) Weil dieses Aufnehmen ja bedeuten würde: Zu ihm gehören. Sich mitnehmen lassen auf seinen Weg. Die Ablehnung teilen, die er erfährt. Die Fremdheit der eigenen Existenz tragen. „Die Menschen können gar nicht an den Christus glauben, weil sie nicht alle weltlichen Bindungen fahren lassen wollen.“(S. Schulz, aaO., S. 96)

Die Ehre voneinander nehmen – das ist das Selbstgespräch der Welt mit sich selbst. Ich bin o.k. Du bist o. k.  In solchem sich die Ehre geben “redet nur die Welt zu sich selbst, ist sie sich selbst verfallen.” (R. Bultmann, aaO., S.203) Es ist die ewig gleiche Leier, in der sich Leute ihre eigene Bedeutung und Wichtigkeit bestätigen, in der Nebensächlichkeiten zu Weltereignissen werden und das, was das Leben tief machen könnte, was ihm Ewigkeit geben könnte, irgendwie weltfremd wird. Seltsam unpassend.

Fast glaube ich, dass jetzt bei Johannes gar nicht mehr die Juden die Adressaten sind, die er mit diesen Worten anspricht. Es ist seine Gemeinde, es sind Christen, denen er zeigt und vorhält, was es sie kosten wird, den Weg Christi zu gehen. Einen Weg, der von der Umwelt entfremdet.

Anpassen oder Standhalten. Den Weg Christi wählen mit aller Konsequenz oder ihn verlieren. Es ist die Gefahr, in der nicht nur Juden stehen. Nicht nur die Menschen damals. Wir alle sind auf Anerkennung angewiesen. Und wenn wir diese Anerkennung nicht in der Liebe Gottes erfahren und ergreifen, werden wir sie umso mehr suchen in dem, dass wir uns nach der Anerkennung von Menschen ausstrecken. Tun, was sie wollen. Reden, was sie gerne hören. Uns anpassen – manchmal bis zur Selbstaufgabe. Eine Gefahr, vor der die Kirche zu allen Zeiten steht. Wenn sie ihre Mitte verliert. Die Liebe Gottes.

So betrachtet, geht es zwar auf den ersten Blick um Anklagen gegen die Juden, auf den zweiten und genaueren Blick aber wohl um Warnungen und Mahnungen an die christliche Gemeinde. Zu allen Zeiten.

45 Ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft. 46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

            Jesus ist nicht der, der sie deshalb verklagen wird. Die Rolle des Verklägers vor dem Vater ist ja auch schon längst vergeben. (Hiob 1, 6 – 9) Aber auch schon ausgespielt. Wie ein Wort Jesu, das mir besonders am Herzen liegt, es zeigt: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“(Lukas 10,18) Im Himmel ist weder Zeit noch Raum für solche Anklagen.

Anklagen, verklagen kann nur, was auf Erden ist, die irdische Wirklichkeit, auf die – wir und die Juden – uns berufen. Mose. Das Gesetz. Die Verkündigung des gnädigen Erbarmens Gottes, wie es auch in den Schriften des Alten Bundes schon zu hören ist. „Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ (2. Mose 33, 19)

Und, aus anderem Munde:

Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind,                                                seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,                                                                         sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.                                                                        Klagelieder 3,23

Wer in den Schriften forscht, der sieht, dass sie von der Liebe reden, die in Jesus Hand und Fuß bekommt, ein menschliches Angesicht. Und ahnt: Er ist immer schon mit auf dem Plan. Nichts anderes meinen ja all die Worte, die von seiner Präexistenz reden. Es ist immer schon seine Liebe, die im Spiel ist in der Liebe des Vaters.

 

Mein Herr Jesus, bei Dir will ich stehen. Zu Dir will ich gehören. Deine Ehre will ich mehren. Aus Deiner Liebe will ich Kraft gewinnen.

Und erschrecke doch, wenn ich sehe, wie sehr ich mich nach Anerkennung durch Menschen sehe, auf ihre Zustimmung achte, ihre Ablehnung fürchte.

Gib Du mir Vertrauen genug, dass ich mich zu Dir halte, auch im Gegenwind, mit all meiner Schwachheit, in allen Ängsten. Auch dann, wenn es mich anderen seltsam erscheinen lässt.

Bewahre meinen armen, angefochtenen Glauben. Amen