Die Zeugen Jesu – der Vater, die Schrift

Johannes 5, 31 – 40

31 Wenn ich von mir selbst zeuge, so ist mein Zeugnis nicht wahr. 32 Ein anderer ist’s, der von mir zeugt; und ich weiß, dass das Zeugnis wahr ist, das er von mir gibt.

Die nachfolgenden Verse werden bestimmt von den Worten Zeugnis und bezeugen. Weil es um Klarheit, um Wahrheit geht, wie in einem Prozess, unterwirft Jesus sich der jüdischen Rechts-Überzeugung: Es braucht zweier Zeugen Mund für die Wahrheit einer Sache. Dass einer “Zeuge in eigener Sache ist” (G. Voigt,aaO.;S. 118) reicht nicht aus zur Bestätigung seines Zeugnisses. Aber Jesus weiß und sagt: Da  ist ein anderer, der für ihn Zeugnis ablegt. Und sein Zeugnis ist wahr. Tragfähig. Belastbar.  Wer das ist, sagt er hier noch nicht.

33 Ihr habt zu Johannes geschickt, und er hat die Wahrheit bezeugt. 34 Ich aber nehme nicht Zeugnis von einem Menschen; sondern ich sage das, damit ihr selig werdet. 35 Er war ein brennendes und scheinendes Licht; ihr aber wolltet eine kleine Weile fröhlich sein in seinem Licht.

Lockt er seine Zuhörer jetzt auf die falsche Spur? Da war ja der Zeuge, zu dem ganz Jerusalem lief: Johannes der Täufer. Und er hat Zeugnis abgelegt, gewissermaßen gerichtsfest: “Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!” (Johannes 1, 29) Aber sein Zeugnis ist nichts, was Jesus für sich braucht. Es ist nur der Hinweis an die Juden: Da, von Johannes, habt ihr die Wahrheit schon gehört. Aber – und das ist jetzt doch harte Kritik: Ihr wolltet ja gar nicht seine Wahrheit. Ihr seid ihm nur nachgelaufen, wie man einem Star nachläuft, um sich in seinem Glanz zu sonnen.

Jesus also braucht dieses Zeugnis der Menschen nicht. Das ist nicht Arroganz oder überhebliche Selbstsicherheit. Sondern Freiheit, die aus dem lebt, dass er sich ganz mit dem Vater eins weiß. Nur: Sehen kann das keiner, der nicht an ihn glaubt. Jesus läuft nicht mit dem strahlenden Nimbus durch das Leben, den ihm die Maler immer anmalen, damit wir ihn von den Anderen unterscheiden können. Er ist, äußerlich betrachtet, einer wie wir.    

36 Ich aber habe ein größeres Zeugnis als das des Johannes; denn die Werke, die mir der Vater gegeben hat, damit ich sie vollende, eben diese Werke, die ich tue, bezeugen von mir, dass mich der Vater gesandt hat.

Weil Jesus ein anderes, ein größeres Zeugnis hat, ist er für sich selbst nicht auf die Worte des Johannes angewiesen. Es scheint, als würde er sagen. Dieses größere Zeugnis sind die Werke. Die der Vater durch mich tut, ich durch den Vater, die er mir gegeben hat. τὰ ἔργα, Werke, σημείων, Zeichen – ist es das? “Wir sahen, dass der Evangelist – wie Jesus selbst – von einem auf Wundererfahrungen gegründeten Glauben nicht viel hält. Es ist bei Werke an das ganze Offenbarungswirken Jesu zu denken. Die Wahrheit, die Jesus nicht nur verkündigt und bringt, sondern die er ist und die sich in ihm ereignet, die bezeugt sich selbst.” (G. Voigt,aaO.;S.119)

Mit meinen Worten: Wer sich im Glauben Jesus anvertraut, der erfährt es als Zeugnis, als Wahrheit im eigenen Herzen, dass Jesus der Gesandte des Vaters ist, das Bild des unsichtbaren Gottes, der mein Leben trägt und hält. Darum kann Paulus es so nach Rom schreiben: “Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.” (Römer 8,16) 

37 Und der Vater, der mich gesandt hat, hat von mir Zeugnis gegeben.   

Nun benennt Jesus seinen ersten Zeugen: der Vater, der mich gesandt hat. Das ist das tiefe Wissen Jesu: Hinter mir steht der Vater. Die synoptischen Evangelien geben diesem „Selbstzeugnis“ und Selbstverständnis Jesu eine Geschichte und damit eine sichtbare Gestalt: „Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (Matthäus 3, 16-17) Mehr braucht Jesus nicht als Bestätigung für seinen Weg. Das macht ihn unabhängig von allem Zeugnis, das ihm Menschen geben könnten.

Ihr habt niemals seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen 38 und sein Wort habt ihr nicht in euch wohnen; denn ihr glaubt dem nicht, den er gesandt hat.

            Es folgt der härteste Angriff auf die Juden, der für mich denkbar ist: Ihr habt niemals seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen. Ihr habt sein Wort nicht in euch wohnen. Im Klartext: Ihr kennt Gott nicht. Ihr nennt euch Gottes Volk, aber ihr kennt ihn nicht. Seid blind für ihn. Seit taub für seine Stimme. Seid nicht zuhause in seinem Wort. Ihr macht euch etwas über euch selbst vor – eine einzige große Lebenslüge.

Wird dieser Angriffe abgefangen, gemildert, wenn man sagt: Die Juden stehen im Johannes-Evangelium für alle Menschen? Für die Unfähigkeit des natürlichen Menschen, das Evangelium zu begreifen, den Offenbarer Jesus zu erkennen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es ein überaus harter Angriff ist und dass ich ihn nicht aus dem Evangelium heraus interpretieren kann. Nur: Mit der Schablone „Anti-Judaismus“ ist nichts gewonnen. Es ist das theologische „Zeugnis“ des Johannes, das er an seine Gemeinde weitergibt. Geformt sicher aus der bitteren Auseinandersetzung mit führenden Leuten der Synagoge in der Zeit, in der er sein Evangelium schreibt. Dafür muss er einstehen.

Und die Begründung: Ihr glaubt dem nicht, den er gesandt hat. Ihr glaubt mir, Jesus Christus, nicht. “Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.” (Matthäus 11,27) Es ist eine Sprache wie im Johannes-Evangelium. Und es ist die gleiche Sache: Es gibt keine Gotteserkenntnis an dem Sohn vorbei. Wer den Vater sucht, findet ihn nur im Sohn.

39 Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; 40 aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.

            Das ist jetzt der zweite Zeuge: die Schrift. Sie wird von den Juden gelesen, voller Hoffnung, bittend, betend, suchend: Nach Gott und nach dem Leben. Und Jesus bestätigt diese Haltung: Ja, die Schrift ist der richtige Ort, um nach dem Leben zu suchen. Ja, es ist richtig, mit ihr so umzugehen, sie zu befragen, in ihr zu wohnen.

Es liegt eine so hohe Wertschätzung für die Schrift und für den suchenden, betenden Umgang mit ihr in diesen Worten. Genährt aus dem Umgang mit ihr. Denn mit allen Juden zusammen kann Jesus beten:

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen                                                               noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen,                         sondern hat Lust am Gesetz des HERRN                                                                                 und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!                                                                 Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,                                                 der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,                                                                                und seine Blätter verwelken nicht.                                                                                         Und was er macht, das gerät wohl.                 Psalm 1, 1 – 3

So kann Jesus auch sagen. So betet er auch. Und lässt dann doch sein „aber“ folgen. Nicht gegen die Schrift. „Die Verschlossenheit der Welt gegen Gott gründet in ihrer vermeintlichen Sicherheit, und diese hat ihre höchste und verführerischste Gestalt in der Religion, für die Juden also in ihrer durch die Schrift bestimmten Lebenshaltung.“ (R. Bultmann, aaO,; S.201) Es gibt – so  die ernste Warnung dieser Worte – Religiosität, die blind ist für den Sohn und damit das Leben versäumt.

            Das ist das „aber“ Jesu: Gegen ein Lesen, das schon zu wissen glaubt und nicht mehr hören muss  auf die Stimme des Gesandten, ein Lesen ohne Schlüssel, ohne das Wissen um die Mitte der Schrift. Sie ist’s, die von mir zeugt. Das ist die Mitte der Schrift: Sie weist auf Christus hin, weil sie den Weg zum Vater weisen will. Sie macht den Sohn herrlich, weil sie die Herrlichkeit des Vaters will.

Darum also geht es, die Schrift zu lesen als das Zeugnis von Jesus Christus. Ja, es gibt kein besseres Lehrbuch darüber, wie wir Menschen sind. Es gibt kein realistischeres Buch darüber, wie es in der Welt zugeht. Es gibt kein Buch mit besserem Rat, wie ein gedeihlicher, friedlicher Umgang unter uns Menschen aussehen kann. Es gibt kein Buch, das mehr Ermutigung zu neuen Schritten und neuen Anfängen enthält.  

            Und doch: Das alles ist nur „Beifang“ und nicht die Mitte der Schrift. „Die Mitte der Schrift ist, was Christum treibet.“ (M. Luther) Darum also muss es im Lesen der  Schrift und im Hören auf sie gehen,  dass ich ihn, diese Mitte, suchen will, dass ich mich bittend nach ihm ausstrecke. Das kann ich wollen. Von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft meines Gemütes.

            Es ist ein bitter-ernster Vorwurf: Ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet. Ihr seht die Tür offen zum Vaterherzen Gottes, aber ihr wollt einen anderen Zugang und rennt euch an der Mauer die Köpfe ein. Ein Vorwurf, in dem ich den Schmerz dessen höre, der das Leben will. Unser Leben. Aller Leben.

 

Herr Jesus, bewahre mich davor, dass ich nur Bescheid weiß, alles zu wissen glaube, von Dir rede, aber Deine Stimme nicht höre, Dir das Vertrauen verweigere.

Bewahre mich davor, dass ich mich an Buchstaben halte und Dein Nahesein übersehe, Deinen Willen nicht tue, Deine Liebe nicht  achte.

Berühre mein Herz, dass ich Deine Liebe spüre und sie mir gefallen lasse, mich in Dich hinein fallen lasse und Deine Güte lebe, so dass andere etwas von mir und meinem Glauben haben. Amen