Gebunden an den Vater

Johannes 5, 19 – 30   

19 Da antwortete Jesus und sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut gleicherweise auch der Sohn. 20 Denn der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er tut, und wird ihm noch größere Werke zeigen, sodass ihr euch verwundern werdet.

            Wieder heißt es: Da antwortete Jesus. Aber was jetzt folgt, ist keine Antwort, sondern eine Rede. Eine große Rede. Eine, der große Bedeutung zukommt. Das unterstreicht schon das doppelte Ἀμὴν ἀμὴν, (= Amen, Amen) das die Luther-Übersetzung mit Wahrlich, wahrlich wiedergibt. In dieser Rede geht es nicht mehr um das Wunder und den Sabbat, sondern nur noch um das Verhältnis von Jesus zum Vater. Jesus tut, was er den Vater tun sieht. Aber in diesen Tun geht es nicht um ein Nachmachen, sondern um die Übereinstimmung. Was der Vater tut, ist durch den Sohn getan. Was der Sohn tut, durch den Vater.

Es ist ein Übereinstimmung des Wollens, die aus der Wesenseinheit kommt. „Jesus ist der Sohn und er handelt als der Sohn.“ (G. Voigt, aaO.; S. 112) Wieder einmal steht im Hintergrund, was der Evangelist ganz am Anfang, sozusagen als Leseanweisung, seinen Lesern mitteilt: Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.(1,14) Darum also geht es: „Vater und Sohn können nicht als zwei getrennte Personen betrachtet werden, deren Tun einander ergänzt…Sondern das Wirken von Vater und Sohn ist identisch.“ (R. Bultmann, aaO.;, S.188 )

Hängen bleibe ich an der Wendung größere Werke. Später im Evangelium wird Jesus von den Jüngern sagen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater.“ (14,12) Was sind die größeren Werke? Eine Antwort könnte in dem liegen, was Jesus im Folgenden sagt. Es geht um mehr als um die Zeichen und Wunder, die er jetzt tut.

21 Denn wie der Vater die Toten auferweckt und macht sie lebendig, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will. 22 Denn der Vater richtet niemand, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben, 23 damit sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat.

Größeres ist ja nicht denkbar.  Jesus ist der, der wie der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht.  Der die Gabe des Lebens gibt. Der will, dass wir leben. Leben auch durch das Gericht hindurch. Jesus tut, was Gott kennzeichnet: Gott ist der, „der die Toten lebendig macht und ruft das, was nicht ist, dass es sei.“ (Römer 4,17)

 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

            Wer Jesus hat, der hat das Leben. Wer zu ihm gehört, der gehört auf die Seite des Lebens. Der ist schon durch das Gericht hindurch, bewahrt. Später wird Jesus sagen: „Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“ (14,19) Die Gabe des Lebens ist unteilbar. Es gibt das Leben nur als Ganzes – hier und in Ewigkeit. Es gibt kein anderes Leben, zweites Leben, irgendwie später einmal. „Gott wird uns im Himmel nicht mehr lieben als auf Erden.“ (Thomas von Aquin) So ist es. Diese Liebe im Himmel, auf die wir zuleben, wird schon hier auf der Erde empfangen, fängt hier schon an in der Liebe Jesu. Und sie gilt allen, die an ihn glauben. Weil an ihn glauben ja ist, an den glauben, der ihn gesandt hat, an den Vater.

 25 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben. 26 Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber; 27 und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. 28 Wundert euch darüber nicht. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden 29 und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

Das buchstabiert Jesus jetzt durch – mit uns – im Blick auf die Toten und die Auferstehung. Er ist es, der aus den Toten ruft. Den Jüngling von Nain, die Tochter des Jairus, Lazarus. Alles nur ein Vorspiel. Ein Vorgeschmack auf sein Rufen, seine Stimme, wenn der “liebe jüngste Tag” kommt. Der Tag, an dem das Leben sich erfüllt. Der Tag, an dem die Gräber leer stehen. Der Tag, an dem alle Fragen überholt sind. Der Tag, an dem wir Jesus sehen, wie er ist – und uns sehen, wie wir sind, geliebt ohne Ende, ohne Grenze, grenzenlos.

            Dann wird unsagbare Freude sein,
wird helles Lachen herrschen,
wird an reichen Tischen gegessen,
werden Menschen lallen vor Glück,
werden wir sein wie die Träumenden.         

                                   J. Hansen, Nach dem Abend kommt ein neuer Morgen

Es ist die Botschaft dieser Worte hier: Jesus ist der, der an diesem jüngsten Tag Gericht hält, zum Leben ruft, und die seine Stimme hören werden, die werden leben. Dieses Hören aber fängt hier und heute an. Und es wird keine andere Stimme sein als seine, Jesu Stimme, die an diesem kommenden Tag ruft.

Es gibt eine Debatte darüber, ob bei dem Evangelisten Johannes nicht die Zukunft ausfällt. Ob das Gericht, Himmel und Hölle nur uneigentliche Rede sind, lediglich Bilder für den Existenzwandel, um den es im Glauben geht. Ob alles, was da so erwartet wird als Zukunft, als Ende der Welt, von den anderen  Evangelisten und von Paulus,  nur im Hier und Jetzt ist. Ich vermag das so nicht zu sehen. Ich lese vielmehr so, dass Johannes sagt: Hier und Jetzt – aber das Hier und Jetzt drängt auf die Zukunft Gottes und erfüllt sich in ihr. Nur: Es wird kein anderer Gott sein, vor dem wir dann stehen, keine andere Stimme, die wir dann hören, kein anderes Gesicht, das auf uns gerichtet ist. Es geht Jesus entgegen. Dem, den wir hier kennen und der uns zu sich ziehen will durch das ganze Leben hindurch.

30 Ich kann nichts von mir aus tun. Wie ich höre, so richte ich und mein Gericht ist gerecht; denn ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.

In seinem Tun, in seinem Reden, in seinem Lieben, in seinem Retten aber ist Jesus ganz gebunden an den Willen dessen, der mich gesandt hat. Den Willen des Vaters. Er ist der, der den Willen des Vaters vollendet. Hier auf Erden und in Ewigkeit. Er, der uns beten lehrt:  „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ (Matthäus 6,10) So lehrt er uns, weil er selbst so lebt. Das bezeugt Johannes.

 

Mein Gott, darauf warte ich, dass Dein Wille unverstellt offenbar wird, die Tränen getrocknet, das Leid überwunden, der Krieg abgeschafft, der Tod verschwunden.

Darauf warte ich, dass der Tisch gedeckt wird im Vaterhaus, dass wir Dich sehen, wie Du bist – voller Liebe und Erbarmen – und kein Schatten mehr auf das Miteinander fällt von Dir,  mein Jesus, und uns, Gott und den Menschen. Amen