Wenigstens einen Menschen braucht jeder

Johannes 5, 1 – 18

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. 2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; 3-4 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.

Danach legt den Anschluss an die Heilung des Kranken nahe, wie sie zuvor erzählt worden ist. Es kann aber auch genauso gut der Anschluss an die Ereignisse sein, die in Kapitel 6 erzählen werden. Beide Male hält sich Jesus in Galiläa auf. Während das, was im Folgenden erzählt wird, sich in Jerusalem ereignet. Dann wäre, wenn man der Reihenfolge der Kapitel folgt, wie sie in unseren Bibeln steht, der Reiseweg Jesu ein ziemliches Hin und Her zwischen Galiläa und Jerusalem. Für heutige Verkehrsmittel nicht undenkbar. Für Fußreisende, wie Jesus einer ist, weniger wahrscheinlich. Für das Verständnis der Texte ist eine Entscheidung in der Frage der Reihenfolge der Kapitel 5 und 6 im Johannes-Evangelium nicht von entscheidender Bedeutung.

Der Ort wechselt. Nicht mehr Galiläa, auch nicht mehr Samaria. Jesus ist in Jerusalem. Gekommen zu einem Fest. Welches Fest es ist, bleibt unklar. Aber genau benannt wird der Ort des nachfolgenden Geschehens. Beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. “Haus des Erbarmens.” Dort sind viele Hilfsbedürftige.

In späteren Handschriften des Johannes-Evangeliums hinzugefügt ist eine Erläuterung: “Sie warteten darauf, dass sich Wellen auf dem Wasser zeigten. Von Zeit zu Zeit bewegte nämlich ein Engel Gottes das Wasser. Wer dann als Erster in den Teich kam, der wurde gesund; ganz gleich, welches Leiden er hatte.“ Das ist die Situation: Nur die Schnellsten werden von der Heilkraft des Wassers berührt.

Eine absurde Vorstellung: Da findet immer wieder ein Wettlauf der Kranken, Blinden, Lahmen, Ausgezehrten statt. Nur: So absurd auch wieder nicht, wenn ich überlege: Wer nicht privat versichert ist, muss Monate warten, bis er beim Facharzt seinen Termin kriegt. Andere sind da viel schneller dran.

5 Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank.

Unter den vielen, die dort sind, liegt einer, der ist da seit achtunddreißig Jahren. Krank. Was seine Krankheit ist, wird nicht gesagt. Aber es reicht ja auch zu wissen:  Er liegt  dort achtunddreißig Jahre. Da wird einer seine Krankheit. Sie ist nicht mehr nur ein Teil von ihm, sein Missgeschick. Sie ist sein Schicksal. Und mag ihn oft genug fluchen, hadern, verzagen haben lassen. Und wenn einer so lange da liegt, wird er kaum noch wahrgenommen. Er ist wie ein Stück Inventar dieses “Hauses des Erbarmens” geworden. Irgendwie unmerklich und unbemerkt.

6 Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Jesus aber sieht unter den vielen diesen Einen. Und er wird, vom wem auch immer, informiert, wie es um ihn steht. “Er sieht” den elenden Menschen liegen, wo doch die anderen geflissentlich hinwegsehen….Mit dem Sehen fängt die wirkliche Barmherzigkeit an, mit dem Anblicken die tätige Hilfe.” (G. Voigt, aaO., S.107) Aber Jesus heilt nicht einfach. Er weiß nicht wie von selbst, was für den Kranken dran ist.

               Darum fragt er: Willst du gesund werden? Fast möchte man sagen: Was denn sonst? Darum ist er doch an diesem Ort. Das ist doch seine bis zu diesem Tag durch achtunddreißig Jahre hin nie gänzlich erloschene Hoffnung. Aber so verrückt ist die Frage Jesu nicht. “Es gibt Menschen, die – im übertragenen oder gar im wörtlichen Sinne – nicht “auf die Beine kommen”, weil sie vor den Herausforderungen ihres Lebens in die Krankheit flüchten.” (G. Voigt, aaO., S.107) Es ist nicht immer ausgemacht, dass einer aus der Rolle des Hilfsbedürftigen heraus will, weil er dann ja auch die Verantwortung tragen muss für sein Leben.

Das andere Moment in der Frage Jesu. Er nimmt diesen Menschen als Subjekt seines Lebens ganz ernst. Er mutet ihm zu, zu sagen, was er will. Er erspart ihm nicht, sich über sich selbst klar zu werden. Und es mag so sein: Mit dieser Frage berührt Jesus die lange schon verschüttete Hoffnung, die aufgegebene und verloren gegangene Sehnsucht. Vielleicht hatte der “Langzeit-Kranke” sich den Wunsch nach Gesundwerden längst abgeschminkt. Aber jetzt wird er durch diese Frage noch einmal mit der vergessenen Hoffnung konfrontiert. Sie wird aus dem Vergessen geholt.

Die Antwort des Kranken ist etwas vom Bittersten, das für mich denkbar ist: Ich habe keinen Menschen. Und ich höre hier: Nicht nur keinen für den Krankentransport, für diesen absurden Wettlauf. Nein, ich habe keinen, der für mich da ist. Mich als Menschen wahrnimmt. Mich wert achtet. Mich sieht. Wer will sich da wundern, dass er sich nicht traut zu sagen: Ich will gesund werden. Dass er sich nicht traut, um Hilfe zu bitten.

Mit seiner Frage gibt Jesus ihm seine Würde. Die er womöglich selbst schon lange nicht mehr sieht. Er ist nicht nur Bittsteller. Er ist und soll wieder werden: Subjekt seines Lebens. Vielleicht isr es genau das, was diesen Man nach achtunddreißig verlegenen Jahren wieder auf die Beine bringen kann.

Es ist das so alltägliche Drama der Vergessenen und Übersehenen, derer, die nicht wahrgenommen werden. “Denn man sieht nur die im Lichte, die im Schatten sieht man nicht.” (B. Brecht, Dreigroschenoper) Vielleicht darf ich das so pathetisch sagen: Jesus ist Spezialist für die, die im Schatten stehen. Und darum hört er hinter der Klage die unausgesprochene Bitte. Und hilft.

8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Jesus spricht. Befiehlt. Sein Wort wirkt. Jesus Wort ist wirksames Wort. Wie das Wort des Vaters, des Schöpfers, von dem er sagt: „Es wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“(Jesaja 55, 11) Der Kranke kann tun, was ihm gesagt wird. Er nimmt seine Matte und geht. Hin. Περιπάτει steht da. Geh umher. Im Markus-Evangelium sagt Jesus zu dem Gelähmten, den er heilt: Geh heim. (Markus 2,11) Hier: Geh umher. Das ist für den Fortgang der Geschichte von Bedeutung

Was auffällt: Ob dieser Kranke glaubt oder nicht, scheint keine Rolle zu spielen. Jesus jedenfalls fragt nicht nach seinem Glauben. Und er deutet auch die geschehene Heilung nicht  mit den Worten „Dein Glaube hat dir geholfen.“(Markus 10,52) Es ist Hilfe, da, wo sie nötig ist, nach einer Leidenszeit von achtunddreißig Jahren. Mehr nicht. Auf diesem Wunder, Zeichen, liegt für den Evangelisten nicht die besondere Aufmerksamkeit. Er erzählt es. Punkt.

 Es war aber an dem Tag Sabbat. 10 Da sprachen die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen.

            Es klingt fast wie ein Nachtrag: Sabbat. Ob es daran liegt, dass für die Gemeinde, für die Johannes schreibt, die Sabbat-Frage längst entschieden ist? Nur für die Juden, mit denen sie auskommen müssen, noch nicht. Und es sind dann auch prompt die Juden, die ihn zur Rede stellen. Am Sabbat eine Matte, dein Bett, spazierentragen, das geht nicht. “Das Tragen eines Gegenstandes, wie in diesem Fall des leeren Bettes, war nach den Bestimmungen der pharisäischen Synagoge streng untersagt.” (S.Schulz,aaO., S.84) Gesetzesverstoß: Unerlaubte Arbeit.

Auch mit ihrem Einspruch bewahren sie eine wichtige Erinnerung, durchaus nicht nur gesetzlich: “Der siebte Tag sollte… im Leben des Bundesvolkes den Raum für Gott freihalten und für die Freude der Menschen an ihrem Gott. Wir tun meist zu wenig, um der Hinwendung zu Gott in unserem betriebsamen Leben “Raum” zu geben. Fromme Praxis kann Gott nicht herbei zwingen, aber unser auch den Sonntag einbeziehendes Alltagsprogramm verdrängt ihn.” (G. Voigt,aaO.;S.108) Das zu wissen gibt den Juden schon ein Recht, eindringlich zu fragen.

11 Er antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin! 12 Da fragten sie ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin? 13 Der aber gesund geworden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war entwichen, da so viel Volk an dem Ort war.

            Der Geheilte verteidigt sich: Der mich gesund gemacht hat, der hat es mir gesagt. Erlaubt. Oder gar: befohlen. Die Schuld für sein „gesetzloses Verhalten trifft nicht ihn, sondern den Mann, der es ihm geboten hat.“(J. Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol.Handkommentar zum NT; Berlin 1985 S.127) Es ist das übliche Verschiebespiel: Die anderen sind schuld. Ich nicht. Uralt, seit Adam und Eva (1. Mose 3, 12-13). Nie geübt. Immer schon gekonnt. Wenn das so ist, wollen die Juden wissen, wer der Mensch ist, der so etwas befiehlt. Vielleicht müsste man für ὁ ἄνθρωπος sagen: Wer ist der Kerl, der Typ? Der Geheilte weiß es nicht. Ihm ist nur seine Heilung wichtig, nicht der Heiler und seine Identität.

Das also gibt es: Da wird einer geheilt und weiß nicht wie und von wem. Da kommt einer mit Jesus heilsam in Kontakt und kennt ihn nicht. Man muss nicht Jesus schon kennen, um von ihm heilsam berührt zu werden. Man muss nicht immer schon wissen, wer Jesus ist, damit er einem hilft und heilt. Das ist eine ausgesprochen tröstliche Relativierung allen theologischen und christologischen Erkenntnisstandes. Es kommt nicht auf den Erkenntnis-Stand an. Auch Null-Wissen auf der Seite des Menschen, also unserer Seite, hindert Jesus nicht zu handeln.

 14 Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.

Er macht sich auch nicht auf die Suche nach Jesus. Es ist umgekehrt. Jesus findet ihn, so wie er ihn schon am Teich gefunden hatte. Das Finden Jesu ist das Glück eines Menschen. Auch dessen, der ihn gar nicht gesucht hat. Eine merkwürdige Mahnung spricht Jesus aus. Es scheint, als würde er deuten: Deine Krankheit war Folge einer Sünde. Pass auf, dass Du nicht wieder sündigst und es noch schlimmer mit dir wird.

Aber schlimmer als achtunddreißig Jahre keinen Menschen – das geht doch gar nicht. Ich denke doch: Schlimmer ist, das Geschenk der Freiheit zu vertun. Rückfällig zu werden. Befreit aus Festlegungen sich selbst wieder festzulegen. Und alles nur, weil man die geschenkte Freiheit des neuen Anfangs vergibt, sie nicht in kleinen Schritten verwirklicht. Sündigen – das ist eben auch: Sich vom eigenen Leben durch das eigene Tun entfremden. Mit Moral hat das relativ wenig zu tun.

15 Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. 16 Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.

Jetzt werden die Dinge klar. Der Mensch – warum sagt Johannes eigentlich nie: Der Geheilte?informiert die Juden über seinen neuen Wissensstand: Es ist Jesus. Er ist der, den ihr sucht. Und in der Tat, nun verfolgen sie ihn, Jesus. Als Sabbat-Schänder. Gesetzesbrecher.

17 Jesus aber antwortete ihnen: Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag, und ich wirke auch. 18 Darum trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich.

Das ist merkwürdig. Jesus antwortet – aber wir haben gar keine Anklage aus dem Mund der Juden gehört. Seine Antwort aber muss einen Aufschrei auslösen. Rückt er doch sein Tun mit dem Wirken Gottes zusammen und beansprucht, dass Gott sein Vater ist. Das sagt Israel allenfalls als Spitzensatz über das Leben des Volkes, aber doch nie als einen Satz, den der einzelne Jude für sich in Anspruch nimmt. „Die Juden verstehen richtig, dass Jesus sich durch dieses Wort mit Gott gleich macht, und es muss für ihre Ohren wahnwitziger Frevel sein.“(R. Bultmann, aaO,;, S. 182) Eine schlimmere Gotteslästerung als der Bruch des Sabbats. Das könnte ja noch ein Irrtum sein. Aber so zu reden – das geht zu weit.

 

Mein Gott, wie gut, einen Menschen zu haben, der uns sieht, uns achtet. Wie gut, einen Menschen zu haben, der nach uns fragt, uns fragt, unser Klagen zulässt, vor unserem Schmerz nicht davon läuft.

Wie gut, diesen Menschen Jesus zu haben, Deinen Sohn, der uns sieht, auch wenn wir von allen übersehen werden. Amen