Eine Nacht voll Risiko

Rut 3, 1 – 18

1 Und Noomi, ihre Schwiegermutter, sprach zu ihr: Meine Tochter, ich will dir eine Ruhestatt suchen, dass dir’s wohlgehe. 2 Siehe, Boas, unser Verwandter, bei dessen Mägden du gewesen bist, worfelt diese Nacht Gerste auf seiner Tenne. 3 So bade dich und salbe dich und lege dein Kleid an und geh hinab auf die Tenne. Gib dich dem Mann nicht zu erkennen, bis er gegessen und getrunken hat. 4 Wenn er sich dann schlafen legt, so merke dir die Stelle, wo er sich hinlegt, und geh hin und decke zu seinen Füßen auf und leg dich hin, so wird er dir sagen, was du tun sollst.

            Es ist Fürsorge und Voraussicht, aber auch Klugheit, die Noomi so reden lässt. Die Ruhestatt ist die Ehe. Dann ist ausgesorgt, wenn die junge Frau einen findet, der für sie sorgt. Und dies könnte, so die Überlegung der Noomi, gut Boas sein. Er hat als Verwandter so etwas wie eine Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass Elimelech, der verstorbene Mann der Noomi und ihre Söhne Machlon und Kiljon (1,4) nicht ohne Nachfahren bleiben. Das ist, so lese ich, der eigentliche Antrieb hinter den Überlegungen der Noomi. Es geht um den Fortbestand der Sippe.

Wenn man so will: Über den Tod der drei Männer hinaus wird hier um ihr Leben gekämpft. Wird Rut einen Mann finden, mit dem sie Kinder hat, so werden sie durch diesen  Löser zu Nachkommen kommen und damit der Vergänglichkeit des Todes entrissen. Keine Sterbegleitung, aber Lebenseröffnung über den Tod hinaus.

Man darf es nicht überlesen: Die Vorschläge Noomis wirken nicht nur zweideutig. Sie sind es tstsächlich. Und bergen für Rut ein hohes Risiko. Kann doch der Mann Boas die Situation, dass sie sich ihm nächtlich, geschmückt wie eine Braut präsentiert, ausnutzen oder auch missverstehen. In beiden Fällen wäre sie damit “erledigt.” Es ist ein  Spiel, das bis in die Sprache hinein auch eine sexuelle Note hat. Erkennen, aufdecken, sich zu den Füßen legen – das alles ist doppeldeutig.

Aber es gilt, den Augenblich zu ergreifen, den Kairos zu nützen. “Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.” Biblische Texte wollen nicht, dass wir den Augenblick versäumen und verträumen, sondern dass wir ihn ergreifen, den Spielraum nützen, den wir haben. Und sei er noch so klein. Und womöglich auch ein wenig anrüchig.

5 Sie sprach zu ihr: Alles, was du mir sagst, will ich tun. 6 Sie ging hinab zur Tenne und tat alles, was ihre Schwiegermutter ihr geboten hatte. 7 Und als Boas gegessen und getrunken hatte, ward sein Herz guter Dinge und er ging hin und legte sich hinter einen Kornhaufen. Und sie kam leise und deckte zu seinen Füßen auf und legte sich hin.

                   Rut erweist sich als gehorsam und beratbar. Sie tut, wie die Schwiegermutter es ihr gesagt hat. Gehorsam gegen die Älteren, auch die Eltern ist den biblischen Autoren ein hohes Gut. Ein Zeichen auch für die Zusammengehörigkeit der Generationen.

Nach getaner Arbeit legt sich Boas hinter einen Kornhaufen. Nicht, weil er, nachdem er gut gegessen und getrunken hat, den Heimweg nicht mehr schaffen würde. „Der Besitzer pflegt in der Nähe seines Kornhaufens die Nacht zuzubringen, um so Diebstähle zu verhindern.“ (H.W. Hertzberg; aaO.; S. 271) Diese Gewohnheit will Noomi genutzt sehen und Rut nutzt sie. Jetzt und hier. Es geht um praktisches Handeln. Man könnte auch sagen. Noomi weiß, was viel später gesagt wird: “Es gibt nichts gutes, außer man tut es.”(E. Kästner)

Keine Rede ist in alledem von Gott. Er bleibt gewissermaßen im Hintergrund. “Das Rut-Buch plädiert massiv für eigen-initiatives Handeln der Menschen.(C. Frevel, aaO.; S. 88) So ist hier folgerichtg durch und durch menschliches Planen und Überlegen um Werk. Noomi kommt gar nicht auf die Idee, so spürt man, zu fragen, ob denn  der HERR so etwas wollen kann. Sie “weiß”: Es ist Gottes Wille und auch mein eigener, dass meine Familien-Geschichte nicht im Niemandsland endet, dass meine Schwiegertochter eine Ruhestatt gewinnt. Um das zu wissen, braucht sie kein aktuelles “Wort des HERRN”.

8 Als es nun Mitternacht ward, erschrak der Mann und beugte sich vor; und siehe, eine Frau lag zu seinen Füßen. 9 Und er sprach: Wer bist du? Sie antwortete: Ich bin Rut, deine Magd. Breite den Zipfel deines Gewandes über deine Magd, denn du bist der Löser.

            Als Boas erwacht, ist er desorientiert. Er weiß nicht so recht, wie ihm geschieht mit  einer Frau zu seinen Füßen. Weil es ja Mitternacht ist, also dunkel, ist die Frage angebracht: Wer bist du? Und erinnert mich doch an Jakobs Frage an seinen Kampfgegner am Jabok: Wie heißt Du? (1.Mose 33,28) Es gibt damals – und gibt es bis heute – Angst vor nächtlichen Dämonen, die um Mitternacht aktiv werden.

“Eine dieser Dämoninnen ist die in altorientalischr und späterer rabbinischer Literatur bezeugte Lilit, die unter anderem über alleinstehende Männer nachts unbemerkt herfällt und sie sexuell bedroht.” (C. Frevel, aaO.; S. 99) So könnte der Erzähler also andeuten: Boas erschrickt, weil er sich Lilit gegenüber wähnt. Welche Erleichterung ist es dann, wenn er hört:  Ich bin Rut, deine Magd. Kein Grund zur Dämonenfurcht. Eine Frau aus Fleisch und Blut.

Breite den Zipfel deines Gewandes über deine Magd, denn du bist der Löser. Eine Bitte, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig lässt.  Auch wenn wir das nicht gleich hören. Es ist die Bitte an Boas, mit ihr die Ehe zu schließen. Sie in seinen Schutz zu nehmen, ihr Liebe, Fürsorge und Zukunft zu geben. Sie mit dieser Ehe aufzunehmen in die Familie und in das Gottesvolk. Ungewöhnlich. Gewiss, weil es nicht Sache der Frau ist, die Ehe zu fordern oder anzubieten. Selbst, wenn es einem heutigen Leser so vorkommen könnte: Rut ist nicht auf der Suche nach einem Mann und hat in Boas jetzt das “Opfer” gefunden. Sie “schmeißt sich nicht an ihn ran”.

10 Er aber sprach: Gesegnet seist du vom HERRN, meine Tochter! Du hast deine Liebe jetzt  noch besser erzeigt als vorher, dass du nicht den jungen Männern nachgegangen bist, weder den reichen noch den armen. 11 Nun, meine Tochter, fürchte dich nicht. Alles, was du sagst, will ich dir tun; denn das ganze Volk in meiner Stadt weiß, dass du eine tugendsame Frau bist. 12 Ja, es ist wahr, dass ich ein Löser bin; aber es ist noch ein Löser da, näher verwandt als ich. 13 Bleib über Nacht hier. Will er dich dann am Morgen lösen, gut, so mag er’s tun; hat er aber keine Lust, dich zu lösen, so will ich dich lösen, so wahr der HERR lebt. Schlaf bis zum Morgen!

Die Antwort des Boas überrascht. Gesegnet seist du vom HERRN, meine Tochter! Es ist da ein Gefälle zwischen dem reichen Bauern und der armen Ausländerin. Aber das spielt keine Rolle. Mit ähnlichen Worten hatte Noomi auf das Tun des Boas reagiert: “Gesegnet sei er vom HERRN.” (2,20) Darum scheint es zu gehen: Zwischen Boas, Rut  und Noomi entsteht eine Geschichte des Segens. Eine Geschichte, in der sich die Güte Gottes ihre Bahn sucht.

Damit passt zusammen, wie Boas sieht, was Rut ihm gesagt hat.  Ein Zeichen ihrer Liebe ist, größer als zuvor. Es geht dabei nicht darum, dass sie ihm, einen altem Mann ihre Liebe anträgt, ihn bevorzugt vor den anderen, den Jüngeren. Es geht darum, dass sie in ihrem  Reden die Solidarität zur Sippe des Elimelech, zu ihrer Schwiegermutter Noomi und zu ihrem verstorbenen Mann Machlon bewährt.

Das wird daraus deutlich, dass  Boas akzeptiert: Ja Ja, es ist wahr, dass ich ein Löser bin. Er kennt seine Rechte und seine Pflichten, die sich aus der Verwandschaft  ergeben. Und er ist willens, sich dem zu stellen. Aber da ist ein anderer Verwandter, der ist “näher” dran durch den Grad seiner Verwandtschaft. Den wird man erst fragen müssen. Aber damit das nicht nur eine Vertröstung ist, bekräftigt er es durch einen regelrechten Eid, dass er sie zur Frau nehmen will. Ich will dich lösen, so wahr der HERR lebt. Er ist sich offensichtlich sicher, dass er es in Rut mit einer tugendsamen und guten Frau zu tun hat. Das weiß schließlich die ganze Stadt.

Und dann fast ernüchternd, als wäre jetzt alles besprochen: Schlaf bis zum Morgen! Kein Geplänkel mehr. Kein Nachspiel. Man wird für den nächsten Tag ausgeschlafen sein müssen. Wichtige Entscheidungen stehen an.

14 Und sie schlief bis zum Morgen zu seinen Füßen. Und sie stand auf, ehe einer den andern erkennen konnte. Und er dachte: Wenn nur niemand erfährt, dass eine Frau auf die Tenne gekommen ist. 15 Und er sprach: Nimm das Tuch, das du umhast, und halt es auf. Und sie hielt es hin. Und er maß sechs Maß Gerste hinein und lud ihr’s auf. Und er ging in die Stadt.

            Die Nacht geht vorüber. Noch im Zwielicht des anbrechenden Tages bricht Rut auf. Es ist Boas recht, würden er und sie doch vielleicht kompromitiert, wenn bekannt würde, dass sie in dieser Nacht bei ihm war. Und: Der andere Löser könnte das rechtlich ins Feld führen. “Eine üble Nachrede könnte die Verhandlungen im Tor in Gefahr bringen und die zuvor festgestellte Rechtschaffenbheit beider in Frage stellen.” (C. Frevel, aaO.; S. 117)

            Aber mit leeren Händen soll sie doch nicht heimkehren. Und so gibt er ihr reichlich – sechs Maß Gerste. Etwa 40 kg. Daran hat sie gut zu tragen.

16 Sie aber kam zu ihrer Schwiegermutter. Die sprach: Wie steht’s mit dir, meine Tochter? Und sie sagte ihr alles, was ihr der Mann getan hatte, 17 und sprach: Diese sechs Maß Gerste gab er mir; denn er sagte: Du sollst nicht mit leeren Händen zu deiner Schwiegermutter kommen. 18 Sie aber sprach: Warte nun ab, meine Tochter, bis du erfährst, wo es hinauswill; denn der Mann wird nicht ruhen, er bringe es denn heute zu Ende.

                           Boas geht in die Stadt, Rut zu ihrer Schwiegermutter. Noomi hat wohl schon gewartet. Im Wissen darum, dass es nicht ohne Gefahr ist, was sie Rut aufgetragen hat? Wortgetreu übersetzt fragt sie: „Wer bist du, meine Tochter?“ Und fragt damit danach, ob es so etwas wie einen neuen Stand für Rut gibt. Ist sie immer noch nur die Ausländerin? Oder ist sie durch Boas in eine neue Position gerückt?

Dass Rut ihr alles erzählt, was ihr der Mann getan hatte, lässt mich denken, dass es kein Erzählen einer sexuellen Erfahrung ist, die sie da mitteilt. Wie mir überhaupt scheint, dass es zwar deutliche erotische Untertöne in der ganzen Erzählung gibt, dass ihr Interesse aber nicht darauf liegt. Es geht nicht darum, dass sich die arme Migrantin einen reichen und angesehenen, aber alten Mann „angelt“. Es geht vielmehr um Treue, um Güte, um das Abwenden von Not und das Bewähren von Gnade.

Zweimal hatte es geheißen:  Alles, was du sagst, will ich tun.Einmal als Gehorsams-Formel von Rut an Noomi, das andere Mal als Versprechen des Boas an Rut. Und hier jetzt:  Sie sagte ihr alles, was ihr der Mann getan hatte. Es geht um das Tun. Nicht nur um Gedanken. Und es geht um ein Tun, das den Handelnden entspricht –  der tugendsamen Frau und dem redlichen, angesehenen Mann. Im Tun in dieser Nacht bewähren sie die Urteile, die über sie verbreitet sind.

Noomi ist gewiss. Sie kann auch gewiss sein. Der neue Tag wird die Entscheidung bringen. Boas wird für klare Verhältnisse sorgen. Ist es doch wie ein Versprechen an sie, die mit leeren Händen aus Moab zurück gekommen ist, dass Boas zu der Moabiterin Rut gesagt hat: Du sollst nicht mit leeren Händen zu deiner Schwiegermutter kommen.

             Es sind die letzten Worte, die in dieser Erzählung von Noomi und Rut berichtet werden. Hoffnungsvolle Worte von zwei Frauen, die so viel zerbrochene Hoffnungen zu tragen haben.  Beide können jetzt nichts mehr tun für einen guten Ausgang. Aber sie haben die Hoffnung, dass es gut werden wird. Vertrauen auf den redlichen Mann Boas und auf den im Hintergrund, auf Gott.

 

Mein Gott, wie viel Angst um den guten Ruf gibt es, vor dem Gerede. Wie viel bleibt ungesagt, ungetan, heimlich, weil andere es missdeuten könnten.

Es braucht viel Vertrauen, Mut, Klarheit über die eigenen Motive, die eigene Möglichkeiten, um sich auf solche Wege zu wagen, die ins Zwielicht führen, missverstanden werden können.

Ich danke Dir, mein Gott, dass Du segnest, wo immer einer Wege geht im Vertrauen auf Dich. Amen