Absichtslose Freundlichkeit

Rut 2, 1 – 23

1 Es war aber ein Mann, ein Verwandter des Mannes der Noomi, von dem Geschlecht Elimelechs, mit Namen Boas; der war ein angesehener Mann.

            Boas wird jetzt in die Geschichte eingeführt. Ein Verwandter des verstorbenen Mannes der Noomi. Ein angesehener Mann, honorig. Mit gutem Ruf.

2 Und Rut, die Moabiterin, sprach zu Noomi: Lass mich aufs Feld gehen und Ähren auflesen bei einem, vor dessen Augen ich Gnade finde. Sie aber sprach zu ihr: Geh hin, meine Tochter! 3 Sie ging hin und las auf, den Schnittern nach, auf dem Felde. Und es traf sich, dass dies Feld dem Boas gehörte, der von dem Geschlecht Elimelechs war.

Rut will nicht untätig herum sitzen. Sie sucht nach Arbeit. “Zum zweiten Mal erweist sich Rut als Freundin.indem sie durch ihr Vorhaben, auf irgendeinem Feld Ähren nachzulesen, den Notstand zu beseitigen sucht.” (C. Frevel, aaO.; S. 67)

Wir wolln uns gerne wagen, in unsern Tagen                                                                       der Ruhe abzusagen, die’s Tun vergisst.                                                                                  Wir wolln nach Arbeit fragen, wo welche ist…                                                                            Nikolaus Graf Zinzendorf 1736, EG 254

Und sie findet Arbeit. Oder findet die Arbeit sie? Eine schöne Formulierung für die Suche nach Arbeitgebern: Rut sucht einen, vor dessen Augen ich Gnade finde. Geschenkte Güte. Es trifft sich, dass sie bei Suche auf einem der Felder des Boas landet.

4 Und siehe, Boas kam eben von Bethlehem und sprach zu den Schnittern: Der HERR sei mit euch! Sie antworteten: Der HERR segne dich! 5 Und Boas sprach zu seinem Knecht, der über die Schnitter gestellt war: Zu wem gehört das Mädchen? 6 Der Knecht, der über die Schnitter gestellt war, antwortete und sprach: Es ist eine Moabiterin, die mit Noomi gekommen ist aus dem Land der Moabiter. 7 Sie hat gesagt: Lasst mich doch auflesen und sammeln hinter den Garben den Schnittern nach, und ist gekommen und dageblieben vom Morgen an bis jetzt und hat nur wenig ausgeruht.

Was für ein schöner Gruß. Nicht einfach nur „Moin.“ „Tach.“ „Hey“. Der HERR sei mit euch! – Der HERR segne dich! Das könnte für ein gutes Arbeitsklima sprechen, menschlichen Umgang.  Boas sieht alles. Auch das ihm unbekannte Mädchen. So fragt er nach und erhält Auskunft. Über ihre Herkunft, aber auch: Eine fleißige Person.

 8 Da sprach Boas zu Rut: Hörst du wohl, meine Tochter? Du sollst nicht auf einen andern Acker gehen, um aufzulesen; geh auch nicht von hier weg, sondern halt dich zu meinen Mägden. 9 Und sieh, wo sie schneiden im Felde, da geh ihnen nach. Ich habe meinen Knechten geboten, dass dich niemand antaste. Und wenn dich dürstet, so geh hin zu den Gefäßen und trinke von dem, was meine Knechte schöpfen.

Was folgt, füllt mit Inhalt, was Rut erhofft hatte. Sie hat den gefunden, auf den sie gehofft hat, vor dessen Augen ich Gnade finde. Einen, der ihr menschliche Arbeitsbedingungen zugesteht. Achtsam mit der Fremden umgeht. Sie unter seinen Schutz nimmt. Es kann leicht einmal zu Übergriffen kommen bei der Ernte. All das ist nicht selbstverständlich.

10 Da fiel sie auf ihr Angesicht und beugte sich nieder zur Erde und sprach zu ihm: Womit hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, dass du mir freundlich bist, die ich doch eine Fremde bin? 11 Boas antwortete und sprach zu ihr: Man hat mir alles angesagt, was du getan hast an deiner Schwiegermutter nach deines Mannes Tod; dass du verlassen hast deinen Vater und deine Mutter und dein Vaterland und zu einem Volk gezogen bist, das du vorher nicht kanntest. 12 Der HERR vergelte dir deine Tat, und dein Lohn möge vollkommen sein bei dem HERRN, dem Gott Israels, zu dem du gekommen bist, dass du unter seinen Flügeln Zuflucht hättest.

Rut ist erstaunt, dankbar, und fragt: Womit habe ich das verdient? Ich – eine Fremde? Eine ohne jeden Rechts-Status in Israel. Und Boas lässt sich herbei, es ihr zu erklären. Er hat gehört von ihrer Treue zu Noomi. Von ihrem Weg, den sie auf sich genommen hat. Dass sie um ihretwillen zur Fremden im fremden Land geworden ist. Und er spricht ihr ein Segenswort zu: Der HERR vergelte dir deine Tat. “Es lohnt sich, unter den Fittichen des Gottes Israel Zuflucht zu suchen.” (H.W. Hertzberg; aaO.; S. 201)

               Weil Boas aber nicht nur schöne Worte machen will, fängt er schon einmal an, dem HERRN diese Vergeltung abzunehmen durch sein eigenes Verhalten. Werkzeug Gottes zu sein. Teilt den Lohn Gottes aus. In der Erlaubnis, Ähren zu lesen. Im Brot und im erfirschenden Trank. In der Anweisung zur Großzügigkeit an seine Knechte. Im Schutz vor Übergriffen. So etwa stelle ich mir einen menschenfreundlichen Arbeitgeber vor.

13 Sie sprach: Lass mich Gnade vor deinen Augen finden, mein Herr; denn du hast mich getröstet und deine Magd freundlich angesprochen, und ich bin doch nicht einmal wie eine deiner Mägde.

Zum dritten Mal erscheint die Wendung: Gnade vor den Augen finden. Es ist alles unverdientes Geschenk. Gnade halt. Kein Rechtsanspruch, der einklagbar wäre. Ist sie doch weniger als eine der festangestellten Mägde des Boas. Nur eine Saison-Arbeiterin, eine Hilfskraft.

14 Boas sprach zu ihr, als Essenszeit war: Komm hierher und iss vom Brot und tauche deinen Bissen in den Essigtrank! Und sie setzte sich zur Seite der Schnitter. Er aber legte ihr geröstete Körner vor, und sie aß und wurde satt und ließ noch übrig. 15 Und als sie sich aufmachte zu lesen, gebot Boas seinen Knechten und sprach: Lasst sie auch zwischen den Garben lesen und beschämt sie nicht; 16 auch zieht etwas für sie aus den Garben heraus und lasst es liegen, dass sie es auflese, und niemand schelte sie darum. 17 So las sie bis zum Abend auf dem Felde und klopfte die Ähren aus, die sie aufgelesen hatte, und es war ungefähr ein Scheffel Gerste. 18 Und sie hob’s auf und kam in die Stadt, und ihre Schwiegermutter sah, was sie gelesen hatte. Da zog Rut hervor und gab ihr, was sie übrig behalten hatte, nachdem sie satt geworden war.

Die Fürsorge des Boas geht weiter. Beschämt sie nicht. Keine Spielchen mit dieser jungen Frau. Lasst es sie nicht spüren, dass sie eine Fremde ist, abhängig. Wahrscheinlich hätte sein Vorarbeiter gesagt: Das geht doch zu weit. Und vermutlich haben die Knechte über seine Anordnung zwar nicht gemurrt, aber doch verwundert die Köpfe geschüttelt: Was soll das denn? Was hat er an der?

Rut aber arbeitet bis zum Abend und erlebt “reiche Ernte”. Sie kommt nicht mit leeren Händen, sondern mit vollen Taschen nach Hause. Sogar die Reste vom Essen sind reichlich. Eine Wohltat für jemand, der von der Hand in den Mund leben muss. Und was für eine Freude, diesem “Reichtum” mit Noomi teilen zu können.

19 Da sprach ihre Schwiegermutter zu ihr: Wo hast du heute gelesen und wo hast du gearbeitet? Gesegnet sei, der dir freundlich gewesen ist! Sie aber sagte ihrer Schwiegermutter, bei wem sie gearbeitet hatte, und sprach: Der Mann, bei dem ich heute gearbeitet habe, heißt Boas.

Diese Fülle lässt Noomi nachfragen. Und schon einmal einen Segen aussprechen. Über den, der dir freundlich gewesen ist! Weil es ja doch ein Segen ist, den sie empfangen haben. Es ist schon so: Segen folgt dem Segen nach.

20 Noomi aber sprach zu ihrer Schwiegertochter: Gesegnet sei er vom HERRN, der seine Barmherzigkeit nicht abgewendet hat von den Lebendigen und von den Toten. Und Noomi sprach zu ihr: Der Mann steht uns nahe; er gehört zu unsern Lösern.

Als sie hört, wer der Arbeitgeber ist, spricht Noomi erneut einen Segen. Und in diesem Segen sagt sie, wie Gott, der HERR ist: der seine Barmherzigkeit nicht abgewendet hat von den Lebendigen und von den Toten. Das ist ein großer Satz: Auch die Toten sind noch in der Barmherzigkeit Gottes geborgen. Und sie, Noomi, die ihren Namen in “Mara, die Bittere”(1,20), verwandelt hat, sieht, dass sein Erbarmen kein Ende hat.

Es ist, als würde es ihr erst jetzt einfallen: Er gehört zu unsern Lösern. “Der Begriff des Lösers tritt von hier an bis zum Ende des Buches als der entscheidende hervor. Es handelt sich dabei um ein Einlösen, das Recht und Pflicht zugleich ist, und betrifft zunächst Eigentum an Grund und Boden.” (H.W. Hertzberg; aaO.; S. 271) Aber noch ist ganz unbestimmt, was das für Noomi und Rut bedeuten wird. Nur so viel ist schon klar: “Eine Lösung als Auflösung der Not kann und wird es nur für Rut und Noomi zusammen geben.” (C. Frevel, aaO.; S. 83)

               Die Not ist groß. Darum braucht es den goel, den Löser. “In Israel gibt es nichts Schlimmeres als wenn eine Frau kinderlos bleibt. Nicht nur, dass sie im Alter niemanden hat, der sich um sie kümmert. Sie hat auch nichts zur Nachkommenschaft Israels beigetragen. Vor allem hat sie auch nicht die Ahnfrau des Messsias werden können. Der goel kann alle solche Defizite ausgleichen.”“(V. Steinhoff, aaO.; S. 281f.)

Irgendwie ist dieses Wort der Noomi auch durchsichtig auf das Wort aus dem Buch Hiob:  “Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.” (Hiob 19,25) Auch hier steht das Wort goel, diesmal deutlich bezogen auf Gott. Es wird wohl so sein müssen, dass der Löser, von dem Noomi redet und auf den sie hofft, Werkzeug Gottes ist, nicht irgendwann am Ende der Zeit, sondern mitten in den Nöten des Lebens.

21 Rut, die Moabiterin, sprach: Er sprach auch das zu mir: Du sollst dich zu meinen Leuten halten, bis sie mir alles eingeerntet haben. 22 Noomi sprach zu Rut, ihrer Schwiegertochter: Es ist gut, meine Tochter, dass du mit seinen Mägden hinausgehst, damit dir nicht jemand auf einem andern Acker etwas zuleide tue.23 So hielt sie sich beim Ährenlesen zu den Mägden des Boas, bis die Gerstenernte und Weizenernte beendet war. Und dann blieb sie bei ihrer Schwiegermutter.

Jetzt erinnert sich Rut: Bis zum Ende der Ernte soll ich bei seinen Leuten bleiben. Noomi ist das nur recht. Ahnt sie doch, dass die Schwiegertochter so in einem behüteten Umfeld ist und nicht irgendwelchen Übergriffen ausgesetzt.

Das ist ja durch alle Zeiten hindurch so: Die Fremden, die Flüchtlinge, die Migranten, erst recht, wenn sie junge Frauen sind,  sind überall gefährdet, dass ihnen  jemand auf einem andern Acker etwas zuleide tue. Man muss nur für den Acker Stadtviertel, Straße, No-Go-Area einsetzen und ist mitten in unserer Zeit gelandet. Wie gut, wenn es da Arbeitgeber gibt, die ihre Leute schützen, nicht nur auf der Arbeit.

 

Herr Gott, wie gut, dass es Männer und Frauen gibt, die fair mit denen umgehen, die von ihnen abhängig sind, sie fördern, stützen, schützen, die Hand über sie halten.

Wie schön, wenn hinter diesem Schutz mehr sichtbar wird als wohlverstandenes Eigeninteresse, Sorge um ein gutes Betriebsklima. Wenn sich darin einfach echte Menschlichkeit zeigt, die ihr Maß nimmt an Dir und Deiner Güte.

Wie Gott mir so ich dir. Lass es mich lernen und üben, immer wieder üben, so mit Menschen umzugehen, die auf mich angewiesen sind. Amen