Unterwegs zurück – aber nicht allein

Rut 1, 1 – 22

1 Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande.

            Mit dem ersten Satz des Buches wird verständlich, warum es hinter dem Buch der Richter angeordnet ist. Es schließt an die dort erzählte Zeit an.

Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. 2 Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort.

Auch das verbindet das Buch Rut mit dem Richterbuch: hier am Anfang wie dort am Schluss (17,7; 19,1-2) gibt es einen Ortsbezug zu Bethlehem. Das ist auffällig genug für einen Ort, der als der kleinste unter den Städten in Juda (Matthäus 2,6) gilt.  Elimelech, der Mann von Bethlehem hat dort, in „Brothausen“, so heißt Bethlehem auf Deutsch, keine Bleibe. Wegen der Hungersnot wandert er aus, mit Frau und Söhnen. Lieber ein Fremdling im Moabiterland als verhungern zu Hause.

Mir fällt auf: Auch da, wo im Richterbuch Bethlehem erwähnt wird, geht es um Leute, die dort kein Bleiben haben. Und es wird sich fortsetzen bis ins Neuen Testament. „Sie hatten keinen Raum in der Herberge.“ (Lukas 2,7) Mich macht das ein wenig nachdenklich. Ist im Brothaus kein Bleiben für immer möglich? Eine Botschaft, ganz nebenbei.

Sie wandern aus wegen der Hungersnot. So wie einst Abraham schon wegen einer Hungersnot nach Ägypten kam 1. Mose 12,10). Und später wieder die Söhne Jakobs. „Ein solcher Schritt wird nicht leichten Herzens getan. Der Auswandernde tritt nicht nur aus dem Bereich seines Glaubens, sondern auch aus dem des Rechtes“(H.W. Hertzberg; Die Bücher Josua, Richter, Ruth; ATD 9; Göttingen 1953; S. 261), in dem er bislang heimisch war. Das vergessen wir gar zu leicht, wenn wir heute von Wirtschaftsflüchtlingen sprechen. Erst recht, wenn man sieht, welche Gefahren solche Leute auf sich nehmen, um das „Paradies Europa“ zu erreichen. 

3 Und Elimelech, Noomis Mann, starb und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. 4 Die nahmen moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, 5 starben auch die beiden, Machlon und Kiljon, sodass die Frau beide Söhne und ihren Mann überlebte.

Elimelech, der Name bedeutet: „Mein König ist Gott“ stirbt in der Fremde, im Moabiterland. Auch dort war nicht seines Bleibens. Zehn Jahr später sterben auch die beiden Söhne Machlon und Kiljon. Die Söhne nehmen sich moabitische Frauen, Orpa und Rut. „Das geschieht ohne Bewertung, weder wird es positiv hervor gehoben noch negativ abqualifiziert. (C. Frevel, Das Buch Rut, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament; Bd 6, 1992, S. 49)  Aber die Tatsache, dass es so erzählt wird, ist doch ein Gegengewicht gegen die Mischehenkritik von Esra und Nehemia. Das Alte Testament leistet sich öfters solche unterschiedlichen Positionen.

                        Die beiden Männer sterben, nach zehnjähriger Ehe, kinderlos. Zurück bleiben also eine ältere, landfremde Witwe, Noomi und ihre beiden Schwiegertöchter. Das ist die Situation Noomis; „Von der Ehefrau zur Witwe, von der Mutter zur Nichtmutter. Sie steht mit völlig leeren Händen da, am absoluten Nullpunkt ihres Lebens.“(C. Frevel, aaO.; S. 50)  Eine Lage – ohne Rechte, ohne Zukunft. Ein trostloses Migranten-Schicksal. Zwischen allen Stühlen.

 6 Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der HERR sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. 7 Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr.

Was soll Noomi da noch in dem ihr fremden Land bleiben? Wieder bricht sie auf. „schub“ steht hier im Hebräischen – ein Wort für Umkehr, Heimkehr. Gleich sechsmal kommt es in den Anfangsversen des Buches vor. „Es meint: Aufbruch aus, Umkehr von, Heimkehr zu. – Gibt es Schöneres als heimkehren zu können?“(V. Steinhoff, Das Buch Rut, Wuppertaler Studienbibel AT3, Wuppertal 1993, S. 252) Ob es für sie ein hoffnungsvoller Aufbruch ist, weil sie erfahren im Moabiterland hatte, dass der HERR sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte, steht dahin. Ihr persönliches Schicksal ist doch jammervoll genug.

Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, 8 sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der HERR tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. 9 Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie.

             Unterwegs, noch im Niemandsland, eröffnet Noomi das Gespräch und die eigentliche Erzählung. Sie will die beiden Schwiegertöchter zur Umkehr bewegen. Sie sollen nicht ihr Schicksal erleben: Heimatlos im fremden Land. Sie rät zur Umkehr, zur Heimkehr, zu einer neuen Ehe. Alles, das sie nicht sagt: „Ihr seid doch noch jung!“ Sie unterstellt sie der Barmherzigkeit des HERRN.

Hier steht das hebräische Wort chesed – das ein Leitwort für das ganze Buch ist. Es wird noch oft begegnen. Es hat die Bedeutung von Güte, Erbarmen, Loyalität, hesed verleiht dem Zusammenleben Stabilität. Sie macht verlässlich, lässt treu sein. Das ist das Versprechen Noomis, dass sie im Vertrauen auf den HERRN gibt: Nichts soll ihnen unvergolten bleiben, was sie Noomi und ihren Leuten, den Toten, an Liebe erwiesen haben. Ein schönes Zeichen für das Vertrauen, dass der Segensbereich Gottes größer ist als Israels Lebensraum.

 Da erhoben sie ihre Stimme und weinten 10 und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. 11 Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? 12 Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einen Mann zu nehmen. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einen Mann nehmen und Söhne gebären würde, 13 wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch so lange einschließen und keinen Mann nehmen? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des HERRN Hand ist gegen mich gewesen.

             Die beiden wehren sich gegen das Ansinnen Noomis. Unter Tränen. Sie wollen bei ihrer Schwiegermutter bleiben. Noomi aber bleibt dabei: Es ist besser für euch. Bei mir gibt es keine Zukunft für Euch. Nicht einmal, wenn Noomi noch einmal Söhne bekäme. Nur: Noomi ist bereits zu alt, um Kinder zu gebären. „Noomi scheint vom Pech verfolgt. In ihren Augen zieht  sie das Unglück förmlich an. In diese Sphäre des Unheils, von der sie sich umgeben  sieht, will sie die liebgewordenen Töchter nicht hineinziehen.“ (C. Frevel, aaO.; S. 59) 

Im Hintergrund der Überlegungen steht das Institut der Leviratsehe. Die Verpflichtung des nächsten Verwandten, beim Tod eines kinderlosen Eheteils dafür zu sorgen, dass es doch noch zu Nachkommen kommt. Das ist ein so hohes Gut, dass die Kette der Nachkommen nicht abreißt. „Es soll keiner ohne bleibende Nachwirkung für die Gemeinschaft sterben.“ (K.H. Rengstorf, RGG2 III; Sp. 1603) Für unsere Zeit eine schwer nachvollziehbare Sicht.

Und doch. Ein paar Mal habe ich jemand beerdigen müssen, wo es überhaupt  keine nahen Verwandten, keine Nachkommen gab, wo eine Sippe also mit ihrem letzten Glied gewissermaßen ausgestorben ist. Das geht emotional nahe.

14 Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber blieb bei ihr. 15 Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach.

Die Tränen fließen weiter. Opra lässt sich durch die so vernünftigen Argumente der Schwiegermutter zur Umkehr bewegen, zu ihrem Volk und zu ihrem Gott. Ein bewegender Abschied. Rut aber bleibt bei ihr. Noomi hält ihr das Beispiel der Schwägerin vor Augen. Es wird nichts nützen.

 16 Rut antwortete: Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 17 Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

Fast schroff klingt es: Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte.. Und dann diese Worte, oft genug zitiert, bei Trauungen, ohne daran zu denken: Hier redet die Schwiegertochter zur Schwiegermutter und nicht die Braut zum Mann. Wohl deshalb, weil sie von einer Treue reden, wie sie beispielhaft ist. Von vielen ersehnt. Treue bis in den Tod. „Rut handelt hier zum ersten Mal ihrem Namen entsprechend und schließt sich bedingungslos ihrer Schwiegermutter an.“ (C. Frevel, aaO.; S. 41)

Wir vermögen kaum zu verstehen, was das bedeutet: Rut bindet sich an ein neues Recht, an eine Frau ohne Zukunft, an ein Volk, das sie nicht kennt, an einen Gott, der bis dahin nicht ihr Gott ist. Sie geht in die Fremde, in eine ungewisse Zukunft. Sie bindet sich durch ihr Wort. „Sie ist bereit, auch die Verbindung zu ihrem Gott und ihrem Volk aus Solidarität mit Noomi zu verlassen“ (C. Frevel, aaO.; S. 61) Man kann diesen Schritt der jungen Moabiterin durchaus und zu Recht neben den Aufbruch Abrahams stellen. Sie hat nichts in der Hand, als sie sich so bindet, nur ihre Schwiegermutter vor Augen.

„So spricht der HERR Zebaoth: Zu der Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden “einen” jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist.“(Sacharja 8,23) Rut kommt mir wie eine frühes Beispiel für diese Worte ein. Sie ahnt, ohne dass es gesagt werden muss, etwas von der Lebenskraft und Freiheit, die in der Bindung an diesen HERRN liegt.

Und auch das darf man vielleicht mithören: „Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des HERRN, sodass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können.“ (Hoheslied 8,6-7) Diese Stärke der Liebe ist ja nicht exklusiv der Beziehung von Mann und Frau vorbehalten.

18 Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden.

Es hört sich fast nach Resignation an. Noomi merkt, dass nichts zu machen ist, kein Zureden bei Rut verfängt. Wenn es denn sein muss… Soll sie doch ihren Willen haben.

19 So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen. Und als sie nach Bethlehem hineinkamen, erregte sich die ganze Stadt über sie und die Frauen sprachen: Ist das die Noomi?

Die beiden kommen schließlich nach Bethlehem. Und fallen auf. Die ältere Frau und die junge Fremde. Die ganze Stadt – typische Übertreibung! – erregt sich. Erst recht, als sie Noomi wieder erkennen. Ist sie das wirklich? Und was ist aus ihr geworden?!

20 Sie aber sprach zu ihnen: Nennt mich nicht Noomi, sondern Mara; denn der Allmächtige hat mir viel Bitteres angetan. 21 Voll zog ich aus, aber leer hat mich der HERR wieder heim gebracht. Warum nennt ihr mich denn Noomi, da doch der HERR gegen mich gesprochen und der Allmächtige mich betrübt hat? 22 Es war aber um die Zeit, da die Gerstenernte anging, als Noomi mit ihrer Schwiegertochter Rut, der Moabiterin, zurück kam vom Moabiterland nach Bethlehem.

Noomi hört das Geraune und reagiert. Mein Name stimmt nicht mehr. Das Leben hat mich gewandelt. Aus der „Lieblichen“ ist eine „Bittere“ geworden. El Schaddai  wird hier als die Bezeichnung Gottes verwendet. Dieser Ausdruck „steht ins besondere im Buch Ijob für die Unverfügbarkeit, Rätselhaftigkeit und erdrückende Übermacht eines nicht nur Heil-Schaffenden, sondern auch als strafend erfahrenen Gottes.“ (C. Frevel, aaO.; S. 64) Und doch hält Noomi fest: Nicht ein blindes Schicksal, der HERR hat gegen mich gesprochen.

                  Das ist eine Sicht auf Gott, wie sie ungewöhnlich ist, damals wie heute. Noomi wehrt sich dagegen, den Verlauf ihres Lebens einem blinden Schicksal anzulasten. Es ist der HERR. Der Gott Israels, der in ihrem Leben am Werk ist. „Das Buch Ruth ist eben kein Buch, das den Glauben des Menschen, sondern das die trotz schwerster Lage dennoch in erstaunlicher Weise vorhandene Führung Gottes rühmt.“ (H.W. Hertzberg;aaO; S. 265) Vom Rühmen der Führung Gottes kann bei Noomi wahrlich (noch) keine Reden sein. Aber sie sieht ihn in den Zumutungen ihres Lebens am Werk. Das ist schon viel.

 

Herr, Du gehst mit uns nicht immer nur die Wege, die uns gefallen. Du mutest uns auch Wege zu, die uns schwer werden, uns bitter zu machen drohen, uns verzagen lassen

Danke, wenn Du uns auf solchen Wegen Menschen zur Seite stellst, einen, eine, die es bei uns aushält, uns nicht loslässt, nicht fallen lässt, sondern mitgeht, den Schmerz teilt.

Danke für alle Treue und allen Beistand, die ich auf dem Weg meines Lebens erfahren habe. Amen