Ein naiver Riese

Richter 16, 4 ‑ 22

1 Danach gewann er ein Mädchen lieb im Tal Sorek, die hieß Delila.

 Offensichtlich ist Simson, was Frauen angeht, nicht lernfähig. Es ist geradezu rührend. Alle schwierigen Erfahrungen mit Mädchen, Frauen aus dem Stamm der Philister können Simson nicht beirren. Er findet eine neue Liebe. Delila. Die erste, deren Namen wir erfahren. Und wir ahnen es schon: Seine letzte Liebe.

5 Zu der kamen die Fürsten der Philister und sprachen zu ihr: Überrede ihn und sieh, wodurch er so große Kraft hat und womit wir ihn überwältigen können, dass wir ihn binden und bezwingen, so wollen wir dir ein jeder tausendeinhundert Silberstücke geben. ~ Und Delila sprach zu Simson: Sage mir doch, worin deine große Kraft liegt und womit man dich binden muss, um dich zu bezwingen? Z Simson sprach zu ihr: Wenn man mich bände mit sieben Seilen von frischem Bast, die noch nicht getrocknet sind, so würde ich schwach und wäre wie ein anderer Mensch.

                Die Fürsten der Philister wissen um Simsons Schwäche für Delila. Auch darum, dass er nicht schweigen kann, wenn eine Frau ihn fragt. Sie „kaufen“ sie ‑ und Delila lässt sich kaufen. Es geht um das Geheimnis seiner Kraft, das sie Simson entlocken soll. Sie fragt und Simson antwortet. Freilich sagt er nicht die Wahrheit. Sieben Seilen von frischem Bast ‑ das ist eine schier unzerreißbare Fessel.

Darf man das mithören in Simsons Antwort: Den, der von keinem Scher‑Messer berührt und von keinem Wein berauscht worden ist, den kann nur überwinden, fesseln, was selbst frisch, unberührt, “rein wie am Anfang” (EG 455) ist? Und auch das klingt wohl mit an, das Wissen Simsons, dass er nicht ist wie ein anderer Mensch.

 8 Da brachten die Fürsten der Philister ihr sieben Seile von frischem Bast, die noch nicht getrocknet waren, und sie band ihn damit. 9 Man lauerte ihm aber auf bei ihr in der Kammer Da sprach sie zu ihm: Philister über dir, Simson! Er aber zerriss die Seile, wie eine Flachsschnur zerreißt, wenn sie ans Feuer kommt. Und so wurde nicht kund, worin seine Kraft lag.

 Die Philister und Delila glauben Simson. Sie spielt ein „Fesselspiel“ mit ihm. Bringt ihn dazu, sich binden zu lassen. Wie sie ihn dazu bringt, ist nebensächlich. Aber als sie ruft: Philister über dir, Simson! erweist es sich: Diese Bande sind für ihn nicht stark genug. Er hat sein Geheimnis gewahrt.

10 Da sprach Delila zu Simson: Siehe, du hast mich getäuscht und mich belogen. So sage mir nun doch, womit kann man dich binden? 11 Er antwortete ihr: Wenn sie mich bänden mit neuen Stricken, mit denen noch nie eine Arbeit getan worden ist, so würde ich schwach und wie ein anderer Mensch. 12 Da nahm Delila neue Stricke und band ihn damit und sprach: Philister über dir, Simson! ‑ man lauerte ihm aber auf in der Kammer ‑, und er riss sie von seinen Armen herunter wie einen Faden. 13 Da sprach Delila zu ihm: Bisher hast du mich getäuscht und mich belogen. Sage mir doch, womit kann man dich binden? Er antwortete ihr: Wenn du die sieben Locken meines Hauptes zusammen flöchtest mit dem Aufzug deines Webstuhls und heftetest sie mit dem Pflock an, so würde ich schwach und wie ein anderer Mensch. 14 Da ließ sie ihn einschlafen und flocht die sieben Locken seines Hauptes zusammen mit dem Gewebe und heftete sie mit dem Pflock an und sprach zu ihm: Philister über dir, Simson! Er aber wachte auf von seinem Schlaf und riss die geflochtenen Locken mit Pflock und Gewebe heraus.

             Das Spiel wiederholt sich. Zweimal. Hat Simson etwa an diesen „Fesselspielchen“ sein Gefallen gefunden? Delila fragt, Simson antwortet, aber er verrät sein Geheimnis nicht. Und sie stellt ihm mit seinen Halbwahrheiten und ihrem Halbwissen eine Falle, aus der er sich jedesmal befreit.

Was sich der unvoreingenommene Leser aber schon fragt, ist: Wie naiv ist dieser Riesenkerl eigentlich, dass er nicht merkt, wie seine Gespielin ihn jedesmal ausliefert an die Feinde. Er erscheint ‑ mir ‑ wie blind vor Verliebtheit. Ein früher Vorläufer von Obelix ‑ unfassbar stark, aber bescheidenen Gemütes. Sie macht ihm Vorwürfe, dass er sie getäuscht und belogen habe. Von ihm hören wir nichts, kein Wort, mit dem er ihr Verhalten zumindest in Frage stellt. Es scheint, als würde er in ihren Armen das Denken vergessen. So gefesselt ist er von seiner Delila.

15 Da sprach sie zu ihm: Wie kannst du sagen, du habest mich lieb, wenn doch dein Herz nicht mit mir ist? Dreimal hast du mich getäuscht und mir nicht gesagt, worin deine große Kraft liegt. 16 Als sie aber mit ihren Worten alle Tage in ihn drang und ihm zusetzte, wurde seine Seele sterbensmatt, 17und er tat ihr sein ganzes Herz auf und sprach zu ihr: Es ist nie ein Schermesser auf mein Haupt gekommen; denn ich bin ein Geweihter Gottes von Mutterleib an. Wenn ich geschoren würde, so wiche meine Kraft von mir, sodass ich schwach würde und wie alle andern Menschen.

                   Nach dem dritten missglückten Überfall kommt es zur Anklage. Du liebst mich nicht. Dein Herz ist nicht mit mir. Weil Simson sein Geheimnis gewahrt hat. Wie recht er damit hatte, hat ja Delilas Verhalten gezeigt. Jedem Leser, nur ihm nicht. Jetzt gibt er nach. „Schließlich erliegt der Unbesiegbare den Tränen.“ (H.W Hertzberg, aaO.; S.234) „Simson, der körperlich Starke, wird seelisch schwach.“ (M. Holland, Das Buch der Richter, Wuppertaler Studienbibel, AT 3, Wuppertal 1993, S. 189) Überredet. Überwältigt von den Waffen einer Frau. Er reiht sich ein unter die Vielen, die nicht durch einen noch so starken Feind, wohl aber durch eine Frau zu Fall gebracht werden können.

Die Frage ist: Hat Simson das Geheimnis seiner Kraft von Anfang an gekannt? Es wird ja nirgends gesagt, dass ihm das von den Eltern gesagt worden ist. Mir macht es im Gang der Erzählung eigentlich den Eindruck, als sei ihm seine Stärke nie wirklich bewusst gewesen. Er setzt sie ja auch nur ein, wenn der Geist Gottes über ihn kommt. Und hier sagt er zwar: Ich bin ein Geweihter Gottes von Mutterleib an. Aber er sieht nicht (mehr), wie ihn das beansprucht, verpflichtet, sein Leben bindet.

18 Als nun Delila sah, dass er ihr sein ganzes Herz aufgetan hatte, sandte sie hin und ließ die Fürsten der Philister rufen und sagen: Kommt noch einmal her, denn er hat mir sein ganzes Herz aufgetan. Da kamen die Fürsten der Philister zu ihr und brachten das Geld in ihrer Hand mit. 19 Und sie ließ ihn einschlafen in ihrem Schoß und rief einen, der ihm die sieben Locken seines Hauptes abschnitt. Und sie fing an, ihn zu bezwingen ‑ da war seine Kraft von ihm gewichen.

Jetzt ist das Ziel erreicht. Delila erhält ihren Lohn. Und sie raubt Simson seine Kraft. Er schläft in ihren Armen, geborgen in ihrem Schoß. Wie ein Sisera in den Armen der Jaël (4,21). Sie aber schneidet ihm seine Locken ab, die Wahrzeichen seines Seins als eines Gott‑Geweihten. Und mit den Locken verliert er auch seine Kraft. Delila ist stark genug, ihn zu bezwingen. Jetzt ist er wirklich schwach wie alle andern Menschen.

                   Gleich dreimal steht in den wenigen Sätzen: Sein ganzes Herz aufgetan. Es ist die Antwort auf Delilas Klage: Dein Herz ist nicht mit mir. Simson hat sich offenbart. Entblößt. Sein Geheimnis preisgegeben.  Delila weiß nun alles von ihm, bis in die Tiefe des Herzens, die nur Gott kennt. Sie ist ihm wie sein Gott geworden.

Wo es kein Geheimnis mehr gibt zwischen Mann und Frau, bleibt nur noch die Langweile. Wo nichts mehr zu entdecken ist, zu fragen, zu rätseln, z ergründen, ist alles vorbei. So gesehen, ist es fast folgerichtig, dass Delila den Mann ausliefert, an dem sie nichts mehr sucht und nichts mehr findet, weil sie ja längst alles weiß. Die Geschichte ist vorbei, auch wenn sie kein Geld dafür bekäme.

20 Und sie sprach zu ihm: Philister über dir, Simson! Als er nun von seinem Schlaf erwachte, dachte er: Ich will frei ausgehen, wie ich früher getan habe, und will mich losreißen. Aber er wusste nicht, dass der HERR von ihm gewichen war

          Diesmal hört er den Alarmruf und kann sich nicht mehr helfen. Es ist ein Riss in seinem Leben. Er hat es gar nicht gemerkt, dass seine Kraft ihn verlassen hat, dass der HERR von ihm gewichen ist. Das ist die Tragik in einem Leben, wenn einer sich noch auf seine Kräfte verlässt, aber sie stehen ihm nicht mehr zu Gebot.

Es ist eine falsche Sicherheit, in der Simson sich wiegt. Sein Stärke lässt ihn alle Angst vergessen, auch seine Abhängigkeit von Gott vergessen. Es ist, als würde er nur noch auf seine rohe Kraft bauen und wüsste nicht mehr, dass er auch in seiner Stärke angewiesen ist: „Der Geist des HERRN geriet über ihn.“ Er glaubt an seine eigene Kraft. Das ist nicht mehr der Glaube, der Berge versetzt. Es kommt schon darauf an, wem mein Vertrauen gilt. Simson lehrt mich: Der Glauben an die eigene Stärke ist Verführung und landet in der Enttäuschung.

Das ist die Tragik im Leben eines Gottesmenschen, wenn er sich auf Gott verlässt und nicht merkt, dass ihm/ihr die Nähe Gottes verloren gegangen ist. Das gibt es: Sich noch bewegen wie ein Christenmensch, aber da ist keine Kraft mehr. Noch reden wie einer, der etwas von Gott zu sagen hat, aber da ist keine Vollmacht mehr. Noch beten wie ein Glaubender, aber das Beten reicht nur noch bis zur Zimmerdecke. Der Kontakt ist weg. Und damit auch die schützende und bergende Nähe. Einfach verloren gegangen. Unbemerkt. Auf dem Weg. Irgendwo.

 21 Da ergriffen ihn die Philister und stachen ihm die Augen aus, führten ihn hinab nach Gaza und legten ihn in Ketten; und er musste die Mühle drehen im Gefängnis. 22 Aber das Haar seines Hauptesfing wieder an zu wachsen, nachdem es geschoren war

Die Philister überwältigen ihn. Sie nehmen ihn gefangen. Sie blenden ihn, endgültig, der schon so verblendet war in seiner Liebe zu Delila. Sie legen ihm Ketten an und nützen die immer noch vorhandene Kraft in einer Mühle. Sklavenarbeit. Was für ein Ende nimmt dieser Richter, der Israel zwanzig Jahre gerichtet hat: Sklave in Gaza.

Aber sein Haar beginnt wieder zu wachsen. Mehr ist erst einmal nicht zu sagen. Über Simson, diesen starken Helden Gottes.

 

Mein Gott, ich erschrecke: Ich kann die Nähe zu Dir verlieren ohne es zu merken. Ich kann mich verlassen auf die eigene Kraft, die eigene Erfahrung, das eigene Gottvertrauen ohne zu spüren: Da ist nichts mehr an Kraft, die Erfahrungen tragen nicht mehr.

Und das alles nicht, weil Du Dich abgewendet hast, sondern weil wir verblendet sind, die Alarmzeichen nicht deuten, einfach immer weiter machen, wie wir es gewöhnt sind.

Mein Gott öffne mir rechtzeitig die Augen, dass ich Dich suche und nicht verblendet auf meinem Weg bleibe. Amen