Der das fromme Schema sprengt

Richter 15, 1 ‑ 16, 3

 1 Es begab sich aber nach einigen Tagen, um die Weizenernte, dass Simson seine Frau besuchte mit einem Ziegenböcklein. Und als er dachte: Ich will zu meiner Frau in die Kammer gehen, da wollte ihn ihr Vater nicht hineinlassen 2 und sprach: Ich meinte, du bist ihrer ganz überdrüssig geworden, und ich habe sie deinem Gesellen gegeben. Sie hat aber eine jüngere Schwester, die ist schöner als sie; die nimm statt ihrer.

         Es ist noch immer seine Frau, das Mädchen in Timna. Simson will sein Recht als Ehemann. Der Schwiegervater aber will ihn hindern. Weil er den neuen Mann der Tochter, den Brautgesellen des Simson fürchtet? So bietet er ihm Ersatz. Eine jüngere Schwester, die ist schöner als sie. Was die Schwester von diesem Angebot hält, wird nicht erwähnt. Es ist in der damaligen Männergesellschaft auch nicht wirklich relevant.

3 Da sprach Simson zu ihnen: Diesmal bin ich frei von Schuld, wenn ich den Philistern Böses tue. 4 Und Simson ging hin undfing dreihundert Füchse, nahm Fackeln und kehrte je einen Schwanz zum andern und tat eine Fackel je zwischen zwei Schwänze 5 und zündete die Fackeln an und ließ die Füchse in das Korn der Philister laufen und zündete so die Garben samt dem stehenden Korn an und Weinberge und Ölbäume.

           Simson aber sieht das Angebot als Affront. Er wollte seine Frau. Anlass genug für ihn, jetzt den Philistern Böses zu tun. Es ist eben so: Der Ärger mit der einen Sippe steht für das ganze Volk. Was folgt, verhandeln wir heute unter der Überschrift „Tierquälerei“. Andere Zeiten denken darüber anders: “Eine Tat voll grimmigen Humors, die auch außerhalb der Bibel gelegentlich vorkommt.“(H. W Hertzberg,‑ aaO.; S231) Man kann bis heute das Lachen der Israeliten hören, wenn dieser Streich erzählt wird.

6 Da sprachen die Philister: Wer hat das getan? Da sagte man: Simson, der Schwiegersohn des Timnaiters, weil er ihm seine Frau genommen und seinem Gesellen gegeben hat. Da zogen die Philister hin und verbrannten sie samt ihrer Familie mit Feuer

Die Folge allerdings ist furchtbar. Nicht der Verursacher, Simson, wird von den Philistern bestraft. Sie greifen sich die, deren sie habhaft werden können. Sippenhaftung. Die ganze Familie des Timnaiters kommt im Feuer um, das sie legen. Es wird, so fällt mir auf, oft vom Feuer als Vernichtungswaffe erzählt im Buch der Richter. Es herrscht nun ‑ und das ist wohl der tiefere Zweck der Aktion Simsons, zumindest nach den Plänen Gottes – Zwietracht unter den Philistern.

 7 Simson aber sprach zu ihnen: Wenn ihr das tut, so will ich nicht ruhen, bis ich mich an euch gerächt habe. 8 Und er schlug sie zusammen mit mächtigen Schlägen und zog hinab und wohnte in der Felsenkluft von Etam.

Das Feuer und die Vernichtung seiner angeheirateten Familie löst eine neue Attacke des Simson aus. ” Er schlug sie auf Schenkel und Hüfte “, mit mächtigen Schlägen, heißt es. Er verprügelt sie nach Strich und Faden. Ob dabei Philister zu Tode kommen, wird nicht erwähnt. Ist dem Erzähler auch nicht wichtig. Auf ein paar Tote mehr scheint es in diesem Buch nicht anzukommen. Anschließend zieht sich Simson zurück. In eine Felskluft. Macht sich unsichtbar, so wie es Partisanen öfters tun.

 9 Da zogen die Philister hinauf und lagerten sich in Juda und breiteten sich aus bei Lehi. 10 Aber die von Juda sprachen: Warum seid ihr gegen uns heraufgezogen? Sie antworteten: Wir sind heraufgekommen, Simson zu binden, dass wir ihm tun, wie er uns getan hat. 11 Da zogen dreitausend Mann von Juda hinab in die Felsenkluft zu Etam und sprachen zu Simson: Weißt du nicht, dass die Philister über uns herrschen? Warum hast du uns denn das angetan? Er sprach zu ihnen: Wie sie mir getan haben, so hab ich ihnen wieder getan. 12 Sie sprachen zu ihm: Wir sind herab gekommen, dich zu binden und in die Hände der Philister zu geben. Simson sprach zu ihnen: So schwört mir, dass ihr selber mir nichts antun wollt. 13 Sie antworteten ihm: Nein, sondern wir wollen dich nur binden und in ihre Hände geben und wollen dich nicht töten. Und sie banden ihn mit zwei neuen Stricken und führten ihn aus der Felsenkluft hinauf 14 Und als er nach Lehi kam, jauchzten die Philister ihm entgegen.

Es geht hin und her. Jetzt sind wieder die Philister am Zug. Sie fallen in Juda ein und setzen die von Juda unter Druck. Von Drohungen muss nicht erzählt werden. Aber sie wirken. Dreitausend Mann von Juda machen sich auf den Weg, finden Simson in seinem Versteck und bringen ihn dazu, dass er sich an die Philister ausliefern lässt. Gebunden mit neuen, deshalb besonders widerstandsfähigen Stricken. So wird er ausgeliefert an die Philister. Die begrüßen den gebundenen Feind, diesen rüpelhaften Quälgeist mit Freudengeschrei. Endlich haben sie ihn.

 Aber der Geist des HERRN geriet über ihn, und die Stricke an seinen Armen wurden wie Fäden, die das Feuer versengt hat, sodass die Fesseln an seinen Händen zerschmolzen. 15 Und erfand einen frischen Eselskinnbacken. Da streckte er seine Hand aus und nahm ihn und erschlug damit tausend Mann. 16 Und Simson sprach: Mit eines Esels Kinnbacken hab ich sie geschunden; mit eines Esels Kinnbacken hab ich tausend Mann erschlagen. 17 Und als er das gesagt hatte, warf er den Kinnbacken aus seiner Hand, und man nannte die Stätte Ramat‑Lehi.

Ob es dieses Freudengeheul ist, das Simson in Wut versetzt und ihm so übermenschliche Kräfte verleiht? Der Text deutet: Der Geist des HERRN geriet über ihn. Er entfesselt regelrecht seine Kräfte, setzt sie frei. Ein herumliegender Eselskinnbacken wird in den Händen des Simson zur tödlichen Waffe. Tausend Mann erschlägt er. Es braucht immer noch keine „ordentlichen” Waffen, um mit den Philistern fertig zu werden. Es braucht “nur” den Geist des HERRN. So lehrt der Schreiber des Richterbuches. „Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist.“ (Sacharja 4,6) Nur ein Werkzeug des Geistes Gottes ist dieser riesenstarke Mann. Mehr nicht.

Und wieder stehen wir heutigen Leser vor einem Problem. So denken wir uns das mit dem Wirken des Geistes ja nicht mehr. Einer, der seine Feinde verprügelt ‑ geistgeleitet? Einer, der mit seiner Kraft zuschlägt wie ein Berserker ‑ geistgeleitet? Die Werkzeuge Gottes sind nach unserem Denken von sanfter Verfassung.  Israel denkt da anders von seinem Gott und seinem Geist.

 Furchtbar bist du!                                                                                                                       Wer kann vor dir bestehen, wenn du zürnest?          Psalm 76,8

Und wenig später in diesem Psalm wird Gott „der Furchtbare“ (Psalm 76,12) genannt. Es ist nichts mit dem „lieben Gott“ und dem „guten Gott“. Nicht in den Augen der Schriften des Alten Testamentes. Er ist kein harmloser und ein wenig hilfloser alter Mann, der unser Mitleid verdient. Gott ist gefährlich. Ob das nicht auch heute noch mehr Wahrheit in sich trägt als es uns lieb ist? Ohne eine Rechtfertigung zu sein für das Ausüben von Gewalt im Namen Gottes!

18 Als ihn aber sehr dürstete, rief er den HERRN an und sprach: Du hast solch großes Heil gegeben durch die Hand deines Knechts; nun aber muss ich vor Durst sterben und in die Hände der Unbeschnittenen fallen. 19 Da spaltete Gott die Höhlung im Kinnbacken, dass Wasser herausfloss. Und als er trank, kehrte sein Geist zurück und er lebte wieder auf Darum heißt der Ort »Quelle des Rufenden«; die ist in Lehi bis auf den heutigen Tag. 20 Und er richtete Israel zu den Zeiten der Philister zwanzig Jahre.

Auch Sieger haben elementare Lebensbedürfnisse. Simson dürstet. Und er ist sich der Gefahr bewusst: In der Wüste ist es tödlich, nichts zu trinken zu haben. So ruft er den HERRN an. Gott ist auch dafür zuständig, das Leben zu bewahren. Und der ihn die Eselskinnbacke finden ließ, der lässt ihn nun auch Wasser finden in einer Höhlung im Kinnbacken. Gemeint ist wohl eine Felsformation, die bei einiger Phantasie an so einen Eselskinnbacken erinnert. Das Wasser belebt seine Lebensgeister.

Über die unmittelbar erzählte Geschichte hinaus gibt es Parallelen. In Massa und Meriba schlägt Mose auf Geheiß des HERRN Wasser aus dem Felsen. „Der HERR sprach zu ihm: Tritt hin vor das Volk und nimm einige von den Ältesten Israels mit dir und nimm deinen Stab in deine Hand, mit dem du den Nil schlugst, und geh hin. Siehe, ich will dort vor dir stehen auf dem Fels am Horeb. Da sollst du an den Fels schlagen, so wird Wasser herauslaufen, dass das Volk trinke. Und Mose tat so vor den Augen der Ältesten von Israel.“ (2. Mose 17,5-6)

Als Elia der Gefahr des Verhungerns und Verdursten ausgesetzt ist, da versorgt ihn Gott auch auf ungewöhnliche Weise. „Da kam das Wort des HERRN zu ihm: Geh weg von hier und wende dich nach Osten und verbirg dich am Bach Krit, der zum Jordan fließt. Und du sollst aus dem Bach trinken und ich habe den Raben geboten, dass sie dich dort versorgen sollen.Er aber ging hin und tat nach dem Wort des HERRN und setzte sich nieder am Bach Krit, der zum Jordan fließt. Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch des Morgens und des Abends und er trank aus dem Bach.“ (1. Könige 17, 2- 6)

Lese ich das zusammen, so wird daraus ein Bild: Gott lässt seine Leute nicht in der Not. Er steht zu ihnen, stärkt ihre Lebensgeister, lässt sie die Mittel zum Leben finden, die ihr Leben erhalten. Gott gibt nicht unbedingt Überfluss, aber das Not-Wendige.

 „In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet.“                                                                                J. Neander 1680, EG 317

Jetzt wird das Erzählte für die Leser verortet. Diese »Quelle des Rufenden« kann man besichtigen, erfahren sie. Bis heute. In Lehi. Vielleicht gab es schon damals Ausflüge an Orte, von denen besondere Geschichten erzählt werden. Oder Orte, die mit besonderen Geschichten ihre Bedeutung untermauern konnten.

1 Simson ging nach Gaza und sah dort eine Hure und ging zu ihr 2 Da wurde den Gazatitern gesagt: Simson ist hierher gekommen! Und sie umstellten ihn und ließen auf ihn lauern am Stadttor; aber die ganze Nacht verhielten sie sich still und dachten: Morgen, wenn’s licht wird, wollen wir ihn umbringen. 3 Simson aber lag bis Mitternacht. Da stand er auf um Mitternacht und ergriff beide Torflügel am Stadttor samt den beiden Pfosten, hob sie aus mit den Riegeln und legte sie auf seine Schultern und trug sie hinauf auf die Höhe des Berges vor Hebron.

Simson ist kein Frauenverächter. Diesmal verguckt er sich in eine Hure. Das wird ohne jede moralische Attitüde erzählt. In ihrer Stadt, in Gaza, gibt es weit mehr Feinde als Freunde Simsons. Sie wollen ihm ans Leben und lauern ihm auf ‑ zum Tagesanbruch wollen sie ihn am Stadttor umbringen. Bis dahin aber halten sie beide Stadt‑Tore fest verschlossen. Nur: Simson kommt um Mitternacht von seinem Lustlager, hebt die Stadttore aus den Angeln und trägt sie davon, hoch auf die Berge. So macht er seine Gegner in Gaza lächerlich. Kein Wort von Gott in dieser Geschichte. Es fehlt auch der Satz: Der Geist des HERRN geriet über ihn. Aber die Kraft Simsons ist dennoch ‑ daran besteht kein Zweifel – allein Gottes Gabe.

In manchen orthodoxen Kirchen, aber auch im evangelischen Kloster Bursfelde bei Göttingen, kann man das Bild dieses seltsamen Mannes Simson sehen, wie er die Türen der Stadt Gaza um Mitternacht aufbricht und sie davon trägt in seiner urwüchsigen Kraft und hoch oben auf die Berge legt. Dieser kraftstrotzende Kerl voller Vitalität, voll unbeugsamer und unbeherrschter Lebenslust wird in der orthodoxen Kirche zum Hinweis auf die Auferstehung Jesu. Die um Mitternacht aufgebrochenen Tore der Stadt Gaza werden zum Vorbild für das aufgebrochene Grab in der Osternacht. Der Muskelprotz und derbe Spaßmacher Simson wird zum “Vorbild” für den auferstandenen Christus. Was für eine freizügige Theologie!

 

Mein Gott, Du erwählst Dir Leute, die für uns nur zweite Wahl wären. Du nimmst Leute in Deinen Dienst, bei denen wir zurück zucken, weil uns die rohe Kraft Angst macht, weil wir nicht sehen können, wie diese Vitalität mit dem zusammen passt, was wir ein frommes Leben nennen.

Aber das Leben bricht sich Bahn durch das Handeln von Menschen hindurch, die Du rufst, auch wenn wir sie nie wählen würden. Und Du zeigst Deine große Kraft, die dem Tod standhält in ihrem Tun, in dem Aufbrechen von Schloss und Riegel, die gefangen nehmen wollen.

Ich danke Dir für die Zeichen der unbändigen Freiheit, die aus Deinem Geist lebt. Amen