Ein geistgeleiteter Muskel-Mann

Richter 14, 1 ‑ 20

1 Simson ging hinab nach Timna und sah ein Mädchen in Timna unter den Töchtern der Philister ‑2 Und als er heraufkam, sagte er’s seinem Vater und seiner Mutter und sprach: Ich hab ein Mädchen gesehen in Timna unter den Töchtern der Philister; nehmt mir nun diese zur Frau. 1 Sein Vater und seine Mutter sprachen zu ihm: Ist denn nun kein Mädchen unter den Töchtern deiner Brüder und in deinem ganzen Volk dass du hingehst und willst eine Frau nehmen von den Philistern, die unbeschnitten sind? Simson sprach zu seinem Vater: Nimm mir diese, denn sie gefällt meinen Augen.

 Es wird die große Schwäche des Simson sein. Er ist ein Augen‑geleiteter Mensch. Was er sieht, weckt sein Begehren. Sie gefällt meinen Augen. Da helfen auch gut gemeinte elterliche Ratschläge nichts. In einer Zeit, in der Mischehen mit den Fremdvölkern in Kanaan als der Anfang vom Abfall vom Glauben gesehen werden, ursächlich für den Ungehorsam gegen den HERRN, ist das ein schweres Vergehen. Dieser Gottgeweihte hält sich nicht an die Spielregeln, die für alle gelten.

4 Aber sein Vater und seine Mutter wussten nicht, dass es von dem HERRN kam; denn er suchte einen Anlass gegen die Philister Die Philister aber herrschten zu der Zeit über Israel.

Das ist sehr merkwürdig: Der HERR hat seine Finger im Spiel. Sozusagen hinter dem Rücken der Eltern. Es macht nachdenklich: Die Wünsche von Eltern und die Ideen Gottes für einen Menschen und seinen Weg sind durchaus nicht immer deckungsgleich. Gott bedient sich der unbändigen und ungebärdigen Lust des Simson, um seine Dinge vorwärts zu treiben. Es ist der HERR, der einen Anlass gegen die Philister sucht. Nicht der heranwachsende Simson.

Das stellt unser Gottesbild auf eine harte Probe. Können wir das überhaupt denken: Gott provoziert Auseinandersetzungen? Für ein Buch, das Gott durchaus als den sehen kann, der seinem eigenen Volk Fallen stellt, Völker zu Fangstricken (Richter 2,3) werden lässt, ist das so ungeheuerlich nicht. „Test it!“ Finde heraus, wie es um dieses Volk und seine Treue steht ‑ das ist im biblischen Denken keineswegs tabu. Und dass Gott auch unsere schwierigen, problematischen Neigungen für sich und seine Wege nützt, ist Israel auch nicht fremd.

5 So ging Simson hinab mit seinem Vater und seiner Mutter nach Timna. Und als sie kamen an die Weinberge von Timna, siehe, da kam ein junger Löwe brüllend ihm entgegen. 6 Und der Geist des HERRN geriet über ihn, und er zerriss ihn, wie man ein Böcklein zerreißt, und hatte doch gar nichts in seiner Hand. Er sagte aber seinem Vater und seiner Mutter nicht, was er getan hatte.

 Der junge Simson ist ein Kraftprotz. Muskel‑Paket. Ein Prachtexemplar von Mann. Einer, der obendrein, so scheint es, keinerlei Furcht kennt. Ein Löwe bezahlt die Begegnung mit Simson mit seinem Leben. Keine große Geschichte für den Löwentöter auf dem Weg nach Timna. Zu seinem Mädchen. Nichts, um damit zu prahlen.

7 Als er nun hinkam, redete er mit dem Mädchen und Simson hatte Gefallen an ihr 8 Und nach einigen Tagen kam er wieder, um sie zu holen, und bog vom Wege ab, um nach dem Aas des Löwen zu sehen. Siehe, da war ein Bienenschwarm in dem Leibe des Löwen und Honig. 9 Und er nahm davon in seine Hand und aß unterwegs und ging zu seinem Vater und zu seiner Mutter und gab ihnen, dass sie auch aßen. Er sagte ihnen aber nicht, dass er den Honig aus dem Leibe des Löwen genommen hatte.

Das Gefallen Simsons an dem Mädchen ist ungebrochen. Obwohl er mit ihr redete und sie mit ihm. Sie wird ja wohl kaum die ganze Zeit geschwiegen haben. Ist das jetzt männer‑ oder frauenfeindlich?

Einige Tage später will er sie holen. Wohl nach Hause, nach Zora in Dan. Auf dem Weg sieht er noch einmal nach dem Löwen und findet in ihm Honig. Den”verfüttert” er an seine Eltern. Ohne Aussagen über die Herkunft zu machen. Manchmal erscheint Simson merkwürdig maulfaul.

 10 Und als sein Vater hinkam zu dem Mädchen, machte Simson dort ein Hochzeitsgelage, wie es die jungen Leute zu tun pflegen. 11 Und als sie ihn sahen, gaben sie ihm dreißig Gesellen, die bei ihm sein sollten. 12 Simson aber sprach zu ihnen: Ich will euch ein Rätsel aufgeben. Wenn ihr mir das erratet und trefft in diesen sieben Tagen des Gelages, so will ich euch dreißig Gewänder geben und dreißig Feierkleider 13 Könnt ihr’s aber nicht erraten, so sollt ihr mir dreißig Gewänder und dreißig Feierkleider geben. Und sie sprachen zu ihm: Gib dein Rätsel auf, lass uns hören!

Eine großartige Hochzeit wird vorbereitet. Simson soll gleich dreißig Gesellen haben, Brautgesellen als Pendant zu den Brautjungfern. Und Simson geht mit ihnen eine Rätsel-Wette ein. Wenn sie gewinnen, übernimmt er alle ihre Kosten. Verlieren sie dagegen, so müssen sie zahlen. Nur ein Spiel? Ja, aber ein möglicherweise kostspieliges Spiel, das einen ruinieren kann.

14 Er sprach zu ihnen: Speise ging aus vom Fresser und Süßigkeit vom Starken. Und sie konnten in drei Tagen das Rätsel nicht erraten. 15 Am vierten Tage sprachen sie zu Simsons Frau: Überrede deinen Mann, dass er uns des Rätsels Lösung sagt, oder wir werden dich und deines Vaters Haus mit Feuer verbrennen. Habt ihr uns hierher geladen, um uns arm zu machen?

Simson stellt seine Rätselfrage. Naturgemäß kann keiner der Brautgesellen sie lösen. Auch die Braut weiß nichts. Sie wird hart bedroht, um mit der Lösung heraus zu rücken. Aber man wird auch unter Drohungen nicht klüger. Wie soll sie sagen, weitersagen können, was ihr Mann ihr einfach verschwiegen hat?

Deutlich jedoch wird in dieser ganzen Situation schon: Diese Hochzeit über die Grenzen Israels hinaus ‑ ein Israelit und eine Philisterin ‑ ist problematisch. Simson hat seinen Spaß, aber die Philister fürchten um ihr Auskommen. So kann man auch Kritik üben. Nicht, indem man ausdrücklich wertet, sondern indem man schlicht von den Schwierigkeiten und Unstimmigkeiten erzählt.

16 Da weinte Simsons Frau vor ihm und sprach: Du bist meiner überdrüssig und hast mich nicht lieb. Du hast den Söhnen meines Volks ein Rätsel aufgegeben und hast mir’s nicht gesagt. Er aber sprach zu ihr: Siehe, ich hab’s meinem Vater und meiner Mutter nicht gesagt und sollte dir’s sagen? 17 Und sie weinte vor ihm die sieben Tage, die sie feierten; aber am siebenten Tage sagte er es ihr, denn sie drang in ihn.

Das ist typisch Simson. Bei Frauen wird er schwach. Dazu wird später noch mehr zu erzählen und zu bedenken sein. Eine quengelnde und drängelnde Braut ist nicht wirklich zum Aushalten. Simson gibt nach. Den Tränen seiner Frau. Was er den Eltern nicht erzählt hatte, das erzählt er jetzt ihr.

Darf ich das so sagen: Simson lernt, dass die Loyalität der eigenen Frau gegenüber vorgeht vor der Loyalität den Eltern gegenüber. ” Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen. ” (l. Mose 2,24) Eine Lektion, an der, weil sie nicht gelernt worden ist, unzählige Ehen zerbrechen. Simson gibt seiner Ehe eine Chance.

Sie aber sagte des Rätsels Lösung den Söhnen ihres Volks.

Das aber ist genau sein Problem. Seine Frau achtet die Loyalität den Eltern gegenüber angesichts der Bedrohung ‑ wir werden dich und deines Vaters Haus mit Feuer verbrennen höher als die Loyalität zu ihrem Ehemann. Sie redet. Auch aus Angst.

18 Da sprachen die Männer der Stadt zu ihm am siebenten Tage, ehe die Sonne unterging: Was ist süßer als Honig? Was ist stärker als der Löwe? Aber er sprach zu ihnen: Wenn ihr nicht mit meinem Kalb gepflügt hättet, so hättet ihr mein Rätsel nicht getroffen.

         Keine Schmeichelei für seine Frau: Mein Kalb. Simson ist nicht der Dichter des Hohen Liedes. Aber Simson hat sofort verstanden, was geschehen ist. Wer geredet hat.

19 Und der Geist des HERRN geriet über ihn, und er ging hinab nach Aschkelon und erschlug dreißig Mann unter ihnen und nahm ihre Gewänder und gab Feierkleider denen, die das Rätsel erraten hatten. Und sein Zorn entbrannte und er ging hinauf in seines Vaters Haus. 20 Aber Simsons Frau wurde seinem Gesellen gegeben, der sein Brautführer gewesen war

Jetzt entgleist die Hochzeits‑Feier. Auch wenn es nicht zu Gewalttätigkeiten gegen die Hochzeitsgesellschaft kommt. Um seine Wettschulden zu begleichen, verlässt Simson kurzzeitig die Feier, geht nach Aschkelon und erschlägt kurzerhand dreißig Philister. Mit ihren Gewändern stattet er seine Brautgesellen aus. Ihr Volk muss herhalten für Simsons Wettschulden. Dass er jetzt unter den Philistern nicht bleiben kann, versteht sich wie von selbst. Er kehrt zurück nach Israel, nach Zora.

Ich stelle mir vor, dass diese Geschichte, in Israel erzählt, großes, schadenfrohes Gelächter auslöst. Das hat er diesen Philistern aber gut gegeben. Ein grober Kerl, aber einer mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Die Freude ist ja immer groß, wenn es “die Kleinen” den „Großen” einmal so richtig geben. Sie vorführen.

Als derbe Volksgeschichte ist das alles auch einigermaßen in Ordnung. Aber da steht: Der Geist des HERRN geriet über ihn. Es ist nicht nur Simsons “Ding”. Auch hier hat Gott wieder seine Hände mit im Spiel. Wir erinnern uns: Er suchte einen Anlass gegen die Philister Diese aus dem Ruder gelaufene Hochzeit geht also mindestens zum Teil auf das Konto Gottes!

Aber auch Simson ist irgendwie blamiert und gleichzeitig provoziert. Seine Frau wird ausgerechnet dem übergeben, der sein Braut-führer gewesen war Der die Hochzeit mit organisiert hatte. Der ihm die Braut hätte zuführen sollen. Er tritt an Simsons Stelle.

Zweimal heißt es: Der Geist des HERRN geriet über ihn. Das kann ich auch so lesen. Simson ist nicht mehr Herr seiner selbst. Er ist nicht nur ein augen-geleiteter Mann, sondern er wird manchmal regelrecht überwältigt. Es ist, als würde er explodieren. Und dann wird er zur „Kampfmaschine“, Weh dem, der ihm da in die Quere kommt, ob Löwe oder Philister.

Aber von wem wird Simson so überwältigt? Von seinen Emotionen? Von Zorn und Wut? Oder eben doch: Vom Geist Gottes? Da gerät unser Bild vom Wirken des Geistes Gottes ziemlich durcheinander. Für uns ist der Geist sanft, friedfertig, freundlich, gütig, keusch (Galater 5,22).

Wir haben es gründlich verdrängt:  „Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ (Apostelgeschichte 2, 2-4) Das ist Erschütterung und Überwältigt-werden. Und nicht einfach nur: Ich sehe mehr als vorher. Der Geist als Bewusstseins-Erweiterung ist eine schlimme, verharmlosende Verkürzung. Der Geist  nimmt Menschen in Beschlag, beraubt sie ihrer Autonomie, treibt sie (Römer 8, 14).

An diese Wirkungsweise des Geistes erinnert diese Erzählung. Simson ist nicht mehr ganz bei sich. Er ist „ferngesteuert“ durch den Geist des HERRN. Von wegen „Geh den Weg, den dein Herz dich führt.“ Der Geist führt. Ob das unsere, meine Sehnsucht ist, so unter fremder Leitung zu stehen, steht noch dahin. Da ist für einen Antwort, die das Leben gibt, Ehrlich-sein gefordert. Vor allem ehrlich vor sich selbst.

Damit ist zugleich die Frage ein wenig überholt, ob sich Simson eigentlich dessen bewusst ist, dass er ein „Gottgeweihter“ ist. So wie er sich benimmt, jenseits aller bürgerlichen Moralvorstellungen unserer Zeit, könnte man ja nur verneinen. Für uns sind „Gottgeweihte“ gelehrt und tugendhaft, irgendwie sanft. Vielleicht gerade noch feurige Redner. Für das Richter-Buch ist der „Gottgeweihte“ einer, dessen Gott sich hier und da, von Zeit zu Zeit bemächtigt, in dem er sich mächtig erweist und sein Volk schützt. Notfalls auch mit Gewalt. Mit unseren Bildern hat das wenig zu tun. Und fordert uns heraus, neu nachzudenken. Nicht: Nachzumachen.

 

Mein Gott, wie leicht gibt ein Wort das andere, wie leicht verfangen wir uns in irgendwelchen Sticheleien, Neckereien, Späßen, aus denen plötzlich Streit wird, blutiger Ernst. Wie oft entgleist, was gar nicht böse gemeint war, nur einfach grob.

Herr, bewahre uns davor, um jeden Preis das Gesicht wahren zu wollen. Bewahre uns davor, es den anderen heimzuzahlen, wo sie uns blamiert haben, übertölpelt.

Gib uns, dass wir auch in solchem Streit doch den Ausgleich suchen, Frieden aus Deinem Geist. Amen