Jotams Fabel

Richter 9, 7 ‑ 21

7 Als das dem Jotam angesagt wurde, ging er hin und stellte sich auf den Gipfel des Berges Garizim, erhob seine Stimme, rief und sprach zu ihnen: Röret mich, ihr Männer von Sichem, dass euch Gott auch höre.

Jotam, der letzte Gideons‑Sohn außer Abimelech, der Überlebende des Gemetzels im Haus in Ofra, kommt heraus aus seinem Winkel, seinem Versteck. Auf dem Berg Garizim ergreift er das Wort. “Die Ortsüberlieferung zeigt oberhalb der heutigen Stadt Nablus, der Nachfolgerin des alten Sichem, die” Jothamskanzel”, einen Felsvorsprung, von dem aus die Rede Jothams gehalten worden sei. ” (H. W Hertzberg,‑ aaO.; S. 206)

Bibelleser wissen: Der Berg Garizim ist ein heiliger Berg, bis in die Zeit Jesu, ein Ort, um Gott anzubeten: „Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. “(Johannes 4, 20) Hier, in der Rede Jotams wird der Berg, wie Berge oft in der Bibel, zu einem Ort der Wahrheit. Jotam redet in der Gegenwart Gottes.

8 Die Bäume gingen hin, um einen König über sich zu salben, und sprachen zum Ölbaum: Sei unser König! 9 Aber der Ölbaum antwortete ihnen.‑ Soll ich meine Fettigkeit lassen, die Götter und Menschen an mir preisen, und hingehen, über den Bäumen zu schweben? 10 Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum.‑ Komm du und sei unser König! 11 Aber der Feigenbaum sprach zu ihnen.‑ Soll ich meine Süßigkeit und meine gute Frucht lassen und hingehen, über den Bäumen zu schweben? 12 Da sprachen die Bäume zum Weinstock: Komm du und sei unser König! 13 Aber der Weinstock sprach zu ihnen: Soll ich meinen Wein lassen, der Götter und Menschen fröhlich macht, und hingehen, über den Bäumen zu schweben? 14 Da sprachen alle Bäume zum Dornbusch: Komm du und sei unser König! 15 Und der Dornbusch sprach zu den Bäumen: Ist’s wahr, dass ihr mich zum König über euch salben wollt, so kommt und bergt euch in meinem Schatten; wenn nicht, so gehe Feuer vom Dornbusch aus und verzehre die Zedern Libanons.

Eine wunderbare Geschichte, diese Jotam‑Fabel. Ein Gedicht, fast könnte man sagen: eine Satire. Auf der Suche nach einem „König der Bäume” winken alle ab, die etwas zu bieten haben. Die nützlichen Bäume sind sich zu schade. Weil sie nicht die Bodenhaftung verlieren wollen, nicht über den Bäumen schweben wollen. Was ffir eine sublime Kritik an allem abgehobenen Gehabe.

Bleibt nur noch einer übrig. Der Nichtsnutz unter allen Bäumen. Den keiner braucht. Der dürre Dornbusch. Hier wird nicht darauf abgehoben, dass der Dornbusch der Ort der Gottesoffenbarung ist (2. Mose 3, 2) Aber selbst dieser Hinweis ändert ja nichts: Gott wählt sich den untauglichsten Strauch, um sich darin zu offenbaren. Von Größe, Nützlichkeit und Schönheit des Dornbusch kann keine Rede sein.

Jeder Zuhörer Jotams versteht sofort. “ Wenn ein Nichtsnutz an die Macht kommt, so ist das immer eine gefährliche Sache. ” (H. W Hertzberg; aaO.; S.205) Und aus dem Munde des tief skeptischen Predigers hören wir: „Weh dir, Land, dessen König ein Kind ist und dessen Fürsten schon in der Frühe tafeln! ” (Prediger 10, 16) Was für eine Ironie, wenn dieser Dornbusch sagt: Bei mir seid ihr gut aufgehoben.

16 Habt ihr nun recht und redlich getan, dass ihr Abimelech zum König gemacht habt? Und habt ihr wohlgetan an Jerubbaal und an seinem Hause, und habt ihr ihm getan, wie er’s um euch verdient hat? 17 Denn mein Vater hat für euch gekämpft und sein Leben gewagt, um euch aus der Hand der Midianiter zu erretten.

               Für die Begriffsstutzigen unter seinen Zuhörern erklärt es Jotam noch, was seine Fabel sagt. Erinnert sie an Gideon und dass er es war, der sie errettet hat, befreit von den Midianitern. Klagt sie an, dass sie so mit dem Haus Jerubbaals umgegangen sind, es verraten haben an Abimelech.

18 Aber ihr habt euch heute gegen meines Vaters Haus aufgelehnt und seine Söhne getötet, siebzig Mann auf “einem” Stein, und habt Abimelech, seiner Magd Sohn, zum König über die Männer von Sichem gemacht, weil er euer Bruder ist. 19 Habt ihr nun heute recht und redlich gehandelt an Jerubbaal und an seinem Hause, so seidfröhlich über Abimelech und er sei fröhlich über euch. 20 Wenn nicht, so gehe Feuer aus von Abimelech und verzehre die’ Männer von Sichem und die Bewohner des Millo, und gehe auch Feuer aus von den Männern von Sichem und von den Bewohnern des Millo und verzehre  bimelech.

             Es ist mutig, denen, die sich auf die Seite Abimelechs geschlagen haben, dies alles so vorzuhalten. Es sind geballte Vorwürfe an die Adresse seiner Zuhörer: Ihr seid undankbar. Ihr seid Leute mit einer mörderischen Gesinnung. Es ist weitsichtig, ihnen zu sagen: Ihr werdet sehen und es zu spüren bekommen, was ihr euch da für einen König erwählt habt.

Und jetzt mag die alte Geschichte vom brennenden Dornbusch doch auch eine Rolle spielen. Feuer soll ausgehen von diesem dürren Dornbusch Abimelech und Feuer soll ihn verzehren. Wird da ein Gottes‑Urteil angekündigt?

21 Und Jotam floh vor seinem Bruder Abimelech und entwich und ging nach Beer und wohnte dort.

Genug geredet. Jotam muss nicht in selbstmörderischer Tapferkeit auf dieser Kanzel bleiben. Bei den Leuten, die Handlanger Abimelechs sind. Er flieht und birgt sich in Beer. Manchmal ist es an der Zeit zu fliehen. Sich an einen sicheren Ort zu begeben. Gott erwartet keineswegs, dass wir uns selbstmörderisch opfern, auch nicht durch unsinniges Standhalten.

 

Heiliger Gott, gib Du mir und anderen den Mut, zu sagen, was wir sagen müssen, leere Worte zu durchschauen, hohle Ansprüche zu entlarven, der Wahrheit mit unseren Worten den Weg zu bereiten.

Gib mir und anderen den Mut, auch dann zu unserem Wort zu stehen, wenn wir dafür einstehen müssen mit unserer Existenz, wenn es uns einsam macht, wenn wir dafür angegangen werden.

Lass mich und andere die Wahrheit mehr lieben als den faulen Frieden. Amen