Seltsame Siegesgeschichte

Richter 7, 16 ‑ 8,3

16 Und er teilte die dreihundert Mann in drei Heerhaufen und gab jedem eine Posaune in die Hand und leere Krüge mit Fackeln darin 17 und sprach zu ihnen: Seht auf mich und tut ebenso,. wenn ich nun an das Lager komme ‑ wie ich tue, so tut ihr auch! 18 Wenn ich die Posaune blase und alle, die mit mir sind, so sollt ihr auch die Posaune blasen rings um das ganze Heerlager und rufen: Für den HERRN undfür Gideon!

Jetzt folgt das Handeln des Heerführer Gideon. Er ordnet seine Männer zur Schlacht. Merkwürdige Bewaffnung, die er ihnen gibt: Jedem eine Posaune und leere Krüge und Fackeln. Wenn man so will: Lärminstrumente und Licht. Ein wenig erinnert die ganze Szene an die Eroberung Jerichos.

Das scheint mit das Wichtigste zu sein ‑ es gibt einen Schlachtruf. Gemeinsam für alle. Einen Slogan, würde man heute sagen: Für den HERRN und für Gideon! Zuerst’der HERR, ihm die Ehre. Aber dann auch der Richter. Demut, die den eigenen Anteil nicht verschweigt, aber ihn in die richtige Relation setzt.

19 So kam Gideon mit hundert Mann an das Lager zu Anfang der mittleren Nachtwache, als sie eben die Wachen aufgestellt hatten, und sie bliesen die Posaunen und zerschlugen die Krüge in ihren Händen. 20 Da bliesen alle drei Heerhaufen die Posaunen und zerbrachen die Krüge. Sie hielten aber die Fackeln in ihrer linken Hand und die Posaunen in ihrer rechten Hand, um zu blasen, und riefen: Hier Schwert des HERRN und Gideons! 21 Und sie blieben stehen, jeder an seiner Stelle, rings um das Lager her Da fing das ganze Heer an zu laufen und sie schrien undflohen. 22 Und während die dreihundert Mann die Posaunen bliesen, schaffte der HERR, dass im ganzen Heerlager einesjeden Schwert gegen den andern war

Die nächtliche Überraschung glückt. Die Posaunen werden geblasen, die Männer schreien. Die Lichter zucken durch die Nacht. Und die Midianiter, wohl überrascht im Schlaf, erschrocken durch den Lärm, rennen durcheinander und fallen übereinander her. Einer hält den anderen für den Feind und so geraten die verwirrten Midianiter aneinander. Das nennt die Bibel “Gottesschrecken”. Der HERR schafft dieses Chaos im Midianiter‑Heer. Es ist schon so, wie es der Schlachtruf gesagt hat. Hier Schwert des HERRN und Gideons! Das Schwert des Herrn ist am Werk, das Schwert Gideons sind Posaunen und Tonkrüge.

Das ist mir friedliebendem Menschen eine schöne Vorstellung: Kämpfe werden in Zukunft nur noch mit Posaune, Fackeln und Tonkrügen ausgetragen und mit viel Geschrei. Das Waffenarsenal der Menschen kann abgeschlossen werden. Die Kehrseite dieser Sicht macht mir allerdings gleichwohl zu schaffen. Der Krieg Gideons ist in Wahrheit Gottes Krieg und sein Gott kein Friedensgott, sondern ein sehr kriegerisch agierender.

Ich wünsche mir beides ‑ die Abrüstung der Menschen und die Sicht auf Gott als den Friedensfürsten. Der Preis dafür wird hoch sein: Machtverzicht. Schutzlosigkeit und eine Herausforderung ans Gottvertrauen, von der ich kaum weiß, wie sie bestehen.

Und das Heer floh bis Bet‑Schitta auf Zereda zu, bis an die Grenze von Abel‑Mehola bei Tabbat. 23 Und die Männer Israels von Naftali, von Asser und von ganz Manasse wurden zusammengerufen undjagten den Midianitern nach. 24 Und Gideon sandte Botschaft auf das ganze Gebirge Ephraim und ließ sagen: Kommt herab den Midianitern entgegen und nehmt ihnen die Wasserstellen weg bis nach Bet‑Bara und auch den Jordan. Da wurden zusammengerufen alle, die von Ephraim waren, und nahmen ihnen die Wasserstellen weg bis nach Bet‑Bara und auch den Jordan. 25 Und sie fingen zwei Fürsten der Midianiter, Oreb und Seeb, und erschlugen Oreb am Felsen Oreb und Seeb bei der Kelter Seeb undjagten den Midianitern nach und brachten die Häupter Orebs und Seebs zu Gideon über den Jordan.

Erzählt werden jetzt weiter die “Aufräumarbeiten”, Jetzt, wo die Midianiter am Laufen sind, auf der Flucht, da gesellen sich auch andere Stämme Israels hinzu und lassen sich von Gideon rufen. Sie bringen die flüchtenden Midianiter endgültig zur Strecke.

Ich stelle mir vor: Diese Geschichte wird in Israel erzählt, in dem Volk, das von Feinden umgeben ist, damals wie heute. Und denke: Sie zaubert ein Lächeln auf die Gesichter der Zuhörer. Eine Handvoll Israeliten hat das Riesenheer der Gegner zerlegt. Kennen wir doch, sagt einer, vom Sechs‑Tage‑Krieg. Es ist eine Mutmachgeschichte für David angesichts des Goliath. Es ist keine Geschichte für uns in Deutschland.

8,1 Da sprachen die Männer von Ephraim zu ihm: Warum hast du uns das angetan, dass du uns nicht riefst, als du in den Kampf zogst gegen die Midianiter? Und sie zankten heftig mit ihm. 2 Er aber sprach zu ihnen: Was hab ich jetzt getan, das eurer Tat gleich sei? Ist nicht die Nachlese Ephraims besser als die ganze Weinernte Abidsers? 3 Gott hat die Fürsten der Midianiter, Oreb und Seeb, in eure Hände gegeben. Was hab ich zu tun vermocht gegen das, was ihr getan habt? Als er das sagte, ließ ihr Zorn von ihm ab.

Merkwürdig: Der Sieg hat immer viele Väter, so auch hier. Die Sieger bekommen sich in die Wolle. Die Männer von Ephraim tun beleidigt. Gideon hatte ihnen keine Extra-Einladung geschickt ‑ oder ist sie unterwegs verloren gegangen? Es ist die Klugheit Gideons, die ihnen hilft, Ruhe zu bewahren. Dass sie am Ende die flüchtenden Fürsten der Midianiter gefangen und enthauptet haben, das sieht Gideon als Heldentat ohnegleichen. Sagt er zumindest. Und die Männer von Ephraim sind es zufrieden.

Wie blind und selbstverliebt muss man eigentlich sein, um in diesem Lob nicht die Ironie zu hören. Es hätte doch ohne die Weinernte Abiüsers gar keine Nachlese Ephraims gegeben. Aber sie hören und sind zufrieden.

Vielleicht soll der Leser hier auch hören, sehen, entdecken: Die größte Gefahr für Israel ist nicht der Feind von außen, wie stark er auch sein mag. Die größere Gefahr ist Uneinigkeit, Eifersucht, mangelnde Solidarität. Ephraim gönnt Gideon den Sieg nicht. Und wenn er tausendmal Gottes Werkzeug, sein geistbegabter Richter ist.

Jesus sagt: “Wenn ein Reich mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen. “(Markus 3,24) Und benennt damit die Gefahr, in der Israel, aber eben nicht nur Israel, wieder und wieder ist. Das Buch der Richter wird noch viel davon erzählen ‑ von Eifersucht und Ehrgeiz, von innerisraelitschen Streit und Bruderzwist.

 

Mein Gott, ich kann es mir leisten, solche Geschichten nicht zu mögen. Sie sind mir zu kriegsverliebt, zu sehr Beschwörung von Macht und Stärke.  Ich kann es mir leisten, weil bei uns die Freiheit erkämpft ist, das Recht nicht in Frage steht, ich nachts keine Angst haben muss vor feindlichen Überfall. Ich kann es mir leisten, das Bild von dem Gott des Friedens zu malen, weil ich dafür einstehen kann ohne Angst vor Feindschaft, vor Übergriffen, vor roher Gewalt.

Bewahre mich davor zu vergessen, dass an anderen Orten Deine Leute hart bedrängt sind, der Gewalt ausgesetzt, vom Tod bedroht und deshalb kämpfen, auch mit Waffen. Amen