Truppendezimierung- Angstüberwindung

Richter 7, 1 ‑ 15

1 Da machte sich Jerubbaal ‑ das ist Gideon ‑früh auf und das ganze Kriegsvolk, das mit ihm war, und sie lagerten sich an der Quelle Harod, sodass er das Heerlager der Midianiter nördlich von dem Hügel More im Tal hatte.

Gideon hat getan, was ein verantwortlicher Führer in Israel tun konnte. Männer gesammelt, das ganze Kriegsvolk, um den Feinden entgegen zu treten. Das musste man Gideon nicht beibringen, was heute manchmal als große Weisheit verkauft wird: “Allein gehst du ein. ” Und “Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht dieser Welt verändern. Sprichwort der Xhosa (Tansania, Südafrika, Botswana und Lesotho) ” Das wusste Gideon auch damals schon.

2 Der HERR aber sprach zu Gideon: Zu zahlreich ist das Volk, das bei dir ist, als dass ich Midian in seine Hände geben sollte; Israel könnte sich rühmen wider mich und sagen: Meine Hand hat mich errettet. 3 So lass nun ausrufen vor den Ohren des Volks.‑ Wer ängstlich und verzagt ist, der kehre um. So sichtete sie Gideon. Da kehrten vom Kriegsvolk zweiundzwanzigtausend um, sodass nur zehntausend übrig blieben.

Gott aber scheint irgendwie anders zu ticken. Er sieht in dem großen Heerhaufen eine Gefahr. Am Ende kommen sie in Israel noch darauf, auf die eigene Stärke zu vertrauen, an die eigene Kampfkraft zu glauben und zu sagen: Meine Hand hat mich errettet.

Es ist ja so naheliegend: Wer ein großes Heer hat, muss sich nicht fürchten. Darum lässt Gideon ja die Posaune blasen (6,34), um möglichst viele zu sammeln. Aber Gott weiß: Auch in diesem großen Heer gibt es Herzen, in denen die Furcht lebt. Und so lässt er Gideon offensiv fragen und die eigene Wehrkraft in Frage stellen. Wer ängstlich und verzagt ist, der kehre um. Und siehe da, zwei Drittel der Kriegsmänner räumen den Platz Gehen heim. Übrig bleiben nur noch zehntausend.

So kann kein Kommandeur vor seine Truppen treten. Was Gideon da macht, im Auftrag und auf Anregung Gottes (!) widerspricht allem soldatischem Denken. Da wird Mut zugesprochen und Mut eingefordert. Zum Kampf motiviert. Die Angst, das Verzagen zur Sprachen bringen, das geht gar nicht. Es sind notorische Kriegsgegner, heimliche und offene Pazifisten, die so denken, die Umkehr nach Hause ins Gespräch bringen.

Alle Soldaten woll’n nach Haus                                                                                              Sie woll’n die Uniform nicht mehr                                                                                          Den Stahlhelm und das Schießgewehr                                                                                Und auch nicht in den Kampf hinaus                                                                                  Soldaten woll’n nur eins: sie woll’n nach Haus        R. Mey, in: CD Farben 1990

Ob Gott mit dieser Heimsendung‑Aktion doch klammheimlich denen den Rücken stärken will, die Kriege als solche ablehnen und für untauglich halten? Mir kann so ein Gedanken gut zu meinen Gottesvorstellungen passen.

4 Und der HERR sprach zu Gideon: Das Volk ist noch zu zahlreich. Führe sie hinab ans Wasser; dort will ich sie dir sichten. Und von wem ich dir sagen werde, dass er mit dir ziehen soll, der soll mit dir ziehen; von wem ich aber sagen werde, dass er nicht mit dir ziehen soll, der soll nicht mitziehen. 5 Und erführte das Volk hinab ans Wasser Und der HERR sprach zu Gideon: Wer mit seiner Zunge Wasser leckt, wie ein Hund leckt, den stelle besonders; ebenso, wer niederkniet, um zu trinken. 6 Da war die Zahl derer die geleckt hatten, dreihundert Mann. Alles übrige Volk hatte kniend getrunken aus der Hand zum Mund.

Dem HERRN sind das immer noch zu viele. Das zeigt schon: Es ist nicht Gideons Heermacht, um die es geht. Sondern es ist Gottes Heer, das hier rekrutiert wird. Um die Zahl weiter zu verkleinern, wird das Trinkverhalten der Soldaten “geprüft”. Die einen knien nieder und schöpfen mit der Hand, die anderen werfen sich zu Boden und „schlabbern“ mit der Zunge, wie ein Hund leckt. Ob darin ein Vorzug sichtbar wird? Kampf‑taugliche Primitivität? Das steht dahin und wird nicht gesagt, Es wird nur festgestellt. Die trinken wie die Hunde sind nur dreihundert.

7 Und der HERR sprach zu Gideon: Durch die dreihundert Mann, die geleckt haben, will ich euch erretten und die Midianiter in deine Hände geben; aber alles übrige Volk lass gehen an seinen Ort. ~S Und sie nahmen die Verpflegung des Volks und ihre Posaunen an sich. Aber die übrigen Israeliten ließ er alle gehen, jeden in sein Zelt; die dreihundert Mann aber behielt er bei sich.

Diese Dreihundert sind ‑ nach dem Willen des HERRN ‑ Gideons Streitmacht. Alle anderen können nach Hause gehen. Aber der HERR trifft nicht nur, anstelle des Gideon, die Auswahl der Kämpfer. Er sagt auch schon das Ergebnis voraus: Durch die dreihundert Mann will ich euch erretten und die Midianiter in deine Hände geben. Das macht endgültig deutlich: Es ist Gottes Sache, um die es hier geht und es wird Gottes Sieg sein. So wie er Josua das Land gegeben hat, so wird er die Midianiter in die Hände Gideon geben.

Und das Heer der Midianiter lag unten vor ihm in der Ebene. 9 Und der HERR sprach in derselben Nacht zu Gideon: Steh auf und geh hinab zum Lager; denn ich habe es in deine Hände gegeben. 10 Fürchtest du dich aber hinabzugehen, so lass deinen Diener Pura mit dir hinabgehen zum Lager, 11 damit du hörst, was sie reden. Danach werden deine Hände stark sein und du wirst hinabziehen zum Lager

So sehr hat Gott die Regie. Er selbst schickt Gideon auf den Kundschafter‑Gang. Aber nicht, um die richtige Kampf‑Taktik aus den Erkenntnissen des Ganges entwickeln zu können, sondern um Gideon zu ermutigen. Ihm das Herz zu stärken. Offensichtlich weiß Gott um die Ängstlichkeit seines erwählten Werkzeugs und macht sie ihm nicht zum Vorwurf Deshalb gesteht er ihm Begleitung zu. Was sie bei ihrem Kundschafter‑Gang hören werden, das wird sie ermutigen, die Hände stärken.

Für mich ist das ein wunderbares Beispiel für die Überwindung von Angst. Sie wird zugelassen und muss nicht verleugnet werden. Gideon hört: du darfst Angst haben und musst nicht den unerschrocken Krieger geben. Sie wird angesprochen und es wird ein Gegenmittel verabreicht‑. Die Begleitung durch Pura. Wir erfahren nicht, ob Pura besonders stark war, eine Kämpfer-Natur, eine Art Löwenherz. Wir erfahren nicht, ob er Gideon sagt: “Hab keine Angst und fürchte dich nicht.” Der Text kennt nur einen schweigenden Pura. Er sagt kein Wort. Muss er auch nicht. Er ist da, bei Gideon. Das genügt, um die Angst bestehen zu können

Da ging Gideon mit seinem Diener Pura hinab bis an den Ort der Schildwache, die im Lager war 12 Und die Midianiter und Amalekiter und alle aus dem Osten hatten sich niedergelassen in der Ebene wie eine Menge Heuschrecken, und ihre Kamele waren nicht zu zählen wegen ihrer großen Menge wie der Sand am Ufer des Meeres.

Das erinnert an unzählige Szenen bei Karl May mit Winnetou und Old Shatterhand. Das gegnerische Lager wird beschlichen. Die Feinde sind taub für die Geräusche der Nacht, weil sie miteinander reden, schwätzen, Heldentaten ankündigen. Ein Riesenheer haben die Midianiter auf die Beine gestellt. Da braucht es keine nächtliche Aufmerksamkeit. Die Feinde werden sich doch sowieso fürchten vor so vielen.

13 Als nun Gideon kam, siehe, da erzählte einer einem andern einen Traum und sprach: Siehe, ich habe geträumt: Ein Laib Gerstenbrot rollte zum Lager der Midianiter; und er kam an das Zelt, stieß es um, dass es einfiel, und kehrte es um, das Oberste zuunterst, sodass das Zelt am Boden lag. 14 Da antwortete der andere: Das ist nichts anderes als das Schwert Gideons, des Sohnes des Joasch, des Israeliten. Gott hat die Midianiter in seine Hände gegeben mit dem ganzen Heerlager

Aus der schier unfassbaren Zahl, wie die Heuschrecken, wird einer herausgegriffen, der einem anderen seinen Traum erzählt. Einen Albtraum. Ein Laib Gerstenbrot rollt wie ein Stein auf das Lager zu und überrollt alles. “Like a rolling stone.” Nicht zu bremsen. Und der den Traum hört, kann ihn deuten ‑ als einen midianitischen Albtraum. Der Brotlaib ‑ das ist das Schwert Gideons. Und der Deuter weiß sofort: Gott hat die Midianiter in seine Hände gegeben mit dem ganzen Heerlager

Als Leser fällt mir auf: Der Midianiter sagt Gott und nicht der HERR. Und er weiß, dass dieser Traum nicht Unsinn ist, sondern die Wirklichkeit vorweg nimmt. Es wird kein Wunder sein, wenn Midian mit all seiner Stärke nicht standhalten kann. Der Gegner heißt nicht Gideon, sondern Gott.

15 Als Gideon diesen Traum erzählen hörte und seine Auslegung, fiel er anbetend nieder und kam zurück ins Lager Israels und sprach: Macht euch auf, denn der HERR hat das Lager der Midianiter in eure Hände gegeben!

Gideon hat gelauscht. Erfolgreich. Und er hat verstanden. Die Entscheidung ist schon gefallen. Darum fällt er anbetend nieder und gibt den Befehl zum Angriff. Von seinen dreihundert Mann muss nur noch realisiert werden, was der HERR schon getan hat. Er hat das Lager der Midianiter in eure Hände gegeben! Die Lorbeeren des Sieges müssen nur noch eingesammelt werden.

 

Mein Gott, Du redest zu uns durch Worte, die wir lesen, die andere uns sagen, die wir aufschnappen. Du redest zu uns durch Träume, die uns heimsuchen, uns irritieren, verängstigen, die wir nicht auf Anhieb verstehen, die uns ein anderer aufschließt.

Du redest zu uns durch Zeichen am Himmel, auf der Erde, Fingerzeige im Alltag, verschlossene und offene Türen, versperrte Wege, Hindernisse und plötzliche Durchblicke.

Du redest zu uns.  Gib uns, dass wir Dein Reden verstehen und Dir folgen. Amen