Alltagszeichen

Richter 6, 33 ‑ 40

33 Als nun alle Midianiter und Amalekiter und die aus dem Osten sich versammelt hatten, zogen sie herüber und lagerten sich in der Ebene Jesreel. 24 Da erfüllte der Geist des HERRN den Gideon. Und er ließ die Posaune blasen und rief die Abiüsriter auf, ihm zu folgen. 35 Und er sandte Botschaft zu ganz Manasse und rief sie auf, dass auch sie ihm folgten. Er sandte auch Botschaft zu Asser und Sebulon und Naftali,‑ die kamen herauf, ihm entgegen.

Bis hierher ist die Gideon‑Geschichte nur eine nette Episode. Lokal gebunden, Ohne große Flächenwirkung. Aber jetzt wendet sich das Blatt. Alle Midianiter und Amalekiter sammeln sich in der Jesreel‑Ebene. Ob zum Kampf oder zu einem erneuten Raubzug, um die Ernte als Tribut einzusammeln, wird nicht deutlich. Ist dem Erzähler auch nicht wirklich wichtig. Sondern wichtig ist ihm das andere und deshalb sagt er es sehr betont: Der Geist des HERRN erfüllte den Gideon. Aus einem etwas skurrilen Einzeltäter wird ein Anführer, einer, der vom Geist Gottes erfüllt, umkleidet und geleitet wird. Einer, der Israel sammelt und zum Streit ruft. Vier Stämme folgen ihm. Manasse, Asser, Sebulon und Naftali. Aus dem Sippenführer wird ein Führer in Israel.

36 Und Gideon sprach zu Gott: Willst du Israel durch meine Hand erretten, wie du zugesagt hast, 37 so will ich abgeschorene Wolle auf die Tenne legen: Wird der Tau allein auf der Wolle sein und der ganze Boden umher trocken, so will ich daran erkennen, dass du Israel erretten wirst durch meine Hand, wie du zugesagt hast. 3 8 Und so geschah es. Und als er am andern Morgenfrüh aufstand, drückte er den Tau aus der Wolle, eine Schale voll Wasser!

Gideon hat ein ” charismatisches Amt empfangen “. (H. W Hertzberg, aaO.; S. 195) Aber seine innere Verfassung ist alles andere als kraft‑strotzend, charismatisch aufgeladen. Darum erbittet er ein Zeichen von Gott. Einen sichtbaren Beweis. Das kennt der Leser schon aus dem Beginn der Gideon‑Erzählung. Und es kennzeichnet diesen Richter in Israel, dass er ein wenig “zeichenabhängig” ist.

Wir tun auch gut daran, die Abwehr der Zeichenforderung im Neuen Testament nicht so zu lesen, als sei das auf dem Weg Israels auch schon eine Ungeheuerlichkeit, von Gott Zeichen zu erbitten. Menschen sind offensichtlich, manche mehr, manche weniger, darauf angewiesen, konkrete, handfeste Hinweise zu bekommen. Du bist auf dem richtigen Weg.

Gideon jedenfalls bekommt so ein Zeichen. Der Tau liegt nur auf der Wolle. Ringsum ist alles trocken. Ein Wunder!

39 Und Gideon sprach zu Gott: Dein Zorn entbrenne nicht gegen mich, wenn ich noch einmal rede. Ich will’s nur noch einmal versuchen mit der Wolle: Es sei allein auf der Wolle trocken und Tau auf dem ganzen Boden. 40 Und Gott machte es so in derselben Nacht, dass es trocken war allein auf der Wolle und Tau überall auf dem Boden.

Wie herrlich ist das! Der das erste Zeichen will und erhalten hat, dreht jetzt einfach die “Versuchsanordnung” um. Er will auf Nr. Sicher gehen. Es könnte ja Zufall sein ‑ das vermeintliche Zeichen eine Laune der Natur. Sicher kein Zufall ist, dass der Satz des Gideon, mit dem er seine Bitte einleitet, fast wortgetreu ein Zitat aus dem Mund Abrahams ist. “Der Herr möge doch nicht zürnen, dass ich noch einmal rede!” (l. Mose 18, 30 + 32) So redet Abraham mit Gott in seiner Fürbitte für Sodom und Gomorra. Und er handelt Gottes Zorn herunter auf das Zugeständnis der zehn Gerechten.

Gideon handelt Gott ein zweites Zeichen ab. Ein weiteres Zugeständnis für seine, des Gideons Schwäche. Hartnäckig ist er in dieser Schwäche. Wunderbar genug. Gott sagt nicht: Ein Zeichen reicht. Vogel, friß oder stirb! Er lässt sich auf das Wiederholungs‑Spiel ein.

Was für ein schöner Hinweis darauf, wie sich Gott auf uns Menschen einlässt. Da ist keine Forderung: Du müsstest doch jetzt schon glauben. Keine Kritik an der Verzagtheit. Da ist ein schlichtes Eingehen auf die Bedürfnisse eines Menschen, auf seine Suche nach Gewissheit, auf seine innere Instabilität, die so angewiesen ist auf äußere Zeichen.

Solches Bitten um ein Zeichen wird bei uns heute eher als Zeichen für Kleinglauben oder naiven Kinderglauben gesehen und gewertet. Damit haben wir aber die Einsicht der ganzen antiken Welt gegen uns. Ihr hat die Welt gesprochen ‑ durch den Vogelflug, durch die Innereien von Tieren, durch die Richtung des Feuer‑Rauchs, durch Zufälligkeiten. Sie wussten die Welt voller Zeichen Gottes.

Er spricht zu uns aus unzählbaren Welten,                                                                        aus seinem Wort, das uns die Richtung weist…                                                                  Er spricht zu uns durch kleine Fingerzeige,                                                                             durch Botschaften im Alltags‑Alphabet,                                                                             durch Fügungen von irgendwo wie Zweige,                                                                           im Staub der der Straße her geweht..                         S. Fietz in: Fontäne, 1972

Uns ist die Welt leer geworden, öde und stumm. Sprachlos. Wir begeistern uns vielleicht noch über den Entdeckungen von Genen und Chromosom‑Reihen. Aber sie sind uns keine Botschaft Gottes mehr, weisen nicht mehr über die Welt hinaus auf den Größeren, sein Geben, sein Leiten, sein Behüten.

Wir sind, bei allem Fortschritt, ärmer geworden. Einsam in einer Welt, in der nicht mehr wirklich alles zu einer Botschaft Gottes werden kann. Wir haben die Welt aufgeklärt und sie damit zugleich entzaubert und zum Verstummen gebracht. Es gibt nur noch das nicht enden wollende Selbstgespräch des Menschengeistes mit sich selbst und den Dingen.

Und doch ist da ein Gesang in allen Dingen und ein nasses oder auch ein trockenes Fell kann ein Zeichen Gottes werden.

Durch diese Erzählung wird einer hochmütigen Sicht gewehrt, die sich lustig macht über die, die abhängig sind von den kleinen Fingerzeigen Gottes. Auch das Wort Jesu “Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!” (Johannes 20, 29) darf auf diesem Hintergrund nie zur argumentativ geschwungenen Keule gegen die werden, die auf sichtbare Zeichen angewiesen sind.

 

Mein Gott, ich bin froh, dass Du mir manchmal ganz unmissverständlich gezeigt hast: Das ist dein Weg, dass Du mir manchmal Zeichen gegeben hast, ungefragt, aber eindeutig: Das sollst du tun.

Ich bin aber auch froh, dass Du manchmal anders mit mir umgegangen bist. Ich habe mir einen Weg gewählt und Du hast ihn gesegnet. Ich habe entschieden, mich entschieden, und Du hast meinen Entscheidungen mitgetragen, etwas Gutes aus ihnen gemacht.

Herr, ich danke Dir für alle Zeichen Deiner Gegenwart, die mir Mut gemacht haben, selbst gegenwärtig in dieser Zeit zu leben, zu glauben und zu handeln. Amen