Gottes Engel – ein fremder Gast

Richter 6, 11 ‑ 24

LI Und der Engel des HERRN kam und setzte sich unter die Eiche bei Ofra; die gehörte Joasch, dem Abiësriter.

Nach den eher allgemeinen und grundsätzlichen Passagen beginnt nun eine Erzählung. Sie führt zunächst nach Ofra, einem Ort wohl in der Nähe von Sichern. Dort erscheint der Engel des HERRN und sucht sich die Eiche als Sitzgelegenheit, unter der er sich niederlässt. Dieses betonte die Eiche mag ein Hinweis sein, dass es nicht irgendein x‑beliebiger Baum ist, wo der Engel seinen Platz sucht, sondern ein heiliger Baum. Eine Terebinthe, „bis heute das meist weithin sichtbare Kennzeichen eines Heiligtums.“ (H. W Hertzberg; aaO.; S. 191) Als Besitzer der Eiche wird Joasch, der Abiësriter, genannt

Und sein Sohn Gideon drosch Weizen in der Kelter, damit er ihn berge vor den Midianitern. 12 Da erschien ihm der Engel des HERRN und sprach zu ihm: Der HERR mit dir, du streitbarer Held! 13 Gideon aber sprach zu ihm: Ach, mein Herr! Ist der HERR mit uns, warum ist uns dann das alles widerfahren? Und wo sind alle seine Wunder, die uns unsere Väter erzählten und sprachen: Der HERR hat uns aus Ägypten geführt? Nun aber hat uns der HERR verstoßen und in die Hände der Midianiter gegeben.

            Sein Sohn Gideon ist mit Dreschen beschäftigt. Um die Ernte vor dem Zugriff der Midianiter in Sicherheit zu bringen. Nicht gerade Verhalten, das für offensive Tapferkeit zeugt. Ihm nun begegnet der Engel des Herrn und grüßt ‑ freundlich, ermutigend. Der HERR mit dir, du streitbarer Held! Auf die Anrede du streitbarer Held geht Gideon gleich gar nicht ein. Wohl aber eröffnet er ‑ seufzend ‑ eine theologische Debatte! Wo ist er denn, der HERR? Sind seine Wunder nicht wie Märchen aus grauer Vorzeit? Vorbei, vergangen. Das Bekenntnis der Väter taugt nicht mehr für heute.

Und dann nimmt er den Teil der Gedanken auf, der für ihn sichtbar ist ‑ und deutet doch zugleich: Der HERR hat uns verstoßen und in die Hände der Midianiter gegeben. Das ist ja bis dahin unermüdlich Botschaft des Richterbuches: Dass die Israeliten unter Fremdherrschaft geraten, ist Zeichen, dass der Herr sie preisgibt, ihnen nicht mehr ihre Schuld durchgehen lässt, sie verstößt.

14 Der HERR aber wandte sich zu ihm und sprach: Geh hin in dieser deiner Kraft,‑ du sollst Israel erretten aus den Händen der Midianiter Siehe, ich habe dich gesandt! 15 Er aber sprach zu ihm: Ach, mein Herr, womit soll ich Israel erretten? Siehe, mein Geschlecht ist das geringste in Manasse, und ich bin der Jüngste in meines Vaters Hause. 16 Der HERR aber sprach zu ihm: Ich will mit dir sein, dass du die Midianiter schlagen sollst wie “einen ” Mann.

Jetzt spricht nicht mehr der Engel des HERRN, sondern der HERR selbst. Das macht deutlich: Der Engel ist nur Platzhalter, „der übliche Hauptvertreter des Herrn selbst.“(H. W Hertzberg, aaO.; S. 191)

             Wir haben es hier mit einer regelrechten Berufung zu tun. Der Herr sendet Gideon in dieser deiner Kraft. Gibt ihm den Auftrag, Israel zu erretten und den Zuspruch: Ich habe dich gesandt. Als wolle er schon im Voraus alle Einwände des Gideon entkräften.

Die kommen ja dann auch: Gideon kommt sich zu klein vor, zu schwach, überhaupt ungeeignet. Keine Familie hinter sich, keine Hausmacht und er selbst ist der Jüngste in der väterlichen Sippe.

Das erinnert an andere Einwände, wenn es um Sendung und Beauftragung geht. Mose hat eine dicke Zunge, Jeremia findet sich selbst zu jung, Petrus wird sich später als Sünder unwürdig finden. Es ist nicht so, dass sich die Leute immer zu den Aufträgen Gottes drängen würden.

Und die Antwort Gottes ist die Antwort, die Gott immer gibt, wenn ihm seine Erwählten mit ihren Ausflüchten kommen: Ich will mit dir sein. So ist es auch bei Mose, bei Jeremia, bei…. Mehr braucht es nicht für Gottes Aufträge. Mehr kriegt kein Beauftragter, kein Gesandter je zugesagt. Damit hat man sich auf den Weg zu machen.

17 Er aber sprach zu ihm: Hab ich Gnade vor dir gefunden, so mach mir doch ein Zeibhen, dass du es bist, der mit mir redet. 18 Geh nichtfort, bis ich wieder zu dir komme und bringe meine Gabe und lege sie vor dir hin. Er sprach: Ich will bleiben, bis du wiederkommst. 19 Und Gideon ging hin und richtete ein Ziegenböcklein zu und ungesäuerte Brote von einem Scheffel Mehl und legte das Fleisch in einen Korb und tat die Brühe in einen Topf und brachte es zu ihm hinaus unter die Eiche und trat hinzu.

Gideon ist das ein bisschen zu wenig. Er möchte mehr, ein Zeichen. Einen sozusagen objektiven Erweis der Gnade. Um den zu gewinnen, schafft er herbei, was das Haus zu bieten hat. Eine Gabe. Aber nicht irgendeine. ” Das Wort „Gabe “(minchã) meint für gewöhnlich (Speis)opfer.“(H. W. Hertzberg; aaO.; S. 192) Jedenfalls: Er will diesen unerkannten Gast – Gideon weiß offensichtlich noch nicht, mit wem er es zu tun hat ‑ freundlich stimmen. So bereitet er ein doch üppiges Mahl zu und bringt es unter den heiligen Baum.

20 Aber der Engel Gottes sprach zu ihm: Nimm das Fleisch und die Brote und lege es hin auf den Fels hier und gieß die Brühe darüber Und er tat es. 21 Da streckte der Engel des HERRN den Stab aus, den er in der Hand hatte, und berührte mit der Spitze das Fleisch und die Brote. Da fuhr Feuer aus dem Fels und verzehrte das Fleisch und die Brote. Und der Engel des HERRN entschwand seinen Augen.

            Der Engel Gottes lässt sich auf das Spiel ein. Er veranstaltet eine große Zauberschau. Anders kann man das gar nicht nennen. Es ist ein Schau‑Wunder und es wird, nach meinem Empfinden, nicht ohne Ironie erzählt. Vergleichbares findet sich bei Mose, der vor Pharao von wundersamen Stäben Schlangen verschlingen lässt (2. Mose 7, 8 ‑ 13) und bei Elia, der auf dem Karmel ein völlig überfeuchtetes Opfer im Feuer Gottes aufgehen lässt. (l. Könige 18, 30 ‑38) Geschichten, die einer wunder-süchtigen Zeit erzählt werden. Doch auch, um sie über die Wundersucht hinaus zu führen.

22 Als nun Gideon sah, dass es der Engel des HERRN war, sprach er: Ach, Herr HERR! Habe ich wirklich den Engel des HERRN von Angesicht zu Angesicht gesehen? 23 Aber der HERR sprach zu ihm: Friede sei mit dir! Fürchte dich nicht, du wirst nicht sterben. 24 Da baute Gideon dem HERRN dort einen Altar und nannte ihn »Der HERR ist Friede«. Der steht noch bis auf den heutigen Tag in Ofra, der Stadt der A bigsriter

Erst jetzt gehen Gideon die Augen auf Erschreckt wird er gewahr: Ich habe es mit der Gegenwart des HERRN zu tun. Denn im Engel ist ja der HERR gegenwärtig. Von Angesicht zu Angesicht. So wie früher bei Mose. “Der HERR aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet. «’ (2. Mose 33, 11) Aber Gideon muss nicht vor dem HERRN vergehen. Nicht sterben. Der Gruß des HERRN ‑ jetzt nicht mehr: des Engels! ‑ sagt es ihm zu. Friede sei mit dir! Fürchte dich nicht, du wirst nicht sterben. “Das Grußwort schãlõm bekommt hier den prägnanten Sinn ” wohlbehalten”, unbeschädigt bleiben.“(H. W. Hertzberg,­aaO.; S. 192) Alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Weiß doch Israel, dass wir die unverhüllte Gegenwart Gottes nicht aushalten können. .

So baut Gideon dem HERRN einen Altar. Und sorgfältig notiert der Autor: der steht dort, in Ofra, bis auf den heutigen Tag.

Das ist ein Zug, der sich durch das Erzählen Israels zieht: An den Orten der Gotteserfahrung, der Gottesgegenwart werden Altäre errichtet. Die Erfahrung ist das Erste, der Altar, das Heiligtum das Zweite. Genau umgekehrt zu späteren Zeiten bis auf diesen Tag 2014, wo Altäre, Heiligtümer, Kirchen zumal, zu Orten werden, an denen Gottes Gegenwart erfahren werden soll, versprochen wird. Und darüber gerät aus dem Blick: Jeder Stein, jeder Baum, jeder Strauch ist gut genug, um zum Ort der Gottesgegenwart zu werden.

Es ist wohl so etwas wie ein vorweggenommenes Bekenntnis mitten in der Bedrängnis, wenn Gideon dem Altar seinen Namen gibt. »Der HERR ist Friede«. Das meint ja nicht nur seine individuelle Bewahrungs-Erfahrung. Das geht aufs Ganze der Existenz Israels. Das wird aufgegriffen im prophetischen Wort: „Und er wird der Friede sein. ” (Micha 5,4) Und wird im Neuen Testament auf Jesus bezogen. “Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. “(Römer 5,1)

 

Herr, wie oft bist Du mir begegnet, irgendwo, verkleidet in einen Menschen, verhüllt in einem Geschehen, aber ich habe es nicht verstanden. Wie oft hast Du mich angesprochen, angerufen durch Worte eines Freundes, den Satz eines Passanten, den Anruf einer Freundin, aber ich habe nur den Menschen gehört.

Manchmal ist es mir später wie Schuppen von Augen gefallen. Wie gut, wenn es dann nicht zu spät war und ich den Augenblick nicht versäumt habe, den Du mir geöffnet, geschenkt hast. Amen