Ein Duett: Ich will dem Herrn singen

Richter 5, 1 ‑ 31

Da sangen Debora und Barak, der Sohn Abinoams, zujener Zeit:

Ein Duett. Die Richterin und ihr Kriegsmann. Wie im Film.

2 Lobet den HERRN, dass man sich in Israel zum Kampf rüstete und das Volk willig dazu gewesen ist. 1 Hört zu, ihr Könige, und merkt auf, ihr Fürsten! Ich will singen, dem HERRN will ich singen, dem HERRN, dem Gott Israels, will ich spielen.

Das erste Wort ist das Wichtigste: Lobet den HERRN. Alles, was hier zu besingen ist, hat darin seinen Grund und sein Ziel. Und alle, die es hören, tun gut daran, aufzumerken. Sich bereit zu machen, in dieses Lob einzustimmen.

Gleich dreimal: Ich will dem HERRN singen. Das gibt dem Lied sein Gepräge. Gottes Leute dürfen wollen. Erst recht: Loben wollen. Es geht um den HERRN, nicht um die Sängerin und den Sänger. Die Aufmerksamkeit gilt allein ihm. „Jahwe allein“ ‑ die spätere Parole des Elia wird hier gewissermaßen singenderweise vorweggenommen. Nicht so betont. Aber eindeutig.

4 HERR, als du von Seir auszogst und einhergingst vom Gefilde Edoms, da erzitterte die Erde, der Himmel troff, und die Wolken troffen von Wasser 5 Die Berge wankten vor dem HERRN, der Sinai vor dem HERRN, dem Gott Israels.

Das Lied fängt auch folgerichtig an wie das Besingen einer Gottes‑Erscheinung. Ein Theophanie‑Text. Die Erde gerät in Aufruhr, wenn Gott kommt. Wird in ihren Grundfesten erschüttert.

6 Zu den Zeiten Schamgars, des Sohnes Anats, zu den Zeiten Jaëls  waren verlassen die Wege, und die da auf Straßen gehen sollten, die wanderten auf ungebahnten Wegen. 7 Still war’s bei den Bauern, ja still in Israel, bis du, Debora, aufstandest, bis du aufstandest, eine Mutter in Israel. 8 Man erwählte sich neue Götter; es gab kein Brot in den Toren. Es war kein Schild noch Speer unter vierzigtausend in Israel zu sehen.

Dann geht der Blick weg ‑ vom kommenden Gott hin auf das Land. Verlassen, still so liegt das Land. Man versteht sofort: Nicht, weil es in Ruhe ist. Weil das Leben erstarrt ist. Weil es wie unter einer großen Lähmung da liegt. Da sind keine Straßen mehr, keine Perspektiven mehr. Nur noch Pfade. Ins Nirgendwo.

Vorsichtig wird es angedeutet. Das ist der Zustand, bis du, Debora, aufstandest, bis du aufstandest, eine Mutter in Israel. Mitten in der Lähmung erhebt sich die Richterin. Ein Grund, eine innere Motivation wird nicht genannt. Nur dass sie sich erhebt, aufsteht.

             Es geht mir durch den Kopf: „Sie werden sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21, 27‑28) Debora steht auf, ohne dass sie schon “sehen” könnte, was werden wird. Da ist nichts als Unterwerfung und Anpassung, als Resignation und Verzagen. Und dennoch steht sie auf

9 Mein Herz ist mit den Gebietern Israels, mit denen, die willig waren unter dem Volk. Lobet den HERRN! 10 Die ihr auf weißen Eselinnen reitet, die ihr auf Teppichen sitzt und die ihr auf dem Wege geht: Singet! 11 Horch, wie sie jubeln zwischen den Tränkrinnen! Da sage man von der Gerechtigkeit des HERRN, von der Gerechtigkeit an seinen Bauern in Israel, als des HERRN Volk herabzog zu den Toren.

Es hört sich an wie eine Zwischenstrophe. Eine erneute Aufforderung zum Lob des HERRN. In diesen Worten wird vorgegriffen. Auf das gute Ende. Das kennen Dabora und Barak, die Liedsänger, ja schon. Sie sehen schon die jubelnde Menge ‑ Gebieter und Bauern, große und kleine Leute.

12 Auf, auf, Debora! Auf, auf und singe ein Lied! Mach dich auf, Barak, und fange, die dich fingen, du Sohn Abinoams! L3 Da zog herab, was übrig war von Herrlichen im Volk. Der HERR zog mit mir herab unter den Helden: 14 Aus Ephraim zogen sie herab ins Tal und nach ihm Benjamin mit seinem Volk. Von Machir zogen Gebieter herab und von Sebulon, die den Führerstab halten, 15 und die Fürsten in Issachar mit Debora, wie Issachar so Barak ins Tal folgte er ihm auf dem Fuß.

Jetzt erst beginnt im Debora‑Lied die Schilderung des Kriegszuges. Der Aufbruch wird in den Blick genommen. Die beteiligten Stämme werden genannt ‑ Ephraim, Benjamin, Issachar und Sebulon. Hinter Machir verbirgt sich der Stamm Manasse. Man sieht sie förmlich auf dem Weg ins Tal.

An Rubens Bächen überlegten sie lange. 16 Warum saßest du zwischen den Sattelkörben, zu hören bei den Herden das Flötenspiel? An Rubens Bächen überlegten sie lange. 17 Gilead blieb jenseits des Jordans. Und warum dient Dan auffremden Schiffen? Asser saß am Ufer des Meeres und blieb ruhig an seinen Buchten. 18 Sebulons Volk aber wagte sein Leben in den Tod, Naftali auch auf der Höhe des Gefildes.

Aber es gibt auch Zögerer und Verweigerer. Nicht alle haben Deboras Aufruf gehört und befolgt. Kein Ruhmesblatt für Ruben, Dan, Gilead, Asser. Sie haben sich ferngehalten. Ging es nicht um sie, um ihr Stammesgebiet? Ruben und Gad (=Gilead) haben ihr Gebiet im Ostjordan-Land. Aber was ist dann mit der Solidarität mit ganz Israel? Offensichtlich entscheiden sich Stämme nach der je eigenen Interessenlage und nicht aus der Verbundenheit mit den anderen, Das mag legitim sein. Heute wird das ja so gesehen: Wir entscheiden nach Interessenlage. Nach unserer. Aber es entspricht dem Bund nicht, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat.,

Umso mehr wird hervorgehoben, dass Sebulon und Naftali sich der Koalition Deboras anschließen. Auf Leben und Tod. “Sie hatten ihr Eigenleben eben nicht dem Gesamtanliegen vorangestellt, sondern den Kampf für die Sache des Herrn anstelle geruhsamen Weitermachens gewählt. Die anderen hatten nicht erkannt, dass diese Stunde eine Gottesstunde war ” (H. W Hertzberg; aaO.; S. 180) Man kann diese Stunde versäumen. Mit durchaus honorigen Gründen.

19 Könige kamen und stritten; damals stritten die Könige Kanaans zu Taanach am Wasser Megiddos, aber Silber gewannen sie dabei nicht. 20 Vom Himmel her kämpften die Sterne, von ihren Bahnen stritten sie wider Sisera. 21 Der Bach Kischon riss sie hinweg, der uralte Bach, der Bach Kischon. Tritt einher, meine Seele, mit Kraft! 22 Da stampften die Hufe der Rosse, ein Jagen ihrer mächtigen Renner 23 Fluchet der Stadt Meros, sprach der Engel des HERRN, fluchet, fluchet ihren Bürgern, dass sie nicht kamen dem HERRN zu Hilfe, zu Hiffie dem HERRN unter den Helden!

Jetzt wird der Kampf besungen. Die Macht der Könige Kanaans findet ihr Gegenüber nicht in der kämpfenden Truppe Baraks, sondern in “Jahwe selbst, dem Himmel und Erde zu Gebote stehen. “(H. W Hertzberg; aaO.; S 181) Es ist Erinnerung an den Gottessehrecken. Der hat Sisera und seine Leute in die Flucht geschlagen. Und die Israeliten sind allenfalls Hilfstruppen in diesem Geschehen.

24 Gepriesen sei unter den Frauen Jael, die Frau Hebers, des Keniters; gepriesen sei sie im Zelt unter den Frauen! 25 Milch gab sie, als er Wasserforderte, Sahne reichte sie dar in einer herrlichen Schale. 26 Sie griff mit ihrer Hand den Pflock und mit ihrer Rechten den Schmiedehammer und zerschlug Siseras Haupt und zermalmte und durchbohrte seine Schläfe. 27 Zu ihren Füßen krümmte er sich, fiel nieder und lag da. Er krümmte sich, fiel nieder zu ihren Füßen; wie er sich krümmte, so lag er erschlagen da. 2‑$ Die Mutter Siseras spähte zum Fenster hinaus und klagte durchs Gitter: Warum zögert sein Wagen, dass er nicht kommt? Warum säumen die Hufe seiner Rosse? 29 Die weisesten unter ihren Fürstinnen antworten, und sie selbst wiederholt ihre Worte: 30 Sie werden wohl Beute finden und verteilen, eine Frau, zwei Frauenfürjeden Mann undfür Sisera bunte gestickte Kleider zur Beute, gewirkte bunte Tücher um den Hals als Beute.

Diese Verse lassen sich nur verstehen aus der Perspektive der eigentlich Unterlegenen, die sich freuen, dass ihr Peiniger weg ist. Die eine klammheimliche Schaden‑Freude auch nicht verschweigen denen gegenüber, die von seinem Sieg profitieren wollten. Statt reicher Beute ernten sie tiefe Trauer. Aber das braucht das Lied schon nicht mehr zu sagen. Von Mitgefühl für die Mutter Siseras und die Fürstinnen keine Spur. Es wird ein bitteres Erwachen.

31 So sollen umkommen, HERR, alle deine Feinde! Die ihn aber lieb haben sollen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Pracht!

Das ist das doppelte Fazit des Liedes. Die sich gegen den HERRN stellen, bereiten sich selbst ihr Schicksal. Sie haben keine Zukunft, weil für Gottes Feinde auf der Welt kein Raum zum Leben ist. Eine Gedanke, der sich oft in den Psalmen findet ‑ und uns verschreckt.

„Die Sünder sollen ein Ende nehmen auf Erden                                                              und die Gottlosen nicht mehr sein.                   Psalm 104,35

Oder:

“Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten!                                                               Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!                                                                         Denn sie reden von dir lästerlich,                                                                                        und deine Feinde erheben sich mit frechem Mut.               Psalm 139, 19‑20

So wollen wir nicht (mehr) denken, nicht mehr singen, nicht mehr glauben. Wir lieben deshalb eher das andere Fazit: Die ihn aber lieb haben sollen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Pracht! Um die steht es gut, die auf der Seite Gottes sind. Ein Strahlen geht von ihnen aus. Ansteckung des Glaubens. Von Debora und Barak.

Wir hätten es wohl gerne ein wenig friedlicher, weniger kriegerisch. Aber in der Sache sind wir einig. Es geht um die Strahlkraft der Leute Gottes, die sich in der Liebe zu Gott entfaltet.

Die Gott lieben werden sein wie die Sonne,                                                                        die aufgeht in ihrer Pracht.

Noch verbirgt die Dunkelheit das Licht,                                                                              und noch sehen wir die Sonne nicht.                                                                                     Doch schon zieht ein neuer Tag herauf,                                                                                   und das Licht des Morgens leuchtet auf                    Peter Strauch 1981

Und das Land hatte Ruhe vierzig Jahre.

Und wieder findet das Wirken des Richters, diesmal der Richterin, seinen geradezu liturgischen Abschluss. Aus dem erstarrten Land, das still liegt wird ein Land, das Ruhe hat. Vierzig Jahre. Eine ganze Lebenszeit.

Wie das Lied der Mirjam am Schilfmeer (2.Mose 15,20) besingt auch Debora mit ihrem Lied den siegreichen Gott. Den Gott, der in harten Kämpfen sein Volk schützt, die Feinde des Volkes niederwirft. Es ist gut, sich daran erinnern zu lassen: “Die Art, in der das beschreiben wird, ist nicht die des Neuen Testaments. Die Gefahr ist immer da, dass Gott in solchen Fällen zu einer Hilfsgestalt im Interesse des Volkes gemacht wird, und das A T ist ihr manchmal erlegen”. (H. W Hertzberg,­aaO.; S 182) Beschämt wird man sagen müssen: Die Kirche Jesu Christi ist ihr auch erlegen, wenn sie Waffen gesegnet und für Siege des eigenen Volkes gebetet hat.

 

Mein Gott, die Stunde des Siegers ist Deine Stunde. Aber anders, als wir es durch die Geschichte gewohnt sind. Dein Sieg ist die Hingabe, die Preisgabe in die Hände der Menschen, die durchgehaltene Liebe.

Dein Sieg wird nicht geschmückt durch Todesopfer, durch Machterweise, überlegene Härte. Dein Sieg ist die Liebe, die sich selbst gibt.

Lass mich die Stunde Deines Sieges nie vergessen, auch nicht die Art Deines Sieges, wenn ich auf Siege in meinem Leben hoffe. Amen