Traditionsabbruch

Richter 2, 6 ‑ 23

6 Als Josua das Volk entlassen hatte und die Israeliten hingezogen waren, ein jeder in sein Erbteil, um das Land einzunehmen, 7 diente das Volk dem HERRN, solange Josua lebte und die Ältesten, die noch lange nach Josua lebten und alle die großen Werke des HERRN gesehen hatten, die er an Israel getan hatte. 8 Da starb Josua, der Sohn Nuns, der Knecht des HERRN, als er hundertundzehn Jahre alt war. 9 Und sie begruben ihn im Gebiet seines Erbteils in Timnat‑Heres auf dem Gebirge Ephraim, nördlich vom Berge Gaasch.

Als ob es die ersten Teile des Richter‑Buches nicht gegeben hätte, wird hier auf das Buch Josua zurück gegriffen. Es ist wie ein Rückblick auf die “gute, alte Zeit”. Damals war die Welt Israels noch in Ordnung. Das Volk diente dem HERRN. Alle Stämme Israels nahmen den Raum ein, der ihnen als Erbteil zugeteilt war. Die Erinnerung an die großen Taten Gottes (Apostelgeschichte 2, 11) wurde aufrecht gehalten von denen, die die großen Werke des HERRN gesehen hatten. Wie wichtig ist das, dass von einer Generation zur anderen weitergegeben wird, was Gott Gutes an seinem Volk getan hat. Das hat Israel immer gewusst. Darum hat es Geschichten erzählt und Geschichte geschrieben.

Josua stirbt und wird begraben. Wörtlich fast deckungsgleich stehen die entsprechenden Informationen auch am Ende des Josua‑Buches (Josua 24, 29‑31) ‑ ein Hinweis auch auf den gemeinsamen Ursprung der Bücher? Jedenfalls ein Signal für die Nähe im Denken über die Geschichte Israels.

10 Als auch alle, die zu der Zeit gelebt hatten, zu ihren Vätern versammelt waren, kam nach ihnen ein anderes Geschlecht auf, das den HERRN nicht kannte noch die Werke, die er an Israel getan hatte.

Traditionsabbruch. Als die Generation der Wüstenwanderung und Landnahme wegstirbt, ist keiner mehr da, der erinnert: Gott, der HERR, hat uns…. Es ist keiner mehr da, der zurück ruft zum Gott der Väter. Es scheint alles so selbstverständlich. ” Wenn es heißt, es ” kannte ” den Herrn und sein Handeln nicht, so meint das nicht nur, dass es um alles, was damit zusammenhing, nicht mehr so wusste wie die Alten, sondern es auch nicht mehr so achtete. („Kennen, sich kümmern um” ist geläufiger Gebrauch)“ (H.W. Hertzberg; aaO.; S. 158)

“Traditionsabbruch” ‑ das Wort begleitet mich seit den 70er Jahren. Es beschreibt das Verschwinden zuerst von kirchlicher Sitte, dann von kirchlich geprägten Verhaltensmustern der Frömmigkeit und dann von Wissen um die Inhalte des Glaubens. “Wie wir doch alle wissen“ ‑ das kann heute kein Prediger mehr sagen. Worum es an Weihnachten geht, am Karfreitag, an Ostern, erst recht an Pfingsten ‑ das ist weiten Teilen der Bevölkerung in diesem ehemals christlich geprägten Land nicht mehr klar. Selbst wenn es noch rudimentäre Rest‑Bestände an Wissen gibt. Da war doch was mit einer Geburt? Mit den 10 Geboten? Mit einem gewissen Jesus?

Was Gott für uns getan hat, das ist für viele ‑ außerhalb der Kirchen ja auch durchaus verständlich, aber innerhalb der Kirchen doch irritierend ‑ nicht mehr klar, nicht mehr begreiflich, nicht mehr haltgebend und richtungsweisend. Traditionsabbruch benennt ja nicht nur ein Informationsdefizit. Damit wird ein Identifikations‑Defizit beschrieben. Dieser Glaube trägt nicht mehr und prägt nicht mehr. Er hört auf, „dem Leben Gestalt und Richtung zu geben. ” (F. Steffensky)

11 Da taten die Israeliten, was dem HERRN missfiel, und dienten den Baalen 12 und verließen den HERRN, den Gott ihrer Väter, der sie aus Ägyptenland geführt hatte, und folgten andern Göttern nach von den Göttern der Völker, die um sie her wohnten, und beteten sie an und erzürnten den HERRN. 13 Denn sie verließen je undje den HERRN und dienten dem Baal und den Astarten.

Dieser Traditionsabbruch hat religiöse Folgen. Die Israeliten dienten den Baalen. Es gibt keinen religionsfreien Raum. Entweder dient man Gott oder den Göttern. So wie es Bob Dylan in unserer Zeit besungen hat.

You may be an ambassador to England or France                                                           You may like to gamble, you might like to dance                                                               You may be the heavyweight champion of the world                                                    You may be a socialite with a long string of pearls.

But you’re gonna have to serve somebody, yes indeed                                            You’re gonna have to serve somebody,                                                                                   It may be the devil or it may be the Lord                                                                               But you’re gonna have to serve somebody.                                                                                Bob Dylan, CD Slow Train Coming 1979

Der Volksmund hat das auf seine Weise ausgedrückt: “Wo der Glaube das Haus durch die Haus‑Tür verlässt, kommt der Aberglaube durch die Hinter‑Tür.” Das Verlassen des HERRN ist das eine, die Kehrseite ist die Zuwendung zu den Göttern. Oder, in Anlehnung an die Sprache des Paulus: Aus der Freiheit der Kinder Gottes wird die Anbetung und Knechtschaft unter den Götzen. Die vom HERRN aus der Knechtschaft in Ägypten Befreiten dienten dem Baal und den Astarten. Ist es ein Wunder, dass das den Zorn des HERRN hervor ruft?

14 So entbrannte denn der Zorn des HERRN über Israel und er gab sie in die Hand von Räubern, die sie beraubten, und verkaufte sie in die Hände ihrer Feinde ringsumher Und sie konnten nicht mehr ihren Feinden widerstehen, 15 sondern sooft sie auszogen, war des HERRN Hand wider sie zum Unheil, wie denn der HERR ihnen gesagt und geschworen hatte. Und sie wurden hart bedrängt.

Dieser Zorn zeigt sich im Ablauf der Geschichte. Der HERR greift nicht mehr ein zugunsten seines Volkes. Er gab sie in die Hand von Räubern. So sieht das Richterbuch die Völker um Israel: Räuber. Hatte der Herr Israel das Land gegeben, so lässt er sie jetzt erfahren, wie das ist, in die Hände anderer gegeben zu werden. Hilflos. Schutzlos. Und sie, die früher wussten, wenn sie auszogen: “Der HERR ist mit uns, unser Schild und Schirm” (nach Psalm 84,12), sie erfahren jetzt, wie er sich verweigert, sie sich selbst überlässt, ihrer vermeintlichen Stärke, ihrer Tapferkeit. Sie erfahren, dass der HERR sich gegen sie stellt.

16 Wenn dann der HERR Richter erweckte, die ihnen haifen aus der Hand der Räuber, 17 so gehorchten sie den Richtern auch nicht, sondern liefen andern Göttern nach und beteten sie an und wichen bald von dem Wege, auf dem ihre Väter gegangen waren, als sie des HERRN Geboten gehorchten; siejedoch taten nicht wie diese.

Ganz und gar hilflos lässt der HERR sein Volk aber nicht. Er erweckt Richter Man könnte auch übersetzen: Führer, Heilande, Retter Männer (und Frauen!), die geistbegabt die Führung des Volkes übernehmen und sie befreien aus der Hand der Räuber. Aber es sind Augenblicks‑Helfer. Es folgt keine grundsätzliche Wendung im Verhalten des Volkes. Die große moralische Wende bleibt aus. Sie laufen den anderen Göttern nach. “Huren” mit ihnen heißt es wörtlich übersetzt. Sie treiben Treulosigkeit. Da ist keine Umkehr auf den Weg der Väter, der Josua‑Generation.

18 Wenn aber der HERR ihnen Richter erweckte, so war der HERR mit dem Richter und errettete sie aus der Hand ihrer Feinde, solange der Richter lebte, Denn es jammerte den HERRN ihr Wehklagen über die, die sie unterdrückten und bedrängten. 19 Wenn aber der Richter gestorben war, so fielen sie wieder ab und trieben es ärger als ihre Väter, indem sie andern Göttern folgten, ihnen zu dienen und sie anzubeten. Sie ließen nicht von ihrem Tun noch von ihrem halsstarrigen Wandel.

Und doch: immer wieder greift der HERR ein, erweckt Richter, errettet. Weil es ihm an die Nieren geht. Weil ihn das Volk jammert. Das ist weit zurück gegriffen. ” Und Gott erhörte ihr Wehklagen und gedachte seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob. Und Gott sah auf die Israeliten und nahm sich ihrer an. ” (2. Mose 2,24‑25) Es ist die gleiche Bewegung, die Israel aus Ägypten führen wird, die hier deutlich wird. Gott ist sich in seinem Retterwillen treu. Nur das Volk antwortet nicht mit gleicher Treue.

20 Darum entbrannte der Zorn des HERRN über Israel und er sprach: Weil dies Volk meinen Bund übertreten hat, den ich ihren Vätern geboten habe, und gehorcht meiner Stimme nicht, 21 so will ich auch hinfort die Völker nicht vertreiben, die Josua übrig gelassen hat, als er starb, 22 damit ich Israel durch sie prüfe, ob sie auf dem Wege des HERRN bleiben und darauf wandeln, wie ihre Väter geblieben sind, oder nicht. 23 So ließ der HERR diese Völker, die er nicht in Josuas Hand gegeben hatte, übrig, ohne sie sogleich zu vertreiben.

Das führt zu dem “Beschluss Gottes”, der jetzt referiert wird. Der HERR nimmt die inkonsequente Politik des Josua und macht daraus eine Art “Prüfung” für das Volk. Sie müssen sich jetzt über Generationen hinweg damit auseinander setzen, dass im eigenen Land fremde Götter verehrt werden, fremde Völker leben. Sie leben nicht im geschützten Raum, sondern in einem Raum, der ihnen immerzu die Entscheidung für den HERRN abverlangt. Sie sind herausgefordert, auf dem Wege des HERRN zu bleiben und darauf zu wandeln. Täglich neu. Jahwe oder Baal” ist eine Alternative, die dem Volk so vorgelegt wird und die in allen möglichen Situationen täglich die Entscheidung für den HERRN herausfordert. Was der Bund mit Gott verlangt, ist klar. Es geht nicht um freie Wahl, sondern um den Gehorsam und die Bundestreue.

Eine starke Botschaft, die große geistliche Herausforderung‑ In der Gegenwart den Glauben bewähren. In der Situation, wie sie jetzt ist. Sich nicht in eine andere, bessere Lage träumen, wo einem das alles nicht zugemutet wird. Ob das, was jetzt ist, aus Schuld oder Schicksal so geworden ist, ist zweitrangig. Es ist die Zeit, sich zu bewähren.

            “Ich wünschte, das wäre nicht zu meinen Lebzeiten! “sagte Frodo. “Das wünschte ich auch”, sagte Gandalf, ” und das wünschte sich jeder, der in solchen Zeiten lebt. Aber darüber haben wir nicht zu befinden. Entscheiden können wir nur, was wir mit der Zeit, die uns gegeben ist, anfangen. “(JR.R. Tolkien, Der Herr der Ringe; Stuttgart 1991, S. 69)

Übertragen auf uns heute: Das Zusammenleben mit anderen Religionen in einem angeblich einmal “christlichen Abendland” verlangt heute von den Christen und Christinnen die stete Bewährung des eigenen Glaubens. Nicht mehr als Monopol‑Religion. Nicht mehr im Allein‑Vertretungs‑Modus. Sondern im Gegenüber zu den anderen Religionen. Wie macht man das ‑ den eigenen Glauben leben ohne Gewalt, ohne Rechtspositionen, ohne Privilegien ‑ einfach in der Treue zu dem dreieinigen Gott? So gesehen holt uns Christen die Herausforderung Gottes an sein Volk Israel heute in einer ganz anderen Zeit ein. Die Frage wird sein, ob und wie wir sie bestehen.

 

Mein Gott, nicht mehr wissen, woher wir kommen, was unsere Geschichte ist, was uns hat werden lassen, wie wir sind, das ist auch: sich selbst verlieren.

Nicht mehr wissen, nicht mehr erzählt bekommen, was Du getan hast für uns für unsere Vorfahren, für Dein Volk, das ist auch vergessen, wofür wir zu danken haben, wem wir uns verdanken.

Herr, hilf uns, Dein Wort zu bewahren. Die Geschichten Deiner großen Taten, Deiner Gnade nie zu vergessen. Sonst werden wir ja wurzellos. Amen