Reich beschenkt

Hoheslied 6, 1 – 7,10

»Wo ist denn dein Freund hingegangen, o du Schönste unter den Frauen? Wo hat sich dein Freund hingewandt? So wollen wir ihn mit dir suchen.« 2 Mein Freund ist hinabgegangen in seinen Garten, zu den Balsambeeten, dass er weide in den Gärten und Lilien pflücke. 3 Mein Freund ist mein und ich bin sein, der unter den Lilien weidet.

Wir werden Zeugen des Gespräches zwischen der Braut und den Töchtern Jerusalems. Es klingt fast wie Ironie: Du Schönste unter den Frauen. All ihre Schönheit konnte den Freund nicht halten. Und darum hält die Braut fast trotzig dagegen: Mein Freund ist mein und ich bin sein. Das gilt, auch wenn es nicht immer gleich zu sehen und zu spüren ist.

 Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht,
du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht:
So nimm denn meine Hände und führe mich
bis an mein selig Ende und ewiglich.           J. Hausmann 1862, EG 376

Es gibt so etwas – eine Trotzdem-Liebe und einen Trotzdem-Glauben.

4 Du bist schön, meine Freundin, wie Tirza, lieblich wie Jerusalem, gewaltig wie ein Heer. 5 Wende deine Augen von mir; denn sie verwirren mich. Deine Haare sind wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead. 6 Deine Zähne sind wie eine Herde Schafe, die aus der Schwemme kommen; alle haben sie Zwillinge, und keines unter ihnen ist unfruchtbar. 7 Deine Schläfen sind hinter deinem Schleier wie eine Scheibe vom Granatapfel. 8 Sechzig Königinnen sind es und achtzig Nebenfrauen und Jungfrauen ohne Zahl. 9 Aber “eine” ist meine Taube, meine Reine; die Einzige ist sie für ihre Mutter, das Liebste für die, die sie geboren hat. Als die Töchter sie sahen, priesen sie sie glücklich; die Königinnen und Nebenfrauen rühmten sie. 10 Wer ist sie, die hervorbricht wie die Morgenröte, schön wie der Mond, klar wie die Sonne, gewaltig wie ein Heer? 11 Ich bin hinabgegangen in den Nussgarten, zu schauen die Knospen im Tal, zu schauen, ob der Weinstock sprosst, ob die Granatbäume blühen. 12 Ohne dass ich’s merkte, trieb mich mein Verlangen zu der Tochter eines Fürsten.

             Schön wie eine Stadt ist die Freundin. In einer Kultur, in der man oft die Städte wie eigenständige Personen anspricht – Du Tochter Zion (Jesaja 1,8 und viele mehr) –  ist der Vergleich mit einer Stadt nicht so weit hergeholt. Und Jerusalem ist ja für die jüdischen Leser und Hörerinnen des Liedes nicht irgendeine Stadt. Es ist Gottes Stadt. Wohnsitz des Höchsten.

Überwältigend schön ist sie. So, dass sie den Rang einer Göttin haben könnte. So, dass mit ähnlichen Worten auch Göttinnen besungen werden. Nur in Israel ist ja für Göttinnen kein Platz. Ein großer Lobgesang auf die Schönheit der Braut. Jeder Bräutigam kann sich ein Beispiel daran nehmen.

Wer ist sie, die hervorbricht wie die Morgenröte. Ganz ähnlich kann es gesagt werden von Gott. Er ist ja auch der, der vom Himmel herabschaut. „Lasst uns danach trachten, den HERRN zu erkennen; denn er wird hervorbrechen wie die schöne Morgenröte.“ (Hosea 6,3) Es sind zumindest gewagte Vergleiche.

7,1 Wende dich hin, wende dich her, o Sulamith! Wende dich hin, wende dich her, dass wir dich schauen! Was seht ihr an Sulamith beim Reigen im Lager? 2 Wie schön ist dein Gang in den Schuhen, du Fürstentochter! Die Rundung deiner Hüfte ist wie ein Halsgeschmeide, das des Meisters Hand gemacht hat. 3 Dein Schoß ist wie ein runder Becher, dem nimmer Getränk mangelt. Dein Leib ist wie ein Weizenhaufen, umsteckt mit Lilien. 4 Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen. 5 Dein Hals ist wie ein Turm von Elfenbein. Deine Augen sind wie die Teiche von Heschbon am Tor Bat-Rabbim. Deine Nase ist wie der Turm auf dem Libanon, der nach Damaskus sieht. 6 Dein Haupt auf dir ist wie der Karmel. Das Haar auf deinem Haupt ist wie Purpur; ein König liegt in deinen Locken gefangen.

             Auf dieses Preislied antwortet die so Gepriesene mit einem Tanz. „Der Solotanz der Braut ist der Höhepunkt der heutigen palästinischen Bauernhochzeit….Der Tanz wird hier „Lagertanz ( oder vielleicht Kriegstanz?) genannt, was an den kriegerischen Charakter der altorientalischen Liebesgöttin erinnern dürfte.“ (H. Ringgren, aaO.; S. 286) Ob das alles stimmt, weiß ich nicht. Auch nicht, ob man sich diesen Tanz „nackt“ vorstellen muss. Was mir aber aufgeht: Das ist kein anlehnungsbedürftiges Weibchen, das hier beschreiben wird, keine Schmusekatze. Eine kraftvolle Frau. Eine, die weiß, was sie will. Das ist dann auch das Ende vom Lied: Ein König liegt in deinen Locken gefangen.

             Dieser Tanz hat nichts gemein mit dem Tanz der Tochter der Herodias vor dem König Herodes, der den Täufer seinen Kopf kosten sollte. (Markus 6,22-25) Hier ist nichts schwülstig und nichts auf Machtausübung ausgelegt. Vielleicht macht gerade das aber die Tänzerin so stark.

 7 Wie schön und wie lieblich bist du, du Liebe voller Wonne! 8 Dein Wuchs ist hoch wie ein Palmbaum, deine Brüste gleichen den Weintrauben. 9 Ich sprach: Ich will auf den Palmbaum steigen und seine Zweige ergreifen. Lass deine Brüste sein wie Trauben am Weinstock und den Duft deines Atems wie Äpfel; 10 lass deinen Mund sein wie guten Wein, der meinem Gaumen glatt eingeht und Lippen und Zähne mir netzt.

             Es ist kein Wunder, dass der Tanz der Sulamith das Begehren des Bräutigams weckt.

 

Mein Gott, ich danke Dir für meine Frau, das Gegenüber, das Du mir geschenkt hast, die Gefährtin, Gehilfin, die Widersprechende, die Trösterin.

Ich danke Dir für alle Korrektur, die ich an ihr erfahren habe durch Worte, Schweigen, Gesten, durch Weigerungen und Einverständnis.

Ich danke Dir für alle Sehnsucht, die Du durch sie in mir wach gehalten hast nach dem nächsten Tag, dem nächsten Schritt, dem gemeinsamen Weg.

Du hast mich reich gemacht durch sie. Amen