Zur Liebe stehen

Hoheslied 5, 2 – 16

 2 Ich schlief, aber mein Herz war wach. Da ist die Stimme meines Freundes, der anklopft: »Tu mir auf, liebe Freundin, meine Schwester, meine Taube, meine Reine! Denn mein Haupt ist voll Tau und meine Locken voll Nachttropfen.« 3 »Ich habe mein Kleid ausgezogen – wie soll ich es wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen – wie soll ich sie wieder schmutzig machen?«

             Eine unruhige Nacht. Die vergebliche Suche nach Schlaf. Und dann auch noch einer, der Einlass begehrt. Zur Unzeit. Selbst wenn es der Geliebte ist. Vom nächtlichen Klopfen zur Unzeit erzählt auch Jesus: „Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.“(Lukas 11,7-8) Es gibt eine Zeit des Anklopfens. Aber für manches Anklopfen gilt, dass es zur Unzeit geschieht. Nicht immer, aber manchmal doch. .

 4 Mein Freund steckte seine Hand durchs Riegelloch, und mein Innerstes wallte ihm entgegen. 5 Da stand ich auf, dass ich meinem Freunde auftäte; meine Hände troffen von Myrrhe und meine Finger von fließender Myrrhe am Griff des Riegels.

             Im Gegensatz zum Gleichnis ergreift der Freund die Initiative. Er will sich selbst Einlass verschaffen. Und löst so die Reaktion der Geliebten aus, die nun doch öffnen will. Will er so sein Glück erzwingen? Darf man das? Fast könnte ich den Fortgang des Gedichtes so lesen, was würde das verneint: Wo Zwang auftaucht, verflüchtigt sich die Liebe.

Auch hier wieder gibt es im Neuen Testament einen Bezugstext: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ (Offenbarung 3,20) Der Auferstandene greift nicht durch das Riegelloch. Er öffnet die Tür des Herzens nicht mit starker, auch nicht mit sanfter Gewalt. Er weiß, dass ein Herz nur von innen geöffnet werden kann. Darum bittet er, klopft an – und wartet, dass wir auftun.

 6 Aber als ich meinem Freund aufgetan hatte, war er weg und fortgegangen. Meine Seele war außer sich, dass er sich abgewandt hatte. Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief, aber er antwortete mir nicht. 7 Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen; die schlugen mich wund. Die Wächter auf der Mauer nahmen mir meinen Überwurf.

             Der Freund ist nicht mehr auffindbar. Weg und fortgegangen. Weil er hingehalten worden ist, vor verschlossener Tür stand, die Geduld verloren hat?

Wenn ich so tue, als sei das Hohelied für geistliche Vorgänge zumindest transparent: Gott kann sich entziehen. Die Suche nach ihm kann ins Leere laufen. Und mancher hat sich im Umgang mit den „Gotteswächtern“ mehr Wunden eingehandelt als es möglich erscheint. Abgespeist mit raschen Antworten. Von oben belehrt. Nicht ernst genommen in der eigenen Sehnsucht. Und am Ende kommt sich einer in seiner Sehnsucht und seiner Suche nackt und entblößt vor, entwürdigt auch.

So wie diese Freundin auf der Suche nach ihrem Geliebten. Von den sittenstrengen Wächtern der Stadt nicht ernst genommen. Misstrauisch betrachtet. Mehr noch: Misshandelt. Wer seiner Liebe nachläuft auf nächtlichen Wegen – was ist das denn für eine? Unmoralische Missverständnisse bieten sich geradezu an.

  8 Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, findet ihr meinen Freund, so sagt ihm, dass ich vor Liebe krank bin.

             Sollen die Töchter Jerusalems Such-Helferinnen werden? Gute Worte für sie einlegen? Kennen sie denn den Freund? Wissen Sie, wo er zu finden ist? Besteht nicht die Gefahr, dass sie mit dieser so Suchenden ein Spiel spielen werden? Sie – auch ein wenig eifersüchtig – in die Irre laufen lassen?

Wenn ich auf der Spur bleibe, dass hier auch von der Gott-Suche die Rede sein kann, dann meldet sich hier eine Vorstellung, die mir gefällt: Legt ein gutes Wort für mich ein. Ich weiß nicht, wie ich zu Gott kommen soll. Aber wenn ihr ihn kennt, helft mir, indem ihr ihm von meiner Sehnsucht erzählt. Dann geht es hier um Fürbitte. Fürsprache – vor Gott und vor Menschen. So säuberlich, wie wir gerne tun, lässt sich das nicht immer trennen.

 9 Was hat dein Freund vor andern Freunden voraus, o du Schönste unter den Frauen? Was hat dein Freund vor andern Freunden voraus, dass du uns so beschwörst?

             Was macht Deinen Freund so unvergleichlich, einzigartig? Was lässt dich so leidenschaftlich nach ihm suchen? So fragen die Töchter Jerusalems zurück. Und dahinter steht die Frage: Lohnt sich denn dein Schmerz? Um den verlorenen Freund? Ist er wirklich so konkurrenzlos?

„Was hat sie, das ich nicht habe“ (Katja Ebstein; CD Glashaus 1980) So fragt die verlassene Frau. Die sich nicht mehr zu helfen weiß, sich bloß gestellt vorkommt. Gering geschätzt. Man kann die Frage der Töchter Jerusalems auch so hören: Bist du dir wirklich sicher, dass du nicht hinter einem Phantom herläufst? Dass du nicht am Ende dastehst und sagst: Auch nur einer wie alle anderen Kerle! Auch nur einer wie alle anderen Götter!

 10 Mein Freund ist weiß und rot, auserkoren unter vielen Tausenden. 11 Sein Haupt ist das feinste Gold. Seine Locken sind kraus, schwarz wie ein Rabe. 12 Seine Augen sind wie Tauben an den Wasserbächen, sie baden in Milch und sitzen an reichen Wassern. 13 Seine Wangen sind wie Balsambeete, in denen Gewürzkräuter wachsen. Seine Lippen sind wie Lilien, die von fließender Myrrhe triefen. 14 Seine Finger sind wie goldene Stäbe, voller Türkise. Sein Leib ist wie reines Elfenbein, mit Saphiren geschmückt. 15 Seine Beine sind wie Marmorsäulen, gegründet auf goldenen Füßen. Seine Gestalt ist wie der Libanon, auserwählt wie Zedern. 16 Sein Mund ist süß, und alles an ihm ist lieblich. – So ist mein Freund; ja, mein Freund ist so, ihr Töchter Jerusalems!

             Die Antwort ist ein Loblied auf den Geliebten. Eines, wo man sagen könnte: Jetzt hebt sie ab. Gar nicht mehr wirklich die Beschreibung eines Menschen aus Fleisch und Blut. Das hört sich fast schon an, als würde eine Götter-Statue beschrieben. In Gedanken sehe ich Michelangelos David-Statue in Florenz vor mir stehen. So überirdisch und unwirklich ist die Schönheit, die hier beschreiben wird. Und ihr Töchter Jerusalems fragt noch, ob es sich lohnt, um ihn Schmerzen zu haben, liebeskrank zu sein!

            Wieder wechsele ich die Ebene in meinem Überlegen. „Jesus ist mir konkurrenzlos wichtig.“(F. Schwarz 1980) Weil er Freude bringt. Mit diesem Satz hat sich Schwarz manche hochgezogene Augenbraue eingehandelt, skeptische Blicke, nicht zuletzt von Theologen. Aber dieser Satz ist wie eine Antwort auf die Frage der Töchter Jerusalems. Ja, der Freund, mein Freund, ist anders als alle anderen. Ja – weil er Freude bringt. Ja, weil er mir das Herz abgewonnen hat. Ja, weil es wahr ist:

            Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein,
ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein.
Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ;
das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.                                                        P.Gerhardt 1653, EG 351

             Wenn einer so singen kann – wer wollte da noch fragen, ob diese Liebe lohnt. Ich denke: Vielleicht ist es das größere Recht der mittelalterlichen Auslegung des Hohen Liedes, dass sie etwas wusste von der Liebe zu Jesus, die im Glauben Ausdruck sucht und findet. Uns wollen solche Worte nur schwer über die Lippen: Ich liebe Jesus. Weil sie schutzlos machen, hilflos auch gegen die skeptischen Blicke und spöttischen Anmerkungen. Weil sie das Innerste eines Herzens preisgeben.

Vielleicht aber warten ja skeptische, aufgeklärte Zeitgenossen genau darauf, dass Christen sich trauen, diesen so hilflosen Satz zu sagen: Ich bin vor Liebe regelrecht krank. So ist das mit mir und Jesus.

 

Mein Gott, hilf mir, zu meiner Liebe zu stehen, sie zu zeigen, sie zu sagen, auch dann zu sagen, wenn ich es spüre, dass die Worte viel zu schwach sind.

Hilf mir, zu dem Geliebten zu stehen, dem geliebten Menschen, mit dem mich so viel Lebensgeschichte verbindet und zu Dir, mit dem mich Deine Liebe verbindet und dem ich antworte mit meiner Liebe. Amen