Suchen und Finden

Hoheslied 2,8 – 3,11

8 Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel. 9 Mein Freund gleicht einer Gazelle oder einem jungen Hirsch. Siehe, er steht hinter unsrer Wand und sieht durchs Fenster und blickt durchs Gitter.

             Das ist die Stimme der Freundin. Sie hört ihren Freund kommen. Sie wartet ihm entgegen. Durch ihre Worte schimmert die Freude hindurch. Das frohe Warten auf die, die über die Berge kommen, ist auch in anderen Zusammenhängen Thema: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!“ (Jesaja 52,7) Hier bringen die Boten gute Nachricht. Im Hohenlied ist das Kommen des Freundes selbst die gute Nachricht.

 10 Mein Freund antwortet und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her! 11 Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. 12 Die Blumen sind aufgegangen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande. 13 Der Feigenbaum hat Knoten gewonnen, und die Reben duften mit ihren Blüten. Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her! 14 Meine Taube in den Felsklüften, im Versteck der Felswand, zeige mir deine Gestalt, lass mich hören deine Stimme; denn deine Stimme ist süß, und deine Gestalt ist lieblich.

             Der Winter ist vergangen. Mit dem Treffen der Freundin bricht neue Zeit an. Zeit des Erwachens. Frühlingszeit. Zeit für Frühlingslieder. Auch in der deutschen Dichtung sind Frühlingslieder öfters Liebeslieder.

            Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied. Kling hinaus ins Weite.

            Kling hinaus, bis an das Haus, wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust, sag, ich laß sie grüßen.           H. Heine

Die Verse des Hohen Liedes entstehen in einer Umwelt, in der das Erwachen der Natur im Frühling wie die Auferstehung einer Gottheit aus dem Tod gefeiert wird. Nicht in Israel, aber um Israel herum. Und auch im Israel wird man diese Lieder gekannt haben. Und ein bisschen scheint mir der Dichter mit diesen Doppeldeutigkeiten bewusst zu spielen.    

15 Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die die Weinberge verderben; denn unsere Weinberge haben Blüten bekommen.

             Es sind die kleinen Füchse, die den Weinberg verderben. Es liegt nahe, bei diesem Vers an die überaus derbe Geschichte zu erinnern, die im Richterbuch erzählt wird: „Es begab sich aber nach einigen Tagen, um die Weizenernte, dass Simson seine Frau besuchte mit einem Ziegenböcklein. Und als er dachte: Ich will zu meiner Frau in die Kammer gehen, da wollte ihn ihr Vater nicht hineinlassen und sprach: Ich meinte, du bist ihrer ganz überdrüssig geworden, und ich habe sie deinem Gesellen gegeben. Sie hat aber eine jüngere Schwester, die ist schöner als sie; die nimm statt ihrer. Da sprach Simson zu ihnen: Diesmal bin ich frei von Schuld, wenn ich den Philistern Böses tue. Und Simson ging hin und fing dreihundert Füchse, nahm Fackeln und kehrte je einen Schwanz zum andern und tat eine Fackel je zwischen zwei Schwänze und zündete die Fackeln an und ließ die Füchse in das Korn der Philister laufen und zündete so die Garben samt dem stehenden Korn an und Weinberge und Ölbäume.“ (Richter 15, 1 – 5)

Es gibt Liebe nur als gefährdete Liebe. Und gefährdet wird sie nicht nur durch die großen Katastrophen, sondern vor allem durch die kleinen Widrigkeiten des Alltags. So sieht es der lebens- und liebesweise Dichter.

16 Mein Freund ist mein und ich bin sein, der unter den Lilien weidet. 17 Bis der Tag kühl wird und die Schatten schwinden, wende dich her gleich einer Gazelle, mein Freund, oder gleich einem jungen Hirsch auf den Balsambergen.

                    Mein Freund ist mein und ich bin sein. Diese Worte haben in der Dichtung vielfältig Aufnahme gefunden. So bei Walther von der Vogelweide. Einem Dichter seiner Zeit – oder ihm selbst? – werden die folgende Verse zugeschrieben.

Du bist mîn ich bin dîn
des solt dû gewis sîn
dû bist beslozzen
in mînem herzen
verlorn ist daz slüzzelîn
dû muost immer drinne sîn

Und dazu gleich noch die Übersetzung ins heutige Deutsch:

Du bist mein, ich bin dein
dessen sei dir gewiss
du bist verschlossen
in meinem herzen
verloren ist das schlüssellein
du musst immer drinnen sein

             Auch Martin Luther greift diese Worte auf:

Er sprach zu mir: Halt dich an mich, es soll dir jetzt gelingen;
Ich geb mich selber ganz für dich, da will ich für dich ringen;
Denn ich bin dein und du bist mein, Und wo ich bleib, da sollst du sein,
Uns soll der Feind nicht scheiden.              M. Luther 1523, EG 341

             Und diese enge, unauflösliche Beziehung wird auch in Israel selbst immer wieder angesprochen in der „Bundesformel“. „Ich will unter euch wandeln und will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein.“(3. Mose 26, 12) als ein Beispiel unter vielen. Gerade durch die Bücher der Propheten zieht sich das wie Kehrvers, der beständig erneuert wird. So betrachtet gewinnt dieser Liebesschwur eines Paares Tiefe weit über das Paar hinaus. Er wird zum Bild der Liebe Gottes zu seinem Volk.

3,1 Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte; aber ich fand ihn nicht. 2 Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte; aber ich fand ihn nicht. 3 Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen: »Habt ihr nicht gesehen, den meine Seele liebt?« 4 Als ich ein wenig an ihnen vorüber war, da fand ich, den meine Seele liebt. Ich hielt ihn und ließ ihn nicht los, bis ich ihn brachte in meiner Mutter Haus, in die Kammer derer, die mich geboren hat. –

                       Unruhig suchend geht sie umher. Auf der Suche nach dem Geliebten. Fragt um Hilfe bei ihrer Suche. Bei den Wächtern. „Die Wächter scheinen zum eisernen Bestand der orientalischen Liebeslyrik zu gehören.“ (H. Ringgren, Das Hohe Lied, in: Sprüche/ Prediger/ Das HoheLied/Klagelieder/Das Buch Esther, ATD 16; Göttingen 1967; S. 271) Aber wirklich hilfreich müssen sie deshalb noch lange nicht sein. Später im Hohenlied zeigen sie sich gar gewalttätig.(5,7) Hier ist es noch anders. Obwohl die Wächter, die sie um Hilfe fragt, ihr nicht helfen können, schweigen – jedenfalls wird keine Satz von ihnen gesagt –, findet sie den Geliebten danach.

Das könnte auch ein Bild für die Suche nach Gott sein. „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir.“(Augustinus) Und viele haben es erlebt: Die, die sie um Hilfe auf dieser Suche gefragt haben waren hilflos. Ihre Auskünfte haben nicht weiter geholfen. Stumme Worte. Und doch hat sich plötzlich eine Tür aufgetan. Ist es hell geworden, der Weg des Glaubens frei. Aus hilflosen Helfern sind Wegweiser geworden.

5 Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hinden auf dem Felde, dass ihr die Liebe nicht aufweckt und nicht stört, bis es ihr selbst gefällt.

Und wieder diese Bitte: Lasst der Liebe ihre Zeit. Salomo werden ja – wie das Hohe Lied – auch die Worte des Predigers zugeschrieben: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;… lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; …herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; …..suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; ……schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“ (Prediger 3)

            In diesen Worten meldet sich ein Wissen darum, dass es freien Raum braucht, damit die Liebe stark werden kann, sich gründen kann, Beständigkeit gewinnt. Wer hier zur Unzeit stört, der zerstört. Das gilt für die Liebe zwischen Menschen wie für die Liebe zu Gott. Es gibt so etwas wie verstörte Liebe, weil zu früh zu viel gewollt wurde. In mancher geistlichen Biographie finden sich Wunden solcher Verstörungen. Geboren aus der Ungeduld und der Unfähigkeit, Zeit zum Reifen zu lassen.

Suchen und finden – das ist das Grundthema dieser Verse. Weil sie den Geliebten sucht, findet sie ihn auch. Weil der Geliebte gesucht wird, wird er auch gefunden. „Suchet, so werdet ihr finden.,“ (Matthäus 7,7) Eine so weite und grundsätzliche Ermutigung. Tausendfach bestätigt. Auch in Liebesdingen. Und in Glaubensschritten.

 6 Was steigt da herauf aus der Wüste wie ein gerader Rauch, wie ein Duft von Myrrhe, Weihrauch und allerlei Gewürz des Krämers? 7 Siehe, es ist die Sänfte Salomos; sechzig Starke sind um sie her von den Starken in Israel. 8 Alle halten sie Schwerter und sind geübt im Kampf; ein jeder hat sein Schwert an der Hüfte gegen die Schrecken der Nacht. 9 Der König Salomo ließ sich eine Sänfte machen aus Holz vom Libanon. 10 Ihre Säulen machte er aus Silber, ihre Lehnen aus Gold, ihren Sitz mit Purpur bezogen, ihr Inneres mit Ebenholz eingelegt. – Ihr Töchter Jerusalems, 11 kommt heraus und seht, ihr Töchter Zions, den König Salomo mit der Krone, mit der ihn seine Mutter gekrönt hat am Tage seiner Hochzeit, am Tage der Freude seines Herzens.

Die ganze Atmosphäre wechselt. Bisher war das heimliche Treffen eines Liebespaares im Blick. Jetzt wird es offiziell. Hochoffiziell. Ein königlicher Einzug. Ein Festzug. Aus der Wüste herauf zum Zion. Die ganze Pracht Salomos kommt zum Vorschein.

Zugleich erinnert die Schilderung an Psalmen, die vom Kommen Gottes sprechen. Vom Rauch ist da oft die Rede

Die Erde bebte und wankte,                                                                                                  und die Grundfesten der Berge bewegten sich und bebten, da er zornig war.        Rauch stieg auf von seiner Nase                                                                                          und verzehrend Feuer aus seinem Munde; Flammen sprühten von ihm aus.             Er neigte den Himmel und fuhr herab,                                                                               und Dunkel war unter seinen Füßen.                                                                                    Und er fuhr auf dem Cherub und flog daher,                                                                        er schwebte auf den Fittichen des Windes.                                                                           Er machte Finsternis ringsum zu seinem Zelt;                                                                    in schwarzen, dicken Wolken war er verborgen.                  Psalm 18, 8 – 12     

In der Sinai-Erzählung, als es um den Bundesschluss Gottes mit Israel geht, heißt es: „Und Mose führte das Volk aus dem Lager Gott entgegen und es trat unten an den Berg. Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil der HERR auf den Berg herabfuhr im Feuer; und der Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen und der ganze Berg bebte sehr.“ (2. Mose 19, 17-18)

Diese Parallelen geben den Worten ein anderes Gewicht. Sie lassen eben nicht nur an einen prachtvollen Auftritt des Frauenlieblings Salomo denken. Sie rücken im Bild eines königlichen Auftritts das Kommen Gottes in den Blick.

 

Heiliger Gott, in der Liebe strebe ich immer über mich selbst hinaus, bin mir nicht genug, werfe ich mich mit meinem Herzen über die Mauern, die mich einengen.

So geht es mir mit der Liebe zu meiner Frau, so geht es mir mit der Liebe zu Dir. Ich lasse los, weil ich ahne, dass ich im Loslassen reich werden kann, reich beschenkt, weil mir Liebe zuteil wird. Amen