Lieben lernen

Hoheslied 1,1 – 2,7

1Das Hohelied Salomos.

             Der Text wird Salomo zugeschrieben. Weil er als Dichter gilt. Als Frauenversteher. Als großer Liebhaber. Das Hohelied – „Lied der Lieder“ (H. Ringgren, Das Hohe Lied, in: Sprüche/ Prediger/ Das HoheLied/Klagelieder/Das Buch Esther, ATD 16; Göttingen 1967; S. 261). Das schönste Lied. Schönere Lieder als Liebeslieder kann es doch gar nicht geben.

 2 Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein.

             Ich höre innerlich ein Lied, wenn ich das lese: Kisses, sweeter then wine.”(Peter,Paul &Mary) Und ich höre eine Suche, eine Sehnsucht. Berührt werden. Geliebt werden. Begehrt werden. Ur-menschlich.

 3 Es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mädchen. 4 Zieh mich dir nach, so wollen wir laufen. Der König führte mich in seine Kammern. Wir wollen uns freuen und fröhlich sein über dich; wir preisen deine Liebe mehr als den Wein. Herzlich lieben sie dich.

             Ich kann  dich nicht riechen – sagen wir und meinen: tiefste Abneigung.  Hier ist das Gegenteil der Fall: Ein Wohlgeruch. Ein Geruch, der anzieht. Das ganze Wesen ist so, dass man sich ihm nicht entziehen kann. Und sie, die Braut, öffnet sich für den Bräutigam. Wartet auf ihn, seine Liebe.

Wie weit ist das hergeholt, wenn ich daran denke: „Da nahm Maria ein Pfund Salböl von unverfälschter, kostbarer Narde und salbte die Füße Jesu und trocknete mit ihrem Haar seine Füße; das Haus aber wurde erfüllt vom Duft des Öls.“ (Johannes 12,3) Hingabe, die aus der Kraft der Anziehung wächst. Keine erotische Liebe wie die, von der Salomos Lied redet, aber doch Liebe.

5 Ich bin braun, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte Kedars, wie die Teppiche Salomos. 6 Seht mich nicht an, dass ich so braun bin; denn die Sonne hat mich so verbrannt. Meiner Mutter Söhne zürnten mit mir. Sie haben mich zur Hüterin der Weinberge gesetzt; aber meinen eigenen Weinberg habe ich nicht behütet.

             Meldet sich hier ein Minderwertigkeitsgefühl: Ich entspreche nicht dem Schönheitsideal der Städterinnen? Sonnen-gebräunt. Von der Arbeit in der Sonne gezeichnet. Es ist noch nicht so lange her, da galt blass als chic und wettergebräunte Haut als „gewöhnlich“. Wie viele Kämpfe mit dem eigenen Körper werden heute ausgefochten, geboren aus der Angst., nicht zu genügen, irgendeinem Schönheits-Ideal nicht zu entsprechen.  Kämpfe, von Frauen und von Männern.

Eine Braut, die nicht dem Schönheitsideal entspricht? Israel – erwählt von Gott. Das Kleinste unter den Völkern. „Du Würmlein Jakob, du armer Haufe Israel.“(Jesaja 41,14) Dem rauen Leben ausgesetzt und doch erwählt. Unfähig, sich selbst zu schützen, zu behüten und doch erwählt.

 7 Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo du weidest, wo du ruhst am Mittag, damit ich nicht herumlaufen muss bei den Herden deiner Gesellen. 8 Weißt du es nicht, du Schönste unter den Frauen, so geh hinaus auf die Spuren der Schafe und weide deine Zicklein bei den Zelten der Hirten.

             Es liest sich wie ein Hin und Her. Locken und rufen, suchen und finden. So suchen in manchen Liturgien um Israel herum sich die Götter. Zum Beispiel Ischtar den verschwundenen Gott Tammuz, Götter, die den Wechsel der Jahreszeiten abbilden. Aber es kann genauso gut verstanden werden als ein Fährtenlegen: Damit du mich findest, suche mich dort, auf den Spuren der Schafe. Die Liebe ist nicht nur erfinderisch. Sie findet auch Wege zum Geliebten.

 9 Ich vergleiche dich, meine Freundin, einer Stute an den Wagen des Pharao. 10 Deine Wangen sind lieblich mit den Kettchen und dein Hals mit den Perlenschnüren. 11 Wir wollen dir goldene Kettchen machen mit kleinen silbernen Kugeln. 12 Als der König sich herwandte, gab meine Narde ihren Duft. 13 Mein Freund ist mir ein Büschel Myrrhen, das zwischen meinen Brüsten hängt. 14 Mein Freund ist mir eine Traube von Zyperblumen in den Weingärten von En-Gedi.

             Bildersprache. Manches klingt ja einfach gewöhnlich, wenn man es direkt sagt. Manches braucht das Bild, damit es in seinem Wert sichtbar wird. „Ein Bild höchster körperlicher Vollkommenheit“ (H. Ringgren, aaO., S. 265)Wie prächtig werden die Pferde geschmückt. Kein Schmuck ist für Pharaos Pferde gut genug. Und ist es nicht so auch mit der Geliebten: Kein Schmuck reicht an ihre eigene Schönheit heran. „Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.“ (Matthäus 6, 28-29) Wie schön ist die Freundin. Wie schön der König.

Mir geht ein Lied durch den Sinn:

             Schönster Herr Jesu, Herrscher aller Enden, Gottes und Marien Sohn:
Dich will ich lieben, Dich will ich ehren, Du meiner Seele Freud und Kron.

            Schön sind die Felder, schön sind die Wälder in der schönen Frühlingszeit;
Jesus ist schöner, Jesus ist reiner, der unser traurig Herz erfreut.

            Schön leucht die Sonne, schön leucht der Monde und die Sternlein allzumal.
Jesus leucht schöner, Jesus leucht reiner als alle Engel im Himmelssaal.

            Schön sind die Blumen, schön sind die Menschen in der frischen Jugendzeit;
sie müssen sterben, müssen verderben, doch Jesus lebt in Ewigkeit.

            Alle die Schönheit Himmels und der Erden ist verfasst in Dir allein.
Nichts soll mir werden lieber auf Erden als Du, der schönste Jesus mein.                                    H. A. von Fallersleben 1842, EG 403

 15 Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen. 16 Siehe, mein Freund, du bist schön und lieblich. Unser Lager ist grün. 17 Die Balken unserer Häuser sind Zedern, unsere Täfelung Zypressen.

             Für diese Schöne ist nichts schön genug. Eine Hochzeitshütte aus edlem Holz. „Die grüne Hochzeit“ – hier hat sie wohl ihren Bildspender in dem grünen Lager.

 2,1 Ich bin eine Blume in Scharon und eine Lilie im Tal. 2 Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen. 3 Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß.

             Wechselweise geht die Schwärmerei weiter. Er schwärmt von ihr, sie von ihm. Verliebtheit, die gar nicht genug Worte finden kann.

Und wieder kann der Text geradezu durchsichtig werden auf eine andere Deutung: Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich. Es ist ein häufig auftauchendes Bild, nicht nur in den Psalmen:

„Behüte mich wie einen Augapfel im Auge,                                                                        beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel.“                      Psalm 17,8

 „Ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen.“ (Jesaja 51, 16)

Der Schatten der Liebe – das ist auch der Schatten Gottes, in den man sich bergen darf. Mann und Frau. Allein und gemeinsam. Ein Ort der Zuflucht.

4 Er führt mich in den Weinkeller, und die Liebe ist sein Zeichen über mir. 5 Er erquickt mich mit Traubenkuchen und labt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe. 6 Seine Linke liegt unter meinem Haupte, und seine Rechte herzt mich. 7 Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hinden auf dem Felde, dass ihr die Liebe nicht aufweckt und nicht stört, bis es ihr selbst gefällt.

Ungestört soll die Liebe sein. Nichts soll sich einmischen. Nichts soll ihr in die Quere kommen. Was hier auf den ersten Blick von einem Liebesmahl redet, von ungestörter Zweisamkeit, das ist doch weit mehr. Liebe ist exklusiv. Und wenn es welche gibt, ob Töchter Jerusalems oder andere – wer sie stört, sich in sie einmischt, der gefährdet sie. Er bereitet ihr ein schreckliches Erwachen. Wer würde das heutzutage nicht verstehen, wo so manche Liebe zerbricht, weil ihre zarten Risse durch das Rütteln von außen zu unüberbrückbaren Spalten, ja Abgründen, werden.

Und wieder: Das lässt sich auch verstehen im Blick auf die Beziehung des Glaubens, die durch manche Versuche, sie aufzuwecken, aufzuklären, aus der ersten Liebe heraus gerissen wird und erkaltet. Diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Mancher, der den Glauben, wohl meinend, aufgeklärt hat, hat ihn damit auch entzaubert.

 

Himmlischer Vater. Du hast uns geschaffen in Liebe, zur Antwort zu Dir in Liebe. Du gibst in uns hinein diese Sehnsucht, den Anderen zu finden, sich im Anderen zu verschenken und zu finden.

Ich danke Dir, dass wir lieben lernen dürfen. Amen