Klar bleiben – am Segen festhalten

Galater 6, 1 – 18

1 Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.

             Wie sieht geistliches Leben aus? Auf diese Frage antwortet Paulus – verneinend mit dem Lasterkatalog – positiv mit den Hinweis auf die Früchte des Geistes. Und hier mit dem Hinweis: Richtet auf, die gefallen sind. Keine Überheblichkeit. Kein Aburteilen und erst recht kein Verurteilen für alle Zeit. Verfehlung sagt Paulus. Nicht Sünde. Er wählt das Wort, das „das mildeste Wort für Sünde“ (A. Oepke, aaO.; S.187) ist. Doch wohl nicht, um zu verharmlosen. Sondern um anzuspornen zur Milde, zur Vergebung. Christen sind keine Verurteilungsgemeinschaft, sondern eine Gemeinschaft im Zurechtbringen, Aufrichten, Ermutigen. Auch daran zeigt sich ihr geistlicher Reifegrad. „Die Liebe deckt auch der Sünden Menge.“ (Sprüche 10,12).

 2 Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

             Das ist gemeint: Geschwisterliche Solidarität. Beieinander bleiben. Bei dem, der am Leben verzagt. Bei dem, der vom Leben zerbrochen ist. „ Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. ..Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen.“ (Römer 12, 13.15-16) Das ist das Gesetz Christi. Hier steht νόμος – doch wohl in bewusster Parallele zu dem Gesetz, dem Nomos, gegen den Paulus so polemisiert hat. Bei Johannes stünde da ἐντολὴ. Das Wort, mit dem er das neue Gebot Christi (Johannes 13,34) bezeichnet.

  3 Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. 4 Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern. 5 Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen.

             Das wechselseitige Tragen der Lasten befreit von dem missgünstigen Blick. Es befreit auch vom Vergleichen. Das ist ja die Quelle vieler Streitereien in der Gemeinde. Nein: Sieh auf dich selbst. Und versuche nicht, dich an anderen groß zu machen. Unterliege auch nicht der Gefahr, dich im Vergleichen mit anderen klein zu machen. „Nicht, was man im Vergleich zu anderen, sondern was man in sich selber ist, ist maßgebend.“ (A. Oepke, aaO.; S. 189) Und immer bleiben wir, wir mögen uns beurteilen, wie wir wollen,  auf die Gnade angewiesen.

 6 Wer aber unterrichtet wird im Wort, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allem Guten.

             Jetzt wird es trivial. Oder muss man sagen: Konkret? Es geht ja schon vorher um Gemeinschaft. Und hier geht es um Kostenübernahme. Die Gemeinde soll für die sorgen, die sie  im Wort unterrichten. Das ist urgemeindliche Praxis. Es gibt ja keine Hauptamtlichen, die bei der Zentralkirche angestellt sind. Es gibt nur Boten, Wanderprediger. Missionare, die unterwegs sind, ohne festen Wohnsitz. Sie sind angewiesene Leute. Bitten um Unterkunft und Verpflegung und bieten dafür Seelsorge und Predigt.     

  7 Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. 8 Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten.

Ich denke: Paulus wechselt das Thema. Es geht nicht mehr um armseliges Geben. Sondern er greift noch einmal auf, was er lange verhandelt hat: Worauf bauen wir – auf das Fleisch oder auf den Geist? Auf das Gesetz oder auf das Evangelium? Wer auf das Fleisch setzt, der wird nur  Fleisch ernten. Wer auf das Gesetz setzt, der muss es ganz erfüllen. Wer sich aber der Gnade anvertraut, wird von ihr mit Gaben überschüttet. Das ewige Leben ernten. „Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.“ (Matthäus 19,29) Gott knausert nicht.

9 Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. 10 Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.

Daraus folgt diese schlichte Aufforderung: Lasst uns aber Gutes tun. Paulus weiß: Es gibt nichts Schöneres. Einem anderen Gutes tun tut selbst gut. Es mag ein Stück Realismus sein, keine Beschränkung: Fangt mit dem Gutes-Tun vor der eigenen Haustür an, in der eigenen Gemeinde. Das bewahrt vor Überforderung und Enttäuschung. Paulus selbst hatte ja ein wunderbares Projekt für das Gutes-Tun: Die Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem.

11 Seht, mit wie großen Buchstaben ich euch schreibe mit eigener Hand!

Eine Ausnahme: Paulus lässt schreiben. Normalerweise. Aber hier fügt er noch einmal eigenhändig an. Ein PostScript. Und jedermann weiß: Das liegt dem Briefschreiber besonders am Herzen!  So auch hier

12 Die Ansehen haben wollen nach dem Fleisch, die zwingen euch zur Beschneidung, nur damit sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden. 13 Denn auch sie selbst, die sich beschneiden lassen, halten das Gesetz nicht, sondern sie wollen, dass ihr euch beschneiden lasst, damit sie sich dessen rühmen können.

            Noch einmal, ein letztes Mal wird der Konflikt benannt. Diesmal mit einer neuen Facette. Die auf eure Beschneidung drängen, tun das nur, um sich selbst Ruhe zu verschaffen. Sie werden bedrängt und geben den Druck an euch weiter. Sie wollen nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden.Sie geben die Freiheit preis, die eigene und die der Galater, weil ihre Bedrängnis ihnen zu groß erscheint. Das mag sich mit der realen Situation der Judenchristen in Jerusalem berühren. Dieser Druck wird später noch weiter anwachsen.

 14 Es sei aber fern von mir, mich zu rühmen als allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. 15 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur.

                Dem stellt Paulus sein Evangelium entgegen. Das ist kein Argument mehr, sondern nur noch Bekenntnis. Er rückt in den Vordergrund, was er glaubt, wofür er steht und wovon er nicht lassen will: Das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. Das ist sein Haltepunkt. Etwas anderes hat er den Galatern nicht zu sagen. Sich an Christus halten macht frei. In ihm ist Paulus eine neue Kreatur. Ein freier Mensch – für Zeit und Ewigkeit.

 16 Und alle, die sich nach diesem Maßstab richten – Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes!

             Über allen, die dieses Bekenntnis miteinander und mit dem Apostel teilen – Frieden und Barmherzigkeit. Hat Paulus am Anfang gesagt: Anathema (1,8) – verflucht, so sagt er jetzt: Frieden und Barmherzigkeit. 

 17 Hinfort mache mir niemand weiter Mühe; denn ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leibe.

             „Ich habe fertig.“ (Giovanni Trappatoni) So klingt das für mich. Ich bin erschöpft. Dieser ganze Streit geht mir unter die Haut. Er ist mir nicht gleichgültig. Er kostet mich Kraft, innere Ruhe. Er zeichnet mich. Er macht mich kreuzförmig. „Ich erstatte an meinem Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt.“ (Kolosser 1,24) So weit kann es mit den Boten Christi kommen. Sie werden tief gezeichnet in ihrer Zugehörigkeit zu ihm.

Paulus trägt genau deshalb kein Tatoo. Das braucht er nicht. Aber „er sieht seine apostolischen Narben als Stigmata seines Herrn Jesus Christus an.“(A. Oepke, aaO.; S. 207)

             An anderer Stelle kann er aufzählen, was er alles durchgemacht hat. Hier begnügt er sich mit dem Satz: Es reicht. Ich will nicht mehr. So sieht keiner aus, der ums Siegen kämpft. Aber wohl einer, der sich in seinem Kämpfen stetig fragt: Ist es das, was meinem Herrn entspricht?

 18 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, liebe Brüder! Amen.

Bleiben die Grüße. Der Segen zum Schluss. Und mit diesem Segen sagt Paulus doch noch einmal alles, worum es ihm geht: Die Gnade möge mit den Brüdern und Schwestern sein, in ihrem Geist, in ihrem Tun. In ihrem Glauben. Und auch daran hält der Apostel fest. Sie sind Brüder, liebe Brüder, Natürlich auch liebe Schwestern, ihm lieb. Sonst hätte er doch diesen ganzen Brief gar nicht geschrieben.

 

Herr Jesus, ganz klar sein in den eigenen Aussagen, dem eigenen Glauben, ganz zugewandt bleiben zu denen, um die ich ringe, denen ich auch widerspreche, das möchte ich lernen.

Keinen nur so sehen, dass er auf dem falschen Weg ist, in Irrtümern gefangen, sondern immer auch das andere sehen: Er ist mir lieb, mir wert, mein Bruder in Dir, Schwester in Dir.

Und deshalb den Weg zueinander suchen, den Segen zusprechen, am Ende mehr gute Worte sagen und auf alle Fälle das letzte Wort ein Wort des Friedens sein lassen: Geht unter der Gnade. Amen