Sei ganz sein!

Galater 5, 1 – 15

1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

             Ein wenig atme ich auf. Paulus verlässt die kleinteilige Argumentation, die Wort-Klauberei, diese angestrengten Schriftbeweise. Überzeugend sind die für mich als heutigen Leser ohnehin nicht mehr. Ich lese mit anderen Voraussetzungen, die mir zwar noch erlauben zu verstehen, wie Paulus argumentiert, mir aber die Argumente zugleich nicht mehr so einleuchten lassen.

Hier dagegen verstehe ich Paulus. In Christus  sind wir frei. Keine Furcht mehr vor Gott. Keine Bedingungen mehr, die wir erfüllen müssten, um ihm zu gefallen. Er hat von sich aus alles weggeräumt, was uns von Gott fernhalten könnte. Und mit dem Weg zu Gott, der frei ist, sind wir frei.

Es geht dabei um „Freiheit als Lebensordnung“(J. Becker, aaO.; S. 59). Nicht um luftleeren Raum. Vielmehr: In den vielen konkreten Schritten des Lebens zeigt sich diese Freiheit. Wer da anfangen wollte, sich wieder dem Gesetz zu unterwerfen – du darfst nicht…; du sollst nicht… – der begibt sich erneut unter das Joch der Knechtschaft

2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. 3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. 4 Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen.

             Es gibt für Paulus nur entweder-oder. Das ist betont – Siehe, ich, Paulus, sage euch  – seine Sicht der Dinge, die er anderen Sichtweisen entgegen stellt. „Evangelium und Gesetzt lassen sich nicht vermischen.“ (J. Becker, aaO.; S. 60) Ein bisschen Beschneidung – gewissermaßen als Ergänzung oder als Sicherheitsnetz für den Drahtseilakt des Glaubens geht nicht. Wer sich beschneiden lässt, der ist ganz dem Gesetz verpflichtet. Allen 613 Geboten und Verboten der Tora.

Und die Kehrseite: Damit ist Christus  verloren. Sein Heil vertan. Seine Gnade unwirksam. Noch einmal: Entweder ganz dem Gesetz verpflichtet oder ganz in der Gnade geborgen. Wer es anders will, hinkt auf beiden Seiten (1. Könige 18,21). In diesen wenigen Worten wird noch einmal spürbar, warum Paulus so kämpft. Es geht um die Geltung des Evangeliums – und das gilt entweder ganz oder gar nicht.

 5 Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss. 6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

             Wir – so schließt sich Paulus zusammen mit allen, die im wahren Glauben stehen: wir warten. Das heißt zugleich: Wir haben jetzt nichts in der Hand. Das ist ja der Vorzug der Orientierung am Gesetz: „Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch?“ (Matthäus 19,20) Ich kann sehen, was ich getan habe. Demgegenüber ist der Glaube ganz angewiesen aufs Warten, auf die Gerechtigkeit, die ihm zugesprochen wird. Er hat nichts in der Hand, um damit gute Argumente vorführen zu können.

In Christus zählt nur eines: Der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Nicht, dass er das letzte, ultimative Werk wäre, das wir Menschen zu leisten hätten.  Auch das ist wohl nicht gemeint: Es gibt untätigen Glauben. Von ihm weiß ja der Jakobusbrief einiges zu schreiben (Jakobus 2,14-17) und verurteilt ihn als Irrweg. Für Paulus gibt es Glauben nur in dieser Weise, dass er in der Liebe tätig ist. Diese Überzeugung teilt er mit der Christenheit. Er zitiert sozusagen eine Konsenz-Formel der jungen Gemeinden. Und erinnert so die Galater an ihre Grundlagen.  Sie leben ganz aus dem Geschenk der Gnade und sie können dieses Geschenk nur so bewahren, dass sie es teilen.

7 Ihr lieft so gut. Wer hat euch aufgehalten, der Wahrheit nicht zu gehorchen? 8 Solches Überreden kommt nicht von dem, der euch berufen hat. 9 Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig.

             Das war doch ihr Weg. Damit haben sie die ersten Schritte im Glauben getan. Was hat sie daran irre gemacht, so dass sie der Wahrheit nicht mehr gehorchen? Diesen Weg verlassen. Kompromisse machen. Es ist nicht Unwissenheit, sondern Unverständnis, das Paulus so fragen lässt. Wir würden sagen: Was ist denn da in euch gefahren?

Paulus jedenfalls hat sie nicht auf diesen Weg gebracht. Er hat keine neue Version des Glaubens aufgelegt. Glauben 2.0 oder so ähnlich. Weil er weiß: Schon winzige Beigaben verändern alles. Das gilt für den ganzen Teig. Das gilt für die Speisen. Das gilt für den Glauben. Hier hat das Reinheitsgebot seinen Platz: Keine Vermischung mit fremden Zugaben. Sie verderben mehr als den  Geschmack. Glauben ist ja nicht Geschmackssache. Sie verderben alles.

 10 Ich habe das Vertrauen zu euch in dem Herrn, ihr werdet nicht anders gesinnt sein. Wer euch aber irremacht, der wird sein Urteil tragen, er sei, wer er wolle. 11 Ich aber, liebe Brüder, wenn ich die Beschneidung noch predige, warum leide ich dann Verfolgung? Dann wäre das Ärgernis des Kreuzes aufgehoben. 12 Sollen sie sich doch gleich verschneiden lassen, die euch aufhetzen!

             In diesen wenigen Worten haben wir den „ganzen“ Paulus vor Augen. Den werbenden Paulus: Ich habe das Vertrauen zu euch in dem Herrn. Den Paulus, der klarstellt: Ich könnte es doch einfacher haben, wenn ich mich anpasse an die, die euch umwerben. Ist es nicht eine Art Wahrheitserweis, dass ich das Kreuz predige und dafür alle möglichen Misshelligkeiten in Kauf nehme? Es geht hier eben auch um Paulus als Person, als Apostel. Wer seine Botschaft bestreitet, relativiert, greift ihn selbst an. Und schließlich der maßlose Polemiker, der Paulus auch ist:  Sollen sie sich doch gleich verschneiden lassen. Wenn es so ist, dass man durch Leistungen das Himmelreich ererbt, wie wäre es denn mit der Kastration?

Sofort frage ich mich ob Paulus dieses Jesus-Wort kennt: „Denn einige sind von Geburt an zur Ehe unfähig; andere sind von Menschen zur Ehe unfähig gemacht; und wieder andere haben sich selbst zur Ehe unfähig gemacht um des Himmelreichs willen.“ (Matthäus 19,12) Ist es womöglich eine Praxis, mit der Paulus auch konfrontiert wird? Oder nimmt er es einfach, um den Leistungsgedanken auf die Spitze und damit ad absurdum zu treiben? Das wäre dann die Spitze der Unfreiheit: Sich selbst der Lebensmöglichkeiten berauben! Wie nahe ist das dran am heutigen Gerede vom Freitod!

 13 Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt; sondern durch die Liebe diene einer dem andern.

             Noch einmal: Das ist nicht euer Weg, ihr Brüder und Schwestern in Galatien. Lieb nennt er sie, nicht weil sie immerzu lieb sind, sondern weil sie ihm lieb sind, wert, teuer. Euer Weg ist ein Weg der Freiheit. Und sofort bestimmt er die Freiheit wieder: Sie wird gelebt in der Liebe, in der einer dem andern dient.

             Wieder ist es frappierend, wie nahe der Apostel, der so auf seiner inhaltlichen Unabhängigkeit besteht – mein Evangelium ist nicht nur Weitergabe von Traditionen, es ist „nicht von menschlicher Art“ (1,11) es fußt auf „einer Offenbarung Jesu Christi“ (1,13) – doch anderen ist. „Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“ (1.Johannes 4,11-12) In der Liebe zueinander, die in der Gemeinde gelebt wird, bewahrheitet sich der Glauben.

Die Liebe, die den anderen dient gewinnt noch einmal an Anschaulichkeit, wenn man das Wort dienen auf Griechisch liest. δουλεύετε ἀλλήλοις – einander als Sklaven, als Knechte dienen. Das ist ganz nahe an dem Sklavendienst, den Jesus in der Fußwaschung auf sich nimmt. Und nahe an dem neuen Gebot: „Liebt einander.“ (Johannes 13,34) Denn die Liebe zeigt sich im Dienen.

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ M. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, Wittenberg 1520) Frei im Glauben, dienstbar in der Liebe.

14 Denn das ganze Gesetz ist in “einem” Wort erfüllt, in dem (3.Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«

             Später, nach Rom, wird Paulus es anders formuliert schreiben. „So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“ (Römer 13,10) Nicht, dass Paulus hier auf einmal doch wieder das Gesetz aufrichten würde. Es spielt keine Rolle mehr. Es ist kein Wegweiser mehr. Denn im Glauben weist die Liebe den Weg – hin zu den anderen. Hin zu denen, die es nötig haben.

 15 Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet.

Es könnte durchaus sein, dass Paulus das konkrete Miteinander in Galatien vor Augen hat. Das ist dann aus der einen Gemeinde geworden: Gezänk, Rechthaberei, Misstrauen untereinander, kratzen und beißen. Wo der Weg des Glaubens verlassen wird, steht der Weg der Liebe in Gefahr und ist es nicht weit bis zu einem Gegeneinander, in dem es am Ende nur noch Opfer gibt. Die Kirchengeschichte bietet reichlich Anschauungsmaterial für solche Kämpfe und ihre Folgen. Und fast jede Gemeinde kann ein Lied davon singen, wie der Gemeindestreit Verletzte auf allen Seiten hervor bringt.

 

Jesus Christus, Du hast mich gerufen zum Leben mit Dir, aus Dir, zu Dir hin. Es ist ein langer Weg, bis ich es gelernt habe. Das gilt, auch wenn da versäumte Liebe ist, schuldig gebliebene Hilfe anklagt, falsche Entscheidungen nicht mehr zu ändern sind.

Ich kenne die Angst rückfällig zu werden, in alte Verhaltensmuster zu fallen, mich neu knechten zu lassen vom „Du müsstest“, „Du solltest“, „Das reicht doch nicht“, von Erwartungen und Ansprüchen – fremden, eigenen, durchschaubaren und scheinbar ewig gültigen.

Ich will mich festhalten an Dir, Deinen Worten trauen, Dein Bild anschauen, hinein finden in Deine Liebe, dem Leben aus Dir Raum geben.

Ich habe nichts in den Händen, nichts, wie ich vor Gott bestehen könnte. Ich habe nichts außer Dir und dem Vertrauen, dass ich Dir recht bin und dass das reicht vor Gottes Angesicht. Amen