Wenn der Überschwang vorbei ist

Galater 4, 8 -20

8 Aber zu der Zeit, als ihr Gott noch nicht kanntet, dientet ihr denen, die in Wahrheit nicht Götter sind.

                Es gibt eine Zeit im Leben der Galater, in der sie Gott nicht kennen. Das heißt im Denken des Paulus: Weil sie Jesus nicht als den Sohn Gottes kennen, kennen sie auch Gott nicht. Es gibt für Paulus keine Gotteserkenntnis mehr an Jesus vorbei. Und die Götter, die die Galater verehrten sind in Wahrheit keine Götter. Sie sind Nichtse. Es ist die Kritik der Propheten an den Göttern, die der Pharisäer Paulus gelernt hat und die er auch als Christ noch teilt: „Ihre Götter sind alle nichts. Man fällt im Walde einen Baum und der Bildhauer macht daraus mit dem Schnitzmesser ein Werk von Menschenhänden.“(Jeremia 10,3) 

 9 Nachdem ihr aber Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seid, wie wendet ihr euch dann wieder den schwachen und dürftigen Mächten zu, denen ihr von neuem dienen wollt?

             Das ist der innere Widerspruch, den Paulus den Galatern vorhält: Wie könnt ihr euch, nachdem ihr Gott erkannt habt, wieder unter das beugen, was keine Gottheit hat und nicht Gott ist? Wer sich unter den einen Gott gebeugt hat, ihn erkannt und damit anerkannt hat, der kann doch keine anderen Herren mehr neben ihm akzeptieren. Erkennen meint hier mehr als einen intellektuellen Vorgang. „Erkennen ist so viel wie erwählen.“ (A. Oepke, aaO.; S.138) Darum auch der andere Satz: Ihr seid vielmehr von Gott erkannt. Das Erwählen Gottes ermöglicht erst, dass Menschen ihn erwählen. Das Erkennen Gottes setzt das Erkennen der Menschen frei.

Wie nahe liegt es hier, auf den Ruf Jesu zu schauen. „Und als er vorüberging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.“ (Markus 2,14) Dieser Ruf Jesu ist Ruf der Erwählung und Ruf auf einen Erkenntnisweg. Im Nachfolgen wird Jesus erkannt. Und die eigenen Schritte in den Glauben sieht Paulus ja auch so: Da ist erst die Erwählung Gottes und dann das eigene Erkennen durch die Offenbarung Gottes. Gott hat zuerst gerufen und Paulus ist diesem Ruf gefolgt.

Wie sollte aber einer, der so gerufen worden ist, so Gott erkannt hat, jetzt wieder anfangen, sich unter die schwachen und dürftigen Mächten zu bücken? 

 10 Ihr haltet bestimmte Tage ein und Monate und Zeiten und Jahre.

             Ist das Ironie? Ihr richtet euch wieder nach dem Mond! Ihr folgt einem überholt geglaubten Festkalender. Ihr unterwerft euch unter die Planetengeister (A. Oepke, Der Brief des Paulus an die Galater, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1979, S. 139), die den Festkalender regieren. Ist das eure wunderbare Freiheit?

Ein wichtiger Hinweis: „Es hat auch in der Christenheit immer wieder Kämpfe über Festkalender, Sonntagsheiligung, und Feste gegeben. Vom Osterstreit des römischen Bischofs mit den Kirchen des Ostens im 2. Jahrhundert – über die Reform des Patriarchen Nikon von Moskau im 17. Jahrhundert – bis zu den Sabbatariern oder Adventisten der Gegenwart, die den Kirchen die Einführung des Sonntags zur großen Ursünde machen wollen.“ (H. Brandenburg, aaO.; S. 90)

             Fast will es scheinen, als gäbe es eine allzu menschliche Tendenz, aus Festen mehr zu machen als einfach nur Feste. Ihre Einhaltung zur Bedingung für den Zugang zum Heil zu machen. Und Christen sind davon nicht frei. Erst recht nicht, wenn sich das Christentum darauf reduziert, zum Beispiel „Weihnachtschristentum“  zu sein.

 11 Ich fürchte für euch, dass ich vielleicht vergeblich an euch gearbeitet habe. 12 Werdet doch wie ich, denn ich wurde wie ihr, liebe Brüder, ich bitte euch.

             Paulus kann so nicht denken. Und wenn die Galater sich so an den Festkalender binden, hat er ihnen dann nicht vergeblich gepredigt? Er hat sie doch gelehrt: Das ganze Leben ist in Christus geborgen. Tag um Tag, Stunde um Stunde. Und so lebt er doch auch: das ganze Leben in Christus geborgen.

Und so sollen die Galater wieder werden. Wie er, Paulus. Das ist eine seltene Aufforderung. „Darum ermahne ich euch: Folgt meinem Beispiel.“ (1.Korinther 4,16) – „Folgt mir, liebe Brüder, und seht auf die, die so leben, wie ihr uns zum Vorbild habt.“ (Philipper 3,17) Dabei geht es ihm nie um ein Nachahmen seiner Person. Es geht ihm um die Bindung an Christus, wie sie Paulus lebt und in die er seine Leute hineinrufen will.

Es geht auch um Wertschätzung. Das haben die Galater ja erlebt, als sich Paulus auf sie eingelassen hat, der Jude auf die Heiden. Als er seine Grenzen überschritten hat, als er einer „ohne Gesetz“ (1. Korinther 9,21) geworden ist, um ihnen nahe zu sein. Jetzt will er, bittet er, dass sie werden wie er, „ohne Gesetz“.

Ihr habt mir kein Leid getan.

             Gehört das in den Zusammenhang nach vorne? So: Alles, was ich sage, klagt euch nicht an, verklagt euch nicht. Nehmt es nicht persönlich. Ich bin nicht beleidigt. Das hat guten Sinn: So hart die Auseinandersetzung ist, die ich mit euch führe – mir geht es um die Sache. Und ich bin nicht gekränkt von euch.

13 Ihr wisst doch, dass ich euch in Schwachheit des Leibes das Evangelium gepredigt habe beim ersten Mal. 14 Und obwohl meine leibliche Schwäche euch ein Anstoß war, habt ihr mich nicht verachtet oder vor mir ausgespuckt, sondern wie einen Engel Gottes nahmt ihr mich auf, ja wie Christus Jesus.

             Noch einmal, wieder einmal erinnert Paulus an den Anfang. An frühere Zeiten. Als Paulus ihnen das Evangelium gepredigt hat. Wie war das? Er hat sie nicht überredet, nicht überrollt. Paulus weiß: Er ist kein beeindruckender Redner. So schreibt er ja auch nach Korinth: „Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit.“ (1. Korinther 2,1 -4)

Aber wie in Korinth, so in Galatien: Nicht der persönliche Eindruck, nicht Überredungskunst und Ausstrahlung – das Evangelium hat die Herzen gewonnen. Und weil Paulus der Bote war und ganz hinter seiner Botschaft zurück trat, deshalb haben sie ihn doch um so herzlicher aufgenommen. Wie einen Engel Gottes. Mehr noch: wie Christus Jesus. Sie haben in dem Botschafter den gesehen, der ihn gesandt hat.

 15 Wo sind nun eure Seligpreisungen geblieben? Denn ich bezeuge euch, ihr hättet, wenn es möglich gewesen wäre, eure Augen ausgerissen und mir gegeben. 16 Bin ich denn damit euer Feind geworden, dass ich euch die Wahrheit vorhalte?

             „Die Wogen der Begeisterung gingen einst fast beängstigend hoch – ein schönes Momentbild aus der urchristlichen Mission.“ (A. Oepke, aaO.; S. 143) Was ist davon übrig geblieben? Gut, dass der Überschwang vorüber ist. Das war ja vielleicht auch ein bisschen übertrieben. Aber dass er sich so gewandelt hat, beinahe in Feindschaft – das kann und muss doch nicht sein. Paulus hat doch nichts anderes gesagt als die Wahrheit. Gewiss, eine herbe Wahrheit. Aber eine Wahrheit, die zur Freiheit führen will. Aus Sorge um ihre Seelen und ihre Seligkeit.

  17 Es ist nicht recht, wie sie um euch werben; sie wollen euch nur von mir abspenstig machen, damit ihr um sie werben sollt. 18 Umworben zu werden ist gut, wenn’s im Guten geschieht, und zwar immer und nicht nur in meiner Gegenwart, wenn ich bei euch bin.

             Das alles liegt nicht an den Galatern. Für den ganzen Schlamassel macht er nicht sie verantwortlich, sondern die von außen. Die sich eindrängen, wie Zeloten eifern. Hier steht dieses Wort ζηλοῦσιν, das man genau so übersetzen könnte. Und es wird gleich dreimal gebraucht in wenigen Sätzen. Das zeigt: Es ist nicht redlich. Es sind unlautere Methoden und unlautere Motive. Es geht um Abwerbung.

Sie sollen abgeworben werden von Paulus, abgeworben werden von der Freiheit des Evangeliums. Letztlich, daran besteht für Paulus kein Zweifel, abgeworben werden von Gott.

19 Meine lieben Kinder, die ich abermals unter Wehen gebäre, bis Christus in euch Gestalt gewinne! – 20 Ich wollte aber, dass ich jetzt bei euch wäre und mit andrer Stimme zu euch reden könnte; denn ich bin irre an euch.

Viel inniger kann man nicht reden. So sieht sich Paulus: Wie eine Gebärende. Und er nimmt diesen Geburtsschmerz erneut auf sich, wenn nur Christus in euch Gestalt gewinne! Wenn  sie nur in ihrem Leben in Christus bleiben. In seiner Freiheit. Seiner Gnade. Seiner Liebe. Es liegt auf der Spur dessen, was Paulus früher schon im gleichen Brief geschrieben hat: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (2,20)  Darum geht es Paulus  auch für seine Briefleser. Er will sie nicht an sich binden, sondern an Christus.  In ihm soll ihr Leben begründet sein und aus der Beziehung zu ihm seine Gestalt gewinnen.

Was gäbe Paulus darum, jetzt nicht nur schreiben zu müssen, sondern reden zu können. Den Worten Klang zu geben. Sie die Wärme spüren zu lassen, mit der er um sie wirbt. Um sie ringt. Ihnen zu Herzen reden zu können. Aus dem eigenen Herzen.

Wie viel Zuneigung zeigt der Apostel hier. Auch in diesem Eingeständnis: ich bin irre an euch.  Es gibt nicht nur die Zuneigung des „Ich verstehe dich. Es gibt auch die Zuneigung in dem hilflosen Satz: Ich komme nicht mehr mit dir klar. Das ist nie und nimmer eine innere Kündigung. Es ist vielmehr die Bitte: Hilf mir doch, einen neuen Zugang zu Dir zu finden.

Wie gut, dass Paulus nicht nur ein „professionelles Verhältnis“ zu der Gemeinde hat und zeigt. Und wie sehr stellt so ein knapper Satz das in Frage, dass wir dazu neigen, uns damit zufrieden zu geben: Professionelle Beziehung. Für Paulus ist die Gemeinde in Galatien eine Herzensangelegenheit. Das lässt ihn auch unsachlich werden. Aber nie leidenschaftslos.    Es ist  nicht alles gesagt, wenn man sachlich bleibt. Es braucht auch ein Sichtbar-werden des Herzens. Wie sonst will man denn Herzen gewinnen?

 

Herr Jesus, wie leicht lassen wir uns einfangen durch Regeln, Erfahrungen, Traditionen. Wie leicht werden sie uns zu mehr, zu unverzichtbaren Wegmarken des Glaubens, zu den äußeren Zeichen des inneren Glaubens, ohne die es keinen inneren Glauben gibt

Hilf mir, dass ich die Wegmarken meines Glaubens nie missachte, aber sie auch nicht für unverzichtbar halte und sie anderen nie zum Gesetz mache. Amen