Nebenschauplatz Gebot?

Galater 3, 15 – 18

15 Liebe Brüder, ich will nach menschlicher Weise reden: Man hebt doch das Testament eines Menschen nicht auf, wenn es bestätigt ist, und setzt auch nichts dazu. 16 Nun ist die Verheißung Abraham zugesagt und seinem Nachkommen. Es heißt nicht: und den Nachkommen, als gälte es vielen, sondern es gilt einem: »und deinem Nachkommen« (1.Mose 22,18), welcher ist Christus.

             Paulus sucht die Verständigung mit seinen Lesern. Erst hat er sie an ihre eigenen Erfahrungen erinnert, dann an Abraham. Und jetzt greift er zu einem Vergleich. Menschlich gesprochen – oder: was sagt der gesunde Menschenverstand? Testament. Das gibt es schon damals. Und es gibt eine Praxis: Ein Testament, ein Vermächtnis, das in Kraft gesetzt worden ist, bleibt gültig. Keiner kommt auf die Idee es aufzuheben. Das ist ein allgemein geltender Grundsatz. „In Papyri findetr sich häufig die Wendung: ἡ διαθήκη κυρία „das Testament ist gültig.“(A. Oepke, aaO.;, S. 111)

             Damit kennen die Galater sich aus. An einem gültigen Testament wird nichts mehr herum geändert, auch nichts mehr zugesetzt, Und dann kommt der Vergleich: Die  Verheißung Abrahams ist ihm zugesagt. Sie ist wie ein Testament gültig. Für ihn und seinen Nachkommen. Singular, nicht Plural. Und da liest der ein wenig überraschte Bibelleser jetzt nicht Isaak, sondern Christus! Er ist der eigentliche Nachkommen, auf den hin Verheißung und Segen angelegt sind.

Dem Wortlaut und dem Erzählstil des ursprünglichen Textes im Alten Testament entspricht das sicher nicht. Aber Paulus bewegt sich mit seiner Auslegung innerhalb dessen, was gebräuchliche „rabbinische Auslegungsmethode“ (J. Becker, aaO.; S. 39) ist.  Wenn man so will: Er bedient sich der Denkformen seiner Gegner, um seine Sicht der Dinge dazulegen.

 17 Ich meine aber dies: Das Testament, das von Gott zuvor bestätigt worden ist, wird nicht aufgehoben durch das Gesetz, das vierhundertdreißig Jahre danach gegeben worden ist, sodass die Verheißung zunichte würde.

             Das Argument wird weiter geführt, mit Hilfe der biblischen Geschichtsschreibung und ihrer Zeitangaben. „Die Zeit aber, die die Israeliten in Ägypten gewohnt haben, ist vierhundertunddreißig Jahre.“(2. Mose 12,40) Und weil das Gesetz am Sinai ja erst beim Auszug gegeben wird, gibt es eine gesetzesfreie Zeit, in der nur die Verheißung gilt. Aber das Gesetz kommt zur Verheißung dazu und hebt sie nicht auf. Es ist nicht mehr als Lebensordnung innerhalb des Rahmens der Verheißung. Die Verheißung aber ist das eigentliche Geschenk. Sie ist das Leben.

 18 Denn wenn das Erbe durch das Gesetz erworben würde, so würde es nicht durch Verheißung gegeben; Gott aber hat es Abraham durch Verheißung frei geschenkt.

Also, fasst Paulus zusammen. Das Erbe, der Segen, die Abrahams-Kindschaft kommen aus der Verheißung und nicht aus dem Gesetz. Sie sind geschenkt und werden nicht erworben. Sie sind Gabe und nicht Ergebnis der eigenen Gesetzestreue.

 

Mein Gott, Dein Gebot – nur für eine bestimmte Zeit. Keine Satzung für immer. Dann könnten wir ja ändern, wie wir wollen, uns herausnehmen, was passt und wegtun, was nicht mehr passt, uns nicht passt.

Mein Gott, Dein Gebot ist mir lieb. Ich lebe damit, weil es mir Richtlinien gibt, mich vor zu viel Freiheit bewahrt.

Aber ich weiß: Der Weg zum Leben öffnet sich für mich anders. Durch Dein Geschenk, Deine Gnade, Deinen Sohn Jesus Christus. Amen