Klare Worte – keine Kompromisse

Galater 1, 1 – 9

1 Paulus, ein Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater, der ihn auferweckt hat von den Toten, 2 und alle Brüder, die bei mir sind, an die Gemeinden in Galatien:

             Ein Briefanfang, wie er im Buch steht. Paulus stellt sich selbst vor. Aber nicht seine leibliche Herkunft, nicht seine Ausbildung. Er stellt sich vor in seiner Berufung. Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater. Überspitzt gesagt, signalisiert er schon hier: Es ist gleich, wer an Menschen hinter ihm steht. Er weiß: Hinter mir steht der Herrgott. Und auch das ist ihm wichtig: Dieser Gott, der Vater, von dem er sich gerufen weiß, der ist der, der Jesus auferweckt hat von den Toten. Das ist ja der Impuls schlechthin der Paulus-Mission. Die Begegnung mit dem Auferstandenen hat ihn auf den Weg gebracht, auf dem er jetzt auch ist.

Durch Jesus, den Auferstandenen, ist er, was er ist: Apostel, ἀπόστολος. Gesandter Gottes. Er betont also in der Absender-Vorstellung seine von Jesus empfangene Autorität. Das mag schon ein früher Hinweis darauf sein, dass diese Autorität auf dem Spiel steht. Für einen Brief an  Gemeinden, die er kennt, wohl selbst gegründet hat,  ist das ein gewichtiger Anfang. Ob man darin gleich „unerhörte Schärfe“ (A. Oepke, Der Brief des Paulus an die Galater, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1979), S. 44) hören muss, weiß ich nicht.

Als dieser Gesandte Gottes schreibt er zusammen mit den Brüdern, die bei mir sind. In anderen Briefen zählt er an dieser Stelle Namen auf. Hier nicht. Wohl auch, weil er es eilig hat, zum Thema zu kommen. Und weil er diesen Brief als seinen Brief allein verantwortet?

Er schreibt an die Gemeinden in Galatien. Also nicht nur an die Gemeinden in einer Stadt, sondern in einer Landschaft. Darüber rätseln die Ausleger: Ist Galatien nur die Landschaft oder ist es die Bezeichnung der römischen Provinz Galatien, zu der auch die Landschaft gehört?  Für mich kann das offen bleiben.

Ein kleines „Schmankerl“ aber sei erwähnt: Es gab „bis tief ins 19. Jahrhundert hinein die vielfach verfochtene Annahme, dass die ersten Leser unseres Briefes Germanen gewesen seien.“(A. Oepke,aaO.; S. 19)  Das fußt auf der Verwandtschaft der Worte Galatien, Γαλατία,  und Kelten, Κέλται. Aber man muss dann schon aus den Kelten Germanen machen, um sie als die Erst-Leser zu finden.   

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus, 4 der sich selbst für unsre Sünden dahingegeben hat, dass er uns errette von dieser gegenwärtigen, bösen Welt nach dem Willen Gottes, unseres Vaters; 5 dem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

             Was auch immer ist, was auch immer zu sagen sein wird – am Anfang steht der Segensgruß.  Gnade sei mit euch und Friede von Gott. Daran ist nicht zu rütteln. Das ist ja auch nicht unsere Tat, sondern in Gnade und Frieden haben es die Christen mit dem zu tun,  der sich selbst für unsre Sünden dahingegeben hat. Das mag uns heute wie theologische Formelsprache vorkommen. Wir sind daran gewöhnt. Aber für damalige Leser ist es die Erinnerung an das Fundament ihres Glaubens, das fest steht und für alle anderen unbegreiflich ist: Nicht sie geben Opfer für Gott, so wie es in der Umwelt Usus ist, sondern Gott hat sich in Jesus Christus für uns dahingegebenδόντος ἑαυτὸν – sich in den Tod gegeben.

Das Ziel: uns zu erretten von dieser gegenwärtigen, bösen Welt. Es ist eine Sicht auf die Welt, die die ersten Christen mit dem Judentum der Zeit teilen. Die Welt hat eine befristete Zeit und sie ist dabei abzulaufen. Und die Welt ist in ihrem Zustand nicht so gut, sondern böse. „Ein Befremden gegenüber diesem Denkansatz entsteht nur immer wieder in Kreisen und Zeiten, wo man sich mit der Welt, wie sie ist, abgefunden oder sich bequem in ihr  eingerichtet hat. Wer die bestehende Welt ( seine persönliche Umwelt) für die beste aller Welten halten kann, der braucht auf keine neue Welt Gottes zu warten.“ (Aus der Freiheit leben, Bibelauslegung für die Praxis 23, bearb. K. Haacker, Stuttgart 1982; S. 15) Das Evangelium findet sich nicht mit dem Zustand, dem Status quo ab – weder bei der Welt noch bei den einzelnen Menschen. Darum geht die Hoffnung auf eine andere, eine bessere Welt.

Diese Hoffnung hängt für Paulus an dem Vater, den er lobpreisend anruft. Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. „Solche Lobpreisungen lernte Paulus schon als Knabe in der Synagoge.“ (H. Brandenburg, Der Brief des Paulus an die Galater, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S. 26) Es ist nicht so selten, dass Paulus den Vorgang seiner Gedanken durch solche Zwischenrufe selbst unterbricht. Seine Briefe sind nicht nur kühl theologisch gedacht, sondern mit Herzblut und geistlicher Inbrunst geschrieben.

6 Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium, 7 obwohl es doch kein andres gibt; nur dass einige da sind, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren.

Es kommt sofort und hart, was sein Anliegen ist. Was ist los? Warum wendet ihr euch ab? Von mir, der ich euch das Evangelium gebracht habe. Von dem Evangelium, das ich euch gesagt habe? Und er besteht darauf: Es gibt kein anderes Evangelium! Es gibt nur dieses einen Evangelium von Jesus Christus,  der sich selbst für unsre Sünden dahingegeben hat, dass er uns errette. Wer mehr will, wer anderes will, der verlässt das Evangelium. „Paulus kämpft gegen eine verhängnisvolle Erweiterung  der Verkündigung, die er in ihrer Wirkung als Aufhebung des Evangeliums. Es geht um die Versuchung, das Werk Christi, auf das der Glaube sich verlassen darf, in irgendeiner Weise ergänzen, abrunden, absichern zu wollen.“ (Aus der Freiheit leben, aaO.; S. 11) 

Aber da sind andere, die anderes sagen – und nach dem Urteil des Paulus  – die Galater verwirren und das Evangelium Christi verkehren.  Mit seinen Worten euch so bald abwenden lasst stellt Paulus fest: „Die Abwendung der Gemeinde vom paulinischen Evangelium ist kein aus ihr selbst geborener Entschluss, sondern Fremdeinwirkung.“ (J. Becker, Der Brief an die Galater, in: NTD 8; Göttingen 1976; S.11 ) Es sind Fremde, die sie verwirren und das Evangelium Christi verkehren. Das sind in der Substanz harte Vorwürfe. Aber wenn es um den Kern des Glaubens geht, hilft nicht Weichspülen und Schönreden, sondern nur Klarheit. Es gibt, davon ist Paulus überzeugt, Situationen, in denen Konsens nicht mehr möglich ist, sondern nur das klare Nein.

8 Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht. 9 Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht.

             Ob man es denn so hart sagen muss? „Die Schärfe, mit der Paulus seine Einsichten vertrat, konnte damals manchen abstoßen, und sein Vorgehen im einzelnen ist nicht über alle Kritik erhaben.“ (Aus der Freiheit leben, aaO.; S. 11)  Aber sie hat ihren Ort darin, dass es um den Kern des Glaubens geht. Und man muss wohl auch sagen: Es ist aus Sicht des Paulus nicht leichtfertig, ἀνάθεμα , anathema, der sei verflucht, zu sagen. Es ist wahr: „Toleranz im landläufigen Sinn hat der Mann, der diese Worte schreib, zweifellos nicht geübt.“ (A. Oepke, aaO.;S. 52) Aber so hat er die Lage eingeschätzt: Es geht um Leben und Tod. Um ewiges Leben und ewigen Tod. Kein unverbindlicher Plausch am Kaminfeuer.

Die Härte des Paulus findet ihren kirchengeschichtlich Widerhall unter anderem in Formulierungen der Theologischen Erklärung von Barmen. „Wir verwerfen die falsche Lehre.“ heißt da in jedem einzelnen Artikel gegenüber dem, was die Umwelt, die Deutschen Christen und andere, die die Nähe des christlichen Glaubens zur NS-Doktrin suchen, als Botschaft des Evangeliums behaupten. Das klingt ein wenig sanfter, ist aber in der Sache genauso hart. Es gibt Stunden, in denen Klartext gefordert ist, ein Stehen ohne wenn und aber. Diese Stunde, den Kairos zu bestimmen, ist immer ein geistliches Risiko. Das auf sich zu nehmen aber nicht erspart bleibt.

 

Herr Jesus, schenke Du mir klare Worte, wo es nötig ist, die Wahrheit auf dem Spiel steht, das Evangelium verdreht wird, der Weg zum Heil verstellt wird.

Schenke Du mir verbindende Worte, wo Menschen Zuspruch brauchen, auf Trost angewiesen sind, sie um die eigene Sicht ringen.

Und schenke es uns, dass die Liebe zur Wahrheit nie im Gegensatz stehen muss zur Liebe zu den Menschen. Amen