Von der Umkehr Gottes

Jona 3, 1 – 10

 1 Und es geschah das Wort des HERRN zum zweiten Mal zu Jona: 2 Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage!

Gott hat Jona nicht aus den Toten geholt, um nichts mehr mit ihm anzufangen. Eine zweite Chance für ihn. Ein erneuter Auftrag. Es ist der alte Auftrag. Jona soll sagen, was er hört, als das Wort des HERRN. Im Unterschied zum ersten Auftrag. Da hieß es noch: Predige wider sie. Diesmal: was ich dir sage! Ob sich hier schon neue Worte Gottes über die Stadt Ninive ankündigen?

3 Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der HERR gesagt hatte. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß. 4 Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.

Diesmal gehorcht Jona. „Gericht und Rettung haben ihn dem Willen Gottes gefügig gemacht.“ (A. Weiser, aaO.; S.223) Er geht in die Stadt, deren Größe, auch vor Gott besonders betont wird. „Ninive war, wie Ausgrabungen ergeben haben, eine für damalige Verhältnisse ungewöhnlich große Stadt, deren Stadtgebiet einen Durchmesser von etwas 4 Kilometern hatte.“ (A. Weiser, aaO.; S. 224) Der Hinweis auf die Größe Ninives steht im Kontrast zu der Turmbau-Erzählung. Da heißt es von dem Turm, der bis in den Himmel reichen sollte: „Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.“ (1. Mose 11,5) So weit her ist es mit dieser Turmhöhe also nicht. Umso beeindruckender die Größe Ninives.

            In dieser Riesenstadt steht also nun der Prophet und richtet seine Botschaft aus. Ein Straßen-Prediger aus einem fremden Volk. Gesandt von einem Gott, der den Niniviten auch nur vom Hören-Sagen bekannt ist. Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. kündigt Jona an. Ohne Begründung. Ohne Anklagepunkte und ohne Auskunft, wer diesen Untergang herbeiführen wird. Nicht einmal das wird gesagt: Ninive hat eine letzte Frist. Es ist kein Ruf zur Umkehr, sondern nur eine Ansage des Untergangs. 

5 Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.

Es ist schier unglaublich: Die Predigt des Propheten Jona findet offene Ohren und führt zur Umkehr. Sie glauben an Gott. Bewusst sagt der Erzähler: Gott und nicht „an den HERRN“. Sie legen ihre normale Kleidung ab, rufen ein Fasten aus und ziehen den Sack zur Buße an. Der Sack ist ein Bußritus, der für die Hörer der Jona-Erzählung sofort verständlich ist: „Umgürtet euch und klagt, ihr Priester, heult, ihr Diener des Altars! Kommt, behaltet auch im Schlaf das Trauergewand an, ihr Diener meines Gottes!“ (Joel 1,13) Der Verzicht auf die eigenen Machtmittel und Unterwerfung unter das Urteil Gottes werden so ausgedrückt.

Es gehört zu meinen prägenden Erinnerungen, dass die Bewohner des Schlitzerlandes in ihrem Protest gegen einen geplanten Truppen-Übungsplatz im Schlitzerland zu einer Protestkundgebung in übergroßer Zahl in Papiersäcke gehüllt vor dem Landratsamt der Kreisstadt Lauterbach erschienen sind – im Jahr 1983.

 6 Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche 7 und ließ ausrufen und sagen in Ninive als Befehl des Königs und seiner Gewaltigen: Es sollen weder Mensch noch Vieh, weder Rinder noch Schafe Nahrung zu sich nehmen, und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen; 8 und sie sollen sich in den Sack hüllen, Menschen und Vieh, und zu Gott rufen mit Macht. Und ein jeder bekehre sich von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände!

Als das alles, diese Volksbewegung vor den König kommt – das ist bei der Größe der Stadt ein langer Weg, muss sich der Leser vorstellen – da macht der sich das zu eigen. Was das Volk beschlossen hatte, wird jetzt durch einen königlichen Befehl zur Staatsangelegenheit erklärt. Wenn man so will: Der Staat erklärt durch seinen König die Unterwerfung unter das Gerichtsurteil Gottes.

Und es soll nicht nur bei den rituellen Bußakten bleiben. Die Umkehr muss tiefer gehen. Ein jeder bekehre sich von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände! Es ist nicht mit Gottesdienst-Riten getan. Der Lebens-Alltag der Einzelnen ist das Feld der Bewährung wahrer Buße und Umkehr.

 

Es ist eine Sache, gesellschaftliche Umkehr zu fordern. Symbolische Akte der Umkehr zu begehen. Kränze an Gedenkstätten niederzulegen. Die wahre Ernsthaftigkeit solcher großer gesellschaftlicher Gesten aber zeigt sich in der Lebenspraxis der Einzelnen.

9 Wer weiß? Vielleicht lässt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben.

                     Und dann gibt der König, so muss man ja wohl lesen, einer Hoffnung Ausdruck. Vielleicht lässt Gott es sich gereuen. Hoffnung auf die Reue Gottes? „Vorchristliche Denker haben den Anstoß, den die Rede von der Reue Gottes bietet, als unerträglich empfunden… Was könnte es für einen größeren Frevel geben als zu glauben, der Unveränderliche könnte sich ändern?“ (Philo von Alexandrien, zitiert nach: J. Jeremias, Die Reue Gottes. Aspekte alttestamentlicher Gottesvorstellungen, Neukirchen 1975, S. 10) 

             Ist es zu weit gegriffen, zu sagen; Auch unter Christen fällt es immer noch unendlich schwer zu glauben, dass Gott sich reuen lassen könnte? Und Worte, wie des heidnischen Königs in Ninive, begründet in der Hoffnung auf eine Umkehr im Herzen Gottes, wenn auch zögernd und zaghaft mit einem vielleicht, sind für viele Christen wie Fremdworte. Wir haben das Bild des zornigen, richtenden, strafenden Gottes durch jahrhundertlanges Predigen fest einzementiert in die Köpfe: So ist der Gott des Alten Bundes. Hart. Unbarmherzig. Strafend. Aber wenigstens gerecht gegen die Bösen.

Das vorsichtige vielleicht des Königs ist schon einmal im Jona-Buch verwendet worden. „Steh auf, rufe deinen Gott an! Ob vielleicht dieser Gott an uns gedenken will, dass wir nicht verderben.“ (1,6) So hatte der heidnische Schiffsherr Jona zum Beten aufgefordert in der großen Seenot. Sie ist wie ein Spiegel der Not, die jetzt auf Ninive liegt mit dem drohenden Untergang. Es gibt für das Beten immer nur dieses Vielleicht. Keine Garantie.

                 Der heidnische König in Ninive ist ein Kontrastbild zu den Königen Israels. Von ihnen wird erzählt, wie sie die Worte der Propheten hören und missachten. Ein Beispiel für andere. Als die Reden Jeremias, die auf der Schriftrolle Baruchs verzeichnet sind, vor Jojakim verlesen werden: „Der König aber saß im Winterhause vor dem Kohlenbecken; denn es war im neunten Monat. Wenn aber Jehudi drei oder vier Spalten gelesen hatte, schnitt er sie ab mit einem Schreibmesser und warf sie ins Feuer, das im Kohlenbecken war, bis die Schriftrolle ganz verbrannt war im Feuer. Und niemand entsetzte sich und zerriss seine Kleider, weder der König noch seine Großen, die doch alle diese Worte gehört hatten. Und obwohl Elnatan, Delaja und Gemarja den König baten, er möge die Schriftrolle nicht verbrennen, hörte er nicht auf sie.“(Jeremia 36, 22 -25) Das ist verweigerte Buße und führt zum Untergang Jerusalems.

10 Als aber Gott ihr Tun sah , wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.

Die Niniviten kehren um – ohne Garantie, dass es für sie gute Folgen haben wird. Ohne dass Jona ihnen gesagt hätte: Wenn ihr umkehrt, werdet ihr leben. Aber sie kehren sich ab von ihren Wegen, kehren um. Und Gott sieht und bekehrt sich auch. Kehrt sich ab, von  dem Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.

Dass Israel von diesem Willen zur Verschonung lebt, wird in Gottes-Worten des Propheten Hosea sichtbar„Mein Volk ist müde, sich zu mir zu kehren, und wenn man ihnen predigt, so richtet sich keiner auf. Wie kann ich dich preisgeben, Ephraim, und dich ausliefern, Israel? Wie kann ich dich preisgeben gleich Adma und dich zurichten wie Zebojim? Mein Herz ist andern Sinnes, alle meine Barmherzigkeit ist entbrannt.Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch und bin der Heilige unter dir und will nicht kommen, zu verheeren.“ (Hosea 11, 7 – 9) Aber nun wird dieser Wille ausgeweitet auf die Heiden!  Eine schier unglaubliche Botschaft.„Jahwes Verschonungswille gilt auch den Heiden.“ (J. Jeremias, aaO., S.108)

             Es fällt ja auf: In diesem ganzen Abschnitt wird immer nur von Gott gesprochen, nicht von Jahwe, nicht vom HERRN.  Ausgedrückt wird so: Es mag sein, dass die Heiden Gott gar nicht richtig kennen. Aber sie kehren um, weil sie sein Wort hören. „Gottes Gnade und Barmherzigkeit kennt keine Grenzen; sie ist nicht gebunden an das Volk Israel, sondern wird da wirksam, wo Menschen in aufrichtiger Treue und Buße nach ihr verlangen.“ (A. Weiser, aaO.; S.225)   

Für die ersten Hörer der Erzählung – Israeliten – wird so ihr „partikularistischer Stolz“ kritisiert. Aber für die christlichen Leser heute wird damit auch Stolz und  Hochmut kritisiert. Der sich für etwas Besseres hält. Auf die Heiden herabschaut. Auf die Sünder. Und darüber die eigene Umkehr und Buße vergisst.

 

Mein Gott, dass Du umkehren könntest, dass Du einen Plan verwerfen könntest, dass Du Dich revidieren könntest. Wie sollen wir das je verstehen.

Wir haben es ja gelernt: Du bist der Ewige, unwandelbar, keine Änderung Deines Wesens, kein Schatten in Deinem Licht.

Und jetzt: Du lässt Dich Deinen Plan gereuen.

Und doch: Davon lebe ich ja, leben wir alle, dass du Deinen Zorn niederhältst, und Dein Erbarmen uns Umkehr schenkt, den Raum zum neuen Leben öffnet.

Ich danke Dir für Deine Umkehr, für Deine Reue, die unser Leben ist. Amen