Aus der Tiefe

Jona 2, 1 – 11

1 Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte.

Märchenhaft. Aber alles andere als ein Märchen. Auch da, wo der Weg des Menschen am Ende ist, ist Gott mit seinen Wegen noch nicht am Ende. Der große Fisch ist ein „Werkzeug, dessen sich Gott zur Durchführung seines Planes bedient.“ (A. Weiser, aaO.;  S. 221) Alle Spekulationen darüber, was für eine Sorte Fisch das ist, und ob so etwas in der Wirklichkeit der Welt möglich ist, gehen am Interesse des Erzählers vorbei.

Worum es in Wahrheit geht, macht die Aufnahme der Jona- Erzählung durch Jesus deutlich: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“ (Matthäus 12,40) Jona ist mit seinem Weg am Ende.

 2 Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches 3 und sprach:

             Und dort, am Ende, beginnt Jona zu beten. Unpassend, wie der ganze Ton des Gebetes zeigen wird. Ein Gebet wie ein Psalm. So dass man auf die Idee gekommen ist: Eigentlich gehört dieses Gebet nicht hierher. Es ist von einem anderen Platz an diese Stelle „versetzt“ worden. Mag sein – aber es ist auch in diesem Satz zuallererst eine Einladung: Wenn Du am Ende bist mit Deinem Leben, hast du immer noch einen, an den du dich wenden kannst. Den HERRN. 

             Und dieser HERR hat nicht aufgehört, sein Gott zu sein, auch wenn Jona vor ihm geflohen ist und mit seiner Flucht das Wüten des Meeres ausgelöst hat. Auch wenn Jona jetzt am „Unort“ ist, im Bauch des Fisches. Kein Ort zum Leben. Nur ein Todesort.

 Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes und du hörtest meine Stimme.

            Merkwürdig: Es fängt an wie ein Dankgebet. Da spricht einer, der schon zurückblickt – auf Antwort, auf Erhörtwerden. Er erinnert sich: Ich rief. Ich schrie. Erinnert sich: Aus dem Rachen des Todes und voller Angst. Aber es klingt, als wäre das Ärgste schon durchgestanden.

4 Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, 5 dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen. 6 Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt. 7 Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.

             Es folgt eine lange Beschreibung des Weges in die Tiefe. Die Wasserwellen schlagen über dem Beter zusammen. Kein Weg mehr. Schlimmer noch: von deinen Augen verstoßen. Sagt der, der Gott aus den Augen kommen wollte. Sich seinem Sehen entziehen wollte.

Kein Weg mehr zum Tempel. Ist das nicht die Situation der Generation nach dem Exil? Da ist kein Tempel mehr in Jerusalem, über lange Jahrzehnte hinweg. Kein Ort des Trostes mehr. Kein Ort der Gottesgegenwart. Kein Ort des Gebetes.

Statt dessen: Abgesunken in das Totenreich. Es ist die Schilderung des Ertrinkens und damit wird der Ort, an dem Jona spricht, zur Unterwelt. Aus dem Reich des Todes, nicht aus dem Bauch des Fisches spricht der Beter sein Gebet.

Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott! 8 Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel.

             Aber Du. Es ist wie ein Jubelruf. Schon im Reicht des Todes. Aus der Tiefe ruft der Beter und sieht doch schon die Tat Gottes, die alles wendet und neues Leben bringt. Es gibt – in meinem Augen – eine Parallele im Neuen Testament zu diesem aber du. Paulus denkt darüber nach, was wäre, wenn Jesus nicht von den Toten auferstanden wäre, wenn er noch bei den Toten wäre. Der ganze Glauben an Jesus ein Lügengebilde. Und dann jubelt er: „Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten..“ (1. Korinther 15,20) Νυνὶ δὲ. „Aber Nun – aber du.“ 

Aus der Tiefe hat er gerufen – und seine Stimme hat Gott erreicht. Gott in seiner Höhe. Gott in seinem Tempel. Seiner Wirklichkeit. Wenn der zeitliche Ort des Jona-Buches wirklich die Zeit ist, in der es keinen Tempel in Jerusalem gibt, was für ein unglaublich weiter Hinweis ist das dann: Es braucht keinen Tempel auf der Erde, um Gott in seinem Tempel zu erreichen.

Und: Es braucht keine Erhörungsgewissheit.  „Du musst auch glauben, was du betest.“ Es ernst meinen, sagen manche Leute. Und überlesen, was es hier heißt: Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN. Es meldet sich in das Verzagen hinein eine Erinnerung. Da ist eine Adresse, ein Namen. Rufe ihn an – mitten aus deinem Verzagen. Das reicht.

Es ist das gleiche Rufen, das Paulus uns Silas im Gefängnis von Philippi anstimmen. Ein Rufen und Beten aus der Tiefe, das Gott groß macht, ihn lobt und preist. Nicht in der eigenen Angst stecken bleibt, sondern über die Angst hinaus sich birgt in Gott.

Es ist der Jubelruf eines Befreiten, eines Erlösten, mitten in der Todeswirklichkeit der Welt. Unpassend. Deplaziert. Die Welt wird auf den Kopf gestellt. Das ist eine der Absichten des Jona-Buches. Die Welt mit ihrer Sicht auf den Kopf zu stellen. Und Gottes Sicht zu vermitteln.

 9 Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade. 10 Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen dem HERRN, der mir geholfen hat.

Das ist klassische Psalmen-Sprache. Der Beter bleibt nicht bei sich selbst und seiner Situation. Er zieht aus seiner Erfahrung eine Lehre. Für andere. Fast ein weisheitlicher Grundsatz. Nicht: Wer ins Leere greift, verliert die Gnade. Wer Halt sucht bei denen, die „Nichtse“ sind – der Leser des AT hört hier: Götzen, tote Dinge – der verlässt die Gnade,. Weil er sich nicht auf Gott, auf den HERRN  verlässt.

 11 Und der HERR sprach zu dem Fisch und der spie Jona aus ans Land.

Drei Tage sind genug. Es gibt jetzt einen neuen Anfang für Jona nach seinem Aufenthalt im Rachen des Todes. Weil Gott es will. Und der HERR sprach. Der Fisch muss Jona herausrücken. Aussspeien. Die Erde muss die Toten wieder herausgeben, weil Gott es will.  So ähnlich bezeugt es ein anderer Prophet: „Und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole.“ (Hesekiel 37,13) Alle wirklichen Neuanfänge leben aus dem Lebenswillen Gottes.

 

Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir. Das habe ich auswendig gelernt. Aber dann habe ich es inwendig lernen müssen auf dem Weg des Lebens.

Wenn es vorbei war mit dem eigenen Können, zu Ende mit der eigenen Kraft, nichts mehr mit dem eigenen Weg und Du hast gehört, nach langem Schweigen doch gehört, Dich erbarmt und neues Leben geschenkt, neue Wege aus der Tiefe.

Dafür kann ich Dir nie genug danken, Dich nie genug loben und preisen. Amen